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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Auf dem Festplatz beginnt es zu dämmern. Ringsum dichtes Gedränge. Überall blinken bunte Birnchen und Leuchtreklamen. Dazu hin ohrenbetäubender Lärm. Den kleinen Jungen an der Hand seiner Mutter stört das alles nicht - im Gegenteil. Er ist überwältigt von so viel Spektakel. Er weiß nicht, wohin er zuerst schauen soll. Seine Augen strahlen. Mama: schau dort, sieh mal her, hör dort drüben. Die Mutter kann der Begeisterung ihres Jungen kaum folgen. Auf einmal verliert der Bub die Hand seiner Mutter. Das Kind erschrickt und fängt an zu zittern. Es weint und schreit nach seiner Mutter. Die Freude kippt um in Angst. Der Rummel, die vielen Menschen werden auf einmal bedrohlich. Der Junge fühlt sich verloren. Doch da ist wieder die Hand der Mutter. Der Junge beruhigt sich und strahlt seine Mutter an. Alles ist wieder in Ordnung. Es kann ihm nichts mehr passieren. An der Hand genommen, fühlt sich das Kind geborgen, inmitten einer bunten und lauten Welt. Gelegentlich geht es mir wie dem kleinen Jungen - auf dem Rummelplatz des Alltags. Wenn es zuhause stimmt; im Kreis von Freunden; von einem Menschen verstanden und geliebt; von den Mitmenschen ernst genommen - da werde ich mit allerhand im Leben fertig; da kann mich so schnell nichts raus bringen. Wo ich sagen kann: gut, dass es dich gibt; wo mir jemand anvertraut: du, ich mag dich - da wird vieles im Leben leichter, erträglicher. Wo diese Nähe fehlt - da wird es kalt um mich; ich fühle mich einsam, ausgeliefert. Eine Welt voller Probleme bricht über mich herein. Vielleicht befällt mich sogar Zukunftsangst, Lebensangst. Ich glaube, wenn ich bei mir wohlgesinnten Mitmenschen in guten Händen bin - dann bin ich erst recht bei Gott in guten Händen. Und Ich glaube, das gilt auch dann, wenn Gott oft weit weg zu sein scheint, fern ab von dem, was mich umtreibt und was ohne Antwort bleibt. Ich glaube der Botschaft der Bibel, dass Gott zu seinen Zusagen steht: dass bei ihm alles einen letzten Sinn hat und sich nicht im Nichts und im Chaos verliert. Zusagen, die zum Ziel haben, dass unser Leben gelingt, endgültig gelingt.

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Flüsse haben schon immer Landschaften geprägt und für vielfältiges Leben an ihren Ufern gesorgt. Sie haben Schluchten ins Gebirge geschnitten und sich durch Täler gewunden. So verschieden sie auch sind, sie gehorchen ähnlichen Gesetzmäßigkeiten. Und: sie suchen unweigerlich einen Weg zum Meer. Für mich ist das ein Bild für die Religionen. So sehr sie sich auch unterscheiden, sie suchen alle Antworten auf die Grundfragen des Menschen: Woher kommt die Welt, der Kosmos und seine Ordnung? Warum werden wir geboren - warum müssen wir sterben? Was hat das alles für einen Sinn? Bei allen Unterschieden in den Versuchen die Welt zu deuten, suchen die Religionen Wege zum Heilsein des Menschen: Wege aus der Not, aus dem Leid, Wege aus der Schuld. Durch ein verantwortliches Handeln in diesem Leben - hin zu einem erfüllten, dauernden, ewigen Leben. Ich denke an die „Goldene Regel" - „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!" (Matthäus 7,12) - diese „Goldene Regel" ist interreligiös, sie gibt es in allen Religionen und Kulturen. Die Religionen - so sehr sie sich auch unterscheiden - sie haben zu tun mit: Sinn und Unsinn des Lebens; mit Freiheit und Versklavung des Menschen; mit Gerechtigkeit und Unterdrückung der Völker; mit Krieg und Frieden. Ich plädiere für keine Einheitsreligion. Die gibt es nicht. Die kann und wird es wohl auch niemals geben. Aber jede Religion kann sich immer wieder an ihren Ursprüngen orientieren und sich an ihrem menschlichen Ethos messen. Und dabei selbstkritisch fragen: Was ist falsch gelaufen, was hat sich vom Ursprung entfernt? Und so könnten die Religionen auch voneinander lernen, lernen von der Stärke der anderen Religion, von ihrer Besonderheit und Andersartigkeit. Das würde dem schönen Bild entsprechen: So verschieden die Flüsse dieser Erde auch sind, sie münden letztendlich alle - ins Meer. Nach einer Idee von Hans Küng im Projekt Weltethos,Piper, München 1990/2

 

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„Der Unglaube ist auch nur ein Glaube. Der Glaube an etwas ist jedoch viel schöner als der Glaube an nichts." - der Schriftsteller Arnold Stadler hat das gesagt. Mir gefällt dieser Spruch. Und ich frage mich: was ist schön an meinem christlichen Glauben? Für mich ist er schön, weil er - wenn man Jesus folgt - menschlich ist, seinem Wesen nach zutiefst menschlich ist. Und weil dieser Glaube besagt: Das Leben und die Liebe sind stärker als der Tod! Das hat einen hellen Klang. Das ist ein Ja mitten hinein in so viel Nein, in so viel Negatives. Vielleicht kann manch einer diesen Glauben deshalb nicht schön finden, weil Kirchenleute ihn durch Unglaubwürdigkeit und Lieblosigkeit immer wieder verstellt haben. Andererseits wundere ich mich aber auch darüber, welche geistigen Kraftanstrengungen Menschen machen, um gegen etwas zu sein, was es für sie gar nicht gibt. Wir leben in einer säkularen Welt, in der es keine frommen Nischen mehr gibt. In einer Welt, in der das Wort „vernünftig" regiert und alles an den Bedürfnissen des so genannten „Verbrauchers" ausgerichtet wird. Aber immer nur arbeiten, kaufen, sich vergnügen. Das kann doch nicht alles sein Wir haben gelernt, uns des eigenen Verstandes zu bedienen - Gott sei Dank. Auf der anderen Seite ist unser Denken zwiespältig, begrenzt, einseitig. Und so möchte ich mich nicht hinter meinen Zweifeln verschanzen, sondern offen bleiben für neue Erkenntnisse, für neue Erfahrungen. Ich bin davon überzeugt, dass ich mit einem „vorsichtig-offenen Ja" der „Schönheit" des Glaubens näher komme als mit einem „kategorischen Nein". Ich plädiere für einen Glauben, der „einleuchtet". Ich spiele die „Partitur der Hoffnung" - wie es einmal jemand so schön gesagt hat. Dass es eben nicht aus ist, wenn es aus ist. Und so setze ich vertrauensvoll auf Gott - statt auf Null und Nichts. Ich möchte mich von Gott überraschen lassen. In diesem Leben und danach. Und wenn bis zuletzt auch der Zweifel bleibt, sehe ich für mein Leben nichts verloren. Ich habe in jedem Fall froher, sinnvoller und glücklicher gelebt, als wenn ich diese Hoffnung, diesen „schönen Glauben" nicht gehabt hätte.

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„Die sicherste Tür ist die, die man offen lassen kann" - was für ein Traumtänzer sagt so etwas? Nun, dieser Spruch aus China steht wohl im krassen Widerspruch zur Wirklichkeit. Die sicherste Tür ist doch eine Stahltüre, die mehrfach verriegelt ist und durch Videokameras ständig überwacht wird. Damit ja kein Ungebetener hereinkommt und die Reichtümer nicht gestohlen werden können. Ich denke an manche Villa in so genannten „vornehmen Vierteln", die wie Hochsicherheitstrakte wirken, die mit Mauern von der Außenwelt abgeschottet sind. Schrecklich. Selbstverständlich lasse ich meine Wohnungstür nicht offen, auch wenn sich bei mir keine Schätze befinden. Viel zu viel wird geklaut oder zerstört. Oft ist sogar das Leben bedroht. Es war früher in ländlichen Gegenden durchaus üblich, dass man die Haustüre offen gelassen hat. Die Leute haben sich gekannt, und mitnehmen hätte man ohnehin nichts können in den oft armseligen Behausungen. Bereits in der Antike sollen viele Türen ursprünglich nur aus einem Vorhang bestanden haben. Ich will solche Zeiten nicht verklären. Dennoch gefällt mir dieser Spruch: „Die sicherste Tür ist die, die man offen lassen kann" - weil man einander vertraut und nichts voneinander zu befürchten hat. Eine wunderschöne Vorstellung. Mir gefällt dieser Spruch auch deshalb, weil die offene und die verschlossene Tür seit jeher voller Symbolik steckt. Die Tür steht für die Schwelle zwischen drinnen und draußen. In altorientalischen Mythen gibt es die Tür, die zum Himmel führt  und die Tür zur Unterwelt. Die verschlossene Tür bedeutet: bis hier her und nicht weiter. Sie ist auch ein Bild für versäumte Möglichkeiten und verpasste Chancen. Auch die offene Tür ist ein Bild: Ich kann ein- und ausgehen. Ich kann ankommen und weggehen. Die offene Tür ermöglicht den Zugang zum Leben und lässt einen vom Diesseits ins Jenseits gelangen. Auch die Bibel ist voll von solchen Bildern. Ein besonders starkes Bild ist für mich, wenn Jesus von sich selbst sagt: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, der findet zu Gottes neuer Welt, zum endgültigen Frieden, zum Leben in Fülle." (Johannes 10,7-10)   Und diese Tür, die Jesus auf sich selbst bezieht - davon bin ich zutiefst überzeugt - diese Tür ist bestimmt offen, immer und für jeden.

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„Vieles kann der Mensch entbehren, nur den Menschen nicht" - ein schöner Spruch, aber Vorsicht Falle! Darüber kann ich leicht reden, hab ich doch, was ich brauche und muss nicht all zu viel entbehren. Ob das mit dem „Vieles Entbehren" stimmt, das zeigt sich vielleicht dann, wenn ich großzügig bin, wenn ich hergeben, schenken, loslassen kann. Andererseits kann ich auch manche Menschen entbehren, ich möchte nicht mit Jedermann zu tun haben. Nicht nur in den Armenhäusern der Welt müssen Menschen fast alles entbehren. Oft haben sie nicht einmal mehr das Nötigste um zu überleben. Auch in unserem reichen Land nimmt die Kinderarmut zu und die Altersarmut. Da müssen Kinder auf gesundes Essen, auf Spielsachen und Lernmöglichkeiten verzichten, die sie dringend brauchen: um sich persönlich zu entfalten und beruflich eine Perspektive zu haben. Und es gibt bei uns immer mehr alte Leute, die zu wenig haben, um in Würde alt zu werden. Vieles können und müssen Menschen entbehren. Aber ich glaube, dass der 2. Teil des Spruchs auf jeden Fall stimmt: Menschen können wir nicht entbehren. Menschen, die einen mögen, die mit einem fühlen und empfinden - solche Menschen gehören mit zum Wertvollsten und Schönsten. Menschen, die liebenswürdig sind, die Nachsicht zeigen und Rücksicht nehmen - solche Menschen haben den Schlüssel zu den Herzen der anderen. Menschen, die einen liebevollen Blick, ein Lächeln, ein Wort der Ermutigung übrig haben - solche Menschen erreichen einen weit mehr als die mit den wohlfeilen Appellen oder moralischen Vorwürfen. Dass wir Menschen nicht entbehren können, das habe ich selbst oft erfahren. Ich denke an Freundinnen und Freunde, die mich durch ihre Art, durch ihre Ausstrahlung und Liebe geprägt haben, durch die ich anders geworden bin: Ich hoffe menschlich reifer, vielleicht feinfühliger und verständiger, auf jeden Fall glücklicher. Ohne solche Weggefährten wären etliche Seiten im Buch meines Lebens nicht aufgeschlagen worden; wären manche Fähigkeiten unentdeckt geblieben. Ohne sie wäre die Art und Weise, das Leben zu sehen, um einiges einseitiger; wäre ich ärmer ohne die Geborgenheit, ohne den Halt und die Heimat, die sie mir geschenkt haben. Ich kann und möchte diese Menschen nicht entbehren - und sage: Danke!

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Ein neues Leben kannst du nicht anfangen, aber täglich einen neuen Tag" - manchmal will ich den ersten Satzteil nicht wahrhaben. Dass er stimmt, davon hat mich ein Freund überzeugt. Er ist  beauftragt, Nachrufe zu schreiben, wenn jemand nach 30, 40, manchmal sogar 50 Jahren Betriebszugehörigkeit gestorben ist. Ich meinte ihm gegenüber: „Da beschäftigst du dich mit interessanten Lebensgeschichten und spannenden Entwicklungen" Seine Antwort war eher ernüchternd: „Na ja, aber so wie jemand  bei uns angefangen hat, so ist er auch gestorben." Ich verstehe das so: Die wichtigsten Charaktereigenschaften verändern sich nicht. Bei allen positiven oder negativen Entwicklungen und neuen Erfahrungen - die Wesenszüge eines Menschen bleiben bestehen. Jeder Mensch ist einmalig und einzigartig. Aber er hat  auch seine persönliche Lebensgeschichte, er bleibt geprägt von seiner familiären und sozialen Herkunft, von seiner Erziehung, von seinen Veranlagungen und seelischen Befindlichkeiten. Sprich: „Ein neues Leben kannst du nicht anfangen." Dazu müssen wir wohl stehen und uns bescheiden. Aber es gilt auch das: „Täglich kannst du einen neuen Tag anfangen." - Jeder Tag verlangt von uns, mit neuen Situationen fertig zu werden, Antworten zu finden und wieder vor neuen Fragen und Herausforderungen zu stehen. Immer wieder erleben wir Glück, lernen wir Menschen kennen, tun Gutes, erfahren Liebe und schenken Liebe. Immer wieder müssen wir aber auch mit Versagen und Schuld fertig werden, Krankheit durchstehen, mit Leid umgehen. Das heißt, die Chancen jedes neuen Tages zu ergreifen: Schritt für Schritt und mit Geduld. Nicht verbissen, sondern - wann immer möglich - gelassen und zuversichtlich, mit Gelingen und Versagen. Vielleicht hilft dieser Impuls: „Es kann uns manchmal das Lachen vergehen, doch verlernen dürfen wir es nicht. Es kann uns manchmal eine Sorge drücken, doch erdrücken lassen dürfen wir uns nicht. Es mag uns manchmal ein Mensch auf die Nerven gehen, doch feindselig werden dürfen wir nicht. Es mag uns manchmal des Tages Pflicht zur Last werden, doch mutlos werden dürfen wir nicht. Es mag uns manchmal das ganze Leben sinnlos erscheinen, doch aufgeben sollten wir es nicht." (Quelle unbekannt)

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„Wer was gelten will, muss andere gelten lassen" - Goethe (1749 - 1832) hat das gesagt. Wer will das nicht, was gelten? Für die meisten trifft das zu in einem mehr oder weniger bescheidenen Rahmen. Berühmt sind nur wenige. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich Geltung zu verschaffen. Manche nützen das Glück, sich im Licht des bekannten Partners, der bekannten Partnerin zu sonnen. Andere meinen was zu gelten, weil sie finanziell gut gestellt sind, sich ein flottes Auto leisten oder sich mit teurem Schmuck behängen können. Auf diese Weise was gelten wollen, kann allerdings auch peinlich wirken. Unangenehm wird es allerdings, wenn jemand andere schlecht redet, andere zu mobben versucht, um sich selbst ins Rampenlicht zu stellen. Menschliche Größe jedoch zeigt, wer auch andere gelten lässt, in ihrer Art zu denken, zu arbeiten, sich zu geben. Das hat mit Toleranz zu tun. Toleranz heißt nicht: jeder soll tun und lassen, was er will - so eine Art Beliebigkeit. Toleranz kommt vom lateinischen „tolerare" und bedeutet: aushalten, erdulden, ertragen. Mich selbst aushalten, leiden können. Aber auch den anderen erdulden, ertragen können. Toleranz, nicht als Geste der Großmut, sondern - ich gestehe dem anderen selbstverständlich das Recht zu und lasse ihn das auch spüren: Du darfst anders sein als ich! Ein Vorbild für solches Verhalten ist für mich Eugen Biser. Er ist über 90 Jahre alt, bescheiden im Lebensstil, liebenswürdig. Eugen Biser zählt zu den großen theologischen Denkern unserer Zeit. Ein Leben lang hat er sich bemüht, dem „Gott der Liebe" auf die Spur zu kommen. Sein Herzensanliegen ist es immer gewesen, dass das auf weite Strecken angeschlagene und schwächelnde Christentum seine Liebenswürdigkeit zurück gewinnt. Es gehört mit zu den schönsten Erfahrungen in meinem Leben, dass ich diesen großartigen Mann und seine zukunftsweisende Theologie kennen gelernt habe. Eugen Biser hat seinen Anliegen ein überzeugendes theologisches Gesicht gegeben - ebenso ein überzeugendes menschliches Gesicht. Seine Theologen Kollegen - darunter auch Gegner - hat er gelten lassen. Er hat sich sachlich mit ihnen auseinandergesetzt. Wer seiner Art zu denken kritisch entgegentrat - den ließ er wissen: „Mal schauen, was daran richtig ist." Diesen Satz möchte ich mir zueigen machen, wenn mir jemand positiv-kritisch begegnet: „ Mal schauen, was daran richtig ist."

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