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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen...
Mit Eva, der biblischen Urmutter verbinden viele eher negative Gefühle: die schöne Verführerin, die Frau, die die Sünde in die Welt gebracht hat und für die Vertreibung aus dem Paradies verantwortlich ist. Doch wenn ich mir die biblischen Texte genauer anschaue, stimmt es mich traurig, was im Laufe der Geschichte aus Eva gemacht wurde. Ganz zu schweigen von dem Frauenbild das dadurch entstanden ist.
Schau ich auf die beiden zentralen Texte im Alten Testament finde ich dort kein einziges mal das Wort Sünde. Die biblischen Erzähler führen diesen Begriff erst ein, als Kain an seinem Bruder Abel schuldig wird und ihn tötet. (Gen 4,7)
Worum geht es dann in diesen Geschichten? Was erzählen sie uns von Eva?
Im ersten Schöpfungsbericht zum Beispiel steht:
„Und Gott sagte: ‘Lasst uns den Menschen machen als unser Bild…´und es schuf Gott den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie.“(Gen 1,26 f)
Das bedeutet, dass Mann und Frau zusammen erst Mensch sind…den Mensch an sich gibt es nicht. Es gibt uns immer nur als Mann oder Frau.
Diese Menschen bekommen von Gott die Aufgabe über die Erde zu herrschen…und dieses „herrschen“ bedeutet im ursprünglichen, hebräischen Sinn: sich kümmern wie ein guter Hirte, Sorge tragen wie eine gute Bäuerin.
Dabei wird im weiteren Verlauf der Schöpfungsgeschichte nicht geleugnet, dass es unter den Menschen auch das Böse, das nicht Gelungene gibt. Auch Leid und Tod.
Gott hat die Schöpfung gut geschaffen, der Mensch jedoch neigt dazu, über die ihm gesetzten Grenzen zu gehen und damit der Schöpfung und letztlich sich selbst zu schaden.
Die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies ist eigentlich keine Geschichte vom Sündenfall, und schon gar keine über die Sündhaftigkeit der Frau. Sondern die Erzählung davon, wie das menschliche Leben als Mann und Frau in seiner Härte und Gefährdung erlebt wird. In der Bibel steht also kein einziges Wort von Alleinschuld oder Mehrschuld der Frau. Sondern was ganz anderes. So Schönes wie den meisten nicht bekanntes:
Genau an dieser Stelle der Erzählung – der Vertreibung aus dem Paradies - erhält die Frau einen Namen. Einen Namen,der Hoffnung sät, dass das Leben doch weitergehen kann: Sie bekommt den Namen „chawwa“… - Eva -. Und dieses Eva bedeutet Leben. Eva wird somit zur Mutter alles Lebendigen…zur Mutter aller Lebendigen. Das eröffnet eine ganz andere Sicht. Auf die Schöpfungsgeschichte und: auf die Frauen!

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Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen...
Von Madeleine Delbrel, einer tief gläubigen Schriftstellerin stammt folgender Text:
Lasst euch finden
Geht in euren Tag hinaus ohne vorgefasste Ideen,
ohne die Erwartung von Müdigkeit,
ohne Plan von Gott, ohne Bescheidwissen über ihn,
ohne Enthusiasmus,
ohne Bibliothek –
geht so auf die Begegnung mit ihm zu.
Brecht auf ohne Landkarte –
und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist,
und nicht erst am Ziel.
Versucht nicht, ihn nach Originalrezepten zu finden,
sondern lasst euch von ihm finden
in der Armut eines banalen Lebens. Madeleine Delbrel

Wenn das so einfach wäre, so unbedarft in den Tag zu gehen, war mein erster Gedanke. ..ohne Plan, ohne Erwartung von Müdigkeit…
Der nächste: Aber schön wär`s!
Madeleine Delbrel mutet ihren Lesern etwas zu…und eröffnet zugleich neue Erfahrungsräume. Ihr mag ich diese Beherztheit gern abnehmen.
Madeleine Delbrel wurde 1904 geboren. Vor ihrem 10. Lebensjahr war ihre Familie schon 9 mal umgezogen. So musste sie schon im Kindesalter lernen ständig mit neuen Anforderungen umzugehen.
Die atheistische Denkweise ihres Vaters und die Schrecken des ersten Weltkriegs lassen sie zunächst bekennende Atheistin werden bevor sie mit dem christlichen Glauben in Kontakt kommt und eine tiefe Gotteserfahrung macht. Sie wird Sozialarbeiterin und baut zusammen mit zwei Freundinnen in Ivry, einem Arbeitervorort von Paris eine Sozialstation auf. Die drei Frauen stoßen dort neben großer materieller Not auf geistige und geistliche Verarmung. Sie beschließen sich zusammen mit den Kommunisten für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Gleichzeitig wollen sie in diese atheistische Umgebung hinein das Evangelium verkünden. Schlicht und einfach dadurch, dass sie danach leben.
Madeleines Überzeugung ist, dass auch Gott sich nach dem Menschen sehnt.
Dass er die Menschen sucht und sie in ihrem ganz alltäglichen Leben finden will.
Mich berührt dieser Gedanke, dass auch Gott sich nach dem Menschen sehnt.
Bleibt die Frage, ob ich mich von ihm finden lassen will?
Madleine Delbrel ermutigt mich dazu….und mehr noch, sie vertraut darauf, dass auch ich ihn finden kann, unterwegs in meinem ganz banalen Alltag.
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Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen... heute am Aschermittwoch.
Aschermittwoch – ein Tag, der eine eindeutige Zäsur setzt. Er markiert das Ende der närrischen Zeit. Mit ihm beginnt die Fastenzeit…oder die österliche Bußzeit.
Das klingt schon ernst. Ernüchternd und ernst sind auch die Worte und Zeichen, die zu diesem Tag gehören. In den Kirchen wird den Gläubigen im Gottesdienst ein Aschenkreuz auf die Stirn gezeichnet und jedem einzelnen gesagt: “Bedenke Mensch, dass du Staub bist, und wieder zum Staub zurückkehren wirst.“
Ein Brauch – Worte, bei denen es mir kalt den Rücken runter läuft- Mitten im Leben werden ich an meine Vergänglichkeit erinnert. Das Zeichen der Asche lenkt den Blick auf die Begrenztheit meines Lebens. Nur eine Handvoll Asche bleibt äußerlich betrachtet einmal von mir übrig. In diesem Sinn bezeichnet sie meine Vergänglichkeit und Todverfallenheit. Aber sie wird mir als Kreuz auf die Stirn gezeichnet. Zeichen für den Tod aber auch Zeichen für den, der den Tod ein für allemal durchlebt hat. Jesus Christus. Und somit auch Zeichen für Leben. Neues, ewiges Leben.
Und Asche an sich, ist auch Zeichen für Leben, neues Leben. Sie hat reinigende Kraft. Früher hat man mit Asche gewaschen und bis auf den heutigen Tag werden mancherorts auf den Feldern Stoppeln verbrannt. Asche schafft also Voraussetzung für neues Leben.
Das Aschenkreuz sagt mir somit auch: Du kannst heute neu beginnen. Der Satz: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren
wirst“, ermutigt mich dann in dem Sinn: Mensch nimm dir Zeit, solang noch Zeit ist und überleg` dir, was du mit deinem Leben anfangen willst. Stimmt dein Kurs noch?
Was ist dir wichtig? Bist du im Lot mit dir und anderen? Du hast diese 40 Tage Fastenzeit vor dir, eine Zeit, eine Chance in dich zu gehen und nachzudenken. Nimm dir die Zeit, um wieder ein Gespür für das Wesentliche in deinem Leben zu bekommen. Freu dich an dem was gut ist und stimmt.
Wage Kurskorrekturen, wo etwas schief läuft und hab den Mut, neu aufzubrechen wo du auf der Stelle trittst.
Von daher betrachtet beginnt für mich mit dem heutigen Tag keine triste sondern eine kostbare Zeit. 40 Tage voller Leben (– oder 40 Tage voller leben.)

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Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen... an diesem Fasnachtsdienstag, dem letzten tollen Tag mit dem die fünfte Jahreszeit zu Ende geht.
Meine Großmutter erzählte mir, wie sie und ihre Freunde in ihrer Jugendzeit an diesem Tag die letzten Bälle besucht haben. Selbstverständlich gut maskiert. Man wollte auf keinen Fall erkannt werden. Der Dienstag war dabei für sie der aufregendste Tag. Schließlich galt es um Mitternacht die Masken – sie nannte es Larven – abzunehmen und sein wahres Gesicht zu zeigen. Ein spannender Augenblick. Das Aha Erlebnis sei selten eine böse Überraschung gewesen. Eher ein freudiges Wiedererkennen. „Mensch, des bisch ja du!“
Mensch das bist ja du. Da schwingt für mich ein wenig mit von etwas neu entdecken oder mit anderen Augen sehen können. Vielleicht die Chance, von einem festgefahren Bild Abschied zu nehmen. Plötzlich mehr oder anderes in jemand zu sehen.
Gleichzeitig ist es aufregend, für den, der die Maske abnimmt. Was passiert, wenn ich mich zeige, wie ich wirklich bin. Mich - ungeschützt und ungeschminkt den Blicken aussetze? Entlarvt werde. Entlarven - ein Wort, das eher unbehaglich klingt. Für mich schwingt dabei zunächst ertappt oder überführt mit, wie im Krimi. Das ist mit was Negativem verbunden. Andererseits ist Larve schlicht das lateinische Wort für Maske. Und wenn ich daran denke, dass aus einer Larve gar ein wunderschöner Schmetterling werden kann… dann schwingt in diesem Wort auch so was wie Verheißung mit.
Verheißung, dass ich mich sehen lassen kann, so wie ich bin. Und wer wünscht sich das nicht.

Huub Oosterhuis, ein niederländischer Theologe und Dichter hat ein Gebet verfasst, in dem der Wunsch nach behutsamem Entlarvt-werden zum Ausdruck kommt:

Leg mein Gesicht frei, mach mich schön.
Wer mich entlarvt hat, wird mich finden.
Ich hab Gesichter, mehr als zwei.
Augen, die tasten vor im Blinden.
Herzen aus Angst die vor Angst vergehn.
Leg mein Gesicht frei, mach mich schön.

Leg mein Gesicht frei, mach mich schön.
Wer sich entlarvt sieht, wird gefunden
und wird ganz neu sich selbst verstehn,
wird leben, offen, unumwunden
und nirgends hin verloren gehn.
Leg mein Gesicht frei, mach mich schön. Huub Oosterhuis

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5488
einen guten Morgen wünsche ich Ihnen. Heute am Rosenmontag möchte ich ihnen eine Geschichte vorlesen, die mich zum Schmunzeln gebracht hat.
Eine ältere Dame schreibt folgenden Brief:

„Lieber Tim,
gestern war ich im Gottesdienst und hörte eine sehr schöne Predigt. Anschließend entdeckte ich einen Aufkleber mit dem Satz: „Hupe, wenn du Jesus liebst.“ Den habe ich mir gleich an die Stoßstange geklebt. Dann fuhr ich los und kam zu einer Ampel. Ich war noch ganz mit der Predigt beschäftigt und bemerkte nicht, dass die Ampel auf Grün gesprungen war. Was denkst du, was ich für eine Freude hatte, als hinter mir so viele hupten. So viele Menschen lieben also Jesus. Ich war ganz entzückt und hupte zurück. Da war ein Mann in einem Auto, der zeigte mir seinen dritten Finger. Ich fragte meinen Enkel, der mit mir im Auto war, was das wohl zu bedeuten habe, und der meinte, das sei ein hawaiianischer Segensgruß. Du kannst dir denken, lieber Tim, was ich da für eine Freude empfand, dass ich erst den Aufkleber und dann auch noch diesen Gruß entdeckt habe. Ich grüßte den Mann also auf die gleiche freundliche Weise zurück. Dann fuhr ich los. Leider konnte hinter mir nur noch einer über die Kreuzung fahren, denn ich hätte mich so gefreut, noch länger mit diesen lieben Menschen zusammen zu sein.“
Soweit die Geschichte.
Vielleicht schütteln sie den Kopf und denken: so ein Quatsch. Was soll so eine komische Geschichte am frühen Morgen. Gut es ist Fasnacht, da mag das ja grad noch so angehen.
Vielleicht geht es Ihnen ja aber auch ähnlich wie mir. Ich musste herzhaft lachen. Und ich habe diese Geschichte ausgewählt, nicht, weil ich mich über die Naivität dieser älteren Dame lustig machen möchte. Im Gegenteil.
Ich finde Sie und ihre Art wie sie das deutet, was sie erlebt hat wunderbar. Durch ihre völlig andere Sicht der Dinge lädt sie mich ein, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Das, was da passiert mit ganz anderen Augen zu sehen. Heiterkeit zu spüren. Und im übertragenen Sinn, manches, was negativ erscheint, oder was ich auf Anhieb nicht verstehe einmal unvoreingenommen und von einer positiven Seite her zu betrachten.

Eine glückselige Fasnet wünsche ich Ihnen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5487
Einen guten Morgen wünsche ich Ihnen...
Im Evangelium wird heute die Geschichte von der Heilung eines Gelähmten erzählt. Seine Freunde scheuen keine Mühe, ihn zu Jesus zu bringen. Sie decken sogar das Dach des Hauses ab, um ihn von oben herab, Jesus vor die Füße zu legen. Die einzige Chance, da sonst vor lauter Leuten kein Durchkommen möglich war.
Mich fasziniert diese Geschichte immer wieder auf´s Neue. Und ich denke immer wieder gerne über sie nach. Zum Beispiel über den Gelähmten.
Da ist einer, der sich helfen lässt. Ob so ganz freiwillig….oder gar auf eigenes Bitten…bleibt unklar. Sonnenklar ist aber, dass er es aus eigener Kraft nicht schaffen würde, dorthin zu kommen. Er braucht Unterstützung, tatkräftige Hilfe. Und er nimmt sie an, vielleicht weil sich nur so für ihn etwas ändern kann.
Ich hab hohe Achtung, vor dem, der sich helfen lassen kann – zumal es mir nicht immer leicht fällt, Hilfe anzunehmen oder darum zu bitten. Nur niemand zu Last fallen…
Gleichzeitig leuchtet mir ein, dass Leben ohne die Hilfe von anderen, das Zusammenspiel vieler Kräfte gar nicht möglich wäre. Wenn ich zehnmal selber Autofahren kann, braucht es welche, die das Auto bauen, die Straßen, und einen der mir das Fahren beibringt.
Wenn ich mir immer wieder bewusst mache, wie viel mir durch dieses Zusammenspiel vieler bereits geholfen ist, fällt es mir leichter mir in Notsituationen auch helfen zu lassen. Helfen und sich helfen lassen gehört zum Menschsein. Und dass es auch wunderschön sein kann beschreibt eine Geschichte aus der islamischen Weisheitsliteratur:
Ein Strom wollte durch die Wüste zum Meer. Doch so schnell er auch in den Sand fließen mochte, seine Wasser wurden dabei aufgesogen und verschwanden. Da hörte er eine Stimme, die aus der Wüste kam und sagte: „Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.“
„Aber wie soll das zugehen?“
„Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.“
„Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?“
„In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom.“
Und der Fluss ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Schöner und frischer als je zuvor.“ (Weisheit der Sufi)

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