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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Am liebsten würde ich mal mit Jesus reden und ihn fragen: Was stimmt von dem, was man gelernt und gehört hat? Sag es mir bitte!“ – Das wünscht sich der Liedermacher und Popsänger Daniel Dickopf. * Ich stelle mir diese Frage auch. Und ich nehme an, dass ich nicht der einzige bin. Was hat sich in 2000 Jahren nicht alles über der Frohen Botschaft Jesu angehäuft und den Blick auf den ursprünglichen Glauben versperrt. All zu oft ist die Botschaft Jesu verdunkelt verfälscht worden. In eine Drohbotschaft, in eine Botschaft der Angst. Und wie steht es um den christlichen Glauben, über den sich so viele Kirchen, Konfessionen und Gruppen bis heute nicht einig sind? „Am liebsten würde ich mal Jesus fragen . . . „ – Dieses Anliegen ist gar nicht so neu. Das Johannes Evangelium erzählt von zwei Männern, die sich für Jesus Interessiert haben. Als Jesus sie fragte: „Was wollt ihr?“ – fragte einer der beiden eher verlegen zurück: „Meister, wo wohnst du?“ Wahrscheinlich hat die beiden nicht so sehr interessiert, wo Jesus wohnt, sondern: wer er ist, wie er lebt. Jesus hat sie nicht belehrt, sondern spontan geantwortet: „Kommt und seht!“ Und sie gingen mit ihm und blieben an jenem Tag bei ihm, heißt es in der Bibel. (Johannes 1,37-39) Leider erfahren wir nicht, was sie miteinander geredet haben. Aber die zwei mussten von Jesus so begeistert gewesen sein, dass sie bei ihm geblieben sind. Wenn man Jesus in den Evangelien nachspürt, dann lässt sich schon erahnen, warum die beiden von Jesus so fasziniert gewesen sind. Sie sind einem Mann begegnet mit einer unvergleichlichen Ausstrahlung und mit einer Botschaft, die menschlich ist und aufatmen lässt. Eine Botschaft die sagt, dass Gott uns gut will. Ich glaube, das sagt Jesus auch heute. Dabei erinnere ich mich an eine Geschichte, in der sich drei Christen unterhalten, wie man einem Nichtchristen den Glauben näher bringen kann. Einer sagt: Ich würde mit ihm den Katechismus durchgehen. Der zweite schließt auch missionarischen Druck mit Drohungen und Warnungen nicht aus. Der dritte verblüfft mit seiner Antwort: Ich würde sie oder ihn zu mir nach Hause einladen. Dann wird sich herausstellen, ob sie oder er Christ wird oder nicht. – So wie es einst Jesus gesagt und getan hat: „Komm und sieh!“ * In: Publik – Forum, Nr. 22, 21. November 2008, S. 48-49

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„Mein liebstes Hobby? – Lachen!“ – das sagt der Dalai-Lama, geistliches und weltliches Oberhaupt der Tibeter. Obwohl ihm das Lachen auch gründlich vergangen sein könnte. Nach einem unvorstellbaren Vernichtungskampf gegen die tibetische Kultur, Religion und Gesellschaft betrachtet China Tibet als Teil seines Staatsgebiets. Von seinem Exil aus in Nordindien und bei vielen Besuchen in aller Welt spricht der Dalai-Lama seinen Landsleuten Mut zu. Dabei lautet seine Botschaft: Liebe und Erbarmen, Toleranz statt Hass. Seine Hoffnung richtet sich auf eine gewaltfreie Loslösung Tibets von China. Lachen sei sein Hobby – sagt der Dalai-Lama. So ist er auch auf vielen Fotos zu sehen. Ich frage mich, warum diesem Mann das Lachen nicht vergeht, angesichts von so viel Leid, das seinem Volk bis zur Stunde zugefügt wird. Das Lachen des Dalai-Lama hat mich angesteckt, über das Lachen nachzudenken. Und – lachen ist nicht gleich lachen: Es ist erfrischend, wenn jemand unbeschwert, von Herzen lachen kann. Echt ätzend dagegen ist diese „keep-smiling-Maske“. Verletzt fühlt sich, wer verächtlich oder gar zynisch verlacht wird. Erniedrigend wirkt ein hämisches, scheinbar überlegenes Lachen. Angst macht einem schließlich ein unheimliches Lachen. Lachen ist nicht gleich lachen. Echt ist das Lachen, das unbeschwert und froh aus dem Herzen kommt. Das kann ich nicht erzwingen, das ist ein Geschenk. Ich kann auch darum bitten.

Solches Lachen ist ein Lichtschimmer in den persönlichen und in den weltweiten Dunkelheiten. Solches Lachen lässt einen in den vielen Bedrohungen nicht resignieren und nicht verzweifeln. Solches Lachen findet sich nicht einfach ab mit der Welt, wie sie nun mal ist. Solches Lachen geht davon aus, dass das Gute und die Liebe das letzte Wort haben, allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz. Solches Lachen ist beseelt von der Hoffnung, dass vieles doch noch heil und zum Guten geführt werden kann. – Auch für das tibetische Volk des Dalai-Lama.
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In der Basilika zu Weingarten in Oberschwaben ist mir eine Marien-Plastik aufgefallen. Sie heißt: „Die hörende Muttergottes“. Auffallend sind die großen Augen, vor allem das übergroße rechte Ohr. Das Gesicht Marias, ihre Augen, das Ohr lassen auf ihr Inneres schließen. Sie ist ganz aufmerksam und nachdenklich – konzentriert auf die „innere Stimme“, die sie vernimmt. Sie ist gespannt auf das Wort, das an sie ergeht. Heute ist „Mariä Verkündigung“. Ein weithin unbekanntes Fest. Vielleicht kennen es noch einige Katholiken aus der kirchlichen Tradition. Nach dem Lukas Evangelium vernimmt Maria in ihrem Innern die Botschaft, dass sie einen Jungen gebären wird, dem sie den Namen Jesus geben soll. Und dass Gott Großes mit ihm vor hat. (1,28-38) Weiter wird berichtet, dass Maria in ihrem Herzen mit dieser erstaunlichen Botschaft umgeht, darüber nach denkt und schließlich einwilligt. (Lukas 2,19) Später wird ihr gesagt: „Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ (1,45) Maria, die Hörende – Beispiel und Vorbild. Wir modernen Zeitgenossen tun uns da schwer – ich auch: Gerne höre ich mich selber reden – und von anderen das, was meine Meinung bestätigt, was ich hören will. Wie oft höre ich halt hin, um es gleich wieder zu vergessen. Gebe Antworten auf Fragen, die gar nicht gestellt sind. Ich möchte einmal darauf achten, wie rasch ich dem anderen ins Wort falle, in ein Gespräch reinplatze, den anderen nicht verstehe – weil ich es verlernt habe, gut hinzuhören. „Hörst du überhaupt zu?“ – die verständnislose Reaktion meines Gegenüber. Bin ich aber - wie Maria - „ganz Ohr“, dann fällt es mir leichter, den anderen und was um mich herum ist zu verstehen. Vernehme ich, was in der Natur vorgeht. Wenn ich ein „offenes Ohr“ habe, spüre ich etwas von den Nöten und Ängsten, von den Fragen und Freuden der Mitmenschen. Wenn ich genau hinhöre, vernehme ich vielleicht auch eine innere Stimme. Es könnte doch sein, dass Gott mir etwas sagen möchte. Ich glaube, genau das meint Jesus, wenn er den Menschen immer wieder zuruft: „Wer Ohren hat zum Hören, der höre!“ (Markus 4,9)
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Das Weite suchen oder die Weite suchen? – das ist die Frage. Und es sind Welten, die hier die beiden unscheinbaren Wörtchen von einander trennen: das und die. Suche ich das Weite, dann mache ich mich aus dem Staub. Dann bin ich auf der Flucht vor mir selber, vor der Verantwortung gegenüber einem Mitmenschen, gegenüber einer Aufgabe. Es gibt viele Möglichkeiten, dem Leben davonzulaufen. Suche ich die Weite, dann möchte ich über den Tellerrand hinaus schauen und meinem Leben einen größeren Horizont geben. Ich bilde mich weiter. Ich fange nochmals eine neue Arbeit an, stelle mich einer neuen Herausforderung. Ich möchte noch andere Menschen kennenlernen. Die Weite suchen – ich glaube, das hat auch zu tun mit innerer Freiheit, mit Verständnis und Güte: großherzig sein, mich freuen an schöner Musik, staunen über die unendlichen Weiten des Weltalls, mich tolerant verhalten – andere dürfen anders sein und denken als ich das tue. Und ich glaube, Menschen, die Visionen haben, die aus der Hoffnung leben, dass das Gute und die Liebe das letzte Wort haben, allen gegenteiligen Erfahrungen zum Trotz – solche Menschen sehen weiter. Die Weite suchen – Gott will uns da behilflich sein. Erstaunt und dankbar stellt ein Beter im Alten Testament, im Psalm 18 fest: „Du führst mich hinaus ins Weite, du befreist mich“ – und geradezu überschwenglich fügt er hinzu: „Du tust das, Gott, weil du Gefallen an mir hast.“ So ist der Gott der Bibel. Er möchte mich befreien aus allem, was mich einengt, was mich verkrampft und mir Angst macht. Und er möchte mich hinausführen ins Weite: Ich bin eingeladen, von Gott groß zu denken, mich an seiner Schöpfung zu freuen und den Mitmenschen gut zu wollen. So möchte ich nicht das Weite suchen und dem Leben davon laufen. Ich möchte die Weite suchen und meinem Leben – hoffentlich – einen größeren Horizont geben.
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„panta rhei – alles fließt“ – das hat der griechische Philosoph Heraklit um 500 vor Christus gesagt (ca. 540-480). Mit diesen zwei Wörtern hat er etwas wichtiges auf den Punkt gebracht, was uns existenziell betrifft: Egal, was ist, nichts bleibt, wie es war. Alles wandelt sich. Das Leben verändert sich. Aus einem Stein wird irgendwann einmal Sand. Aus einem jungen Mädchen wird einmal eine alte Frau. Jeder Präsident wird einmal seine Macht verlieren. Eine zutiefst menschliche Reaktion ist zunächst die: Ich möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich will an Vertrautem festhalten. Warum ist das so? Vielleicht weil ich Angst habe, etwas zu verlieren, wenn ich es loslasse. Dass sich das Leben wandelt, können wir nicht verhindern. Klassische Wandlungsphasen sind die Pubertät und die Wechseljahre. Auch Gefühle sind nicht von Dauer, sondern wechseln, verändern sich. Manchmal Gott sei Dank! Zunächst bin ich verunsichert, stelle mich vielleicht allmählich innerlich um und richte mein Leben neu aus. Bleibt die Frage – in welche Richtung? Es gibt auch unfreiwillige Veränderungen: eine schwere Krankheit, eine schmerzliche Trennung, der Tod eines lieben Menschen. Was seither getragen hat, trägt auf einmal nicht mehr. Das kann einen völlig durcheinander bringen und Angst machen. „panta rhei“ – alles fließt, nichts ist von Dauer. Das ist eine Feststellung, das sind natürliche oder schmerzliche Erfahrungen. Doch wie gehe ich mit solchen Veränderungen um? – Das ist bei jedem ein persönlicher, einzigartiger und sehr sensibler Prozess. Was ich Ihnen dabei wünsche: Vertrauen in die eigene innere Kraft. Und die Hoffnung, dass so manches heil und zum Guten geführt werden kann oder ich ein anderes Verhältnis zu jemandem, zu einer Lebenssituation finde. Menschen an Ihrer Seite, die Ihnen beistehen, die an Sie glauben. Und: Nicht dass alles in meinem Sinne gut ausgeht. Aber ich hoffe, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht, und dass Gott mir gut will.

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Es ist doch spannend, welche Bilder, Urteile oder Vorurteile die Menschen so über einen haben, für wen sie einen halten. Das war zu Zeiten Jesu nicht anders als heute. Und so fragt Jesus seine Begleiter, als sie wieder einmal unterwegs sind: „Für wen halten mich die Leute?“ Vielleicht wollte er wissen, welche Ansichten und Meinungen über ihn im Umlauf sind. Ihre Antwort: „Einige halten dich für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten.“ Jesus fragt weiter: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Da schwingt vielleicht mit: Bitte, verwechselt mich nicht! Petrus macht sich zum Sprecher und antwortet spontan: „Du bist der Messias!“ (Markus 8,27-30) Der geistliche Schriftsteller Wilhelm Willms faltet diese Szene weiter aus: „Was sagen die Leute von Jesus? die propheten sagen er ist ein prophetdie revolutionäre sagen er ist einer von uns die heiligen sagen er ist ein heiliger die mächtigen sagen er ist gefährlich die besitzenden sagen er ist ein kommunist die bürger fühlen sich beunruhigt die liebenden sagen er empfindet wie wir die verlorenen sagen er hat uns gefunden die hungrigen sagen er ist unser brot die blinden sagen wir sehen alles neu die stummen sagen wir wagen es wieder den Mund aufzutun die tauben sagen es lohnt sich ihm zuzuhören“ *Mich reizt dieser Text mir vorzustellen, wie Jesus mich fragt: „Für wen hältst du mich?“ – Ich möchte ihm sagen: „Ich halte dich für den, der mich hält und mich nicht fallen lässt, was auch immer passiert. Du bist für mich der, der für mich ist im Leben und im Sterben. Und so komme ich nicht mehr los von dir.“ in: roter faden glück – lichtblicke, Verlag Butzon & Bercker Kevelaer 1988/5, S. 21

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