Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Guten Morgen,
„Die ganze Palette leben.“ So las ich unter einem Bild, das mich sehr beeindruckte. Es zeigte einen Mann mittleren Alters und ein vertrauensvoll fröhlich aufblickendes junges Mädchen. Beide waren dabei, sich gegenseitig als Clowns zu bemalen. Sie hatten offensichtlich viel Spaß dabei.
Die ganze Palette leben. – Das verbinde ich mit Urlaub und Freizeit. Nicht nur das Grau des Alltags erleben, in dem sich alles vermischt - sondern Zeit und Muße haben für die einzelnen Grundfarben der Farbpalette und sich an ihnen freuen:
am Blau des Meeres, am Gelb der Sonne und des Lichtes und am Rot der Liebe. Und dabei ein Gespür dafür zu bekommen, dass Gott es gut mit uns meint.
Die ganze Palette leben - Auf einer Farbpalette sind allerdings auch andere Farben, Mischfarben, Komplementärfarben. Farben, die sich ergänzen oder gut mischen lassen, oder auch Farben, die im Kontrast zueinander stehen.
Auch Freizeit und Urlaub sind sehr unterschiedlich. Nicht alle erleben diese Zeiten der Erholung unbeschwert. Abschiede sind bei den einen zu bewältigen, Sorgen angesichts der kommenden Wochen werfen bei anderen ihre Schatten voraus. Selbst die gemeinsame freie Zeit mit anderen, eigentlich zum Entspannen und Genießen, wird nicht immer als spannungsfrei erlebt. Im Gegenteil - sie führt oft zu schweren Belastungen.
Die ganze Palette leben? Auch in den Mischtönen oder dunklen Farben des Lebens Gott begegnen?
Es gehört zu den Eigenarten und Schönheiten des Evangeliums, dass es die leuchtende Liebe Gottes gerade dort bezeugt, wo Menschen am Ende sind, wo die Kraft nicht ausreicht und das Elend oder auch das eigene Versagen bewusst wird. Jesus preist sie selig: die Leid tragen und die geistlich arm sind, die sanftmütig oder barmherzig sind oder die den Frieden erstreben und dabei unter die Räder kommen. Sie werden Gottes Kinder heißen, sagt er. Und verspricht: Wo immer Menschen ganz klein werden, oder ihre Ohnmacht und Hilflosigkeit erfahren, da ist Gott ihnen nah.
„Die ganze Palette leben“ ... So sehr ich die Grundfarben des Lebens liebe. Schöner, spannender und interessanter ist das Lebensbild mit allen seinen Schattierungen. Und es ist kein Farbton auf der Palette, mit dem Gott nicht malen würde.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6717
Guten Morgen,
er gehörte zu den großen Schnellsprechern und begnadeten Sprachakrobaten, war feinfühliger Beobachter und großartiger Kabarettist. Ich spreche von Hanns Dieter Hüsch. Er war Poet und galt als „Philosoph der kleinen Leute“. Seine Heimat war der Niederrhein, seine Liebe galt den Menschen, die dort lebten. Er brachte sein Publikum zum Nachdenken und reizte es zum Lachen. Und so paradox es für einen Kabarettisten erscheinen mag: je länger desto häufiger war die Endlichkeit des Lebens sein Thema - und die Hoffnung.
Hanns Dieter Hüsch ist im Jahr 2005 nach schwerer Krankheit verstorben. Nach seinen eigenen Worten führte ihn die schwere Zeit nach dem Tode seiner ersten Ehefrau wieder näher an die Kirche heran. Als er anschließend im Jahr 1980 vor 20.000 Menschen auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Düsseldorf auftrat, spürte er, - so schreib er später – „dass ich noch was machen musste und dass noch ein bisschen Glück für mich in der Luft lag. ..... und dass da Jugend vor mir saß und darauf wartete, dass ihnen jemand Mut machte, und dass man auch dabei lachen darf und alle an einen Tisch gehören.“
Und so wurde er tatsächlich für Viele zu einem Mutmacher – „Mutmacher von Gottes Gnaden“, wurde er auch genannt - dem das Lächeln Christi genauso vertraut war, wie das Gespräch mit dem lieben Gott.
Eines seiner wunderbaren Gedichte trägt die Überschrift „Psalm“

Ich bin vergnügt
erlöst
befreit
Gott nahm in seine Hände
Meine Zeit
Mein Fühlen
Denken
Hören Sagen
Mein Triumphieren und Verzagen
Das Elend
Und die Zärtlichkeit

Was macht dass ich so fröhlich bin
In meinem kleinen Reich
Ich sing und tanze her und hin
Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht dass ich so furchtlos bin
An vielen dunklen Tagen
Es kommt ein Geist in meinen Sinn
Will mich durchs Leben tragen

Was macht dass ich so unbeschwert
Und mich kein Trübsinn hält
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
Wohl über alle Welt

Ich wünsche Ihnen und mir selbst einen guten Tag, an dem auch wir etwas spüren von der Leichtigkeit des Seins. - Im Glauben an Jesus Christus hat sie ihren Ursprung.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6716
Guten Morgen,
Ein Betrunkener wankt spät in der Nacht durch die Straßen, tastend von einem Alleebaum zum anderen. Schließlich trifft er auf eine Wand. Fein - sie wird ihn ein schönes Stück weiterbringen. Er darf nur den Kontakt mit ihr nicht wieder verlieren. Und so tappt er mit beiden Händen dahin. Immer an der Wand entlang ...
Was er nicht weiß: Die Wand ist eine Litfasssäule. Die umwandert er. Vertrauensvoll. Endlos.
Irgendwann merkt er, dass er im Kreis geht. Ein gequälter Seufzer entringt sich seiner Brust: „Mist, eingemauert!“
Als ich die Geschichte hörte, musste ich schmunzeln. Er hat sich doch selbst diesen Halt ausgesucht und bräuchte nur los lassen. Schon könnte er sich frei bewegen ... und ausgerechnet ihm entfährt dieses „Mist, eingemauert!“
Doch schnell vergeht mir mein Schmunzeln. Zutreffend wird hier ja beschrieben, was auch ich kenne: wie ich mich, obwohl frei, dennoch als gefangen – ja geradezu als eingemauert fühlen kann. Weil ich mich gebunden und verlaufen habe. Weil ich in eine Sackgasse geraten bin, aus der ich nicht wieder raus finde.
Das muss nicht nur der Alkohol bzw. die Litfasssäule sein. Es können auch Gewohnheiten sein und Beziehungen, Freundschaften und immer gleich Ängste, die mich binden und einengen, die mich – vielleicht ohne dass ich es merke - im Kreis laufen lassen und mir nicht selten das Gefühl geben, eingemauert zu sein.
In den Psalmen, dem alten Gebetbuch von Juden und Christen, kommen vielfältigste Erfahrungen zur Sprache. Auch Klagen, Rufen, bis hin zu Schreien aus Todesängsten, wo Menschen weder ein noch aus wissen.
Beeindruckend an diesen Gebeten ist aber, dass solche beklemmenden Erfahrungen niemals das letzte Wort behalten:
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, bekennt ein Beter, der gerade noch die Not der Enge beklagt hat.
Oder: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“, bekennt ein anderer, der verfolgt wird und keinen Ausweg mehr sehen konnte. ‚Mir selbst wird die Welt eng und klein. Mit Dir aber – mein Gott - wird sie weit und ein neuer Horizont tut sich auf.“
Ich liebe diese alten Gebete. Nicht nur weil sie ehrlich sind und auch Ausweglosigkeiten zugeben, sondern vor allen Dingen, weil sie mir den Gott zeigen, der Auswege zeigt. Weg von der Mauer - hin zu neuen Lebensräumen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6715
„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“, wird Helmut Schmidt immer wieder gerne zitiert. Nüchtern denkenden Menschen ist alles verdächtig, was sich nicht glasklar beweisen und überprüfen lässt. Das gilt für menschliche Träume und Sehnsüchte, erst recht aber für Impulse die vermeintlich oder tatsächlich von Gott kommen sollen. Wie sollte denn so etwas auch überhaupt vor sich gehen?
Nun, die Bibel berichtet durchaus gelegentlich von Visionen. Standard oder gar Voraussetzung für Gottes Reden ist das allerdings nicht. Wir dürfen uns das Wirken Gottes nicht als etwas vorstellen, das neben oder außerhalb unserer Alltagsrealität geschieht. Vielmehr benutzt er die Dinge die in uns und mit uns geschehen.
Gott beeinflusst zum Beispiel mein Denken. Manchmal werde ich von einer neuen Einsicht überrascht, die nicht von mir stammt. „Es denkt in mir“, nenne ich diesen Vorgang. Natürlich kann das durchaus viele Ursachen haben, und ich will nicht alles gleich auf Gott zurückführen. Aber es gibt Gedanken, bei denen bin ich mir auch mit Abstand sehr sicher: diese Idee kommt von Gott.
Auch Gefühle spielen eine Rolle. Manchmal scheint eine Lösung naheliegend und logisch, und doch finde ich innerlich nicht zur Ruhe darüber. Irgendetwas habe ich übersehen, das Gott anders beurteilt. Irgendwas stimmt noch nicht. Und dann wieder kann es geschehen, dass ich mich zu einer Entscheidung durchringe – und auf einmal ist der Knoten geplatzt. Ja, so kann es gehen, so ist es in Ordnung.
Eine erste Orientierung findet man auf jeden Fall in der Bibel. Natürlich ist sie kein Nachschlagewerk, wo ich Antwort auf jede Frage finde. Aber sie erzählt, wie Gott früher gehandelt hat und nach welchen Maßstäben er Vorgänge bewertet. Ich erkenne daran, dass manche meiner Ideen einfach nicht von Gott sein können.
Freie bzw. versperrte Wege sind ein weiteres Kriterium für Gottes Führung. Eins fügt sich zum anderen, ohne dass ich viel dazutue. Die Tür steht offen, ich muss nur noch hindurchgehen. Für mich bedeutet das: Wenn etwas Gottes Weg mit mir ist, muss ich nichts manipulieren und nicht mit dem Kopf durch die Wand. Und ich muss auch nicht verzweifeln, wenn es anders kommt, als ich gehofft habe.
Manchmal gebraucht Gott auch andere Menschen. Sie sind seine Sprecher, ohne dass es ihnen überhaupt bewusst ist. Ein andermal bitte ich sie um ihre Bewertung meiner Vorstellungen und profitiere davon, dass Gott sie zu einem hilfreichen Rat befähigt.
Also, ich finde es gibt durchaus eine Menge Möglichkeiten, Gottes Führung zu erleben. Und ich finde es spannend, mich darauf einzulassen. Auch heute, an diesem Mittwoch
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6620

„Es hat wohl nicht sein sollen“, sagte er nur, als ich ihn fragte, ob er die neue Stelle bekommen habe. Er wirkte durchaus gelassen. Dabei wusste ich, wie viel Hoffnung er in die Bewerbung gesetzt hatte. Ich hatte mitbekommen, wie intensiv er sich auf das Gespräch vorbereitet hatte, und auch wie euphorisch er anschließend über den guten Verlauf und die neue Aufgabe berichtet hatte. Und irgendwie hatte es dann noch nicht geklappt.
Wie bitte? „Es hat wohl nicht sein sollen“? Wer sollte denn da seine Hände im Spiel gehabt haben? Die Sterne? Irgendeine Vorsehung? Oder gar Gott? Sind unsere Alltagssorgen nicht viel zu banal, als dass sich Gott darum kümmern würde? Mischt sich Gott in unser Leben ein? Hat er eine Meinung zu dem, wie wir leben?
Vielleicht kennen Sie ja das „Vater-Unser“-Gebet. Dort heißt es: Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Das bedeutet doch: Gott hat einen Willen, und er erwartet, dass wir ihn ernst nehmen. Für die Bibel ist durchgängig klar, dass Gott keine abstrakte Idee, sondern ein lebendiges Wesen, eine Person ist. Der Gott, den die Bibel beschreibt, betrachtet das Tun und Lassen der Menschheit nicht gelangweilt aus der Distanz heraus. Wir interessieren ihn, und er möchte uns helfen mit dem Leben zurecht zu kommen. Wenn er erwartet, dass wir seinen Willen tun und umsetzen, dann geht es nicht um Machtausübung, sondern um Lebenshilfe. Aus diesem Grund meldet er sich durchaus auch im persönlichen Leben zu Wort.
Wie soll man sich das vorstellen? Bestimmt Gott denn jedes Detail für uns voraus und ist alles nur Schicksal, an dem ich ohnehin nichts ändern kann? - Ganz sicher nicht! Die Tatsache, dass Gott meine Wege kennt, ist nicht damit gleich zu setzen, dass er sie auch im Detail vorherbestimmt. Als seine Ebenbilder sind wir frei und kreativ und sollen innerhalb der von ihm gesetzten ethischen Rahmenbedingungen verantwortlich handeln. Mensch sein heißt entscheiden zu müssen, und dazu gehört auch, dass ich Fehler mache. Aber gleichzeitig kann Gott sich auch jederzeit sehr konkret zu Wort zu melden. Die Bibel ist voll von derartigen Berichten. Und es gibt bis auf diesen Tag zahlreiche Menschen, die Ähnliches berichten können.
Vielleicht halten Sie Leute, die Gott so in ihre persönlichen Dinge einbeziehen, für Einfaltspinsel. Ich könnte mir aber genau so gut vorstellen, dass Sie selbst Situationen kennen, wo Sie Gottes Eingreifen hautnah erlebt oder zumindest erahnt haben. Situationen von denen Sie sagen, hier hat mich Gott bewahrt oder auch geführt. Ich jedenfalls möchte das gerne ausbauen und meine Augen und Ohren offen halten, damit ich es merke, wenn Gott sich zu erkennen gibt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6619

Führt Gott eigentlich mein Leben? Rechne ich damit, dass er mich im Alltag leitet? Und - lasse ich überhaupt zu, dass er mich führt?
Menschen, denen ich Einfluss auf mich gewährt habe, gibt es jedenfalls viele. Manchmal fällt mir meine Schulzeit wieder ein. Wie viel habe ich wegen meiner Lehrer getan oder gelassen. Wie sehr hat mich die Frage beschäftigt, wie ich bei den Schulfreunden ankomme. Heute sind sie alle für mich völlig bedeutungslos. Und doch habe ich meine Lebensgeschichte in erheblichem Maße von ihnen prägen lassen.
Ist das heute, wo ich erwachsen bin, anders? Kann ich verhindern, dass andere Einfluss auf mich nehmen? Ich fürchte, es ist wohl eine Illusion zu meinen, ich könne mein Leben souverän bestimmen und gestalten. Vielmehr werde ich in starkem Maße aus meinem Inneren gesteuert, oft ohne es überhaupt zu merken. Meine Familie, die Erziehung, die geschichtlichen Rahmenbedingungen, meine Freunde und Feinde – sie alle haben mich weit mehr geprägt, als mir bewusst ist. Meine Freiheit heute besteht wohl nur darin, zu wählen, von wem ich mich beeinflussen lasse. Von den unklaren Wünschen und Antrieben in mir selbst? Von den Menschen um mich her und ihren Werten? - Oder auch von Gott! Als Christ glaube ich, dass nur Gott allein weiß, welche Optionen in meinem Leben stecken. Er hat mich mit Begabungen und Begrenzungen geschaffen. Er kennt mich und weiß, was nötig ist, damit ich glücklich werde und mein Leben positive Spuren hinterlässt.
Es gibt dabei allerdings ein Problem. Ich bin, wie viele andere, mit dem Gedanken aufgewachsen, dass Selbstverwirklichung das höchste Gut ist. Ich habe das Recht und die Pflicht, mein Leben eigenverantwortlich zu gestalten, nach meinen Werten, auf meine Ziele hin. Diese Freiheit macht das Leben spannend und lebenswert. Der Gedanke macht uns aber auch misstrauisch gegenüber der Vorstellung, ein anderer, und sei es Gott, könnte in mein Leben hineinreden.
Trotzdem ist für mich eine andere Frage wichtiger, nämlich ob ich wirklich meine Identität, mein Ich, mein „Selbst“ verwirkliche. Bin ich das wirklich, was ich da lebe? Oder ist es nur die millionste Kopie aus der Bravo, Brigitte oder Financial Times?

Weil ich Gott ungleich mehr zutraue als den Meinungsmachern und Idolen, aber auch als meiner Familie und sogar mir selbst, bitte ich ihn, Einfluss auf mein Leben zu nehmen. Ich möchte ausleben, was Gott sich für mein Leben gedacht hat. Es ist mein Ziel, mit seiner Hilfe meine Identität zu finden. Und bisher bin ich damit sehr gut gefahren. Deshalb bete ich oft, wie David es einmal formuliert hat (Ps 86,11): „Herr, zeige mir den richtigen Weg!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=6618