Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Ich weiß nicht, ob wir unseren Tim taufen lassen sollen. Auch nicht wie. Ich bin katholisch, meine Frau ist evangelisch. Und bevor es eine Auseinandersetzung gibt."
Bei einer Geburtstagsfeier sind auch Paare mit Kindern dabei und auf einmal ist es Thema: Taufe. Soll man heutzutage seine Kinder noch taufen lassen? Tims Vater ist grundsätzlich unschlüssig. Und dann noch das Problem ‚evangelisch oder katholisch'? Ich höre raus, dass er zwar kaum noch in „seine" katholische Kirche geht. Aber Tim „evangelisch" taufen zu lassen. Das ginge ans Eingemachte bei ihm.
Das Gespräch geht eine Zeitlang intensiv hin und her. „Jetzt sag doch Du auch mal was," meint einer auf einmal zu mir. „Sitzt die ganze Zeit nur still dabei. Das ist doch sonst nicht Deine Art. Du bist doch der Pfarrer."
Na dann. „Ich finde es kein Problem, wenn ihr euren Tim jetzt nicht taufen lasst," habe ich gesagt. „Wenn das nicht bedeutet, dass das Thema Religion ganz außen vor bleibt. Aber ich finde, ihr solltet mal ganz intensiv miteinander diese Frage bereden. Euch erzählen, wo und wie da euer Herz schlägt. Die Frage nach dem Glauben jedenfalls nicht beiseite legen.
Und, wenn ihr mich schon fragt: Ich würde den Tim bald taufen lassen. Aus eigener Erfahrung. Ich war ja auch mal junger Vater. Mir hat es gut getan, dass meine Kinder getauft waren. Dieser Taufspruch z.B.: „So spricht Gott: Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein." Der hat mich entlastet. Ich hab gewusst, meine Kinder sind nicht nur meine, sondern auch Gottes Kinder. Ich habe versucht ihnen Selbstvertrauen fürs Leben mitzugeben, aber auch Gottvertrauen. Weil in vielen Situationen im Leben ist Selbst nicht genug."
Ich war grad in Fahrt und weil sie auch ganz interessiert zugehört haben, habe ich weiter erzählt.
„Noch was war mir besonders wichtig bei der Taufe. Das mit dem Wasser. Daran hab ich oft gedacht. ‚Deine Kinder sind getauft - und du ja auch - und das heißt, ihr seid nicht mit allen Wassern gewaschen. Und die Kinder sollen das auch nicht werden, wenn sie groß werden."
„Und wie steht es mit evangelisch oder katholisch?" hat Tims Vater nachgehakt.
„Ich will das nicht klein reden. Trotzdem, vielleicht hilft es euch, wenn ihr dran denkt. Die Taufe ist erst mal ökumenisch. Jede „katholische" und jede „evangelische" Taufe ist zuerst eine „christliche". Ich würde vielleicht die Gemeinde wählen, wo ihr am Besten ökumenisch leben könnt."

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10634

„Manchmal komme ich mir vor wie 80. Ich bin so schnell außer Atem. Das nimmt mir so viele Möglichkeiten," erzählt mir Andrea. Sie ist grade mal halb so alt wie sie sich manchmal fühlt, 40. Ihr Herz ist nicht gesund. Und das macht vieles schwer, sogar unmöglich, was Andrea gern tun würde. ZB. mit ihrer Tochter und dem Hund rumtollen. Und wie lang sie ihre Tochter ins Leben begleiten kann, weiß sie auch nicht.
Wir haben uns lange unterhalten: Warum ist das so hart, wenn einem Möglichkeiten genommen sind?
Es ist wohl fundamental für uns, dass etwas möglich ist. Heute und auch in Zukunft. Dieses Gefühl: Es geht etwas und ich kann teilhaben. Und Neues wird auch gehen. Andrea wünscht sich sehr eine Zukunft mit ihrer Tochter. Dass ihr Leben dafür offen ist. Da muss nicht jeder Tag Neues bringen. Es genügt die Aussicht.
Das Gefühl, es gibt Möglichkeiten, ist dasselbe wie Zukunft haben. Und das braucht man. Zukunft, Möglichkeiten. Das Vertrauen, Leben ist mehr als das, was immer schon war. Leben wird nicht weniger.
Als Christ glaube ich, dass Gott dafür steht, dass in jedem Leben Zukunft möglich ist. Das habe ich auch Andrea gesagt. Ihr krankes Herz gibt ihr zwar oft das Gefühl, dass vieles nicht möglich ist. Darum kommt es für sie sehr darauf an, die Möglichkeiten zu sehen, die sie leben kann. Nicht darauf zu schauen, was unmöglich ist, sondern zu ergreifen, was Gott ihr an Möglichkeiten hinhält. Auch an Zukunft.
Weil ich weiß, dass sie Humor hat, habe ich mich getraut, ihr eine Geschichte zu erzählen, die das für mich ausdrückt.
In der Geschichte geht es um einen frommen Mann. Er gerät in eine schlimme Überschwemmung. In Lebensgefahr. Er ruft Gott um Hilfe: „Rette mich." Die Feuerwehr kommt mit einem Rettungsboot vorbei. Aber er steigt nicht ein. Gott soll ihn retten. Einen halben Tag später entdeckt ihn ein Hubschrauber. Die Besatzung will ihn an Bord nehmen. Aber er lehnt diese Möglichkeit ab. Schließlich kommt es wie es kommen muss. Er ertrinkt. Als er Gott im Himmel gegenübersteht, macht er diesem Vorwürfe. „Warum hast Du mich nicht gerettet?" Da sagt der liebe Gott: „Ja, was soll ich denn noch mehr machen als die Feuerwehr zu schicken und sogar einen Hubschrauber."
Andrea kann über die Geschichte herzlich lachen. Wir sind uns einig: Wenn Gott mir Möglichkeiten hinhält, dann wäre es fahrlässig, sie auszuschlagen. Andrea z.B. hat kein starkes, aber ein unheimlich großes Herz und Mut, meistens jedenfalls.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10633

Warum machen wir das, regelmäßig immer wieder, jeden zweiten Tag? Ganz plötzlich ist sie da, diese Frage. Wie ein Gedankenblitz. Ich habe wieder mal meine morgendliche Tour im Fitnessstudio geschafft. Bin gerade am tschüs sagen. Die anderen strampeln, drücken, ziehen, stemmen immer noch drauf los. Eingespannt in die Bauch- und Rückentrainer, Reverseflies und wie diese Teile aus Metall alle heißen. Richtig glücklich sieht keiner aus.
Warum machen wir das? Die Frage müsste mir viel öfter einfallen. Nicht nur im Fitnessstudio. Ich mach ja auch sonst vieles, ohne warum oder wozu. Aus Gewohnheit. Oder weil ich muss. Zumindest denke ich das. Oder es gibt mir Sicherheit, etwas so zu machen, wie ich es schon länger mache. Wie ich arbeite. Wie ich konsumiere. Wie ich über die Welt und andere Menschen denke. Warum machen wir, was wir machen oft so gewohnheitsmäßig? Vielleicht müsste ich diese Frage viel öfter stellen. Wegen der Freiheit. Manchmal verhindert die Gewohnheit die Freiheit.
Denn nur wenn ich frage, kann die Idee kommen, dass etwas auch anders gehen könnte. Es gibt ja eigentlich immer eine Alternative. Vielleicht wäre etwas anderes womöglich besser? Eine Veränderung zum Besseren kann nur anfangen, wenn ich mich traue, zu fragen. Eine Frage an mich heranzulassen, die mich freier machen und etwas verändern kann.
In der Bibel wird öfter von Menschen erzählt, die durch eine Frage freier geworden sind. Einmal ist die Befreiung sogar sehr tiefgreifend. Die Hauptperson in der Geschichte ist ein Mann. Er ist eingezwängt in sein Leben, körperlich behindert seit 38 Jahren. Er hat sich aber auch längst abgefunden mit seinem Leben. Alles ist Gewohnheit. Fragen nach warum und wozu und wie anders wagt er schon lange nicht mehr. Aber dann macht es ein anderer für ihn: ‚Willst Du gesund werden', fragt ihn Jesus. Ich stelle mir vor, dass da ein ganzer Fragenkatalog in dem Mann aufbricht: Warum lebst Du immer gleich, seit 38 Jahren? Hast Du noch Hunger auf Freiheit, auf ein besseres Leben? Auf Veränderung? Der Mann lässt die Fragen zu. Und so erzählt die Geschichte. Das Leben, in das er sich eingewöhnt hat, wird noch mal neu.
Warum mache ich das, so gewohnheitsmäßig? Ins Fitnessstudio werde ich in aller Freiheit gehen, weil es meinem Rücken gut tut, Kraft gibt, von der auch andere profitieren. Aber an anderen Punkten, da soll die Frage ruhig in mir weiter bohren. Und wie ist es bei Ihnen?

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10632

Manche e-Mails kommen wie aus der Pistole geschossen. Und zwar nicht nur genauso schnell, sondern auch beinahe so verletzend wie ein Pistolenschuss. Ich vermute, wenn Sie regelmäßig e-Mails bekommen, wissen Sie wovon ich rede. Und vielleicht, wenn Sie ehrlich sind, haben Sie selbst auch Mails in diesem Sinn missbraucht. Man kann ja sehr schnell damit kommunizieren, direkt, zielgenau. Aber weil sie so schnell ist, steckt auch die Versuchung drin, sie unbedacht einzusetzen. Und aus unbedacht wird leicht bedenkenlos, zack, aus der Hüfte, weg damit. Hauptsache sie trifft: Die Meinung eines anderen ärgert einen oder man findet sie daneben. Man kennt ihn oder sie nicht. Aber das ist beim mailen kein Hindernis. Vielleicht sogar im Gegenteil. Weil man den anderen nicht kennt, sitzt der elektronische Schuss bei manchem sogar lockerer.
Aber eines ist klar: Der E-Mail-Schuss eines Unbekannten tut nicht weniger weh. Könnte es sein, dass es E-Mailschreiber gibt, die das wollen? Sich nicht sachlich auseinandersetzen, sondern verletzen?
Mich erinnert das eine radikale Äußerung Jesu in der Bergpredigt. Auf den ersten Blick kann einem das überzogen vorkommen. „Ihr wisst", sagt er, „dass zu unseren Vorfahren gesagt ist ‚Du sollst nicht töten'; wer aber tötet, gehört vor Gericht.
Ich aber sage euch: Wer zu seinem Bruder sagt: „Du Dummkopf, der gehört vor schon vor Gericht; wer „Du Idiot" sagt, der muss sich vor Gott verantworten."
Das Strafmaß, das Jesus hier ins Spiel bringt, befremdet mich zwar. Aber eines finde ich sehr beherzigenswert: Jesus sieht es klipp und klar: Worte können wie Waffen sein. Wer sie benutzt, muss wissen, was er tut, was er damit anrichten kann, wenn er sie ausspricht oder bei der E-Mail auf den „senden -Knopf" drückt. Worte sind nicht harmlos. Sie haben Kraft. Sie können tief unter die Haut treffen, Wunden schlagen, Seelen vergiften. Sind so schnell abgeschossen und können so lange nachwirken.
Ich weiß nicht, was Sie dagegen tun, dass Ihre E-Mails zur Waffe werden können. Vielleicht haben Sie ja einen guten Tipp. Von mir weiß ich, dass es wichtig ist, Zeit zu gewinnen. Besser nicht sofort los schreiben. Je länger man es schafft, zu warten, umso mehr Zeit hat man, noch mal nachzudenken. Mit jeder Minute Geduld wird das Risiko kleiner, unbedacht zu schreiben oder gar bedenkenlos.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10631

Meine Tasse Kaffee zum Frühstück ist mir besonders wertvoll. Im Lauf des Tages kommen dann noch einige dazu. Aber die beim Frühstück ist mir besonders wichtig. Bis vor kurzem hätte ich gesagt, die ist mir heilig. Aber dann sind mir ein paar Dinge klar geworden.
Z.B.: In der Tasse Kaffee steckt viel mehr Wasser drin, als ich lange Zeit geahnt habe. Weitaus mehr als die eine Tasse, die ich sehen kann: ‚Virtuelles' Wasser.
Virtuell nennt man das Wasser, das für Wachstum und die Produktion nötig ist. Kaffee ist besonders wasserintensiv. Für jede Tasse Bohnenkaffee braucht es virtuell 140 Liter Wasser. 140, weit mehr als in eine Badewanne passt, für jede Tasse Kaffee.
Wobei, ‚virtuell' ist eigentlich nicht das richtige Wort. Die 140 Liter Wasser werden ja wirklich verbraucht, teilweise auch verschmutzt.
Es ist ein langer Weg von der Kaffeepflanze bis auf meinen Frühstückstisch. Zum Wachsen braucht sie erst mal Wasser. Und dann vor allem bei der Verarbeitung: Die Früchte müssen gereinigt werden. Geschält. Damit die Bohnen zum Vorschein kommen. Das ist anscheinend sehr wasserintensiv. Dann der Transport nach Deutschland, Rösterei und schlussendlich auf meinen Tisch. So läppert es sich zusammen. Insgesamt 140 Liter Wasser. http://www.virtuelles-wasser.de/kaffee_tee.html
Kann ich da noch sagen, die Tasse Kaffee ist mir heilig? Doch eher das Wasser, nicht ‚mein' Kaffee. Wasser ist kostbar, viel zu kostbar, dass ich es selbstverständlich nehmen darf. Wasser ist nicht irgendwas in Gottes Schöpfung. Mit Wasser schenkt er Leben, ganz elementar. Was wichtig und heilig ist, dafür hat man eine besondere Verantwortung, wenn man es gebraucht oder verbraucht.
Zu dieser Verantwortung gehört auch die Frage:
Ist dieser virtuelle Wasserverbrauch eigentlich gerecht?
Das meiste wird ja im Herkunftsland verbraucht, nicht bei uns. Das bedeutet: In jeder Kaffeebohne importieren wir indirekt auch Wasser aus Brasilien, aus Tansania.
Na und, könnte man sich trösten. So ist das beim weltweiten Handel. Man nimmt, aber gibt ja auch was dafür. Und Wasser: Gibt es davon nicht genug?
Leider nicht für alle Menschen. Viel zu viele Menschen auf der Welt kommen nicht ans gute Wasser. Weil es keines gibt, oder weil es zu teuer ist. Und wenn das daran liegen würde, dass zu viel von uns verbraucht wird?
Wenn einem Wasser heilig ist, dann muss man es achtsam gebrauchen und sparsam verbrauchen. Nebenbei: so viel Kaffee soll ja auch nicht gesund sein.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10630

„Sieht er das nicht? Oder will er es nicht sehen?" Die beiden Frauen ereifern sich richtig. „Er" das ist der Leiter des Altenheims, in dem sie als Pflegekräfte arbeiten. Seit einem halben Jahr sind sie unterbesetzt. Auch weil immer wieder Kolleginnen krank ausfallen. Sie haben die Leitung darauf hingewiesen. Aber passiert ist nichts. „Sieht er nicht, dass das schon lange über unsere Kräfte geht?" sagt eine der beiden in einer Mischung aus Verzweiflung und Unverständnis, aus Ratlosigkeit und Wut.
Kann es sein, dass verantwortliche Chefs so was nicht sehen? Oder, dass sie es sehen, und trotzdem nicht eingreifen? Eigentlich unglaublich, oder? Andererseits, man muss wohl fürchten, dass solche Blindheit verbreitet ist. Ziemlich alt ist sie auf jeden Fall.
Das zeigt eine Geschichte, die Jesus erzählt hat, vor 2000 Jahren. Fast ein Lehrstück für einen Konflikt zwischen Mitarbeitern und Leitung.
Jesus erzählt von einem Richter und einer Witwe. Der Richter ist keine Zierde seiner Zunft. Jesus sagt lapidar. ‚Er hatte keine Achtung vor Gott und nahm auf keinen Menschen Rücksicht.' Aber er hat ein Problem: Eine Witwe, die immer wieder kommt und ihm auf die Nerven geht. ‚Du musst mir zu meinem Recht verhelfen. Es kann nicht sein, dass mein Streitgegner Recht behält, bloß weil Du Dich nicht kümmern willst. Ich lasse Dir keine Ruhe, bis Du Dich meiner Sache angenommen hast.' Irgendwann, erzählt Jesus, hat sie den Richter weich. Jesus erzählt auch da ganz emotionslos: Der Richter wird kein anderer Mensch. Sie wird ihm bloß zu anstrengend. Er hat begriffen, sie gibt erst Ruhe, wenn ich mich um ihren Fall kümmere. ‚Wenn nicht, wird sie am Ende noch handgreiflich gegen mich,' sieht der Richter in Jesu Geschichte ein. (Lukas 18,2 ff)
Keine hehre Einsicht. Aber für die Witwe ist das nicht entscheidend. Sie will, dass er seinen Job macht. Dass er sich um ihr Anliegen kümmert. Das sieht sie als seine Pflicht und als ihr Recht. Darum lässt sie nicht locker. Wenn ich Jesus recht verstehe, dann meint er: Es gibt solche Führungskräfte, die sich nicht kümmern wollen oder können, aber die Frau hat recht, sich nicht zu fügen.
Für die beiden Pflegekräfte im Altenheim heißt das wohl:
Vielleicht sieht der Vorgesetzte nicht, dass sie über ihre Kräfte arbeiten. Vielleicht will er es auch nicht sehen. Aber sie können es machen wie die Witwe in der Bibel. Immer wieder nachbohren.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10629

Eigentlich ist es etwas Gutes, dass Menschen vergessen können. Sogar schlimme Dinge. Ohne Vergessen wäre das Leben viel schwerer. Keine Frau -hat mir mal eine Hebamme gesagt- würde freiwillig noch mal ein Kind auf die Welt bringen, wenn sie die Schmerzen bei der Geburt nicht zum Teil vergessen würde. Und was für eine Mutter gilt, gilt auch für ganze Völker. Sogar Erinnerungen an ganz schlimme Katastrophen, die ein Land erlebt hat, werden blasser. Gott sei Dank. Man kann nur neu leben, wenn man schlimme Erinnerungen vergessen kann.
Aber zu vergessen hat auch seine Schattenseiten. Mit der Erinnerung verblassen auch die Lehren der Vergangenheit. Man lebt leichter, aber vielleicht auch leicht-sinniger.
Nehmen Sie den heutigen Tag, den 8. Mai. Heute vor 66 Jahren sind die schlimmsten 12 deutschen Jahre zu Ende gegangen.
Ist weit weg, oder? Mehr als 2 Generationen.
Die meisten, die diese Jahre aktiv erlebt haben, leben nicht mehr oder sind alt. Unter den aktiven Politikern z.B. gibt es keinen mehr. Das war einmal anders Helmut Schmidt zum Beispiel hat das Grauen des Krieges selbst erlebt und ist in die Politik gegangen um so etwas zu verhindern.
Für die meisten von uns, aktive Politiker wie Normalbürger, sind das Leid und die Gräuel des 2. Weltkrieges fremde Erinnerungen. Und die Lehren von damals?
Geht bei mir und vielen die Beteiligung am Krieg in Afghanistan vielleicht leichter durch den Filter des Gewissen, weil uns Krieg nie selbst weh getan hat? Habe ich vielleicht deshalb zu viel Zutrauen in militärische Lösungen wie in Libyen? Leicht-Sinn, weil Katastrophen-Erinnerungen blass werden?
Was kann dann vor Leicht-Sinn bewahren, wenn Erinnerung der Vergangenheit blasser wird. Vielleicht, wenn wir in die Zukunft schauen. Und Gewaltlosigkeit und Frieden als Ziele viel wichtiger nehmen, größer schreiben. Das Ziel eines gerechten Friedens. Nicht als vage Utopie für den Irgendwann-Tag. Sondern als praktisches Zukunftsbild, das motiviert und unser praktisches Denken und Handeln bestimmt. Schon bevor Gewalt und Krieg ausbrechen. Bevor sie als „letztes Mittel" zum Einsatz kommen müssen. Jesus sagt einmal über die Stadt Jerusalem: „Wenn Du doch erkennen würdest, was Dir Frieden bringt?" Und ‚erkennen' heißt bei ihm immer auch „lieben" und „entsprechend leben". Den Frieden als Ziel lieben, stark machen. Im politischen Alltag. Gewaltlosigkeit auch im normalen Leben. Vielleicht kann das helfen, dass wir nicht leicht-sinnig werden in Sachen Krieg und Gewalt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=10628