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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das Wünschen hat Hochkonjunktur in diesen Tagen. Man wünscht sich ein gesundes, ein frohes, ein glückliches, ein gesegnetes neues Jahr.
Ob wir uns immer der Kraft bewußt sind, die in einem Wunsch liegen kann?
Wer einem andern etwas Böses gewünscht hat - was ja auch vorkommen soll - erschrickt manchmal. „Jetzt hab ich der in meinem Zorn eine Krankheit an den Leib gewünscht - hoffentlich passiert nichts, denn dann bin ich schuld!” Viele Märchen handeln von verwunschenen Schlössern, Prinzen und Prinzessinnen. Wo eine Fee oder ein Mensch oder ein Zauberer aus Harry Potters Welt jemanden verwünscht, da braucht es viel, um diesen Bann zu lösen.
Doch nicht nur im Verwünschen, auch im Wünschen, im guten Wunsch liegt Kraft. Das Wort „Wünschen” hängt zusammen mit gewinnen und mit dem indogermanischen „uen“, das soviel heißt wie „umherziehen, suchen, nach etwas trachten“.. Wenn ich dem andern ein glückliches neues Jahr wünsche - nicht der Höflichkeit halber, sondern ehrlich - dann werde ich auch danach trachten, daß er ein glückliches Jahr hat. Ich kann nicht dem andern Gutes wünschen, ohne ihm gut zu sein. Und darin liegt Kraft.
Dem Wünschen verwandt ist das Segnen.
Solange ich zurückdenken kann, haben meine Eltern uns Kinder gesegnet: am Abend; bevor wir in die Ferien fuhren; als wir ganz aus dem Elternhaus gegangen sind; in den letzten Lebenswochen meiner Mutter war es umgekehrt, da habe ich ihr manchmal beim Abschied ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet.
Bereits im alten Israel segnen die Patriarchen und segnen Eltern ihre Kinder. Es gibt in der Bibel dramatische Geschichten, die davon erzählen, daß kein Segen korrigiert und kein Segen zurückgenommen werden kann.
Einander segnen heißt: die, die uns am Herzen liegen, Gott anvertrauen. Menschen, für die wir so den Segen Gottes erbeten haben, bleiben ein für allemal gesegnet, auch wenn sie sich von uns vielleicht innerlich oder äußerlich entfernt haben.
Ich möchte heute, am 2.Tag des Jahres, schließen mit einem alten Segensgebet, dem sogenannten „aaronitischen Segen“. Er steht im Buch Numeri, dem 4. Buch der Bibel. Dieser Segen ist meine Bitte und mein Wunsch für Sie:
„Der Herr segne dich und behüte dich.
Er lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.
Er wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden.“



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Ein gutes Jahr 2010 wünsche ich Ihnen, liebe Hörerinnen, liebe Hörer, und daß Sie mit Vertrauen in dieses neue Jahr gehen können.
Für mich ist der Jahreswechsel jedesmal eine Probe auf das Vertrauen. Hoffnungen gehen mir durch den Kopf und Befürchtungen. Werde ich gesund bleiben? Wird es mit der Arbeit weiterhin klappen? Wie wird es der Familie, wie wird es Freunden gehen? Welche schönen Überraschungen erwarten mich? Wie wird sie aussehen, meine persönliche Welt und die weite Welt am Ende dieses Jahres?
Vieles habe ich ja selber in der Hand, und ich überlege, was mir wichtig ist, was ich vielleicht anders machen will als im vergangenen Jahr. „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert”, sagt man zwar, aber sinnvoll ist es trotzdem, am Beginn eines neuen Jahres zu überlegen: Was will ich? Was will ich nicht? Wofür setze ich Kraft ein? Und auch: Was muß ich hinnehmen, anzunehmen versuchen, weil ich es nicht ändern kann. Das Letzte fällt mir schwer: Anpacken ist leichter als annehmen.
In vielen Städten haben um Mitternacht die Glocken geläutet. Sie sollten das neue Jahr begrüßen und das uralte Vertrauen ausdrücken, daß die Zeit in Gottes Händen steht. Viele haben dieses Vertrauen, auch wenn es ihnen vielleicht gerade nicht bewußt ist. Da ist etwas anderes gemeint als der Spruch von Konrad Adenauer: ”Es ist noch immer gutgegangen.” Es ist eben nicht immer gut gegangen, und es wird auch im neuen Jahr vieles, viel zu vieles nicht gut gehen. So hat auch die Furcht ihre Gründe an der Schwelle des Jahres. Aber Furcht und Vertrauen schließen sich ja nicht unbedingt aus.
Der Salzburger Theologe Gottfried Bachl hat ein Gebet aufgeschrieben, das im Vertrauen die Furcht nicht übergeht. Man kann es zum Beginn oder zum Ende eines Lebens sprechen, und eben auch – eine Woche nach dem Fest der Geburt Jesu – am Beginn dieses neuen Jahres:
„Überallhin
gehst du mit uns,
in das Leben, wenn es anfängt,
in das Leben, wenn es endet,
und zeigst
den Stern der Gerechtigkeit
und sprichst
von der ehrlichen Freude
und hilfst uns,
den Funken Liebe suchen,
und leuchtest heimlich
auch an den schwarzen Tagen,
Jesus
Gotteslicht Menschenkind.“
(Mailuft und Eisgang. Innsbruck 1998, 70)


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Zum Jahresende möchte ich von einer Geschichte aus dem ersten Buch der Bibel berichten. Sie hat sich bestimmt nicht so zugetragen, aber ich finde eigene Erfahrungen darin wieder. Das Ganze spielt in der Stadt Sodom, wo es moralisch drunter und drüber geht. Gott vernichtet deshalb die Stadt und alle Bewohner mit Ausnahme der Familie des Lot. Ein Engel drängt sie aus der Stadt, treibt sie zur Eile an und sagt vor allem: Blickt nicht zurück! Lots Frau schafft es nicht. Sie guckt zurück auf ihre Heimat, auf die Katastrophe hinter ihr – und erstarrt zur Salzsäule.
Mich fasziniert diese Geschichte, gerade am Jahreswechsel, und sie jagt mir einen Schauer über den Rücken. Zurücklassen können, hinter mir lassen können, was vorbei ist. Sonst geht das Leben nicht weiter, sonst werde ich starr. Doch es ist gar nicht so einfach.. Zurücklassen tut weh und kann frei machen, beides gleichzeitig.
Diese Geschichte ist kein Rezept. Aber sie leitet mich bei der Frage: Wie halte ich es mit dem Jahreswechsel? Was nehme ich mit? Was will ich hinter mir lassen? Was macht mich starr, was lähmt? Was will ich endgültig ruhen lassen, damit ich nach vorn sehen kann? Und was will ich verwandeln und damit vorwärts gehen?
Die Geschichte von Lots Frau, die zur Salzsäule erstarrt, weil sie noch so gebannt ist vom Alten, hat für mich etwas Gnadenloses. Ich möchte ihr deshalb Verse des Dichters Paul Gerhardt an die Seite stellen. Er hat sie, im Jahr 1653 zur Jahreswende geschrieben. Auch hier geht es um den Schritt vom Alten zum Neuen, diesmal in einem ganz anderen Ton:
1)“Nun lasst uns gehen und treten mit Singen und mit Beten zum Herrn, der unserm Leben bis hierher Kraft gegeben.
2)Wir gehen dahin und wandern von einem Jahr zum andern, wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen
3)durch soviel Angst und Plagen, durch Zittern und durch Zagen, durch Krieg und große Schrecken, die alle Welt bedecken.
4)Denn wie von treuen Müttern in schweren Ungewittern die Kindlein hier auf Erden mit Fleiß bewahret werden,
5)also auch und nicht minder lässt Gott uns, seine Kinder, wenn Not und Trübsal blitzen, in seinem Schoße sitzen.....
11) Sprich deinen milden Segen zu allen unsern Wegen, laß Großen und auch Kleinen die Gnadensonne scheinen.“
Mit diesen Worten des Dichters Paul Gerhardt wünsche ich Ihnen einen guten Übergang vom alten in das neue Jahr.“

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Bei uns im Garten haben in diesem Jahr bis kurz vor Weihnachten noch Rosen geblüht. Und mich an ein Lied erinnert, in dem ebenfalls Rosen aufblühen, noch viel überraschender als bei uns im Dezember.
„Maria durch ein Dornwald ging,
der hat in sieben Jahr kein Laub getragen.
Was trug Maria unter ihrem Herzen?
Ein kleines Kindlein ohne Schmerzen.
Da haben die Dornen Rosen getragen,
als das Kindlein durch den Wald getragen.“
In diesem Lied wird eine Geschichte aus dem Lukasevangelium weitergedacht. Lukas erzählt, daß Maria, als sie mit Jesus schwanger ist, ihre Cousine Elisabeth besucht. Auch Elisabeth, schon ziemlich alt und bis dahin kinderlos, ist schwanger. Maria muß übers Gebirge gehen, um Elisabeth aufzusuchen. Und es ist wohl dieser Weg, der in dem Lied ausgemalt wird.
Maria durch ein Dornwald ging - ein Wald von Dornen – mir kommt manchmal das Leben so vor. Undurchdringlich, dauernd kann ich mir irgendwo weh tun, bleibe hängen, verfange mich, spitze Dornen bleiben in der Haut stecken.
Dieser Dornwald hat in 7 Jahren kein Laub getragen: noch nicht einmal mehr Blätter also, und das 7 Jahre lang. Dieser Wald muß doch tot sein, nach menschlichem Ermessen kann hier nichts mehr grünen. Wie oft gibt es das: 1000 gute Gründe, um zu resignieren!
Durch diesen Wald geht eine Frau, die ein Kind unter dem Herzen trägt, schmerzlos, mühelos. Neues Leben in sich tragen: wie viele Frauen und Männer, Kinder, Jugendliche und Alte sind „schwanger“ mit neuem Leben und merken es vielleicht erst, wenn in ihrer Nähe jemand aufblüht.
Als Maria hindurchgeht durch die Dornen – den noch ungeborenen Jesus unter dem Herzen – da sprießen nicht nur ein paar zaghafte Blättchen, da blüht der Dornwald. Die Dornen werden nicht abgeschnitten, nicht weggehauen, die Dornen tragen Rosen.
Ein Lied voller Hoffnung, in der Weihnachtszeit, um den Jahreswechsel. Es rechnet damit, dass Unmögliches möglich wird.
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In diesem Jahr ist mir in der Weihnachtszeit etwas aufgefallen. Im Lukasevangelium, in der Weihnachtsgeschichte. Die Hirten besuchen Maria und Josef und den neugeborenen Jesus. Dabei berichten sie auch, daß Engel bei ihnen waren in der Heiligen Nacht und gesagt haben: dieses Kind wird die Menschen retten, alle dürfen sich freuen über seine Geburt. Und dann heißt es, wenn man ganz wörtlich aus dem griechischen Urtext übersetzt: „Maria aber, die Mutter Jesu, hielt alle diese Worte verwahrt und fügte sie in ihrem Herzen zusammen.“ Für mich spricht diese Stelle davon, wie Maria zu glauben anfängt. Sie hört, was die Hirten sagen, versteht es nicht recht, doch sie nimmt diese Worte auf, lässt sie in ihr Herz herein und dort wirken, geht mit diesen Worten um, im doppelten Sinn des Wortes: sie wendet sie hin und her, geht mit ihnen durchs Leben mit seinen immer neuen Erfahrungen, und sie fügt das, was sie da gehört hat, immer neu und anders zusammen. Die Übersetzer der Bibel haben für diese Stelle verschiedene Ausdrücke gefunden: „Maria bewegte alle diese Worte in ihrem Herzen,“ oder: „Sie dachte darüber nach.“ Ich finde, das ergänzt sich: Maria versteht die Worte der Hirten nicht – noch nicht, aber sie ahnt etwas. Sie bewegt die Worte, das heißt vielleicht: sie erspürt sie mit Sinnen und Gefühl von allen Seiten; sie denkt darüber nach, das heißt sie bemüht ihren Verstand, ihr Wissen, ihr Herz und die Glaubenstradition ihres Volkes. Schließlich fügt sie das Erkannte zusammen
Das ist noch einmal etwas Spannendes: Im griechischen Text steht an dieser Stelle des Wort „symballein“, und das heißt tatsächlich „zusammenfügen“. Gemeint ist damit ursprünglich das Zusammenfügen von 2 Tonscherben. Es gab in der griechischen Antike den Brauch, daß Freunde beim Abschied eine kleine Tontafel in 2 Teile zerbrachen. Jeder nahm einen Teil mit, und beim Wiedersehen fügten sie beide Teile wieder zusammen. Die passende Scherbe wies den andern als den Freund aus. War die Tafel wieder ganz, hatten sich die Freunde wiedergefunden.
In der Weihnachtsgeschichte steht auch dieses Wort symballein. Da steht, daß Maria die Worte der Hirten in ihrem Herzen zusammenfügt. Das heißt wohl, daß sie in allem Nachsinnen und Spüren zu einem Ganzen findet. Sie kriegt es zusammen im Lauf ihres Lebens, was sie da alles gehört und erlebt hat.
Vielleicht ist genau das Glaube: hören, im Herzen bewegen, nachdenken und irgendwann zusammenfügen.

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Nach 3 Weihnachtstagen ist wieder Alltag. Endlich, sagen die einen, leider, die andern. Wenn ich dem kirchlichen Kalender folge, geht der Alltag am 28. Dezember brutal und grausam wieder los. Da erinnert das Lukasevangelium an den Kindermord von Betlehem und an die unschuldigen Kinder, die dort von den Truppen des Herodes umgebracht wurden. Lukas erzählt, dass König Herodes sich durch Jesus bedroht gesehen hat. „Wenn der groß wird, kann er mein Nebenbuhler sein“, fürchtete Herodes. Jesus war ja dem biblischen Stammbaum nach ein Nachkomme des Königs David. Und weil Herodes Jesus selbst nicht zu fassen bekam, ließ er einfach alle kleinen Jungen in und um Betlehem umbringen. Dieses Jesuskind wird schon dabei sein, dachte er sich.
Ich finde diese Geschichte erschreckend aktuell. Der Richtige wird schon dabei sein – wie oft werden bis heute unschuldige Menschen zu Opfern gemacht, Kinder und Erwachsene. In Kriegen, Stammeskämpfen und bei Attentaten. „Das müssen wir halt in Kauf nehmen, dass da noch ein paar mehr umkommen“, sagen die Verantwortlichen.
Aber soll ich nun mit so düsteren Gedanken die neue Woche anfangen, ausgerechnet die Woche nach Weihnachten? Ich finde, die Erinnerung an den Kindermord von Betlehem birgt auch eine Chance. Daß ich aufmerksamer bin: Wo mache ich jemanden zum Opfer? Wo reagiere ich mit einem Rundumschlag, wenn mich jemand geärgert hat oder verletzt?
Auch in der Wirtschaft und in der Politik ist das ein Thema: wenn ein Betrieb geschlossen wird, wenn in Afghanistan ein Militärangriff befohlen wird.
Die Weihnachtsgeschichte besagt: „Gott wird ein Mensch“, und sie macht deutlich, was alle eigentlich schon längst wissen konnten: kein einziger Mensch darf mir egal sein, nach dem Motto: „auf den, auf die kommt es nicht so an“.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie in diese neue Woche gehen können mit dem Gedanken: jeder ist kostbar, jeder ist wertvoll, ich selber bin es auch.
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