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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das Leben verändert sich, wenn ich jungen Menschen mehr zutraue. Ich meine jetzt nicht dieses Gefühl: Sie werden ihren Weg schon machen. Sondern wenn ich mich zum Beispiel von ihnen im Auto fahren lassen. Früher bin ich ganz selbstverständlich gefahren, heute lerne ich: ich kann auch Jüngere ans Steuer lassen und ihnen meine Gesundheit und mein Leben anvertrauen. Und: ab und zu die Führung abgeben.
Die jünger sind, haben einen andern Blick und andere Fähigkeiten. Voraussichtlich werden sie noch länger leben als ich. Sie sind mit vielem Neuen groß geworden, das ich mir erst aneignen muß, zum Beispiel mit der ganzen Computerwelt. Sie können, wissen, ahnen, spüren vieles, was mir verschlossen ist. Deshalb habe ich sie auch nötig.
Bisher habe ich gern der Erfahrung und dem Können Älterer vertraut. Auch natürlich den Gefährten der eigenen Generation. das will ich auch weiterhin tun. Aber es verschiebt sich etwas. Das Gewicht der älteren Generation wird geringer, das Gewicht der jüngeren Generation nimmt zu. Ich entferne mich auch immer mehr von meiner Herkunft, bin immer weniger Kind, das zu Elterngestalten aufschauen kann, gehe immer mehr in die unbekannte Zukunft, mit Begleitern, die sich im Neuen besser auskennen als ich. Ich stütze mich weniger auf die Autorität des Bewährten und lasse mich mehr locken von der Kraft des Neuen.
Älter werden heißt für mich auch: den Blick immer öfter ins ganz Offene richten. Bis hin auf das Zu - Ende - Gehen meines Lebens und auf das Danach. Ein Blick in einem unentwirrbaren Geflecht von Angst, Neugier, Hoffnung.
Die Jungen, denen ich allmählich mehr vertraue und zutraue, machen mir Mut zu diesem Blick. Es kann ja sogar sein, dass sie mir helfen, meinen Glauben für das weitere Leben zu finden. Daß mich ihre Fragen, Gedanken und Ahnungen weiterbringen, ihre Art, die Bibel zu verstehen, und ihre Bilder von Gott. Denn ist nicht auch Gott vielleicht jung - voller Leben, voller Überraschungen, und in dem Land zu Hause, das für mich noch Neuland ist?

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Kinder werden groß, Kinder werden flügge. Das kann weh tun, ist aber auch spannend, wenn die Kinder von einst woanders Heimat entdecken. Wenn sie erwachsen werden und ihre eigenen Wege gehen, ohne sich nach den Eltern umzugucken. Ich habe diese Erfahrung in einer Geschichte aus dem Neuen Testament wiedergefunden. Sie erzählt von Maria und Josef und ihrem zwölfjährigen Sohn Jesus. Gemeinsam hatten sie in Jerusalem das Paschafest verbracht. Auf dem Heimweg nach Nazareth merken die Eltern, dass Jesus nicht mehr bei ihnen ist. Sie suchen ihn in der ganzen Reisegruppe, bei Bekannten und Verwandten. Schließlich gehen sie nach Jerusalem zurück und suchen dort weiter. Nach 3 Tagen schließlich finden sie ihn: er sitzt im Tempel und redet mit den Lehrern, und alle staunen über das, was er sagt. „Seine Eltern waren sehr betroffen", schreibt der Evangelist Lukas, und seine Mutter macht ihm Vorwürfe: „Wie konntest du uns das nur antun? Dein Vater und ich haben dich voller Sorge gesucht." Und Jesus antwortet: „Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, dass ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört? (Lk 2,48 f.)
Drei Tage sein Kind suchen und sich dann anhören müssen: Wieso habt ihr mich überhaupt gesucht? Das ist stark! Für Lukas, der die Geschichte aufgeschrieben hat, ist die Eltern-Kind-Beziehung allerdings nicht so wichtig. Er will auf Jesus hinweisen, will sagen, dass er Gottes Sohn ist. Deshalb bleibt er im Tempel, dem Haus Gottes, und lässt die Eltern alleine ziehen. Aber die begreifen die Welt nicht mehr. Lukas sagt wörtlich: „Sie verstanden ihn nicht". Und weiter: „Dann kehrte Jesus mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen gehorsam.
Seine Mutter bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen." Das Familienleben geht also normal weiter, aber es hat sich etwas geändert. Jesus hat fast brutal deutlich gemacht: Für mich ist die Welt bei Euch zu klein. Ich gehöre woanders hin. Der Sohn hat sein Zeichen gesetzt. Und dann geht er wieder mit nach Hause. Für eine Reihe von Jahren. Maria begreift nicht, aber sie behält im Kopf und im Herzen, was da geschehen ist. Maria stellt sich Jesus nicht in den Weg, als er dann wirklich weggeht. Die beiden bleiben verbunden. Auch wenn Jesus noch öfter sehr schroff zu seiner Mutter war. Die Bibel erzählt, daß sie nach seinem Tod mit seinen Jüngerinnen und Jüngern zusammen gelebt hat. Mit ihnen zusammen an Pfingsten den Heiligen Geist empfangen hat. Sein Ort ist schließlich ihr Ort geworden.

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Fronleichnam. Der Name ist irreführend. Denn heute wird kein toter Körper verehrt. Im Gegenteil: das Wort Fronleichnam bedeutet: lebendiger Leib des Herrn. Entstanden ist das Fest im Mittelalter, also schon vor der Reformation. So gehört es auch mit zur Geschichte der evangelischen Kirchen. Fronleichnam wurzelt im Gottesdienst, im Glauben, dass Christus in Brot und Wein gegenwärtig ist, in der Messfeier, und auch darüber hinaus. Anfangs wurde die geweihte Hostie vor allem in der Kirche mit Gebeten und Liedern verehrt. Bald kamen dann Prozessionen hinzu. Dabei hat man an andere Bräuche angeknüpft: z.B. an den Brauch, den Priester zu begleiten, der die Kommunion zu einem Sterbenden gebracht hat, später dann auch an den Brauch der Bitt- und Flurprozessionen. Jetzt wurde die geweihte Hostie in einer Monstranz, einem goldenen Schaugefäß, den Menschen gezeigt und aus der Kirche hinaus über die Felder und Wiesen und durch die Städte getragen. Das heilige Brot zeigen und mit Christus in der Mitte durch die Welt gehen und ihn um Segen bitten für Stadt und Land - diese Gedanken kamen neu hinzu. Einen weiteren Akzent erhielt Fronleichnam nach der Reformation: da wurde es zu einem betont katholischen Feiertag. Im Barock gleichen die Prozessionen einem Triumphzug: der himmlische König zieht mit viel Prunk durch das Land, begleitet von seinem Hofstaat - den Heiligenfiguren, die mitgetragen werden, und geleitet von seinem Volk, das ihm Blumen auf den Weg streut. Im Dritten Reich haben Menschen an diesem Tag sehr viel Mut gezeigt. Denn bei der Fronleichnamsprozession mitzugehen, hieß, sich öffentlich als Christ zu bekennen. So hat Fronleichnam im Laufe der Zeit Verschiedenes bedeutet und Frommes und weniger Frommes angezogen. Viele Gemeinden versuchen heute, zeitgemäße Formen zu finden, in denen gewachsenes Brauchtum und modernes Leben zusammenkommen und in denen auch die Ökumene im Blick ist.

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Kevin ist ein autistischer Junge, ein total auf sich selbst bezogenes Kind, mit niemand tritt er in Kontakt. Nur Nora schafft es, ihn aus sich herauszulocken. Nora ist ein Collie, ausgebildet als Therapiehund. Immer wieder geht sie auch mit ihrer Besitzerin ins Hospiz, manchen sterbenden Menschen tut ihre Nähe gut.
Mensch und Tier - nicht nur in diesen besonderen Situationen sind sie sich nahe. Forscher haben herausgefunden, dass zum Beispiel das Erbgut von Menschen und Schimpansen zu fast 99% übereinstimmt.
Auf jeden Fall tragen wir Menschen in uns die Entwicklungsgeschichte von Millionen von Jahren. Wir sind nicht denkbar ohne die Lebewesen vor uns, die eben auch in uns sind. Gleichzeitig sind wir mehr als die Ansammlung von dem, was vor uns war. Biologen sprechen davon, daß Mutationen, zufällige Veränderungen im Erbgut uns zu dem gemacht haben, was wir sind:
Nach den biblischen Texten ist es hingegen kein Zufall, daß Menschen sich entwickelt haben. „Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, nach unserm Abbild, uns ähnlich!" (Genesis 1,26) So steht es in den biblischen Geschichten von der Erschaffung der Welt. Da sind wir Menschen eine eigene Stufe des Lebens, noch dazu ein Bild von Gott. Und gleichzeitig eng verwandt mit den Tieren, verwandt also und doch verschieden.
So haben dann auch viele Menschen ein enges Verhältnis zu Hund, Katze, Pferd oder Vogel. Nicht nur, weil sie wie Collie Nora hilfreiche Therapeuten sind, sondern vor allem als Spielkameraden oder Gefährten. Zwar finde ich nicht, dass Tiere die besseren Menschen sind, aber so mancher Hund und manche Katze ersetzt einen Menschen. Wenn sie sich auf den Schoß legt und schnurrt, wenn er seine Besitzer bei jedem Wetter nach draußen zieht. Tiere lindern Einsamkeit, sie locken, bringen in Bewegung.
Vielleicht staunen wir ja auch einmal alle, wenn sich erweisen sollte, daß Martin Luther recht hat, der sagt: „Ich glaube, daß auch die Hündlein in den Himmel kommen und jede Kreatur eine unsterbliche Seele hat."[1]

 

[1] zit. in: Heike Baranzke, Sentimentale Mode? Der Tierschutz und seine ethischen Begründungen. In Herder-Korrespondenz 12/2002, 645

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„Wenn du mich anschaust, werd' ich schön, schön wie das Riedgras unterm Tau"[1].Mit diesen Worten beginnt die chilenische Dichterin Gabriela Mistral eines ihrer Gedichte.
Sie weiß, dass sie keine Schönheit ist, kennt ihre Makel, aber der Blick, wohl der liebende Blick ihres Freundes verwandelt sie: „Wenn du mich anschaust, werd' ich schön".
Vielleicht kennen Sie auch das völlig andere; das Gefühl: wenn dieser Mensch mich anblickt, fühle ich mich hässlich, überhaupt nicht wohl in meiner Haut.
Noch schlimmer ist es, wenn ich gar nicht angeschaut werde, übersehen, wie Luft behandelt werde. Auch wenn ich selbstbewusst bin und innerlich stark, existieren kann ich nicht nur für mich allein. Die andern müssen noch gar nichts tun, aber mich ihres Blickes würdigen. Es ist vernichtend,, wenn mich niemand eines Blickes würdigt. Das ist, wie wenn es mich gar nicht gäbe.
Und deshalb tut die andere Erfahrung so gut, von der das Gedicht spricht: jemand sieht mich nicht nur, sondern unter seinem, unter ihrem Blick kann ich aufblühen, kommt das Schöne in mir zum Vorschein, manchmal nur für diesen einen Menschen, manchmal merken es auch noch andere. Da lässt mich jemand wirklich spüren: Ich sehe in dir dein Geheimnis. Ich sehe in dir etwas Einzigartiges. Ich sehe in dir, was niemand sonst sieht. Du hast Falten und Flecken, bist zu dick und hinkst - und ich sehe in dir etwas, das für mich liebenswert ist, und das überstrahlt alles. „Senk lange deinen Blick auf mich", sagt Gabriela Mistral gegen Ende ihres Gedichtes. Dieser Blick schenkt Freude, dieser Blick weckt Kräfte, dieser Blick lässt leben.
Vielleicht spricht auch deshalb eine der ältesten Bitten in der Bibel davon, daß Gott den Menschen anschauen möge.
„Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir", heißt es dort, oder noch einfacher: „Der Herr wende sein Angesicht dir zu".Von Gott angeschaut werden. Das reicht. Davon lässt sich leben. 

[1] Gabriela Mistral, Wenn du mich anschaust, werd' ich schön., München 1991, 31

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Nur zuhören
Stimme mir  weder zu
noch sei ablehnend.
Beurteile mich nicht
oder suche sofort nach Lösungen. Gib
mir keine Ratschläge.
Mache dir kein
eigenes Bild. Du
brauchst mich nicht
verstehen - nur
aus ganzem Herzen
zuhören. 

In einem Café habe ich diesen Text gefunden. Jemand hatte ihn an die Wand geschrieben.
Warum nur tut es so gut, wenn mir jemand zuhört? Wenn ich erzählen darf, mit viel Zeit, einem Menschen erzählen, der ganz dabei ist, mich nicht unterbricht und nicht gleich antwortet? Wer mir zuhört, schätzt mich und lässt mich das auch spüren: Was Du mitteilen willst von Dir, ist mir wichtig. Ich will dich dabei nicht aushorchen, nicht beeinflussen, nicht belehren. Ich höre, weil Du es bist und weil Du mir etwas sagen willst. Und will dabei respektvoll bleiben und diskret. Es geht um dich, deine Erlebnisse, Gefühle, Fragen, Ideen. Auch um das, was du gar nicht in Worte fassen kannst.
Überraschend sind in diesem Text Sätze wie: stimme mir nicht zu, suche nicht sofort nach Lösungen, und vor allem: du brauchst mich nicht verstehen.
Vielleicht steht das da, weil wir uns so oft täuschen, wenn wir meinen, einen andern zu verstehen. Weil  wir verstehen leicht mit Festlegen verwechseln. Und manchmal sind auch nicht die Lösungen wichtig oder es ist noch viel zu früh dafür, weil erst noch die Fragen Zeit brauchen, oder Zorn oder Schmerz. Manchmal ist jetzt die Zeit, daß jemand nur sagen darf: So geht es mir! Bitte hör mich!
Genau solche Worte finden sich auch in Gebeten. etwa im Psalm 88. Da hat vor über 2000 Jahren jemand zu Gott gerufen:
Neige dein Ohr mir zu! Höre auf mein lautes Flehen! Ich verstehe das so: nimm mich wahr, Gott, hör mir zu, hör dir meine Not an! Da steht nicht zuerst, daß Gott dies oder jenes tun soll, nur hören soll er. Aus ganzem Herzen nur zuhören.

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Fest der Heiligen Dreifaltigkeit - so heißt der Sonntag nach Pfingsten. Gemeint sind damit nicht Maria und Josef und das Jesuskind. Gemeint ist Gott, genauer: der etwas schwierige Gedanke, dass Gott dreifaltig ist, ein Gott, bestehend aus Vater, Sohn und Heiligem Geist.
Gott wird verehrt als der Schöpfer, der die Welt und alles erschaffen hat, als der Sohn, in dem dieser Gott Mensch geworden ist und mit uns gelebt hat, als der Heilige Geist, der auch immer schon da war und alles belebt und die Ahnung von Gott in jedes Menschenherz legt. Immer wieder haben Theologen versucht, diesen alten Glauben zu erklären, ihn erst einmal selber zu verstehen. Und Künstler haben immer wieder den dreifaltigen Gott dargestellt. Mich beeindrucken besonders die Bilder mit dem merkwürdigen Namen Gnadenstuhl. Da ist in der Mitte Gott Vater, meistens sitzend, in seinen Händen hält er vor sich das Kreuz, an dem Jesus hängt, umfängt es sogar mit seinen Armen, und dann schwebt da in Gestalt einer Taube der Hl. Geist. Das ist Gott, müsste man unter diese Bilder schreiben. So ist Gott. Und ich glaube es ist richtig, ihn in drei Gestalten darzustellen. Das sagt nämlich aus: Gott thront nicht einsam. Zu ihm gehört Gemeinschaft.
Es gehört zu ihm, dass er mit uns zu tun hat. Das zeigt sich besonders in Jesus, im Sohn, im Bruder der Menschen. Gott ist einer, der nicht zuerst in sich ruht und dann zusätzlich auch noch Beziehungen hat. Sondern die ausgestreckten Hände und ausgebreiteten Arme gehören zu ihm. Dieser einfache Gedanke steht hinter dem schwierigen Wort Dreifaltigkeit.
Vielleicht entdecken Sie ja mal in einer Kirche oder einem Museum ein solches Bild vom Gnadenstuhl und lassen sich davon ansprechen, vielleicht sogar einladen zum Beten, zum Nachdenken, zum Vertrauen auf diesen Gott..
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Dreifaltigkeitssonntag

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