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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihre Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann..." (Mt 8,20)... Diese Aussage Jesu befremdet mich immer wieder auf's Neue. Gut, er mag seinen Jüngern damit sagen wollen, dass mit ihm zu gehen, ihm nachzufolgen, alles andere als bequem für sie sein würde, aber ganz so dramatisch mag's wohl nicht gewesen sein. Oder ist es vorstellbar, dass Jesus ein Heimatloser gewesen ist, der keinen Ort sein zu Hause nennen konnte?
Dass es Nazareth nicht mehr sein konnte, nachdem er aufgebrochen war die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, das kann ich gut nachvollziehen. Und doch glaube ich, dass auch er Orte gekannt hat, an denen er sich heimisch gefühlt hat. Es mag eine Stelle am Ufer des Sees Genezareth gewesen sein, die Synagoge von Kapharnaum oder ein stilles Plätzchen auf einem Hügel im Galliläischen Land... - wo genau, vermag niemand zu sagen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass das Haus der Geschwister Martha, Maria und Lazarus in Bethanien so etwas wie ein zweites zu Hause für ihn war. Eine Art Refugium, dort durfte er kommen, wann auch immer und sein, wie's ihm zumute war, auftanken und Kraft schöpfen, für den weiteren Weg. Und ich glaube einfach, dass wenn Jesus von Nazareth wahrer Mensch war, er genau das, solche Orte und Menschen gebraucht hat.
So sehr ich das Bild vom Christen als Pilger in der Zeit, als Gast auf Erden schätze und in mir trage, so sehr spüre ich, dass auch ich diese Orte brauche, an denen ich daheim bin.
Orte, im ganz räumlichen Sinn. Eine, besser meine Ecke in der Wohnung, ein Platz in der Natur, an den es mich immer wieder zieht, vielleicht auch eine ganz bestimmte Stadt mit der ich ein Stück meiner Lebensgeschichte verknüpfe.
Vor allem aber brauche ich Menschen, bei denen ich das Gefühl habe, heim zu kommen, bei denen ich zu Hause bin, die mir Heimat gewähren für Leib und Seele... und dafür, dass es sie gibt, bin ich sehr dankbar.

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Kannst Du mich am Freitagabend am Bahnhof abholen?", hat mich eine  Freundin gefragt. „Gerne, ich werd' da sein", hab ich geantwortet.
Und nun ist es soweit:
„Bitte Vorsicht an Gleis eins. Es fährt ein der Regionalexpress von München nach Lindau." Kommt es aus dem Lautsprecher.
Die Schranken sind unten. Das Signal steht auf grün. Und da kommt er auch schon, dieser behäbige rote Koloss. Die Bremsen quietschen. Der Zug steht.
Türen gehen auf. Wo sie wohl aussteigen mag? Da entdecke ich ein bekanntes Kleidungsstück. Sie winkt, hat mich auch entdeckt. Dieser erste Augenblick des Wiedersehens, diese kurze und doch riesige Freude. Gut, dass du da bist - wie schön, dass du auf den Bahnhof gekommen bist, sagen die Blicke.
Ich hole gern Menschen am Bahnhof ab... und freu mich auch sehr, wenn ich abgeholt werde.
Ankommen ist ein gutes Gefühl. Ankommen nicht nur an einem Ort, sondern auch bei jemandem. Ankommen bei einem oder mehreren Menschen, die mir vertraut sind tut gut und hat für mich noch eine ganz andere Qualität und Tiefe.
Es geschieht dann, wenn ich meinen Anker werfen darf in den Augen des anderen und spüre, bei Dir bin ich zu Hause -  in einer Umarmung, die mich wieder ganz werden lässt.
 Oder dann, wenn ich erfahren darf, da versteht mich einer ganz ohne Worte - dann bin ich wirklich angekommen, - anwesend, im wahrsten Sinne des Wortes.
In Zeiten, da ich mich aus dem Blick verloren habe, durch was auch immer, wünsche ich mir, dass ich doch endlich wieder ankommen möge bei mir selbst.
Dabei erlebe ich, dass die Reise nach innen recht beschwerlich sein kann, weil die Gleise so verworren sind und die Weichen neu gestellt werden müssen, damit das gelingen kann.
Ankommen bei mir das möchte ein Leben lang (vielleicht) auch ein ganz Anderer. Seine Ankunftszeit heißt immer, er ist auf kein bestimmtes Gleis festgelegt und womöglich ist er schon da und wartet auf mich.

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Sommerzeit - Reisezeit. Kaum sind die Pfingstferien hierzulande zu Ende beginnen in Deutschland die großen Ferien und viele fahren weg.
Man wünscht sich eine gute Reise und oft hofft einander heil und gesund wieder zu sehen.
„Komm guat hoim" ist der Satz, den meine Mutter mir jedes Mal mit auf den Weg gibt, wenn ich nach einem Besuch bei ihr wieder ins Auto steige.
So auch vergangene Woche.
„Komm guat hoim" - und beim Fahren kam ich ins Nachdenken darüber, was das für mich heißt, „gut heimkommen" - neben heil und sicher ankommen - und wo das überhaupt ist, „zu Hause"?
Klar, zu Hause ist da, wo ich meinen so genannten Hauptwohnsitz habe. Und doch ist für mich daheim - Heimat auch immer noch der Ort an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. - Auch wenn sich dort im Laufe der Jahre manches verändert hat. Häuser und Straßen sind mehr geworden - die vertrauten Gesichter weniger. Aber das Essen meiner Mutter schmeckt nach wie vor unnachahmlich lecker, das Haus riecht nach zu Hause und es zieht mich noch immer auf den Berg und in den Wald bei uns um die Ecke.
Daheim sein ist für mich somit an Orte gebunden, an denen ich mich wohl, halt zu Hause fühle, mit denen ich gute Erinnerungen verbinde, die mir vertraut sind.
Daheim bin ich aber auch vor allem bei Menschen, bei denen ich mich wohl und gut aufgehoben fühle...wo es nicht viele Worte braucht um zu verstehen oder verstanden zu werden. Daheim ist, wo ich sein kann, wie ich bin. Mit Ecken und Kanten, traurig und froh, mit guter oder auch mal mit schlechter Laune.
„Komm gut heim" heißt deshalb für mich auch soviel wie: Komm gut dahin, wo du dich zu Hause fühlst...wo Du mit anderen ganz bei Dir bist.
Mit Menschen, die dir vertraut sind und denen du vertrauen kannst.
Hab einen Ort an dem du Du sein darfst.
Und - bleib heil an Leib und Seele.

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Auf den ersten Blick sind sie ein recht ungleiches Paar, die Apostel Petrus und Paulus.  Petrus ist Jesus von seinem Fischerboot weg nachgefolgt, ohne lange zu zögern. Paulus verfolgt die Anhänger Jesu bis eine Christusbegegnung ihn radikal verändert und zu einem leidenschaftlichen Verkünder des Evangeliums macht.
Und doch haben beide bei all ihrer Verschiedenheit so einiges gemeinsam, jener einfache Fischer vom See Genezareth und der gebildete Schriftgelehrte aus Kleinasien. Beide werden in besondere Positionen berufen. Paulus, der die Sache Jesu mit dem Schwert verfolgt, wird zum großen Völkerapostel. Petrus wird, obwohl er Jesus im entscheidenden Moment verleugnet, zum Fels auf den die Kirche erbaut werden soll.
Beide waren früh bereit, den Blick über den Tellerrand der Landes- und Religionsgrenzen hinauszuwagen. Wer weiß, ob uns Germanen die Botschaft Jesu erreicht hätte, wenn Paulus nicht europäischen Boden betreten hätte, um dort zu missionieren.
Doch bevor es dazu kam, mussten Petrus und Paulus einen großen Konflikt austragen. Worum ging es?
In den jungen Gemeinden wurde gestritten, ob Menschen, die Christen werden wollen, zunächst den jüdischen Glauben annehmen und beschnitten werden müssten. Man berief eine Versammlung ein, das sogenannte Apostelkonzil.
Dort wurde um eine Lösung gerungen. Dass es dabei heiß herging, beschreibt Paulus in einem seiner Briefe.
Dort heißt es: „Als Petrus kam, bin ich ihm offen entgegen getreten, denn er setzte sich ins Unrecht". Petrus seinerseits zieht sich nicht schmollend zurück, sondern zusammen mit den anderen ringen beide um eine Lösung, die folgendermaßen ausfällt: Jeder kann ohne Umwege Christ werden. Eine unerwartete Lösung mit weitreichenden Folgen.
Heute, am Fest Peter und Paul, wünsche ich mir etwas von diesem Mut, Probleme und offene Fragen konstruktiv anzugehen und eine gute Streitkultur zu pflegen.
Den Kirchen wünsche ich, dass sie sich anstecken lassen von diesen beiden Männern der ersten Stunde. Dass auch heute Grenzen überschritten werden, die nicht gottgewollt -  sondern von Menschen errichtet sind.

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„Gönne dich dir selbst", dieser Satz, könnte in einem Lebenshilfebuch unserer Tage stehen. Und vermutlich würde ich das dann beiseite legen und mir denken: nicht schon wieder. Dieser Satz stammt aber aus einem Brief, den Abt Bernhard von Clairvaux vor über 800 Jahren an Papst Eugen III geschrieben hat.
Und das ließ mich dranbleiben an diesem Satz. Bernhard mahnt den Papst das rechte Maß zu finden bei seiner Arbeit und er warnt ihn davor, sein ganzes Leben mit Tätigsein zu verbringen. „Gönne dich dir selbst", fordert er ihn auf und fügt hinzu: „Wie kannst Du voll und echt Mensch sein, wenn Du dich selbst verloren hast?"
„Gönne dich dir selbst", dieser Satz treibt mich um. Vielleicht deshalb: Am Ende einer arbeitsintensiven Zeit gibt es erstmal viel Müdigkeit und Leere auszuhalten und ein Sammelsurium von Eindrücken zu sortieren. Das hieße dann: sich eine Auszeit zu gönnen, wohlverdiente Ferien. Doch da hätte ich Bernhard wohl falsch verstanden, wenn ich meine ein-, zweimal im Jahr genügt. Ihm geht es bei diesem „Gönne dich dir selbst" wohl eher darum täglich innezuhalten, immer wieder ganz mit sich und bei sich zu sein.
Wo dies gelingt, wenn ich so innehalte, bewahre ich mir ein gutes Gespür für mich, für andere und das, was grad dran ist.
Als meine Gedanken immer wieder um diesen Satz „gönne Dich dir selbst" gekreist sind, kam mir eine junge leukämiekranke Frau in den Sinn. Ein Fernsehteam hatte sie über mehrere Jahre hinweg begleitet. Mit einer unglaublichen Offenheit stellte sie sich den Fragen ihrer Begleiter. So auch dieser: Ob es etwas in ihrem Leben gibt, das sie heute anders machen würde?
Ihre Antwort: „ Ja, ich würde mehr Zeit mit mir verbringen."
„Ich würde mehr Zeit mit mir verbringen....mich mir selber gönnen. Einfach da sein, nichts tun als schauen, riechen, hören und fühlen.
Ich würde mehr Zeit mit mir verbringen.... Mich  mehr mir selber gönnen -
Diese Sätze haben sich tief in mir eingegraben und vielleicht ist heut ein Tag diesem „Gönne dich dir selbst" Raum zu geben.

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Am Münster in Basel gibt es ein Relief aus Stein. Es hat zunächst ganz unscheinbar auf mich gewirkt. Trotzdem hat es mich zum Nachdenken angeregt.
Auf der einen Seite sind 5 Frauen mit brennenden Lampen dargestellt und ein Mann der sie empfängt. In der Mitte ist eine verschlossene Tür, dahinter auf der anderen Seite wieder 5 Frauen mit Lampen ohne Flamme, die eintreten wollen. Wohl aber draußen bleiben müssen.
Was will dieses Relief dem Betrachter sagen?
Zunächst denke ich an das Gleichnis von den 5 klugen und den 5 sogenannten törichten Jungfrauen aus dem Matthäusevangelium.
Eine Geschichte, die mir noch nie so recht gefallen wollte. Darin wird erzählt, wie 10 junge Frauen einem Bräutigam entgegeneilen. Alle haben ihre Lampen dabei, aber nur 5 dachten an Öl zum Nachfüllen, falls sie länger warten müssten bis das Fest beginnt. Sie sollten klug gehandelt haben. Denn als es soweit ist, ist das Öl der anderen bereits am Ausgehen, die Lampen kurz vor dem Erlöschen. Teilen wollen die einen nicht, dann reiche es für niemand, behaupten sie und schicken die anderen zu den Händlern um dort welches nachzukaufen. Doch bis diese dann zum Hochzeitssaal kommen ist dieser verriegelt und sie bleiben außen vor.
Mir will zunächst nicht in den Sinn, warum die 5 mit dem Vorratsöl nicht teilen wollten. Vielleicht hätte es ja doch für alle 10 gereicht.
Dann hab ich einen Artikel einer Theologin gelesen. (Karin Klemm)
Er hat mich dieses Gleichnis und die Darstellung auf dem Relief am Münster mit anderen Augen sehen lassen: Die Theologin lenkt den Blick auf den Umgang mit meiner inneren Flamme und wie achtsam ich mit ihr umgehe.
Kurz vor Ferienbeginn sind meine Akkus leer, meine innere Flamme höchstens auf Sparflamme.
Von daher lese ich das Relief am Eingang des Basler Münsters eher als Frage an mich als Eintretende: Bist du bereit für das Fest? Kannst und magst Du hier das Leben feiern? Wie achtsam gehst Du mit dir und deiner Lebensflamme um? Was nährt dich und wie nährst Du deine Flamme?
Die Sorge dafür kann ich nicht delegieren. Genauso wenig wie ich etwas von dem, was meine Lebensflamme nährt einfach auf andere übertragen kann - so gern ich das auch täte.
Tröstlich ist für mich, dass diese Kirchenpforte - anders als im Gleichnis - offen steht, dass sie mich einlädt innezuhalten und dann doch einzutreten - auch wenn meine Flamme fast am Erlöschen ist um ihr dort neue Nahrung zu geben.

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Heute Mittag ist: Anpfiff - Die Frauen Fußball Weltmeisterschaft beginnt.
Und das in einem Land in dem verbandlicher Frauenfußball bis 1970 vom Deutschen Fußballbund sogar verboten war.
Doch längst ist Fußball keine reine Männersache mehr. Frauen waren bereits Ende des 19.Jahrhunderts am Ball. Damals allerdings noch in Röcken.
Und auch wenn Frauenfußball nach wie vor von manchen belächelt wird oder Befremden hervorruft, die Fußball-Frauen haben sich einen festen Platz in der Welt des Sports erobert.
Vielleicht weil sich an ihrer Art des Zusammenspiels etwas zeigt, was mir über die Grenzen des Fußballfelds hinaus als frauenspezifisch erscheint. Frauen haben in unserer Gesellschaft oft eher die anderen im Blick. Den Mann, die Kinder, die Familie. Oft sind sie es, die das Ganze zusammenhalten und zugleich ein soziales Engagement verfolgen.
Sie leben oftmals das, was man im Mannschaftsport - ganz gleich ob bei Frauen oder Männern - unter Teamgeist versteht:
Da ist weniger die Einzelne im Vordergrund, als die Mannschaft. Alle sind miteinbezogen, spielen sich die Bälle zu, haben Vertrauen zueinander und in die Fähigkeiten der Einzelnen. Es geht um Zusammenhalt und das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels. Das Ganze ist wichtig und in ihm jede Einzelne.
Für mich ist spannend zu sehen, wie sich im Vorfeld dieser WM unterschiedlichste Organisationen Teamgeist „auf die Fahnen" geschrieben haben. Unter dem Motto „Frauen-am Ball" finden sich Veranstaltungen der christlichen Kirchen wie auch eine Kampagne der Aktionsgemeinschaft solidarische Welt (e.V.). Letzterer geht es darum, einen Anstoß für Frauenrechte weltweit zu geben. Drei Frauen der Aktionsgemeinschaft sind während der WM in Deutschland unterwegs und diskutieren über ihre Arbeit und den weltweiten Einsatz für Frauenrechte: Eine ehemalige Ministerin, (Awa Fall Diop) aus dem Senegal, eine Pilotin ( Devi Kalyani) aus Indien und eine Gewerkschafterin (Creuza Maria de Oliveira) aus Brasilien.
Interessanter weise finden anlässlich der Frauen WM auch Sportvereine und Kirchengemeinden zusammen und feiern Feste der Vielfalt. Dabei wollen die Veranstalterinnen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kulturen einander näher bringen, wenn sie miteinander spielen und beten.
Ich hoffe, dass bei all diesen Aktionen ein guter Geist weht - Frauen wie Männer durch den Fußball verbunden sind. Und sich vielleicht auch ein wenig mehr verantwortlich für unseren Erdball fühlen...

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