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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Zweimal im Jahr gehe ich jeweils eine Woche in ein Kloster. Vor Weihnachten und vor Ostern. Äußerer Anlass: Ich mache dort die Vorbereitungen für die Festtagsgottesdienste. Zu Hause, hat sich gezeigt, fehlt mir dazu die Ruhe. Im Kloster habe ich sie. Und sogar noch viel mehr. Ich tauche dort ein in den altbewährten Rhythmus von Gebet und Arbeit - ora et labora. Nicht, dass ich das auch zu Hause könnte. Es wäre ja lediglich eine Frage der Disziplin und der Zeiteinteilung. Aber offensichtlich bin ich nicht so diszipliniert, dass ich unter Zeitdruck und in ausgefüllten Tagen dem Beten Raum gebe.
Erzähle ich davon meinen Kollegen, reagieren einige davon empört. „Ausgerechnet vor Weihnachten und Ostern! Da hätte ich keine Zeit! Schließlich ist da Hochsaison!" Stimmt. Und deshalb erledige ich alle Aufgaben so, dass mir jeweils diese eine Woche bleibt. Bestärkt fühle ich mich dabei von einem Text aus der Bibel. Da wird von zwei Frauen erzählt: Marta und Maria (Lukas-Evangelium 10,38-42). Die beiden nehmen Jesus auf seinem Weg bei sich auf. Während nun Marta emsig beschäftigt ist, den Gast zu bedienen, sitzt Maria ihm zu Füßen und hört seinen Worten zu - etwas, das Marta fürchterlich aufregt, sodass sie sich darüber bei Jesus beschwert. Der aber beruhigt sie und sagt: „Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden." 
Ohne Martas Aktivitäten geringzuschätzen, gibt Jesus dem Hören auf seine Worte Gewicht. Ich bin sicher, dass er dabei in erster Linie an das Wohl der Menschen denkt. Schließlich wollen Jesu Worte aufbauen und zum Leben ermutigen. Vielleicht bekommen die Dinge, die es im Alltag zu tun gibt, gerade auch, wenn es so viele oder gar zu viele sind, eine andere Richtung. Vielleicht auch eine andere Bedeutung. Es lohnt sich, das herauszufinden. Wie wäre es gleich morgen, am Sonntag, der in anderen Sprachen, z.B. in Italienisch, „Herrentag" (Domenica), also der Tag Jesu, heißt?

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Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade. Das ist die Quintessenz aus dem, was das Jakobus-Evangelium, eine nicht zur Bibel gehörende frühchristliche Schrift, über Anna und Joachim berichtet (s. Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord, Frankfurt am Main / Leipzig 2005). Die Kirche begeht heute ihren Gedenktag.
Anna und Joachim gelten als Eltern Marias und damit als Großeltern Jesu. Auch wenn sie es nicht in die Bibel geschafft haben: Ihre Geschichte klingt nicht anders als viele biblischen Geschichten. Wie Abraham und Sara sind sie ein kinderloses Ehepaar. Kinderlosigkeit wird in diesen Überlieferungen nicht nur als persönliches Schicksal der betroffenen Eltern verstanden. Vielmehr stellt sich in ihr die Zukunftsfrage, und zwar für Israel, das Gottesvolk, ganz allgemein. Gerade dann, wenn seine Angehörigen wieder einmal schwarze Tage erleben müssen - etwa die Zerstörung Jerusalems und des Tempels und die Deportation der Überlebenden nach Babel - ist sie überall präsent. Was soll jetzt noch werden? 
Die Frage wiederholt sich. Sie hat sich nach dem Krieg gestellt. Sie drängt sich auf, wenn irgendwo etwas zusammengebrochen ist. Manchmal scheint sie sogar aufzutauchen im Zusammenhang mit der gegenwärtigen Euro-Krise. Für Gott aber sind solche Erfahrungen nicht das Ende. Wie für ihn auch eine Kinderlosigkeit nicht das Ende ist. Die betagten Abraham und Sara erleben das ebenso wie im außerbiblischen Jakobus-Evangelium Anna und Joachim. Noch wichtiger aber ist: An ihren Geschichten sollen alle Menschen erfahren, dass Gott sie einer guten, heilvollen Zukunft entgegenführt. Die Linie setzt sich fort bis zu Jesus. Und in Jesu Auferweckung aus dem Tod erfährt sie einen unüberbietbaren Höhepunkt. Wo nichts mehr weiterzugehen scheint, tut Gott neue Horizonte auf. Dass sich das in der Bibel von Abraham und Sara bis Jesus immer wieder neu zeigt - und die Geschichte von Anna und Joachim soll das unterstreichen - macht zu allen Zeiten, auch heute, Mut zum Leben, gerade dann, wenn nichts mehr geht. Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade.

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Festtagsstimmung herrscht heute in Santiago de Compostella: Es ist Jakobus-Tag. Jakobus ist einer der zwölf Apostel, die Jesus berufen hat. Legenden zufolge soll er den christlichen Glauben nach Spanien gebracht haben, dann aber wieder ins heimatliche Palästina zurückgekehrt sein. Nach seinem Märtyrertod hätten ihn seine Jünger schließlich in Spanien begraben - eben an der Stelle, die heute - nach dem Heiligen und dem lateinischen Wort für „bestatten" (= componere) benannt - „Santiago de Compostella" heißt. 
Seit dem frühen Mittelalter hat sich hier ein Wallfahrtswesen entwickelt, das dem Brauch, nach Jerusalem an die heiligen Stätten und nach Rom an die Gräber der Apostel Petrus und Paulus zu pilgern, in nichts nachsteht. Bis heute ist das aktuell: Den „Camino", den Jakobsweg zu gehen, lockt seit rund vierzig Jahren immer mehr Menschen aus ganz unterschiedlichen Motiven auf die Wanderschaft. Warum? 
In unserer Stuttgarter Gemeinde wollten wir das herausfinden, allerdings ohne gleich den ganz großen Schritt ins spanische Galizien zu tun. Da unser Gemeindegebiet weitläufig ist - es umfasst große Teile Württembergs - beschränkten wir uns auf eine Strecke vor der Haustür. In mehreren halbtägigen Etappen liefen wir von Winnenden nach Rottenburg auf einem Weg, der höchst offiziell „Jakobsweg" heißt und mit entsprechenden Wegweisern ausgestattet ist. Persönlich erlebte ich, dass jede Etappe für mich ein neuer Aufbruch war: heraus aus meinem beruflichen und privaten Alltag, heraus auch aus so mancher Bequemlichkeit. Das Gehen hatte, obwohl immer wieder auch beschwerlich, etwas Entspannendes und Wohltuendes, die Stille etwas Friedvolles. Eine besondere Erfahrung war, auch dann zu gehen, wenn es regnete oder wenn Schnee lag; im Nachhinein scheint mir das lebensnah zu sein, insofern, dass es im Leben unvorhersehbare Situationen gibt, durch die ich hindurch muss, auch wenn ich mich am liebsten vor ihnen drücken möchte. Unabhängig davon, wo ich den Camino gehe oder ob ich ihn tatsächlich bis Santiago de Compostella gehe - das Gehen erinnert daran, dass das ganze Leben ein Unterwegssein ist. Vielleicht sagen deshalb so viele: „Der Weg ist das Ziel."

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Ein Mann trägt ein Kind durchs Wasser, und das Kind entpuppt sich als Christus. So erzählt die Legende von Christophorus, auf Deutsch: Christusträger. Heute ist sein Gedenktag. Im Mittelalter war es üblich, ein Bild des Christusträgers an Stadttürmen, Toren, Kirchen- und Hausmauern anzubringen. Man erhoffte sich davon Schutz. Ob wohl aus diesem Grund ein Medaillon des Heiligen, über den wir historisch kaum etwas wissen, an unserer Stuttgarter Kirche angebracht ist? Ich glaube es nicht; solche magischen Vorstellungen galten, als man Mitte des 19. Jahrhunderts die Kirche baute, für längst überholt. 
Stattdessen kommen mir beim Anblick des Bildes ganz andere Gedanken. Zum Beispiel Israels Weg aus Knechtschaft und Unterdrückung in die Freiheit (vgl. Exodus 13,17 - 14,30). Ein Weg, der buchstäblich von einem Ufer zum anderen führt, wie Christophorus' Weg in der Legende. Israel erfährt auf diesem Weg: Gott geht ihn mit. Und so wird es trotz aller Hindernisse und trotz tödlicher Bedrohung ein Weg ins Leben. Für Israel ein prägendes Erlebnis, denn es weiß nun und feiert es deshalb auch: Das Mitgehen, das Da-Sein Gottes bedeutet Leben, nicht Tod, und der Glaube daran macht stark. Stark genug, um den Herausforderungen, vor die ich gestellt werde, begegnen zu können. 
Hängen bleibe ich beim Anblick des Christophorus-Medaillons aber auch am Bild des Christusträgers: Bin ich das nicht auch? Und sind es nicht auch die, die sich in dieser Kirche und natürlich auch in allen anderen Kirchen versammeln? Das Wort des Apostels Paulus kommt mir da in den Sinn: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Galaterbrief 2,20): seine Menschenfreundlichkeit; seine innigliche Gottesbeziehung; sein Mut, öffentlich einzustehen für das, was ihm wichtig ist, auch um den Preis des Missverständnisses und der Ablehnung. Ein hoher Anspruch, dem ich sicher nicht in allem gerecht werden kann. Aber etwas davon möchte ich beitragen. Etwas davon soll durch mich und hoffentlich auch durch viele andere Christusträgerinnen und Christusträger zur Entfaltung kommen. Immerhin lassen sich so Welt und Leben gestalten.

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Endlich Ferien! Zeit zum Entspannen, Zeit um Abstand zu bekommen. Viele fahren dazu weg; anderen reicht es, mal nicht ins Geschäft zu müssen. Der Schluss der Schöpfungsgeschichte fällt mir dabei ein: „Vollendet hatte Gott am siebenten Tag seine Arbeit, die er machte, und feierte am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte. Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, denn an ihm feierte er von all seiner Arbeit, die machend Gott schuf" (Genesis 2,2-3 in der Übersetzung von Buber/Rosenzweig). 
Was mir an diesem Text auffällt, ist die Verwendung des Wortes „Arbeit"; dreimal geschieht das, und jedes Mal wird im hebräischen Urtext das Wort gebraucht, das das ganz normale Arbeiten bezeichnet. Gott schafft also kein „Opus" und kein „Werk", sondern er arbeitet und müht sich. Wie Menschen arbeiten und sich mühen. Sie tun so das Gleiche wie Gott. Sie beteiligen sich an Gottes Arbeit. Das gibt dem menschlichen Arbeiten Würde. Weiter fällt mir auf, dass Gott am siebenten Tag von all seiner Arbeit, die er machte, „feierte". Gewöhnlich wird diese Stelle mit „ruhen" übersetzt. „Feiern" ist aktiver als „ruhen". Es schließt die Freude über das Geschaffene mit ein, jenen zufriedenen Blick, mit dem Gott alle seine „Arbeit" als „sehr gut" betrachtet (Genesis 1,31). 
Und schließlich: Gott segnet und heiligt den Tag, der dem „Feiern" von der Arbeit gewidmet ist. So bekommt auch das Feiern Gewicht, allerdings jenes Feiern „von", was bedeutet: Die Arbeit und die Freude und Zufriedenheit über das Geschaffene gehören zusammen. So wichtig die Arbeit ist, so wichtig ist auch, ihre Vollendung zu feiern. Ob Ferien und Urlaub etwas mit dieser Art des Feierns zu tun haben? Ich glaube, dass dies dann der Fall ist, wenn ich diese Tage als Segen begreife. Als eine Zeit, die mir neben meinem Arbeiten und Mühen das Genießen eröffnet. Das Genießen dessen, was Gott „gearbeitet" hat. Ich kann es entdecken in der Schönheit seiner Schöpfung und in der Freude über mein Leben.

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