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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„ich atme atme ja noch" - so beginnt ein Gedicht von Erich Arendt (1903-1984). Es ist so selbstverständlich für mich, dass ich atme, dass mir die Natur die Luft zum Atmen gibt, dass ich auch im Schlaf unbewusst weiteratme. Es gibt Situationen, da ist es auf einmal gar nicht mehr so selbstverständlich. Ich möchte das ein wenig durchspielen:

Wenn uns durch schlechte Luft der Atem ausgeht.
Wenn ein Schwerkranker mühsam nach Atem ringen muss.
Wenn uns aufregende Ereignisse atemlos machen können,
hitzige Debatten einen Raum mit atemberaubender Spannung erfüllen können.
Wenn eine Atempause gut tut - nach dem Sport oder einer Wanderung.
Wenn Menschen verschiedene Vorhaben in einem Atemzug anpacken können,
anderen schon bei der geringsten Anstrengung der Atem ausgeht.
Wenn wir In freier Natur oder  beim Singen genüsslich tief Atem holen.

Ganz so selbstverständlich ist das Atmen also doch nicht!
Atmen. Die hebräische Sprache des Alten Testaments hat dafür ein feines Gespür. „Lebewesen" heißt da ganz konkret: „Atemwesen". Die Menschen brachten ihren „Lebens-Atem" unlösbar in Verbindung zu Gott: Sie haben Anteil an seinem „Lebens-Atem". Doch in der Bibel wird über solche Zusammenhänge weniger philosophiert - sie bringt sie in ihrer Sprache sehr anschaulich zum Ausdruck. So im Buch Genesis: Adam, der „Erdling", aus den irdischen Gegebenheiten entstanden, wird erst dadurch Mensch, dass Gott ihm "den Lebensatem in seine Nase blies" (2,7). So wird aus einem leblosen Gebilde das Lebewesen, das Atemwesen Mensch.
Die Geschichte mit dem Atmen geht noch weiter: Die Israeliten sahen im Sabbat, im Sonntag ein besonderes Geschenk von Gott, geschenkt „für alle Zeiten" - wie es dort heißt. „Haltet den Sabbat; er soll euch heilig sein!" Und die Begründung: „Denn am siebten Tag ruhte auch der Herr und schöpfte Atem" (Exodus 31,12-17).
Der Sonntag - Zeit zum Atem schöpfen, damit ich einen „langen Atem" behalte. Morgen ist wieder Gelegenheit dazu.

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„Blumen sind das Lächeln der Erde" - sagt ein amerikanischer Dichter (Ralph Waldo Emerson). Wie bunt und vielfältig die Erde lächeln kann, das kann ich auf der Landesgartenschau in der Schwarzwaldstadt Nagold bestaunen. Bis 7. Oktober gerät der Besucher in ein Fest der Natur, in eine Schau der Blüten, Farben und Formen.
Neben den vielen Events sind auch die Kirchen im Land dabei. Sie haben ein bemerkenswertes und nahe liegendes Zeichen geschaffen -eine Kirche aus Grünzeug und sie nennen es: „die wachsende Kirche in Nagold". Sie ist gedacht als stiller Ort des Glaubens mitten im Grünen und als Symbol der Ökumene, des Zusammenhalts der christlichen Gemeinden. Die „wachsende Kirche" wurde gestaltet aus 24 Lindenbäumen und einem Zaun aus lebenden Weiden, die weiter wachsen.
Inmitten dieser Blütenpracht überlege ich mir: Wir sollten noch sensibler die Schönheit der Natur entdecken, uns an ihr freuen und erholen. Aufmerksam werden auf die Vielfalt der Schöpfung, sie achten und pflegen.
Franz von Assisi (1182-1226), der mit den Tieren und Blumen redet, der zärtlich Bäume umarmt - Franz von Assisi wurde im Blick auf Gottes Schöpfung wie selten ein Mensch ehrfürchtig und dankbar. In einem Vers aus seinem „Sonnengesang" heißt es:

„Gelobt seist Du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns ernährt und erhält,
vielfältige Frucht uns trägt
und bunte Blumen und Kräuter.
Lobt und preist meinen Herrn,
und dankt und dient ihm
in tiefer Demut."

Bleibt mir, Sie mit dem Titel einer Sendung des SWR Fernsehens zu ermuntern: „Fahr mal hin!"

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Was ich jetzt im Moment tue, ist ein wichtiger Teil meines Lebens: Sprechen! Ich staune immer wieder darüber, was es heißt, sprechen zu können. Was für ein Geschenk ist das: Sich mitteilen und aussprechen, sich anvertrauen und miteinander reden.
Theater und Musical, Unterhaltung und Gesang, der geistliche Impuls  jetzt - all das wäre undenkbar ohne die Sprache.
Wir können von schönen Erlebnissen berichten und Erfahrungen austauschen; Verzagten Mut machen und Kranke trösten; unseren Kindern sagen, dass wir sie lieb haben; und manchmal auch unserem Ärger Luft machen.
Sprechen. Mir ist das neu aufgegangen beim Besuch in einem Heim für Gehörlose. Wie viel Mühe und Geduld hier Menschen mit ihrer Gebärdensprache aufbringen, um sich zu verständigen!
Und wie mag es dem „Taubstummen", sprich Gehörlosen ergangen sein, den Jesus geheilt hatte, so dass er wieder hören und richtig reden konnte. Eine Geschichte, die im Markus Evangelium erzählt wird (7,31-37).
Jesus ruft dem Mann zu: „Effata! - das heißt: Öffne dich!" Damit ist nicht nur das kranke Organ gemeint. Damit ist der Geheilte gemeint, der wieder hören und richtig reden kann. Er ist ein neuer Mensch geworden, offen für eine hellere Zukunft.
Schön für diesen Menschen, der vor 2000 Jahren von Jesus geheilt wurde. Was aber sagt mir das?
Mich beschäftigt dieses „effata - öffne dich!" Ich verstehe das auch als Appell an mich: Öffne dich, wenn du in dich selbst verschlossen bist, innerlich zu, nicht ansprechbar. Öffne dich für Gott, für seine Stimme in dir, für das, was Gott mit dir vorhat. Vielleicht möchte er mich damit überraschen, neue, bislang unentdeckte Seiten im Buch meines Lebens aufzuschlagen.
Und dann spüre ich: Wenn ich mich für Gott öffne, dann werde ich mich auch öffnen für Menschen, die in Not geraten sind und die meine Hilfe brauchen. Und: Wenn ich offen bin für die Mitmenschen, dann könnte das auch meinen Sinn für Gott schärfen.

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Hört auf den Rat der Jüngeren. Die Jüngeren wissen oft, was das Bessere ist!" - das sagt keiner, der irgendeinem Jugendwahn huldigt, sondern einer, der seine Zeitgenossen selber mit jungen und neuen Ideen überrascht hat. Diesen Satz schrieb der Ordensgründer Benedikt von Nursia (480-547) vor 1500 Jahren in seine Mönchsregel. Heute ist sein Gedenktag.
Benedikt lebte in einer Epoche des Umbruchs. Die Antike versank in einem Chaos umherirrender Völker; in einem Zustand geistigen, religiösen und gesellschaftlichen Verfalls.
Auf dem Montecassino in Italien entstand jene Klosterburg, die zur Keimzelle des Benediktinerordens werden sollte. Von hier aus wurde die Welt mit geschaffen, die bis heute den Namen Europa trägt. Mit den Benediktinerklöstern entstand eine Alternative zu einer untergehenden Zivilisation. Unter ihrer Führung wurde in ganz Europa Land bebaut, entstand Landwirtschaft. In den Klosterschulen wurden die Jugendlichen der Germanen- und Keltenvölker ausgebildet und erzogen. Für Handwerk, Kunst und Wissenschaft  begann eine neue Blütezeit.
Zwei „Erfolgsrezepte" von Benedikt möchte ich hervorheben, weil sie bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben:
„ora et labora - bete und arbeite!" so heißt das Markenzeichen der Benediktiner. Für Benedikt gehört die Arbeit zum menschlichen Leben. Er möchte damit Gott verherrlichen. Niemand soll ohne Arbeit sein, niemand soll aber auch von zu vieler Arbeit überfordert sein. Benedikt war kein Mann von Übertreibungen. Er suchte die Balance von Arbeit und freier Zeit. Sein Konzept ist nach 1500 Jahren immer noch aktuell und könnte heute zwischen Leistungs- und Spaßgesellschaft vermitteln.
Und noch etwas war Benedikt wichtig: den Augenblick ernst nehmen. Er sei dazu da, die Augen aufzumachen, genau hinzuschauen, Illusionen wegzuwischen und sich der Wirklichkeit zu stellen. Der Augenblick sei auch dazu da, die Ohren zu öffnen, genau hinzuhören und so Gottes Stimme zu hören. Nichts auf die lange Bank schieben, sondern hier und jetzt leben und handeln.

Die Fakten basieren auf verschiedenen Beiträgen
von Abt Odilo Lechner und Pater Anselm Grün

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„Ich bin überrascht, wie Ihre Sehkraft in kurzer Zeit stark nachgelassen hat" - das hat der Augenarzt zu mir gesagt. Lesen und Schreiben, in die Nähe sehen, das ist mir immer schwerer gefallen und beim Gehen hat es mich verunsichert. Das hatte ich immer deutlicher gespürt. Doch die Diagnose dann hat mich geschockt. Jetzt war es „amtlich".
Dann die Unsicherheit vor der Operation. Kann man diesen Prozess noch aufhalten? Wird das wieder einigermaßen gut? In meinem Beruf brauche ich ein ordentliches Augenlicht. Oder werde ich möglicherweise auf einem Auge blind?
Dank moderner Medizin kann ich nach drei Operationen für mein Alter wieder erfreulich gut sehen. Dafür bin ich sehr dankbar, den Ärzten und Gott. Vor noch nicht allzu langer Zeit wäre ich auf einem Auge blind gewesen. Ich lebe in einem Land, in der die beste medizinische Versorgung selbstverständlich ist. Was heute erreicht wird, damit Menschen wieder sehen können - das grenzt für mich an Wunder.
Denke ich an die sehbehinderten und blinden Menschen - kann ich heute besser mitfühlen. Ich möchte von ihnen lernen, in meinem Innern mehr und tiefer wahrzunehmen. Vielleicht muss ich als Sehender manchmal die Augen schließen, um besser sehen zu können.
Ich denke auch an die sehbehinderten Menschen in den Armenhäusern der Welt, die keine Chance haben, geheilt zu werden. Es fehlt dort an den medizinischen Voraussetzungen oder sie haben kein Geld für Operationen, die ihnen mit oft recht einfachen Mitteln die Sehkraft wiedergeben könnten.
Doch selbst wenn es Menschen gibt, für die ihr Blindsein endgültig ist, so muss es nicht ihr ganzes Wesen und ihre Existenz ausmachen. Ich wünsche ihnen, dass sie über die Welt und die alltägliche Wirklichkeit hinaus schauen können. Und ich halte auch das für möglich: Wer nie das Licht der Welt gesehen hat - der kann vielleicht tief innen ein großes Licht  schauen.

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„Soll ich aus der Kirche austreten oder nicht?" - Keine Sorge, ich frage mich das natürlich nicht wirklich. Doch nicht wenige treibt diese Frage um. Und etliche sind ausgetreten oder haben es vor. Mit einigen habe ich in letzter Zeit gesprochen.
Grund für diesen Schritt ist längst nicht nur die Kirchensteuer. Die einen finden in der Kirche keine Heimat mehr, weil sich für sie zu wenig bewegt, die Kirche sich sogar rückwärts bewegt. Den anderen sind die Lehren der Kirche und die Aussagen der Kirchenoberen zu verstaubt und rückständig. Wieder andere finden in der Kirche kein Verständnis für ihre Lebenssituation, z. B. wer homosexuell ist oder wer geschieden und wiederverheiratet ist. Wir können der Kirche aus vielen Gründen fremd werden - und die Kirche uns.
Ich respektiere es, wenn sich jemand entscheidet, aus der Kirche auszutreten. Wer aber um eine Entscheidung ringt, den möchte ich ermutigen, es trotzdem noch einmal mit der Kirche zu versuchen. Es gibt ein paar gute Gründe dafür:
Kirche ist der Ort Jesu. Sie ist die Gemeinschaft, die sich an Jesus orientieren soll, sich aber auch immer wieder kritisch befragen muss. Und von diesem Jesus geht nach wie vor eine unglaubliche Faszination aus. Bis zum heutigen Tag wirkt seine Botschaft, seine Art, offen und direkt auf Menschen zuzugehen. Und welchen Gott er verkündet! - einen Gott, vor dem man keine Angst haben muss. Einen Gott, der ganz auf der Seite des Menschen steht.
Diese einmalige Botschaft von Jesus verkündigt die Kirche auch durch die Jahrhunderte. Und immer wieder sind es Menschen, die mit der Nachfolge Jesu Ernst machen. Wenn sie sich um gesellschaftlich Ausgegrenzte kümmern oder Menschen spirituell begleiten.

Die Kirche feiert Gottesdienste und schafft darin auch Freiräume, ein Stück weit herauszukommen aus Alltagszwängen und Leistungsdruck. Kirchen sind Orte der Ruhe und der Besinnung. Orte, an denen manche Sprachlosigkeit, Ohnmacht und Hilflosigkeit im Gebet zur Sprache gebracht werden können.
Die Kirche ist im besten Fall für die Menschen da - von der Geburt bis zum Tod. Wenn die Kirche ganz bei ihrem Ursprung ist, hilft sie Menschen in ihren Nöten und lässt sie eine Hoffnung spüren, die über den Tod hinaus reicht.

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