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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Du sollst nicht töten!

 „Du sollst nicht töten", das ist das fünfte der 10 Gebote, ein Gebot wie in Stein gemeißelt. Alt, in allen Kulturen anerkannt und beinahe selbstverständlich. Beinahe, denn schau ich nur ein klein wenig über meinen behüteten Alltag hinaus, dann ist gar nichts selbstverständlich. Da sehe ich tödliche Gewalt in Krieg und Terrorismus, strukturelles Töten durch Krankheit und Hunger in den armen Ländern der Welt. Und da geht es immer wieder - und zu Recht - um strittige Fragen wie Abtreibung, aktive Sterbehilfe oder den Freitod von Menschen. Große, wichtige erste und letzte Fragen des Lebens um die auch gestritten werden muss. Zu viele und zu große Themen aber um in diesen drei Minuten abgehandelt zu werden. Darum möchte ich meinen Blick beim Tötungsverbot auf zwei Bereiche lenken, auf die mich der Benediktinerpater Anselm Grün gebracht hat. Auf das soziale Töten und auf das Abtöten von Dingen, die in mir leben wollen. Anselm Grün nennt zum Beispiel Mobbing eine Form des sozialen Tötens. Wenn jemand mundtot gemacht werden soll oder an jemandem Rufmord begangen wird. Jemanden ausschließen, ausgrenzen und abgrenzen von der Gemeinschaft tötet ihn sozial und darum hüte man sich vor diesem Verhalten. Hüten möge man sich auch davor Dinge, die einfach leben wollen, in sich selbst abzutöten. Das heißt nun sicher nicht alles zuzulassen, was mir so in den Sinn kommt oder wozu ich gerade Lust habe. Und schon gar nicht meine Bedürfnisse rücksichtslos durchsetzen zu wollen. Nein, aber wenn etwas in mir drin ist, das unbedingt leben will, dann kann und darf ich es nicht unterdrücken oder gar abtöten wollen. Meine Wünsche, Träume und Sehsüchte. Darum gilt auch und gerade hier das fünfte Gebot: Du sollst nicht abtöten, oder positiv ausgedrückt, sei der, der du bist und lebe! Alles andere liegt bei Gott.

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Du sollst Vater und Mutter ehren

 „Sei lieb zu deinen Kindern, denn sie suchen dein Altersheim aus!" Na Klasse! Selten hab' ich eine so ranzige Variante des vierten Gebots gehört. Des vierten der 10 Gebote, „Du sollst Vater und Mutter ehren!" Der Spruch vom Anfang dreht die Perspektive, behält aber den über 3000 Jahre alten Kern dieser Lebensregel bei: dass die Kinder für ihre alten Eltern sorgen sollen. Damals wie heute geht es darum, die alten Menschen vor dem sozialen Absturz zu sichern, wenn sie gebrechlich oder krank werden. Aber auch um die seelische Seite, um den liebevollen oder wenigstens respektvollen Umgang mit den gealterten Vätern und Müttern. Wenigstens respektvoll, ich habe das bewusst so gesagt, denn die Beziehung Eltern-Kinder ist im Idealfall ein Geschenk des Himmels und etwas vom Schönsten, das es gibt. Diese Beziehung ist aber auch eine ganz heikle Kiste. Wenn sich zum Beispiel groß gewordene Kinder von gealterten Egozentrikern lebenslänglich in die Pflicht genommen sehen. Oder wenn hilflose Greise von rücksichtslosen „Selbstverwirklichern" abgeschoben werden. Für all diese Beziehungskonstellationen will das vierte Gebot eine Hilfe sein. Den Eltern, die, so sie Liebe gegeben haben, diese Liebe auch an ihrem Lebensabend zurückbekommen sollen. Den Kindern, die, wenn sie keine oder zu wenig Liebe bekommen haben, wenigstens ihre Eltern respektieren sollen. Denn, was ihre Eltern ihnen getan oder eben auch nicht getan haben - von ihnen haben sie das Leben erhalten. Und das nicht wenigstens zu respektieren beeinträchtigt im letzten auch den Respekt vor sich selbst.
Vater und Mutter ehren - beim vierten Gebot geht es um ein uraltes Wechselspiel von Geben und Nehmen. Haben die Eltern viel Gutes für uns getan, bedanken wir uns bei ihnen auch dadurch, dass wir unseren Kindern Gutes tun.

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Du sollst den Sabbat heiligen

„Der Kaminfeger trägt sonntags wohl auch ein Hemd so weiß wie Schnee". Wunderbar wie dieses Sprichwort den Sinn des Sonntags ins Bild setzt! Ich sehe ihn geradezu vor mir, den Kaminfeger: Mit seinen schwarzen Kleidern und dem Ruß an Hals und Händen. Und dass der wenigstens an einem Tag der Woche aus seinen schwarzen Klamotten raus möchte und ein schneeweißes Hemd anziehen will, kann ich sehr gut nach vollziehen. Den Ruß abwaschen, die Last oder den Ärger der Woche abstreifen, sich äußerlich und innerlich reinigen, sich frei machen. Das ist der Sinn des dritten der 10 Gebote: Du sollst den Sabbat heiligen. Es ist ja interessant, dass sich dieser Rhythmus des 6 Tage Arbeit und 1 Tag Ausruhen weltweit durchgesetzt hat. Man könnte sich ja auch nach dem Mond richten oder nach der Wirtschaft und durcharbeiten wie die Maschinen. Nein, dieser uralte Rhythmus von 6 +1 hat sich weltweit durchgesetzt. Interessant ist, dass dieses dritte Gebot in der Bibel mit 2 verschiedenen Argumenten begründet wird: Das eine besagt, dass Gott selbst bei der Erschaffung der Welt 6 Tage tätig war und am Siebten geruht hat. Was heißen soll: das ist eine göttliche Schöpfungsordnung, an die sich der Chef selbst gehalten hat. In der zweiten Begründung erinnert Gott daran, dass er sein Volk Israel aus der Knechtschaft befreit hat. Und deshalb will er nicht, dass es sich selbst mit Arbeit knechtet. Welch ein revolutionärer, befreiender Gedanke! Nicht nur damals als die Herren ihren Sklaven den Sabbat frei geben mussten, sondern auch heute, wo sich der Mensch auch immer wieder selbst versklavt durch Arbeit, Erfolg, Profit oder was auch immer. Wo dieser Ruhetag doch so heilsam sein könnte. Durch die Erholung der inneren und äußeren Kräfte. Als eine Wohltat für den Menschen. Damit er immer wieder zu sich selbst und seiner Mitte findet. Sich befreit, sich schön macht und sei es nur durch ein schneeweißes Sonntagshemd.

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Du sollst dir kein Bildnis machen

Ein Zitat von Friedrich dem Großen, dem „Alten Fritz":  „Es heißt, dass wir Könige auf Erden die Ebenbilder Gottes seien. Ich habe mich daraufhin im Spiegel betrachtet. Sehr schmeichelhaft für den lieben Gott ist das nicht." Nett! Und abgesehen davon, dass nach christlichem Glauben jeder ein König ist, sagt dieses Zitat auch: mein Gottesbild hängt auch von meinem Selbstbild ab. Fixiere ich mich auf ein bestimmtes Bild von mir selbst, dann fixiere ich mich vielleicht auch auf ein bestimmtes Bild von Gott. Halte ich mich zum Beispiel für streng, könnte ich Gott als Richter sehen. Halte ich mich für groß und stark, könnte ich ihn als allmächtig ansehen. Genau dagegen wendet sich aber das 2. der 10 Gebote: Du sollst dir kein Bildnis machen. Das ist eine uralte Erfahrung, dass die Menschen gern alles festhalten, festlegen, fixieren möchten. Es ist ja auch kein Wunder, in einer Welt, die schon immer unübersichtlich war und sich dauernd verändert. Man will Sicherheit, Stabilität, Verlässlichkeit, bei sich selbst bei anderen und natürlich bei Gott. Oder man will Überlegenheit und Macht. Wenn ich Andere festhalte, fixiere - dann binde, ja fessele ich sie an meine Vorstellungen, an mein Bild von ihnen. Den Starken an die Stärke, den Schwachen an die Schwäche, die Schöne an die Schönheit.  Das zweite Gebot will den Menschen aber Freiheit ermöglichen, die Freiheit sich zu entwickeln, sich zu verändern, zu wachsen, so dass ich mich in die Gestalt hinein entwickeln kann, die Gott für mich in dieser Welt vorgesehen hat. Dazu braucht es vor allem Liebe, Geborgenheit, Vertrauen und nicht zuletzt Freiheit. Innere Freiheit von den Bildern, die ich von mir selbst habe oder die die Anderen von mir haben. Und es braucht Vertrauen darauf, dass die Anderen mich auch entwickeln lassen, hineinwachsen in die Stimmigkeit mit mir selbst. Und nur so ich kann auch dem unbeschreiblichen Wesen namens Gott nahe kommen, von dem man sich kein Bild machen soll, weil es so anders und so unfassbar ist.

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 Du sollst keine anderen Götter neben mir haben."

Es wäre eine klassische Quizfrage „Wie lautet das erste der 10 Gebote?" So früh am Morgen natürlich gleich die Antwort: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben." Dieses Gebot ist vor rund 3000 Jahren entstanden. Das Volk Israel sollte sich von anderen Kulturen abgrenzen, von Vielgötterei, mit zwanghaften Unterwerfungsritualen und Opfern, oft Menschenopfern. Und es sollte sich stattdessen auf nur einen, auf seinen Gott ausrichten. Ein Gott der zu seinem Volk sagte, „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, dem Hause der Knechtschaft geführt hat." Also ein Gott, der die Menschen frei sehen möchte. Frei von fremder Knechtschaft oder auch eigenen Versklavungen. Und warum erzähl ich das alles? Weil ich mich diese Woche mit den 10 Geboten beschäftigen möchte. Diese steinalten Gebote aus dem kulturgeschichtlichen Museum holen möchte und spürbar machen, was sie uns heute noch bringen können, welch befreiende Kraft in ihnen steckt. Auf die heutige Zeit gewendet heißt zum Beispiel das 1. Gebot: wo ist der Fixpunkt deines Lebens, woran hängt dein Herz? Was sind deine kleinen Götter, deine unbewussten Götzen? Geld, Leistung, Erfolg, Macht, - Autos, Sex, Computer oder Sport? Das erste Gebot ist kein Miesmachergebot! All die gerade aufgezählten Dinge sind ja nicht in sich schlecht. Nur, wenn sie Besitz von mir ergreifen, wenn sie mich versklaven, dann werden sie zu Götzen. Und davor kann mich der Glaube an einen Gott bewahren, der jenseits all dieser menschlich, allzu menschlichen Bedürfnisse ist. Wenn es mir gelingt mich immer wieder auf diesen mir wohlwollenden Gott auszurichten, mich zu zentrieren, zu konzentrieren, dann kann mich das vor innerer Zersplitterung bewahren. Dann kann mich das zu meiner Mitte führen und mir so manche Ängste, Zwänge und Belastungen nehmen. Und darum verstehe ich das erste der 10 Gebote auch als ein  Angebot an mich, ein Angebot frei zu sein oder frei zu werden.

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Manche können es nicht mehr hören und manche wollen es nicht mehr hören: die nicht endenden Enthüllungen von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Aber wir müssen sie uns anhören. Vor allem meine Kirche. Denn sie war in den letzten Wochen im Zentrum dieses moralischen Erdbebens. Was da alles ans Licht der Öffentlichkeit gekommen ist, ist einfach grauenhaft und erfüllt mich mit tiefer Scham. Auch weil meine Kirche seit Jahrzehnten bei der Sexualmoral die Messlatte so hoch gelegt hat und jetzt herauskommt wie oft sie sie selbst gerissen hat. Und die Regelmäßigkeit mit der die Missbrauchsfälle in den letzten Wochen an die Öffentlichkeit kamen erweckt den Eindruck sexueller Missbrauch sei die Regel in der katholischen Kirche. Das ist er aber nicht. Er ist die Ausnahme. Die schreckliche Ausnahme, die die Regel überdeckt. Die regelmäßig gute tadellose Arbeit von zig Tausenden unbescholtenen Seelsorgern. Das macht aber die Missbrauchsfälle die geschehen sind nicht erträglicher. Denn jeder ist ein Trauma für den Betroffenen, eine Schande für den Täter und immer auch für die Institution der er angehört. Und darum müssen die Täter auch zur Rechenschaft gezogen werden. Die Institutionen müssen sich für die Täter entschuldigen wenn diese es nicht tun oder nicht mehr tun können. Und die Betroffenen müssen, wenn sie es wollen, Hilfe bekommen ihre schrecklichen Erfahrungen zu verarbeiten.
Denn sexueller Missbrauch ist ein Phänomen das wohl leider gar nicht so selten ist und das es in den verschiedensten Gruppierungen unserer Gesellschaft gibt. 120.000 Kinder und Jugendliche werden pro Jahr in Deutschland sexuell missbraucht. 90% davon in der Familie! Damit ich auch hier nicht falsch verstanden werde, ich sage das nicht um von den schlimmen Verfehlungen meiner Kirche abzulenken. Wie bei allen Missbrauchstätern haben auch und gerade in der Kirche Menschen ihre Macht schamlos ausgenutzt. Denn sexueller Missbrauch geschieht fast immer in Abhängigkeitsverhältnissen. In engen, nicht ebenbürtigen Beziehungen ohne soziale Kontrolle von außen. Wo Kinder von ihren Eltern missbraucht werden, Internatsschüler von ihren Erziehern oder eben auch Kinder und Jugendliche von Priestern...
Und wenn es irgend etwas Sinnvolles an diesen nicht endenden Enthüllungen gibt, dann vielleicht dass das Tabu sexueller Missbrauch auf die Tagesordnung unserer Gesellschaft gekommen ist. Dass die katholische Kirche in eine Phase der Buße geht, mit nachhaltigen Konsequenzen in ihrem Verhalten und auch in ihren Strukturen. Vor allem aber dass die von Missbrauch Betroffenen von ihrer seelischen Last befreit und unsere Kinder heute besser geschützt werden.

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„Was weiß mein Hund schon vom Sonntag?" Fragt ein Sprichwort. Wissen tut der Hund wahrscheinlich nichts, aber vielleicht spüren, wenn er sonntags längere Spaziergänge machen darf als werktags. Und was wissen wir fühlende und denkende Menschen vom Sonntag?
Dass er dem Menschen gut tun soll. Indem er ihn von den Pflichten befreit, die ihn unter der Woche binden. Dass der Mensch die Unterbrechung, die regelmäßige Erholung braucht. Denn ohne Sonntage gibt's nur noch Werktage.
Wenn die Kirchen immer wieder die Sonntagsruhe anmahnen, ist das kein vorgestriges Rückzugsgefecht, sondern ein Jahrtausende altes Wissen, das die Religionen als kostbaren Schatz bewahren wollen: dass der Mensch mehr ist als was er leistet. Dass der Mensch mehr ist als was er sich leisten kann. Und dass die Voraussetzung für Seelenheil die Seelenruhe ist.
Ich hab letztlich eine Postkarte bekommen. Auf ihr stehen lauter schöne Sachen, die man besonders gut am Sonntag machen kann. Zum Beispiel: Tagträumen, die Fotosammlung sortieren, schlafen bis es nicht mehr geht, sehen wie die Sonne durch Kirchenfenster fällt, zusammen frühstücken und alle haben Zeit, Tatort gucken, über einen Friedhof streifen, vormittags in der leeren Straßenbahn fahren, rote Blumen auf dem Altar sehen, Zeit für Langeweile haben, Weihrauch riechen, Schaufensterbummeln ohne Geld ausgeben, sich rausputzen und ins Konzerthaus zur Matinee gehen oder Buttercremetorte ohne schlechtes Gewissen essen...
In diesem Sinne: einen schönen Sonntag!

 

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