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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was wir Glück nennen, ist so vielfältig wie wir Menschen, die es empfinden oder uns danach sehnen. Doch Glück ist nicht einfach nur Glücksache, Zufall, Schicksal. Glücklich sein ist auch nicht nur ererbt. Es hat auch mit mir selbst zu tun.Psychologen umschreiben Glück mit „anhaltendem persönlichen Wohlbefinden“. Und dazu kann hoffentlich jeder Mensch etwas beitragen, ist er wenigstens ein Stück weit „seines eigenen Glückes Schmied“. Allerdings gibt es in dieser Welt nicht das vollkommene Glück. Weil alles auf Erden begrenzt, gefährdet, vergänglich ist. Vielleicht wissen wir auch weit weniger was Glück ist, als manchmal im nachhinein, was Glück war. (Francoise Sagan) Und doch hat Glück etwas zu tun mit ganz sein, mit heil sein. Das kommt in der altgermanischen Bedeutung von „glücklich“ zur Sprache. Für glücklich steht: heil, selig. Die religiöse Dimension wird hier besonders deutlich. Das erinnert an die „Seligpreisungen“ Jesu. Sie sind in der „Bergpredigt“ im Matthäus-Evangelium (5,3-12) überliefert. Dort ist die Rede von der Gerechtigkeit, wie sie bei Gott gilt. Es sind Zusagen gerade auch an unglückliche Menschen. Es sind Verheißungen nicht nur für die Ewigkeit. Sie reichen mitten hinein in diese Erdenzeit. Damit menschliches Leben gelingen kann. Die Seligpreisungen sind wie goldene Regeln, die zu einem glücklichen Leben führen können Sie beginnen: „Selig, die ... „. In modernen Übersetzungen wird das wiedergegeben mit: „Glücklich, die ... „. Und Jesus sagt: Glücklich, die arm sind vor Gott denn ihnen gehört das Himmelreich. Glücklich die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Glücklich, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Glücklich die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Glücklich, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen Glücklich, die Frieden stiften denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

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„Du kannst dein Leben nicht verlängern, nicht verbreitern, nur vertiefen.“
Der Schriftsteller Gorch Fock (1880-1916) hat das gesagt. Nun, die Aussichten älter zu werden, sind erheblich größer als bei früheren Generationen. Die moderne Medizin machts möglich. Parallel dazu boomt das Geschäft auf dem „Anti-Aging“ Markt. „Der Traum von der ewigen Jugend“ – so heißt die Parole. Es ist unbestritten: Durch ausgewogene Ernährung, durch Bewegung und geistiges Training lässt sich der Zahn der Zeit ein wenig aufhalten. Trotzdem bleibt gültig, was der Volksmund sagt: „Gegen das Alter ist kein Kraut gewachsen.“Der Senior, der stets fit-fröhlich in die Ferne schweift – das halte ich für eine Mär. Solche Zerrbilder lassen keinen Platz für die vielen Beschwerden des Alters. Sie übersehen: „Du kannst dein Leben nicht verlängern.“ Schön für den, der auch noch im Alter reisen kann, der das nötige Kleingeld auf die hohe Kante legen und sich noch allerhand leisten kann. Und wo all das nicht mehr möglich ist, da hilft jammern, klagen und unzufrieden sein auch nichts. Es bleibt auch das wahr: „Du kannst dein Leben nicht verbreitern.“ Und: Niemand kann etwas mitnehmen auf die letzte Reise. „Du kannst dein Leben nicht verlängern, nicht verbreitern, nur vertiefen.“ – Ich verstehe darunter eine Tiefe, in der ich mir selber begegne: Wer bin ich? Wo stehe ich? Eine Tiefe, in der mir möglicherweise Gott begegnen möchte. Ich setze auf Gott und gegen Null und Nichts. Und ich hoffe, dass sich mein Leben und das Leben aller einmal in Gott vollendet – jenseits von Raum und Zeit, jenseits aller menschlichen Vernunft. Mir gefällt der Gedanke des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860): „Ich glaube, dass, wenn der Tod unsere Augen schließt, wir in einem Lichte stehen, von dem unser Sonnenlicht nur der Schatten ist.“ Und wenn das alles doch nicht so ist? – dem halte ich entgegen: Dann hätte ich für mein Leben nichts verloren. Ich hätte auf jeden Fall besser, froher, sinnvoller gelebt, als wenn ich keine Hoffnung gehabt hätte.
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Viele Menschen mögen das Wort Sünde nicht. Man verbindet damit Moral bzw. Unmoral und die darüber wachenden Instanzen wie die Kirche. Erinnerungen an Ablaß, Fegefeuer und Hölle werden wach. Was ist Sünde? – Die Bibel ist da erstaunlich nüchtern und sachlich. Sündigen bedeutet: trennen, scheiden, entzweien, aber auch undankbar sein, verachten. Das heißt, dass die Sünde den Menschen sich selbst entfremdet und damit auch von Gott entfernt. Überraschenderweise bringt sie ihn aber auch Gott näher. Weil Gott nach dem Zeugnis der Bibel nichts von mir für sich selbst will. Gott will unser Glück und dass unser Leben gelingt. Dahin will Gott mich befreien. Das macht eine alte und obendrein humorvolle Weisheit deutlich: „Gott ist den Sündern näher als den Heiligen. “Der geistliche Schriftsteller Anthony de Mello hat dafür ein schönes Bild gefunden: „Gott im Himmel hält jeden Menschen an einer Schnur. Wenn man sündigt, zerschneidet man die Schnur. Dann knüpft Gott sie mit einem Knoten wieder zusammen und zieht einen dadurch etwas näher an sich heran. Immer wieder schneiden unsere Sünden die Schnur durch und mit jedem weiteren Knoten zieht uns Gott näher und näher.“Da kommt der Sünder ganz gut weg. Doch jeder Vergleich hinkt, auch hier. Gottes Beziehung zu uns ist nicht „Schnur“ sondern Freiheit. Dennoch entspricht dieses Bild der Gedankenwelt Jesu. Der ursprünglich griechische Begriff im Neuen Testament für Sünde ist „hamartia – und das bedeutet: eine Sache verfehlen, ein Ziel nicht erreichen. Immer wieder verfehlen wir die Gottesliebe und die Nächstenliebe und den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren. Werden wir diese Ziele je ganz erreichen? Sind wir dazu überhaupt willens und fähig? Jesus weiß um unsere Hinfälligkeit und Begrenztheit. So betont er in einem Streitgespräch mit Nachdruck: „Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten.“ (Matthäus 9,13)
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„Ich will alles“ – und das jetzt und gleich und sofort. Dieser Schlager von Gitte Henning trifft genau die moderne Lebensart: „Leben als letzte Gelegenheit.“ Mit dem Lebensziel: maximales Glück in minimaler Zeit. Das klingt irgendwie maßlos. Ist es auch. Denn die Sehnsucht nach Leben und Glück ist maßlos, sie gibt sich nicht zufrieden. Ich stelle mir vor: Ich habe alles Erdenkliche im Leben erreicht. Alle Visionen haben sich erfüllt, alle Ideen konnte ich verwirklichen, alle Ziele erreichen. Dann wird es nicht lange dauern und ich würde weiter suchen, was mir noch fehlt. Und das glaube ich, kann nur Gott sein. Suche ich aber den Himmel auf Erden, dann muß ich mit zwei Situationen fertig werden. Zum einen mit der Zeitknappheit. Zum anderen laufe ich Gefahr, mich und andere zu überfordern. Suche ich den Himmel auf Erden, dann muß ich schnell machen. Begleitet von der Angst, zu kurz zu kommen, etwas zu versäumen. Und ich werde den Verdacht nicht los, dass das nicht gelingen kann. Wahrscheinlich ist das auch gar nicht möglich: Dass ich die „unendliche“ Sehnsucht nach Glück auf der „endlichen“ Erde, mit „endlichen“ Menschen und „endlichen“ Möglichkeiten erfüllt finde. Und so laufe ich Gefahr, dass ich mich und andere überfordere. „Burn-out“ heißt eine der neuen Volkskrankheiten. In meiner Sehnsucht nach erfüllter Liebe schwingt Ewigkeit mit und Unendlichkeit. Also letztlich Gott. Bei allen romantisch-himmlischen Liebesschwüren bleiben wir auch in der Liebe endliche Menschen. Ich glaube, die Liebe will mehr als sie vermag. Vielleicht scheitern heute so viele Beziehungen an einer geradezu religiösen Übererwartung an die Partnerin, den Partner – eine Erwartung die letztlich nur Gott erfüllen kann. Der Theologe Roman Bleistein wirbt dafür, die „Tugend des Erbarmens“ einzuüben: „In ihr vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“ ** Die Partnerin, der Partner kann nicht Gott sein, sie müssen Menschen sein dürfen, begrenzte, endliche Menschen. Denn: Was im Leben konkret geschieht, ist immer eine Nummer kleiner als die Sehnsucht. * Buchtitel, Marianne Gronemeyer, Darmstadt 199 ** zitiert in: Paul M. Zulehner, GottesSehnsucht, Stuttgart 2008
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Religion als „Opium des Volkes“, als Droge kirchlicher Vertröstungen – mit dieser Parole wäre Karl Marx (1818-1883) heute vermutlich vorsichtiger. Die marxistische Arbeiterbewegung unterstellte damals, dass die Mächtigen sich mit den Religionen gut stellen, um die Armen und Ausgebeuteten von ihrem Elend abzulenken und auf ein besseres Jenseits zu vertrösten. Keine christliche Kirche vertröstet heute Menschen auf das Jenseits. Die Mahnung der Propheten und Jesu haben die Kirchen längst begriffen, dass sie sich um die Armen und Kranken kümmern. Sie haben in den letzten Jahrzehnten eine klare Option, eine klare Entscheidung für die Armen getroffen und praktiziert. Und das global, weltweit. „Brot für die Welt“ und „Misereor“, „Diakonie und Caritas International“, um die großen Hilfswerke zu nennen. Ganz abgesehen von unzähligen sozialen und humanitären Projekten und sozialen Initiativen von Kirchengemeinden, bei uns und weltweit. Da hat sich bei den Kirchen einiges verändert – im Blick auf das Jenseits und im Blick auf das Diesseits. Was bleibt, ist die uralte Sehnsucht jedes Menschen nach Glück, nach einem erfüllten Leben. Doch da gewinnt man den Eindruck: Moderne Lebenseinstellungen kennen keine Vertröstung auf das Jenseits, sie neigen mehr und mehr zu einer Vertröstung auf das Diesseits. Mit dem Ziel: ein möglichst leidfreies Glück zu erreichen – in der Liebe, bei der Arbeit, im Vergnügen. Hier und jetzt. Eine Art Paradies auf Erden, eine Art Himmel ohne Gott. Und das sollte sich erfüllen in einem Zeitraum von 70, 80, wenn es hochkommt 90 Jahren. Im Vergleich zu früheren Generationen leben wir zwar länger, aber insgesamt doch kürzer. Denn früher lebten die Leute 30, 40, 50 Jahre plus „ewig“ – wir modernen Zeitgenossen leben nur noch maximal 90 Jahre und haben die Ewigkeit nicht mehr im Gepäck. Ob diese Rechnung für unsere Sehnsucht nach Glück aufgeht?! Viele leiden an ihrer unerfüllten Sehnsucht. Immer nur arbeiten, kaufen, vergnügen – das genügt vielen nicht mehr. Und viele haben Sehnsucht nach Gott, Hunger und Durst nach Gott. Solche Erfahrungen sind nicht neu. Vor dreitausend Jahren betet jemand im Alten Testament, im Psalm 63: „Gott, du mein Gott, dich suche ich meine Seele dürstet nach dir . . .Darum halte ich Ausschau nach dir.“

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„Es sprechen manche: sie hättens nicht! Da erwidere ich: Das ist mir leid! Ersehnst du es aber auch nicht, das ist mir noch leider. Könnt ihr es denn nicht haben, so habt doch ein Sehnen danach! Mag man auch das Sehnen nicht haben, so sehne man sich doch wenigstens nach einer Sehnsucht!“Dieser Text stammt aus dem 13. Jahrhundert. Der Mystiker und Dominikanermönch Meister Eckhart (1260-1328) hat das gesagt. Und was er da gesagt hat, ist immer noch aktuell.In einer säkularen Welt, in der Glaube immer weniger eine Rolle spielt, suchen viele wieder nach Orientierung, nach Spiritualität. Sie haben Sehnsucht – aber wonach?Die Wissenschaftlerin Ariane Martin geht diesem Suchen vieler Menschen nach. Sie hat einige Wege „spirituellen Suchens“ ausfindig gemacht. *1. Die Reise zu sich selbst. Menschen, die vor allem durch Meditation die eigene Mitte suchen. Der Komiker Karl Valentin (1882-1948) hat das – aus dem Bayerischen übersetzt – einmal so gesagt: „Heute Abend besuch’ ich mich, ich bin gespannt, ob ich daheim bin.“2. Dem Leben wieder Geheimnisse lassen. Die moderne Welt ist entzaubert. Sie kennt kaum noch Geheimnisse. Viele wollen die Welt wieder verzaubern und suchen das verlorene Geheimnis. Mir kommt der Spruch in den Sinn: „Manchmal muss ich die Augen schließen, um besser sehen zu können.“3. Spirituelle Gemeinschaften. Viele fühlen sich in unserer modernen Gesellschaft krank. Nicht wenige suchen das rettende Gegengewicht in kleinen spirituellen Gemeinschaften, in denen man sich gegenseitig aufrichtet und Halt gibt4. Glaubwürdige Vorbilder finden. Manch einer hat den Boden unter den Füßen verloren. Er hat sein Lebenshaus – biblisch gesprochen – „auf Sand gebaut“ (Matthäus 7,24-27). Sie setzen nicht auf Parolen und Versprechungen. Sie suchen Festigkeit bei glaubwürdigen Vorbildern, bei spirituellen Lehrern und Meistern. 5. Die Reise ins Weite. Viele fühlen sich in der modernen Welt in die Enge getrieben und ihrer Würde beraubt. Sie machen sich auf die Reise ins Weite, in die Natur, ins Kosmische und suchen darin das Heilige, die bergende Welt des Göttlichen.Ein kleiner Ratgeber, der uns helfen kann auf unserer Suche nach Spiritualität * entdeckt bei: Paul M. Zulehner, GottesSehnsucht, Schwabenverlag Stgt 200
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