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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Er hat es bis zum Wort des Jahres 2011 gebracht, der Stresstest. Manche finden, er hätte auch das Zeug zum Unwort gehabt. Davor kannte ihn noch niemand, und auf einmal war er in aller Munde. Der Anlass, zu dem dieser Begriff geschaffen wurde, scheint schon fast vergessen. Das Wort hat sich quasi selbständig gemacht. Offenbar haben wir alle darauf gewartet; denn auf einmal steht alles im Stresstest: der Wasserkocher und das Haarspray, der Lehrplan und die Versicherung, aber auch die Kassiererin und der Fahrlehrer, der Polizist und die Lehrerin. Denn es geht dabei ja nicht nur darum, wie stark der Stress ist, sondern auch, wie belastbar die Menschen sind, die dem Stress gewachsen sein sollen. Der schicke Begriff tut so, wie wenn das etwas Neues wäre. Aber es ist uralt. Ich vermute mal, dass schon die Steinzeitmenschen die Mammutjagd als Stresstest empfunden haben. Unsere jüngeren Vorfahren nannten solche Situationen Bewährungsprobe. Und sie wussten, dass das Leben nicht nur schön und angenehm ist, sondern zugleich auch mühsam und riskant. Die Bewährungsproben von damals waren nicht dieselben wie heute. Aber manches ist doch gleich geblieben. Zum Beispiel, dass man den Stresstest des Lebens nicht immer besteht. Oder dass man manchmal Kräfte braucht, die größer sind als die eigenen. Und dass man auf Dauer nur eine Chance hat, wenn man die Kraftquellen kennt und weiß, wie man an sie rankommt, wenn der innere Akku leer wird. Für die einen ist es der Tapetenwechsel, für andere der Sport, die Musik oder eine gemeinsame Zeit mit den Kindern, der Familie oder mit Freunden. Ich kenne auch eine ganze Menge solcher kleiner ‚Tankstellen'. Nicht alle kann ich immer anzapfen, aber eine hab ich zum Glück immer dabei: Ich kann jederzeit versuchen, Kontakt zu Gott aufzunehmen, andere nennen es vielleicht Höhere Macht. Ich versuche das, was mich beschwert oder verunsichert oder verängstigt, an ihn abzugeben. Weil ich vertraue, dass er am besten weiß, was gut für mich ist, und dass er die Kraft hat, das auch zu tun. Wenn ich diese Tankstelle nutze, fühle ich mich dem Stresstest des Lebens eher gewachsen, meistens jedenfalls.      

 

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Die Welt, sagt man, ist ein Dorf. Gut, dann nehmen wir diese Redensart doch einfach mal beim Wort: Stellen Sie sich vor, die ganze Weltbevölkerung wäre tatsächlich ein Dorf mit sagen wir mal 100 Einwohnern. Wenn man jetzt noch berücksichtigt, welches Volk und welche Gruppe von Menschen wie groß ist, dann kommt man auf folgende Verteilung: In unserem Welt-Dorf mit 100 Seelen leben 57 Asiaten, 21 Europäer, 14 Amerikaner und 8 Afrikaner. 52 sind Frauen und 48 Männer. 30 sind weiß, 70 haben eine andere Hautfarbe. Gleich viele, nämlich ebenfalls 70 sind Nicht-Christen und 30 Christen. 80 von den 100 Einwohnern leben in ungeeigneten oder viel zu kleinen Unterkünften. Ganze 6 Personen besitzen 59 % des gesamten Reichtums. Von den hundert Dorfbewohnern sind 70 Analphabeten. Und 50 leiden an Unterernährung, also genau die Hälfte. Einer wird heute geboren und einer liegt im Sterben. Einer besitzt einen Computer, und einer hat einen Universitätsabschluss. Und ich, wo gehöre ich hin? Wo ist mein Platz in diesem Welt-Dorf? Ich bin eine weiße, europäische Christin, musste noch nie hungern, lebe in einer ordentlichen Wohnung, kann lesen und schreiben. Ich habe einen Computer und einen Universitätsabschluss. Und noch einiges andere, das von dieser Statistik nicht erfasst wird. Damit bin ich ganz schön privilegiert. Das wusste ich natürlich schon lange, aber mit dem Modell vom Hundert-Seelen-Dorf rückt mir dieses theoretische Wissen ganz anders auf die Pelle. Für mich ist dieses Modell wie ein Dolmetscher: Es übersetzt Statistiken in Schicksale, Zahlen in Menschen, in Menschen mit Gesichtern. Fremde werden so auf einmal zu Nachbarn, weil sie letztlich doch alle im selben Dorf leben. Und ich mittendrin. In diesem Dorf mit dem Namen "Welt". Eigentlich hätte ich Lust, sozusagen mal rüberzugehen zu diesen ‚Welt-Nachbarn'. Ich würde sie gern kennen lernen und mich vorstellen. Ich würde ihnen gern sagen, dass hier im Dorf alle einander aushelfen und dass sie immer kommen können, wenn sie mal Hilfe brauchen, auch zu mir. Nein, ich tu's natürlich nicht, weil es nicht stimmt. Aber es muss ja nicht für immer so bleiben.

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Schluss mit lustig! - Das Leben ist ein Kampf. - Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. - Ohne Fleiß kein Preis. - Solche Sätze werden uns in die Wiege gelegt und begleiten uns wie ein Kehrvers ein Leben lang. Natürlich ist da auch was Richtiges dran. Aber wenn solche Sätze zu Leitsätzen werden, zu einem inneren Kompass, dann wird es einseitig. Im schlimmsten Fall verliere ich die Lust am Leben und versinke irgendwann in der Überforderung. Bei den Gottesdiensten am Aschermittwoch steht ein kurzes Wort aus dem Markus-Evangelium im Mittelpunkt, es heißt: Kehrt um und glaubt an das Evangelium! Ist das etwa schon wieder so eine Keule von Spruch, so ein innerer Antreiber? Wenn Jesus zur Umkehr ruft, dann meint er nicht Askese und Verzicht auf das, was das Leben schön macht. Es geht gerade nicht um freudloses Bemühen, um Sisyphusarbeit, um Schweiß und Tränen. Das haben die Menschen schon genug, deshalb kommen sie ja zu Jesus; das muss er ihnen nicht noch zusätzlich verordnen. Evangelium heißt auf deutsch gute Botschaft. Und diese Botschaft sagt: Es geht nicht um unsere Leistung, nicht um noch mehr Anstrengung, sondern um Gottes Geschenk, um Befreiung von den Zwängen und Ängsten, die mich am Leben hindern und die Lebensfreude wie ein Staubsauger in sich aufsaugen. Im Gottesdienst am Aschermittwoch wird mir mit Asche ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Es ist das äußere Zeichen der inneren Umkehr, dieser Umkehr zum Evangelium, zu der Jesus aufruft. Die Asche, mit der ich mich bezeichnen lasse, sie ist für mich kein trauriges Zeichen, sondern ein hoffnungsvolles: Wenn ich mich wirklich dem Evangelium anvertraue, dann wird das, was mich am Leben hindert, gleichsam verbrannt: mein Perfektionismus, meine Mutlosigkeit, meine Vorstellung, ich müsste mir den Himmel verdienen. Die Zeit, die heute beginnt, nennt man traditionell Fastenzeit. Dabei verzichtet man auf Verhaltensweisen, mit denen man sich selbst und anderen schadet. Ich nehme mir vor, in diesen Wochen vor allem darauf zu verzichten, mich selbst zu entwerten und andere zu bewerten. Ich finde, das ist ein ziemlich anspruchsvolles Vorhaben. Und wenn ich dazu dann ab und zu mal eine Tafel Schokolade brauche, dann ist das auch in Ordnung.

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Ich trank meinen Morgenkaffee und ahnte nichts Böses.
Es klingelte. Ich ahnte noch immer nichts Böses.
Der Briefträger brachte mir ein Schreiben.
Nichts Böses ahnend, öffnete ich es.
Es stand nichts Böses darin.
Ha! rief ich aus. Meine Ahnung hat mich nicht betrogen.

Zugegeben, es gibt anspruchsvollere Gedichte. Und doch bin ich einfach nur hingerissen von diesen sechs Zeilen. Geschrieben hat sie der Schriftsteller Erich Mühsam. Der hat offensichtlich was verstanden von den Widrigkeiten des Lebens und den Tücken des Alltags. Und - von den Tricks, die unsere Seele erfindet, um damit irgendwie klarzukommen. 

Einer dieser Tricks heißt: Erwarte grundsätzlich das Schlimmste. Was auch immer kommt, es wird schon schiefgehen. Eigentlich eine geniale Strategie: Wenn ich nichts Gutes erwarte, kann ich auch nie enttäuscht werden. Und Enttäuschung ist ja nicht unbedingt das, was ich haben muss. Es ist bestechend einfach, aber es hat auch einen Haken. Denn meine negative Erwartung kann sich sozusagen selbständig machen. Und am Ende zieht sie mich hinter sich her, wie ein großer Hund, der nicht gelernt hat zu folgen, sein Herrchen hinter sich herzieht und selbst bestimmt, wo's langgeht. Und das will ich nicht. Ich will nicht, dass meine enttäuschenden Erfahrungen meine Erwartung bestimmen. Es wäre auch unfair. Denn wenn ich mein Leben so anschaue, kann ich wirklich nicht sagen, dass die schlechten Erfahrungen überwiegen. Ganz im Gegenteil: Mit kühlem Kopf weiß ich, dass ich insgesamt viel mehr Glück gehabt habe als Pech, bisher jedenfalls. 

Der Schriftsteller mit dem bezeichnenden Namen Mühsam hatte es nicht so gut wie ich. Als Jude und politischer Aktivist wurde er nach der Machtergreifung der Nazis eingesperrt und schon 1934 auf brutalste Weise ermordet. Von hinten betrachtet hätte er also allen Grund gehabt, den schlimmen Ahnungen des Lebens mehr zu trauen als der Erwartung, dass das Leben oder der es gegeben hat, gut ist und es gut mit uns meint. Und doch hat gerade er uns dieses zauberhafte Gedicht, dieses Kabinettstück der Lebenskunst, hinterlassen. Ich finde, auch dafür sollten wir ihn nicht vergessen, den Erich Mühsam, mit seinem tragischen Leben und den ironisch-leichten Versen.

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Es gibt Dinge, an denen scheiden sich die Geister. Entweder man mag sie gern oder man mag sie überhaupt nicht. Dazwischen gibt es wenig Spielraum, und am besten auch keine Diskussion, wenn man keinen Streit fürs Leben riskieren will. Beim Fußball ist das zum Beispiel so und beim Operngesang, bei Talkshows im Fernsehen und bei sauren Kutteln - und eben: bei Fasnacht. Entweder man mag's und macht mehr oder weniger ausgelassen mit oder man ergreift angewidert die Flucht. Und insgeheim verachtet man alle, die anderer Meinung sind, und findet sie entweder humorlos oder lächerlich. Bei Kutteln gibt es nichts zu begründen, warum man sie mag oder nicht mag, es ist eben so. Geschmäcker sagt man, sind halt verschieden. Bei Fasnacht fängt man oft an zu begründen: Humor und Lebensfreude, sagen die einen, gehört doch dazu, besonders in einer Welt, die alles durchstrukturiert und kontrolliert, da ist es wichtig, Ventile zu haben und auch mal so richtig aus sich raus zu gehen. Aber bitte nicht so primitiv, sagen die anderen, ich mach mich doch nicht zum Affen, das ist unter meinem Niveau. Und manche finden es bedenklich, sich an einem Brauchtum zu freuen, das vielleicht gar keine christlichen Wurzeln hat oder sehen gar den Teufel selbst am Werk. Besonders schwierig ist es in den Gegenden, in denen Menschen zusammenleben, deren Lebensgefühl unterschiedlich geprägt ist. Und dann ist es natürlich auch eine Frage des Naturells, ob man so was mag oder nicht, ob man gern aus sich rausgeht oder eher ein ernster Typ ist. Das allein schon sollte uns doch zeigen, dass dieses Thema nicht geeignet ist, um eine ganze Weltanschauung daraus zu machen. Es zeigt uns nur, wie unterschiedlich Menschen sind. Das wissen wir zwar schon längst, aber wenn es konkret wird, lassen wir uns mit Lust immer wieder provozieren. Um im Bild von den Geschmäckern zu bleiben: Ich fänd's schön, wenn die Kuttelfans und die Kuttelhasser an einem Tisch essen könnten, ohne sich gegenseitig Geschmacksverirrung oder Arroganz vorzuwerfen. Wenn sie aneinander und miteinander lernen dürften, dass wir nicht alles verstehen müssen, was andere tun, und auch nicht bewerten. In diesem Sinn: Kommen Sie gut durch diese Tage - mit Lust oder mit entspannter Gelassenheit!

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Manche Zitate bringen so richtig Stimmung in die Bude. Man sitzt in geselliger Runde, einer gibt ein Stichwort, und alle liegen vor Lachen fast unter dem Tisch. Ich denke etwa an Loriot und das Klavier oder den sprechenden Hund. Und an die berühmteste Nudel der Filmgeschichte, die unvergleichlich über ein Gesicht wandert und die Liebeserklärung vermasselt: Hildegard, sagen Sie jetzt nichts.
Mein Lieblingssatz gehört ins Programm des Kabarettisten Uli Keuler: Etz frei de halt! kriegt die Oma an ihrem Geburtstag zu hören. Etz sitz hender dei Dord ond frei de! Es mag an der schwäbischen Mentalität liegen, an dieser Genierlichkeit, wenn es um spontane Gefühlsäußerungen geht. Aber die eigentliche Komik liegt darin, dass die Freude am Geburtstag quasi zur Pflicht wird, mit der nicht zu spaßen ist. 
Etz frei de halt! Diesen Ton kenn ich doch. Er erinnert mich - pardon - an einen Brief des Apostels Paulus. Dort heißt es: Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Und noch einmal sage ich: Freut euch! (Phil 4,4) Das Freuen scheint ja harte Arbeit zu sein, wenn man es uns so einschärfen muss.
Der Appell des Apostels hat denn auch nicht wirklich viel genützt, damals nicht und später auch nicht. Im Mittelalter haben Theologen allen Ernstes die Frage gestellt, ob Jesus gelacht hat, und ebenso ernsthaft versucht, eine wissenschaftlich fundierte Antwort zu finden. Heute findet man eher die Frage zum Lachen. Und im 19. Jahrhundert konnte der Philosoph Nietzsche sagen: Erlöster müssten sie aussehen, die Christen. Ehrlich gesagt, ich kann ihn verstehen. Denn ich finde auch, dass wir Christen doch Grund hätten, fröhlicher zu sein als wir es meistens sind. Aber ich sehe auch an mir selbst, dass das Leben oft dazwischen grätscht und das Freuen manchmal zu kurz kommt. Aber Paulus sagt ja auch nicht: Freut euch allezeit! Er sagt: Freut euch im Herrn allezeit! Es geht ihm nicht darum, alles auszublenden, was nicht in Ordnung ist, und mit einem Dauerstrahlen durch die Welt zu laufen. Das hat Paulus auch nicht getan. Es geht eher um den Grundton des Lebens; es ist der Grundton des Glaubens und des Vertrauens: Ich bin geliebt, ich bin gewollt, ich darf sein, wie ich bin. Und nichts und niemand kann mir das nehmen, weil Gott es ist, der es gegeben hat. 
Also, dann frei i mi halt. Und manchmal sogar ohne ‚halt'.

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