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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Wenn nichts mehr geht, dann geh", vom Benediktinerpater Anselm Grün ist dieser Satz. Er klingt nicht nur gut, er ist auch wahr und hilfreich. Vor allem das Leben, die Bewegung, die in diesem Satz steckt.
„Wenn nichts mehr geht, dann geh". Wenn Du alles versucht hast, und es geht einfach nicht mehr, dann geh'. Dann trenne dich von der Arbeit, von den Dingen oder den Menschen, die dich belasten, die dir das Leben schwer machen. Brich ab. Oder unterbreche die Belastung wenigstens eine Zeit lang. Und brich auf zu einem neuen Weg, zu weniger Traurigkeit und zu mehr Leben. „Wenn nichts mehr geht, dann geh". Wenn du nicht mehr weißt, wo Dir der Kopf steht, dann nimm' Dir Zeit für Dich. Geh' weg von all den Beschäftigungen und Ablenkungen, von all den Leuten, die was von Dir wollen. Geh' weg von den Dingen, die an der Oberfläche des Lebens liegen und geh' in dich. Horch in dich hinein und kehr' immer wieder an den geheimen Ort zurück, der nur Deiner ist und Dir leben hilft, gut leben hilft. Wenn Dein Herz bleischwer ist, wenn Du erschöpft, traurig und mutlos bist, dann geh', geh' raus, geh' spazieren, wandern! Beweg' dich, bewege die Themen, die dich belasten. Oder lass sie zurück, flüchte sie für ein paar kostbare, erholsame Momente, in denen du wieder seelisch durchatmen kannst.  Und wenn du das allein nicht schaffst, dann geh mit Deiner Frau oder einem guten Freund, aber geh', bewege dich, bleib nicht stecken in Deiner Not, in Deinen Problemen oder in deinen Sorgen.                                                   Und wenn kein Freund, keine Frau und überhaupt niemand da ist um Dir zu helfen dann geh' zu einem Seelsorger oder einer Therapeutin.
Egal wohin, aber geh, denn dieser Weg bringt wieder Bewegung in Dein Leben. Auch wenn Du es jetzt noch nicht glauben oder spüren kannst....

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„Die Tür ist auf..." - hat Antonio, gesagt und gelächelt, mit seinen großen braunen Augen... Antonio ist ein Gitarrist aus Bolivien. Mit ihm und Linda, einer wunderbaren Sängerin, hab ich eine Veranstaltung vorbereitet. Es war ein Experiment und wir waren uns nicht sicher wo wir damit landen würden. Aber wir haben zusammengefunden, musikalisch und menschlich. Als nach einer letzten Probe klar war, dass es stimmig und schön ist was wir machen, hat einer von uns gefragt ob das auch das Publikum spüren wird. Und da kam dieser Satz von Antonio: „Die Tür ist auf.." Besser hätte er es nicht auf den Punkt bringen können: Wenn Du Dein Bestes gegeben hast, alles gut vorbereitet hast, dann kommt irgendwann der Moment, wo Du aufhören kannst und dem Lauf der Dinge, dem Publikum oder wem auch immer überlassen kannst, was passiert. Du hast eine Tür geöffnet und es liegt an Deinem Gegenüber, ob es eintreten kann oder will. Die geöffnete Tür ist ein schönes Bild auch für andere Lebenssituationen: Wenn zwischen zwei Menschen eine Tür zugeknallt wurde und sie lange, zu lange schon verschlossen ist. Wie schön, wie befreiend kann es sein, wenn einer sie öffnet. Oder wenn die Tür zu mir selbst verschlossen ist, durch Stress, Hektik oder Probleme. Dann ist es gut, wenn ich mir die Zeit und den Raum nehme sie wieder zu öffnen. Wenigstens einen Spalt. Und wie soll das gehen? Es kann gehen, wenn ich mich immer mal wieder aus dem Alltag rausnehme. Wenigstens kurz, und mir Raum und Zeit für mich selbst nehme. Den Raum, in dem ich mich wohlfühle und die Zeit, in der es geht. Und es geht viel öfters als man meint. Und wenn ich zu viel alleine bin, dann kann es ein Mensch sein, der meine innere Tür öffnet. Vielleicht muss ich ihn suchen, aufsuchen oder mich finden lassen. Und vielleicht öffne ich damit ja auch eine Tür bei ihm. Und schließlich hat der Satz von Antonio an eine meiner tiefsten  Hoffnungen gerührt: Dass auch am Ende meines Lebens eine Tür ist. Eine offene Tür, aus der helles und warmes Licht strahlt und jemand zu mir sagt: „Komm rein, willkommen zu Hause"...

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„Partir c'est un peu mourir - Abschied ist ein kleines Stück Sterben", sagt eine französische Lebensweisheit. Vielleicht halte ich ja deshalb Abschiede immer möglichst kurz. Wenn ich weiß, dass ich einen geliebten Menschen lange nicht mehr sehen werde, dann will ich diesen Trennungsschmerz nicht zu lange hinausziehen, mich diesem Stückchen Sterben im Leben nicht zu lange aussetzen. Natürlich, Abschiede gehören zum Leben. Vom Anfang bis zum Ende ist unser Leben immer wieder von Trennungen geprägt. Wir müssen uns geradezu immer wieder trennen, um uns weiterentwickeln zu können. Von der Abnabelung bei der Geburt über die Abschiede von Lebensphasen und Lebensträumen, von großen Lieben bis hin zur letzten großen Trennung von diesem Leben im Sterben.
Das Leben scheint eingebettet in ein unaufhörliches Anfangen und Aufhören, Weggehen und Ankommen, Binden und Lösen. Immer wieder hin und her gerissen zwischen diesen Polen, die einen innerlich nie ganz zur Ruhe kommen lassen, mal schmerzlich, kraftlos und traurig, mal befreit, euphorisch und kraftvoll. Aber wer kann oder will diese extremen Gefühlserfahrungen immer wieder zulassen? Wer will schon dauernd mit Abschied und Sterben konfrontiert werden? Da macht das Leben doch keine Freude mehr. Im Gegenteil, sagen meine spirituellen Lehrer: Nur wer sich der Sterblichkeit bewusst ist, sie nicht verdrängt, kann wirklich Freude empfinden, tiefe Freude. Das ist keine religiöse Selbstquälerei, sondern eine Art Lebenskunst. Sterbensbewusstsein als Lebenskunst. „Abschiedlichkeit" wird sie auch genannt. Loslassen können, sich selbst und die anderen. Nicht nur im Kopf, sondern auch im Herzen - weiß Gott, eine schwere, oft schmerzliche Übung. So bewusst, so intensiv und im Wortsinne ge-lassen zu leben, dass ich Trennungen nicht nur als tödliche Einschnitte erleben kann, sondern als organische Abschnitte meines Lebens. Wie bei einem Baum, der, wenn er zurückgeschnitten wird, wieder kraftvoll wächst und Früchte bringt.

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Es ist schon ein Kapitel für sich: Väter und Söhne! Ein sehr schönes Kapitel, ein Geschenk, wenn sie sich verstehen. Wenn sie Respekt und Verständnis füreinander haben. Wenn Vater und Sohn sich lieben, mit all ihren Verschiedenheiten als eigenständige Menschen. Mit all ihren natürlichen Unterschieden durch die Jahre, die sie trennen. Und wenn sie beide die Tatsache annehmen können, dass der eine eben der Erzeuger und der andere der Gezeugte ist.
Diese natürliche Schieflage im Verhältnis von Vater und Sohn erzeugt  aber auch so manches Problem. Wenn der Vater diese Schieflage zu oft oder zu sehr raushängt. Und den chronisch Überlegenen mimt. Oder immer alles besser weiß und das immer auch noch sagen muss. Das Verhältnis von Vätern und Söhnen ist seit Menschengedenken ein so heikles wie schönes. Das vierte der zehn Gebote - Du sollst Vater und Mutter ehren - ist ein zeitloser Beleg dafür. Oft ist die Zeit eine Hilfe im Verhältnis der Generationen. Zum Beispiel wenn die Schwierigkeiten mehr beim Sohn liegen. Wenn er - aus welchen Gründen auch immer - mit der Andersartigkeit seines Vaters nicht zu recht kommt. Aber mit den Jahren und mehr Lebenserfahrung den Vater anders sehen lernt. Es gibt einen Text der die langsame Annäherung eines Sohnes an seinen scheinbar ganz unmöglichen Vater pfiffig in Worte fasst. Er ist vom Autor Benno Burkhardt und heißt „Mein Alter": 

Ich war zehn, da war mein Alter höchstens gut genug zum Lästern,
als ein völlig durch geknallter Typ und hoffnungslos von gestern.
Schlimmer war's noch als ich zwanzig. Vater hatte echt ne Meise. 
Was er sagte: blöd und ranzig. Kurz, ein Fall von frühem Greise.
Ich war dreißig als mein Vater langsam zur Besinnung kam, 
machte weniger Theater, war im Geist nicht mehr so lahm.
Und zehn Jahre später dann: Seht mir nur den alten Schweden,  
ist doch ein ganz guter Mann, manchmal kann man mit ihm reden.
Heute hat er echt gemacht sich, eine blendende Erscheinung. 
Ich bin sechzig, er ist achtzig: Endlich sind wir einer Meinung!

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„Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe". Wär ja schon schön, wenn's da was gegeben hätte, heute Nacht. Eine gute Kappe gesunden erholsamen Schlaf. Einen schönen Traum. Oder gar eine Erkenntnis, eine Idee?!
„Den Seinen gibt's der Herr im Schlafe". Dieser Spruch aus der Bibel wird immer dann gesagt wenn jemand unverdientes Glück gehabt hat. Oder wenn jemandem ohne große Anstrengung etwas besonders gelungen ist. Es ist nicht ganz sicher ob dieser Spruch richtig aus dem Hebräischen übersetzt ist. Er könnte auch heißen „Den Seinen gibt der Herr den Schlaf. Was auf die beruhigende Wirkung von Religion hinweisen könnte. Dass Menschen mit einem gesunden Gottvertrauen einen besseren Schlaf haben. Weil sie Belastendes auch ihm überlassen können und nicht mit ins Bett schleppen. Aber auch die erste Variante - dass Gott es den Seinen im Schlaf gebe - hat eine religiöse Tiefendimension. Nicht nur weil von „den Seinen" also den gläubigen Menschen gesprochen wird. Der Schlaf ist unsere Verbindung zum Unbewussten, unsere Andockstation zu den Archetypen, den großen und zeitlosen Bildern und Erfahrungen der Menschheit. Und er ist Teil von Religion, als eine Art Nabelschnur durch die wir mit der anderen Welt verbunden sind. In der Bibel spricht Gott immer wieder zu den Menschen, wenn sie schlafen. In Träumen erscheinen Engel. Oder über Nacht, im Schlaf klären sich entscheidende Dinge... Nicht umsonst heißt es man soll über manche Dinge, belastende Dinge, schwere Entscheidungen noch eine Nacht schlafen. Man kann das auch neurologisch erklären. Unser Gehirn speichert die Erfahrungen die wir tagsüber machen nicht nur ab, es bearbeitet sie, verarbeitet sie im Schlaf, genauer gesagt im Tiefschlaf. 
Wir verlieren also im Schlaf unser Bewusstsein, um uns überhaupt erst unserer selbst bewusst zu werden. Könnte das nicht auch ein Hinweis sein? Ein Hinweis darauf, dass wir mit einer ganz anderen, größeren, tieferen Welt verbunden sind? Und immer dann mit ihr in Kontakt kommen, wenn wir uns entspannen und uns vergessen?! 

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Es scheint das 11. Gebot unserer Tage zu sein: „Du sollst nicht langweilen!" Im Fernsehen muss alles spaßig, spannend oder neu sein, damit nur ja keiner abschaltet. In Gesellschaft und Kultur müssen Events her, damit die Leute angelockt werden. Und auch im Privatleben muss immer was passieren, damit nur ja keine Langeweile aufkommt. Und es ist ja auch wahr, was soll ich meine kostbare Lebenszeit mit gähnender Leere verschwenden. Es gibt aber Menschen, die Sätze auf Lager haben wie diesen: „Langeweile ist die Windstille der Seele." Wow, „Windstille der Seele" das klingt nicht nur gut, was der „alte Nietzsche" da gesagt hat, es ist so überraschend wie wahr. Es gibt sogar Menschen, die die Langeweile als eine spirituelle Grundübung bezeichnen. Wenn einem langweilig ist, so sagen sie, dann befindet man sich „in einem fruchtbaren Zustand der Reizlosigkeit", einer so gesunden wie notwendigen Wunschlosigkeit. Wenn äußerlich nichts passiert, wenn die Zeit gedehnt wird, wenn das Verweilen bei mir selbst lang wird, länger als gewohnt, dann kann die Seele zur Ruhe kommen, kann es windstill werden in meiner Seele. Und so wie ich nur bei ruhiger See abtauchen kann, so kann ich auch nur in tiefere Zonen meiner Seele kommen, wenn es still ist in mir. Dort hin, wo die Ängste, die Schmerzen, die Sehnsüchte und Hoffnungen wohnen, die im Alltag, bei der Arbeit oder den verschiedenen Zerstreuungen verborgen sind. Immer wieder an diese Orte zurückzukehren, ist nicht nur eine Frage der seelischen Gesundheit, sondern auch die Voraussetzung für jede Art von Religion. Denn nur durch die Einkehr bei mir selbst, kann auch der Nächste oder gar Gott bei mir einkehren. 
Aber so schön, sinnvoll und notwendig das auch alles ist, irgendwann muss das Schiff auch wieder fahren. Denn nur mit Windstille lässt sich's  ja auch nicht leben. Der Wechsel macht's. Der Wechsel zwischen Arbeit und Nichtstun, zwischen Anspannung und Entspannung, Oberfläche und Tiefe. Die Adventszeit, die gestern begonnen hat, ist eine gute Gelegenheit sich auf diesen Wechsel einzulassen.

Peter Kottlorz, Katholische Kirche, Rottenburg

 

 

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