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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wer nicht wegfahren kann, für den sind diese Tage jetzt, kurz vor den Sommerferien wahrscheinlich bitter. Dabei denke ich nicht an die eingefleischten Balkonienurlauber, die sich nirgends so gut erholen können, wie daheim. Ich denke heute an die Menschen, die nicht mehr verreisen können, weil sie zu alt dafür sind, oder zu krank. Und die es jetzt genau so juckt, die Koffer zu packen wie die anderen auch. Aber es geht nicht. Nicht in diesem Jahr und vielleicht sogar gar nicht mehr.
Ich habe ein Gedicht gelesen von Rose Ausländer. Das hat mich beeindruckt. Sie schildert darin eine Urlaubsreise. Allerdings eine vom Bett aus. Die Dichterin war Zeit ihres Lebens unterwegs. Als Jüdin in der Nazizeit gezwungenermaßen. Und später, weil sie es wollte und weil sie auf ihren Reisen immer so etwas gesucht hat, wie eine Heimat. Ihre letzten Lebensjahre war sie krank. Ganze 10 Jahre hat sie komplett im Bett verbracht. In ihrer „Matratzengruft" wie sie einmal selbst gesagt hat. Zehn Jahre immer nur in dem einen kleinen Zimmer in einem Altersheim, in ein und demselben engen Bett. Und trotzdem diese Weite, diese Weltoffenheit. Rose Ausländer schreibt:

Ich gehe
im Bett
spazieren

Am Ufer des Ganges
und zur
Mauer Abazzia

Mein Herz
liegt in der
rostigen
Hülle der Trauer

Meine Wege
führen ins Wunder

Ich gehe im Bett spazieren...Ich will die Traurigkeit darüber, nicht mehr mobil zu sein, nicht klein reden. Wer verreisen will, und es nicht mehr kann, der ist mit Recht traurig. Was mir bei Rose Ausländer aber so imponiert, das ist, dass sie noch einen anderen Weg gefunden hat. Sie reist nach innen. Sie holt sich die Bilder ihrer Erinnerung wieder hervor und genießt sie ganz bewusst. „Meine Wege führen ins Wunder" sagt sie, Und braucht offenbar dieses äußere Unterwegs sein gar nicht mehr, um innerlich auf Reisen zu gehen. Rose Ausländer hatte dabei immer das Gefühl beschützt und gesegnet zu sein: „vergiss nicht, es gibt ja das Licht." schreibt sie in einem anderen Gedicht.
Das wünsche ich mir für mich selbst, wenn ich einmal nicht mehr reisen kann.  Dass ich dann immer noch genügend Licht auf meinem inneren Weg sehen kann. Und dass Menschen mich dann besuchen und mir von ihrer Urlaubsreise erzählen. Und dass das dann meine eigenen Erinnerungen wieder hervor lockt.
„Vergiss nicht, es gibt ja das Licht", sagt Rose Ausländer Vielleicht ist das auch für Sie eine Hilfe diesen Sommer im Krankenbett auszuhalten.

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Viele Leute schauen sich im Urlaub gerne Kirchen an. Ich auch.
Es interessiert mich, welche Art von Kirchen die Menschen an meinem Urlaubsort gebaut haben.
Jede Kirche erzählt ihre Geschichte. Auch über die Menschen, die sie gebaut haben. Die kleine evangelische Kirche am Ortsrand - sie erzählt von den zugezogenen Evangelischen. Damals, nach dem Krieg haben sie sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit gebaut. Das ist eine Kirchen-geschichte, genau so interessant wie die des Petersdoms in Rom, mit all seinen verschiedenen Bauphasen und all seiner Pracht.
In der einen Kirche wurden Könige gekrönt und haben Königskinder geheiratet.
In der anderen haben die Handwerkerfamilien im Ort zusammengelegt und die Kirchenfenster gestiftet nach einem großen Brand. Viele dieser Kirchen-Geschichten verrät mir mein Reiseführer.
Manchmal aber, da passiert noch mehr. Dann bin ich plötzlich nicht mehr nur als Touristin in dieser Kirche.
Manchmal erfasst mich in einer Kirche die Ahnung, dass Gott da ist: in dieser Größe und Erhabenheit und Farbenpracht oder in der Stille, im Licht oder der angenehmen Kühle. Ich glaube, man spürt es Räumen ab, wenn in ihnen viel gebetet wird.
Aber wenn Kirchen reine Museen geworden sind, dann fehlt ihnen dieses gewisse Etwas an Atmosphäre.
Manche Menschen aber sind empfindlich gegen zu viel Schönheit, zu viel Schmuck und Pomp. Sie finden, das lenkt sie eher ab von Gott. Zu ihnen gehörten auch Reformatoren; Luther zum Beispiel oder Calvin und Zwingli. Sie sagten: Schmuck und Architektur sind doch nicht das Eigentliche. Das Eigentliche, das in einer Kirche geschehen soll, ist das, was zwischen Gott und den Menschen passiert.
Wenn Gott mit den Menschen redet, durch ein Bibelwort, von dem sie merken, das hat etwas mit mir zu tun, das ist wichtig für mich und mein Leben. Und entscheidend ist auch, dass die Menschen mit Gott reden, wenn sie singen und beten. Das soll in einer Kirche geschehen: das, was zwischen Gott und den Menschen geschieht.
Ich finde, beides stimmt. Ein besonders schöner Kirchenraum kann ablenken. Er kann aber auch helfen, leichter aus der Alltagsroutine heraus kommen. Mir hilft er, besser auf mich selbst zu hören - und auch auf Gott. Besonders leicht gelingt mir das im Urlaub.
Und deshalb habe ich auch vollstes Verständnis, wenn ich als Touristin eine schöne Kirche betrete und am Eingang lese: Bitte vergessen Sie nicht, das ist kein Museum, sondern eine Kirche. Hier wird gebetet".

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„Was krieg ich denn dafür? Ich finde, diese Frage ist pures Gift für das Zusammenleben. Nicht nur für das Zusammenleben in der Familie, sondern auch für das Zusammenleben als Paar. Nichts macht die Liebe so kaputt wie solche Sätze: Warum soll ich denn schon wieder zum Elternabend gehen, du bist doch dran! Ich soll dich zur Arbeit fahren? Und vorher noch schnell dein Hemd bügeln? Und was krieg ich dafür?
Das kann man machen als Paar. Dann kann man aber auch gleich eine Aktiengesellschaft gründen.
Liebe ist ein Gut, das mehr wird, indem man es verschwendet. Dieser Satz gehört nicht ins Poesiealbum, sondern ins Inventar jedes Paartherapeuten. Der amerikanische Scheidungsforscher John Gottman hat dafür sogar eine Formel erfunden, den „Dow Jones Index der Liebe" Die Formel ist kurz. Sie lautet: Gib in der Liebe mehr als du kriegst.
Wenn immer nur eine oder einer gibt und gibt und der andere fast nur noch nimmt, dann entsteht ein Ungleichgewicht. Wenn aber beide mehr geben, als sie nehmen, dann fließt das gegenseitige Geben und Nehmen hin und her. Dann fließen gegenseitiges Lob, gegenseitige Anerkennung, Hilfe, Unterstützung, Wertschätzung. Kurz: es fließt die Liebe. Und niemand  hat dabei das Gefühl zu kurz zu kommen. Darum ist es auch völlig egal, wenn der Kontostand auf der einen Seite mal mehr belastet ist, als auf der anderen - weil einer im Moment mehr nehmen muss als er geben kann.
Genauso ist das, glaube ich, bei der Kindererziehung. Auch Kinder sind kein krisenfestes Konto, von dem man später wieder abheben kann. Wir lieben sie und geben ihnen mehr als genug, einfach deshalb, weil sie da sind. Kinder, die das spüren, werden dann auch selber großzügig geben können und müssen nicht immer fragen: Was krieg ich denn dafür?
Verschwenderisch investieren in die, die man liebt. Ich glaube, dass das die Glücksformel ist, nach der uns Gott geschaffen hat. So hat Gott die ganze Welt geschaffen. Mit einem Übermaß an allem, was wir brauchen, um leben zu können. So kommt Leben in Gang, von dem es in der Bibel heißt: „Es war sehr gut."
Leben wird gut, wenn man großzügig ist. Warum eigentlich sind wir dann so kleinlich, und rechnen einander alles auf? Es geht doch auch anders. Viel besser sogar.

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Wenn ein Angehöriger an Demenz erkrankt: wie soll man damit umgehen? Manche Familien versuchen, das zu verbergen, so gut sie können. Weil sie den Erkrankten nicht bloß stellen wollen, oder weil es ihnen selber peinlich ist, was aus dem Vater, aus der Mutter oder der Oma geworden ist.
Eine prominente Familie mit einem Demenzkranken hat das anders gemacht. Es ist die Familie des Tübinger Professors Walter Jens. Auch er ist an Demenz erkrankt und sein Sohn Tilman hat ein Buch darüber geschrieben. Ein Satz darin lässt mich nicht los. Tilman Jens schreibt: „Wir werden sein Leid nicht verstecken".
Der Sohn schreibt darüber, wie sein Vater gewindelt und gefüttert werden muss, wie er mit Grundschulfibeln etwas Lesen übt, wie er mit Puppen spielt und Kaninchen füttert. Die Krankheit hat den einstigen Professor zurückgezwungen ins Leben eines Kleinkindes. Und sie hat sein Wesen verändert.
Tilman Jens hat sich mit seinem Buch viel Kritik eingehandelt. Viele fanden das lieblos und ganz und gar unwürdig, den berühmten Mann so in seiner Schwäche zu zeigen. Die Familie Jens sieht das anders: Sie meinen, es sei unter der Würde des berühmten Mannes, ihn jetzt, da er krank ist, zu verstecken.
Was die Familie Jens erlebt, das erleben viele andere auch: wie der Mensch, der einst ein ebenbürtiger Partner war oder eine Respektsperson in der Familie, gepflegt und behütet werden muss wie ein kleines Kind. Und nicht einmal mehr seine Angehörigen erkennt. Und dass sie da sein müssen, oft bis ans Ende ihrer Kraft. Viele sagen: „Besonders schlimm ist, wenn die Freunde und Nachbarn sich zurück ziehen, wenn man nicht mehr eingeladen wird und die Bekannte sich nicht mehr melden."
Warum das so ist? Ich glaube, viele sind einfach unsicher - wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Deshalb finde ich es gut, dass Tilman Jens dieses offene Buch über die Demenzkrankheit seines Vaters geschrieben hat. Nicht nur, weil es jeden von uns treffen kann. Sondern weil um uns herum demenzkranke Menschen leben und oft von ihren Angehörigen gepflegt werden.
Niemand lebt für sich alleine. Wir alle sind Freunde, Nachbarn, Bekannte. Wenn wir mehr über die Krankheit Demenz wissen, dann nimmt uns das vielleicht auch die Scheu, und wir trauen uns und fragen: Kann ich Dir irgendwie helfen? Und wenn es nur das ist, dass wir zuhören und nicht so tun, als ob nichts wäre. Ich finde, das ist schon viel.

Tilmann Jens, Demenz, Abschied von meinem Vater, Gütersloher Verlagshaus

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Geschwister streiten. Das ist „fast" normal. Und Geschwister vertragen sich wieder. Das ist auch normal, zum Glück. Jedenfalls bei den Kindern. Wenn aber erwachsene Geschwister streiten, dann kann das mit der Versöhnung schon nicht mehr so ganz einfach sein.
Es gibt „alte" Geschwister, die den Weg zur Versöhnung einfach nicht mehr wieder finden. Irgendwann mal haben sie gestritten. Vor Jahren schon, vielleicht sogar vor Jahrzehnten. Ein Wort ergab damals das andere. Man war verletzt, gekränkt, beleidigt. Man hat nicht mehr miteinander geredet. Und das war's dann. Der Ofen ist aus. Jedenfalls fast. Für beide Seiten. Die Geschwisterliebe ist erkaltet. Man stochert nur noch in der Asche herum, die von dem brennenden Streit zurückgeblieben ist.
In der Bibel steht ein Satz, der passt haargenau auf diese Situation. Er heißt:„Wer Asche hütet, betrügt sein Herz." Eigentlich hütet man ja ein Feuer. Und nicht die Asche. Wenn da erst mal Asche ist, ist der Ofen fast schon aus. Asche, das ist die Vergangenheit. Das Feuer, das gestern loderte, hinterlässt heute nur Staub. Asche ist kalt und gehört aufs Kehrblech.
Die Asche, die von einem brennenden Streit zwischen Geschwistern übrig bleibt, das sind die Verletzungen, die sie einander zugefügt haben. Ein böses Wort oder eine gemeine Handlung . Streit ums Geld, der lieblos ist und weh tut. Manchmal hüten Geschwister die Asche ihrer Kränkungen von gestern wie eine Feuerstelle. Aber sie häufen sorgfältig die Erinnerungen aufeinander, wie Asche und Schlacke sich auf einem Feuer ansammelt, das kaum noch brennt. Und je mehr Asche sich ansammelt, desto schwerer hat es die Glut, die vielleicht noch darunter ist. Irgendwann erstickt sie.
Ich glaube, wer immer nur nachtragend ist, wer nicht vergeben und vergessen kann, der tut sich selbst nichts Gutes. „Wer Asche hütet, betrügt sein Herz." Wenn ich den Propheten Jesaja richtig verstehe, willen er genau auf diesen Punkt hinaus. Wer in der Asche herumstochert, lässt mit der Geschwisterbeziehung auch das eigene Herz kalt werden. Wer dagegen die Schlacken von gestern ausräumt, macht Platz für neues Feuer.
Meistens ist bei den Geschwistern der Ofen ja doch noch nicht ganz und gar aus. Oft lassen sich unter der kalten Asche eines alten Streits doch noch Funken der Zuneigung finden. Etwas von der alten Verbundenheit von Geschwistern. Ich meine, es lohnt sich immer, es noch einmal miteinander zu versuchen. Auch im Alter noch.

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Stellen Sie sich vor, Sie gehen zum Bäcker. Sie bestellen 2 Brote. Sie bezahlen auch zwei Brote. Aber Sie nehmen nur eines mit. Vergesslichkeit? Nicht unbedingt. Jedenfalls nicht, wenn Sie in der Bäckerei von Sören und Hekmet Özer eingekauft haben. Die beiden hatten eine wunderbare Idee: Das "Brot am Haken". Es geht ganz einfach: Wer Geld übrig hat, zahlt ein Brot mehr. Dafür kommt dann ein Gutschein an den Haken. Wer wenig Geld hat, nimmt sich so einen Gutschein und kriegt das Brot dafür umsonst.
Die Idee ist genial einfach. Und sie funktioniert. Viele Kunden zahlen nicht nur ein Brot extra, sondern auch mal ein belegtes Brötchen oder einen Kaffee. Und die Leute spenden querbeet. Die Betuchten genauso wie die weniger Betuchten. Tatsächlich gibt es immer genügend Gutscheine, so dass niemand hungrig gehen muss.
Nur mit dem "Nehmen" hat es anfangs nicht so geklappt wie mit dem "Geben". Viele, denen es nicht so gut geht, schämen sich dafür. Sie hätten schon gerne ein Brot mitgenommen. Aber es fehlte ihnen zuerst der Mut dazu, es auch anzunehmen. Inzwischen ist das anders geworden. Mittlerweile kommen auch Kinder, die ohne Schulbrot in die Schule geschickt werden. Oder Rentner, die mit ihren 450 Euro auskommen müssen. "Ich hätte niemals gedacht, dass es hier bei uns so viele arme Menschen gibt", sagt Hekmet Özer. "Und wenn ich merke, da traut sich jemand nicht, dann frage ich einfach, ob er oder sie heute nicht ein Brot umsonst mitnehmen möchte. Armut kann schließlich jeden treffen. Wir sind doch nur die Brücke zwischen denen, die mehr haben und denen, die weniger haben. Und: Wir haben einen Stein ins Rollen gebracht. Mittlerweile gibt es schon einige Bäckereien, in denen es "Brot am Haken" gibt".
Mich fasziniert diese einfache und unkompliziert Art zu helfen, oder besser: diese Art zu teilen. Würden wir heute noch an der Bibel schreiben, müssten wir diese Geschichte mit hinein nehmen, finde ich. Und gleich hinter der Geschichte von der "wunderbaren Brotvermehrung". In der wussten die Jünger Jesu nämlich nicht, wie sie eine große Menschenmenge satt bekommen sollten. Sie hatten nur 5 Brote und zwei Fische. "Dann gebt ihnen die", soll Jesus gesagt haben. Und alle wurden satt. Da fragt man sich doch, wie das zugegangen sein soll. Vielleicht, denke ich mir, haben sie wirklich bloß geteilt, was da war. Und es hat gereicht. Das ist ein Wunder, und kaum zu glauben.
Aber: Seit ich das mit dem "Brot am Haken" in der Bäckerei von den Özers gelesen habe, kann ich mir vorstellen, wie das auch heute gehen kann.

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