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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Zahnpflege ist wichtig. Nicht nur oberflächlich putzen, auch die Zwischenräume. Sie wollen doch auch im Alter noch kräftig beißen können und schöne Zähne haben." Die junge Zahnarzthelferin wird richtig streng. Braucht sie gar nicht. Ich weiß das ja, Zähne pflegen ist wichtig.
Als ich draußen bin aus der Praxis, fällt mir auf einmal ein. Und wie steht es mit der Seele? Ist mir die Seelen- pflege genauso wichtig?
Woran erkennt man überhaupt eine gesunde und schöne Seele?
Ich glaube, oft kann ich etwas vom Seelenzustand eines anderen spüren, wenn ich ihm in die Augen sehe. Wenn sie einen hell anschauen und offen. Dann kann ich hoffen, dass es dieser Menschenseele gut geht.
Und bei mir selbst? Gibt es Alarmzeichen, dass meine Seele mehr Pflege braucht. Aus christlicher Sicht, würde ich sagen: ja, die gibt es. Meiner Seele geht es nicht gut, wenn ich mich schwer tue zu glauben, zu hoffen und lieben.
Wenn ich merke, ich werde immer misstrauischer, wenn ich bei anderen immer das Negative sehe, oder meine, das Leben setzt mir nur noch zu und der liebe Gott ist weit weg. Dann braucht meine Seele Pflege, damit Sie wieder Vertrauen fassen kann ins Leben und darauf, dass Gott da ist.
Oder wenn sich meine Hoffnungen eintrüben oder ich nicht mehr lieben kann. Wenn ich mich einigele aus Angst vor Enttäuschung. Oder ich meine, ich bin nicht mehr liebenswert.
Dann wird es höchste Zeit, was für die Pflege der Seele zu tun.
Und wie pflegt man seine Seele?
Meine Seele fühlt sich gepflegt, wenn ich ihr Zeit gönne und gute Musik. Viele Leute wissen auch aus eigener Erfahrung, wie gut singen tut. Schon in einem alten Kirchenlied wird das zur Seelenpflege ausdrücklich empfohlen „Du meine Seele singe, wohlauf und singe schön."
Eine wichtige Einrichtung für die Pflege der Seele ist auch der Sonntag. Sogar der Gesetzgeber weiß, in einer Woche kann viel passieren, was die Seele runter drückt. Darum ist der Sonntag geschützt: Damit er der „seelischen Er-Hebung" dienen kann.
Und auch der Gottesdienst ist zuallererst da für die Pflege der Seele. Dass man aufatmen kann, loslassen was sich im Lauf der Woche auf einen gelegt hat. Dass man Geschichten hört, die einem wieder aufrichten, zu glauben zu hoffen und zu lieben.
Morgen wird in vielen Kirchen Erntedank gefeiert. Wenn man sieht, was die Schöpfung uns dieses Jahr geschenkt hat, wenn man sich daran freut und danke sagt, das kann auch die Seele pflegen.

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Dass diese Mutter und dieser Sohn am Ende einander so nah stehen. Das ist Glück. Und es zeigt, wie sehr Mutter und Sohn einander lieben.
Es kann ja auch anders kommen. Zwischen Müttern und Söhnen. Wenn zum Beispiel Söhne und Mütter aufeinander kommen, die so eigene Charaktere sind wie dieser Sohn Jesus und seine Mutter Maria. Da braucht es nicht viel und man verletzt sich. Weil man sich ja so nahe ist. Dann muss man auf Distanz gehen, wenn man sich nicht auf Dauer verletzen will.
Die Bibel erzählt wie Mutter und Sohn in Konflikt geraten.
Bei einer großen Hochzeit, zu der beide eingeladen sind, passiert es.
Der Sohn begabt, überzeugt von sich und seinem zukünftigen Weg, spürt lange schon. Ich bin anders. Ich muss raus aus dem häuslichen Milieu.
Und die Mutter: Sie ist stolz auf ihren Ältesten, aber dass er so eigensinnig ist, das ist nicht leicht. Sie mischt sich ein. Will ihn pushen nach ihren Ideen. Vielleicht auch, weil sie ihre Wünsche auf ihn projiziert.
Und Jesus: Ihr Sohn fährt ihr über den Mund und weist sie zurück als wäre sie eine völlig Fremde: „Frau, was hab ich mit Dir zu schaffen, meine Zeit ist noch nicht gekommen."
Wieso hält eine Mutter nach so einer demütigenden Verletzung noch zu ihrem Sohn? Vielleicht hat sie verstanden, dass sie vorher nicht ihren Sohn geliebt hat, sondern eine Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht hat. Und dass ihn zu lieben bedeutet: Ich halte zu ihm auf dem Weg, den er als seine Bestimmung erkannt hat.
Und Jesus, der Sohn? Was hat er getan, dass sie sich wieder nah gekommen sind? So nah, dass seine Mutter am Ende seines Lebens mit am nächsten bei ihm ist. Die Bibel erzählt nicht, was er getan hat. Aber ich kann es mir eigentlich gar nicht anders vorstellen. Vielleicht hat er eingesehen, dass er sich vertan hat. Jedenfalls im Ton. Ich hoffe, wir Söhne kriegen das hin, dass wir uns in aller Liebe auch entschuldigen.
Drei Gedanken noch zum Schluss für erwachsene Kinder und das Verhältnis zu den Eltern.
Wenn das Verhältnis schwierig ist zwischen Söhnen und Töchtern und ihren Müttern und Vätern, dann hoffe ich, dass Gespräche und vielleicht eine Entschuldigung sie wieder zueinander bringen.
Und wenn das nicht geht oder nicht mehr:
Einen Weg gibt es für die Liebe eigentlich immer: Stillschweigend vergeben.
Vor allem aber: Wenn wir erwachsene Sohne und Töchter noch Vater oder Mutter haben, und wir lieben einander: Lassen Sie uns nicht knauserig sein, es ihnen zu zeigen. Weil das ist Glück.

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So einen Vater lob ich mir. Mitten in der Stadt habe ich die beiden beobachtet: Ein Vater, so etwa Ende 20. Und sein kleiner Sohn. 1 ½ vielleicht. Im Kinderwagen. Die Welt um sich herum haben beide völlig vergessen. Weil sie ganz in ihr Spiel vertieft waren und viel Spaß dabei hatten.
Das Spiel hat so funktioniert: Der Vater lässt den Kinderwagen mit Sohn drin am oberen Ende einer schiefen Ebene los. Der Kinderwagen rollt allein die Ebene runter. Papa geht zwar nebenher, aber so, dass der Kleine ihn während seiner Fahrt nicht sehen kann. Aber das macht dem anscheinend nichts aus. Fahren ist toll. Vielleicht 8- 10 Meter rollt er so. Unten angekommen, zeigt sich der Vater wieder, fängt ihn ab und der Kleine quittiert das Ganze mit lautem Jauchzen. So geht das zigmal.
So einen Vater lob ich mir. Der diese Kunst beherrscht: Kind loslassen, allein laufen lassen und da sein und Gesicht zeigen, wenn es an der Zeit ist. Ich glaube: So lernt ein Kind Vertrauen.
Wenn man diese Balance immer neu hin kriegt mit Kindern. Auch dann noch, wenn sie in die Pubertät kommen oder schon selber erwachsen sind. Vater sein und immer neu das Maß finden, das gut ist. So dass man später mal sagen kann, eigentlich war es im Ganzen gut, wie wir es miteinander hingekriegt haben. So einen Vater lob ich mir.
Auch darum, weil man Kindern so eine Ahnung davon mitgibt, wie das sein könnte zwischen uns Menschen und Gott. Jedenfalls mit dem Gott, wie Jesus ihn erfahren hat.
„Vater im Himmel," das ist ein passender Name für Gott. Hat Jesus gemeint. Ich verstehe das so: An Gott glauben, bedeutet Vertrauen haben können, dass ich nicht gottverlassen durchs Leben laufe. Für mich schwingt da so etwas mit, wie bei dem Vater und seinem Kleinen. ER lässt einen los ins Leben. Ich muss frei laufen. Ich kann frei laufen. Und Gott, der mich frei gelassen hat, ist zeitweise auch nicht zu sehen. Unsichtbar. Ich kann sogar leben, als hätte ich nie einen Vater gehabt. Als hätte ich mich von ihm losgesagt.
Und wenn das Leben sich anfühlt wie eine schiefe Ebene, auf der es bergab geht? Dass man nicht mehr so leicht lachen hat wie der Kleine im Kinderwagen.
Ich hoffe, Sie und ich, trauen trotzdem, dass der himmlische Vater da ist wie der Vater, der mit seinem Sohn gespielt hat. Vertrauen setzt Kräfte frei. Hilft aufstehen gegen Dinge, die schief laufen. Hilft auch, sich zu wehren und zu kämpfen.
Solche Väter lobe ich mir: Die einem solches Vertrauen geben, auf der Erde und im Himmel.

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Eine S-Bahn ist wie ein Labor. Man kann beobachten wie andere Menschen ticken. Und man erfährt meistens auch viel über sich selbst.
Wie denken Sie über das, was ich vor kurzem in der Straßenbahn beobachtet habe. Was hätten Sie an meiner Stelle gemacht?
Morgens halb acht: Die Straßenbahn ist schon voll als ich einsteige: Pendler, viele junge Schüler, so 11 oder 12 sind sie alt. Sieht aus wie eine Schulklasse auf Ausflug. Ok. Heute kein Sitzplatz. Eine Haltestelle weiter steigt ein altes Paar ein. Beide etwas gebrechlich. Schauen sich suchend um, kein freier Sitzplatz. Sie müssen stehen. Aber man sieht ihnen an, dass sie dabei sehr unsicher sind. Die Schüler bemerken die beiden nicht. Es steht auch keiner auf. ‚Wenn das eine Klasse ist, muss doch irgendwo ein Lehrer sein oder eine Lehrerin,' denke ich. Und da sitzt auch ein junger Mann, Anfang 30, der ist es wohl. Von ihm auch keine Reaktion. Müsste er nicht aufstehen und seine Schüler auf die alten Leute hinweisen? Damit die sicher sitzen können?
Soll ich was sagen, geht mir durch den Kopf?
Ich habe nichts gesagt. Nicht zu den Schülern, das kam mir übergriffig vor, solange ein verantwortlicher Lehrer da ist. Und zum Lehrer auch nicht. Da habe ich gedacht: Wenn ich ihn sichtbar vor seinen Schülern und anderen Fahrgästen anspreche, dann stelle ich ihn bloß und beschäme ihn. Das wollte ich auch nicht. Was hätten Sie gemacht?
Die Begebenheit geht mir nach. Konkret und auch, weil sie mir beispielhaft vorkommt für unsere Gesellschaft. Wie kriegen wir das gut hin zwischen den Generationen?
Eines steht für mich fest: In der S-Bahn haben wir es nicht gut hingekriegt. Es war nicht gut, dass die beiden alten Herrschaften nicht entlastet wurden. Sie waren in der Situation die Schwächsten. Und haben aushalten müssen, dass wir anderen entweder unsensibel waren oder unsicher, wie man die gute Lösung hinkriegt.
Und das kommt öfter vor in unserer Gesellschaft. Wir wissen nicht mehr, was ist mein Teil, um den Schwachen beizustehen. Zumal es ja nicht immer nur die Alten sind.
Die meisten würden sicher zustimmen: ‚In einer christlichen und sozialen Gesellschaft hilft man den Schwachen.' Wie es Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden barmherzig behandelt werden." Der Satz zeigt eine klare Richtung. Barmherzigkeit gibt es, wenn jeder sie intus hat und aktiv einbringt für andere. Aber wann und wie konkret? Was machen Sie in so einer Situation?

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Das Eis, auf dem man durchs Leben geht, kann arg dünn sein. Sie und ich, wir haben ja keine Garantie, dass wir gut und unbeschadet durch den Tag oder die Woche kommen. Es muss einen ja nicht gleich so treffen wie einen Kollegen von mir. Der hat vor ein paar Wochen einen Schlaganfall erlitten. Am Schreibtisch. Gott sei Dank ist er schon wieder auf dem Weg der Besserung. Aber auch wenn es stimmt, dass das Eis dünn ist, man kann nicht die ganze Zeit daran denken. Und man muss es auch nicht. Ich glaube, man ist besser ausgestattet - auch für die Risiken - wenn man mit Vertrauen durchs Leben geht. Und sich nicht ängstlich wappnen will vor dem, was alles passieren kann. Vertrauen ist besser als Angst, gerade weil im Leben auch was passieren kann.
„Macht euch nicht verrückt vor lauter Sorgen. Lasst nicht zu, dass sie euch noch mehr Druck machen, als das Leben eh schon macht." Hat Jesus den einfachen Menschen seiner Zeit gesagt. „Im Gegenteil, macht euer Vertrauen stark, in Gott. Er begleitet euch ins Leben. Auch in die Gefahrenstellen. Seht euch die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater ernährt sie trotzdem."
Jesus erinnert, das Leben ist doch eigentlich ganz schön verlässlich. Mit diesem Vertrauen kann ich es viel besser meistern als mit Angst. Gerade auch die Klippen.
„Mach Dein Vertrauen stark, wenn Du morgens aus dem Haus gehst und quäle Dich nicht mit dem, was alles passieren könnte."
Aber ist das nicht leichtsinnig. Verdrängt man mit so einer Haltung nicht die Risiken, die man ja aus dem Leben nicht wegreden kann? Es stimmt, es wäre fahrlässig, sie total auszublenden. Das wäre blind und kindisch.
Ich habe eine anderen Vorschlag, wie man sehend und erwachsen den Risiken gerecht wird: Nehmen wir an und ich hoffe das sehr, wir kommen heute wohlbehalten durch den Tag. Dann könnten Sie und ich heute Abend an die Risiken des Tages denken, die wir entweder gemeistert haben oder die uns verschont haben. Vielleicht weil wir klug waren und sie vermieden haben oder weil ein Schutzengel seine Finger im Spiel gehabt hat. Daran könnten wir denken und vielleicht sogar danke sagen: Das stärkt dann auch das Vertrauen.
Und wenn doch was passiert, heute oder morgen? Ich glaube fest, dass Gott auch dann bei mir sein wird. Dann kann ich mich dem stellen, was kommt und tun, was möglich ist.

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