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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gott, wie peinlich, dass mir das jetzt passieren musste. – Aber das ist doch menschlich, sagt mein Gegenüber begütigend, um den Schnitzer zu entschuldigen und die Situation zu retten. Und im Schwäbischen weiß man, dass es halt überall ‚mensche-let’, und damit ist auch gesagt, dass man am besten grundsätzlich mal mit dem schlimmsten Fall rechnet, dann kann man schon nicht enttäuscht werden.
Aber was ist denn daran so menschlich? Ich kann in einer Ausnahmesituation völlig ausrasten und andere schädigen. Ich bin versuchbar, wenn das Finanzamt mir nicht auf die Finger schaut. Ich gehe viel lieber den bequemen Weg als den, den ich ei-entlich für richtig halte. Macht mich das alles zum Menschen, macht mich das menschlich?
Ich glaube schon, aber es ist nur die eine Hälfte, der halbe Mensch eben. Als menschlich gilt ja auch das Gegenteil, wenn jemand über sich hinaus wächst und sich besonders mitfühlend oder großzügig zeigt.
Der Begriff ist schillernd, so schillernd wie die Menschen selbst: Menschlich nennt man die höchsten ethischen Leistungen und zugleich die größten Schwächen, das Großartige und das Klägliche. Wir sind eben zu allem fähig, im Guten wie im Bösen. Wir haben zwei Gesichter, wir alle. Das ist auch die Erfahrung der Bibel. Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Ebenbild Gottes – und zugleich nicht mehr als ein Staubkorn und weniger als ein Tropfen am Eimer, wie der Prophet Jesaja sagt (vgl. Jesaja 40,15).
Wir haben zwei Gesichter. Damit müssen wir leben. Menschlich bin ich, wenn ich weiß und damit rechne, dass ich zu allem fähig bin, zur fiesesten Gemeinheit ebenso wie zu beeindruckender Selbstlosigkeit. Wenn ich nur die eine Seite wahrnehme und wahrhaben will, dann werde ich entweder größenwahnsinnig, oder ich verliere meine Selbstachtung.
Ich weiß, dass es überall ‚menschelet’, und zwar gewaltig. Das macht mich misstrau-isch gegenüber allem, was scheinbar perfekt ist und keine Macken hat. Es macht mich aber auch barmherzig, wenn die Macken unter der Politur halt doch zum Vor-schein kommen. Und oft ist es ja gerade das Unvollkommene, das Charme hat und geliebt wird – das Menschliche eben.

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Viele Supermärkte werben damit, dass sie eine riesige Auswahl haben. Manche mö-gen das. Für mich ist es geradezu ein Horror, vor einem Regal zu stehen, das aus sagen wir mal 25 Quadratmeter Marmelade besteht. Ich möchte meine Lieblingssorte in einer ordentlichen Qualität zu einem reellen Preis, mehr nicht.
Es kommt vor, dass ich vor einer solchen Wand kapituliere und ohne Marmelade nach Hause komme. Weil ich meine Kraft an manchen Tagen für Wichtigeres brau-che als mich zwischen 120 Sorten desselben Produkts zu entscheiden.
Das Überangebot an Waren ist für mich ein Beispiel. Es zeigt, dass wir in vielen ba-nalen Dingen des Alltags unendlich viel Wahlfreiheit haben – zu viel für mich. Wenn es wenigstens echte Alternativen wären. Aber es ist einfach zu viel desselben mit ganz kleinen Unterschieden. Das ist beim Bäcker kaum anders als bei der Pro-grammzeitschrift oder bei der Versicherung für mein Auto.
Wahlfreiheit ist schön, und sie hat sogar mit Menschenwürde zu tun. Viele würden gern auswählen, stattdessen müssen sie froh sein, jeden Tag so viel Mais zu be-kommen, dass wenigstens der Magen nicht mehr knurrt. Aber wenn mein Alltag nur noch aus tausend kleinen und eigentlich völlig belanglosen Entscheidungen besteht, dann ist das schon wieder eine Art von Unfreiheit. Und zwar eine besonders hinter-hältige, weil sie als Freiheit daher kommt.
Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst. (Deuteronomium 30,19) So dramatisch beschreibt die Bibel, vor welcher Wahl wir stehen. Jede Entscheidung, die ich treffe, auch die banalste, hat mit Leben zu tun und mit meiner Sehnsucht nach Leben, nach mehr Leben, nach anderem Leben. Die Werbung weiß das schon lange und versucht, jedes Produkt mit Leben zu aromati-sieren. Und immer wieder gehe ich ihr auf den Leim und merke zu spät, dass ich mir vom Kauf viel mehr versprochen hatte als eben ein Duschgel oder mittelscharfen Senf.
Aber manchmal sehe ich auch klarer. Dann führt mich meine Sehnsucht wirklich da-hin, wo ich echtes Leben finde und nicht nur einen künstlichen Geschmack davon. Und dann weiß ich auch wieder, dass ich es nicht in der hunderteinundzwanzigsten Marmeladensorte suchen muss, das Leben, an dem ich satt werde.

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Der Blumenstrauß auf dem Tisch ist nicht mehr ganz taufrisch. Die Rosen beginnen, die Köpfe zu neigen, die Gerbera sind zum Glück mit Draht gestützt, und die Levko-jen sind nur noch oben richtig ansehnlich. Schade, denn es war einer der schönsten Sträuße, die ich je bekommen habe. Aber schon am zweiten Tag war abzusehen, dass er’s nicht lange machen würde. Also frisch anschneiden, Wasser wechseln, nachts rausstellen, aber heute Abend wird nichts mehr helfen. Ich schau’s mir an, sehe die üppige verwelkende Pracht, und spüre noch einmal die Überraschung und die Freude, als ich diesen herrlichen Strauß überreicht bekam.
Blumen sind immer noch das beliebteste Mitbringsel. Erstaunlich eigentlich, denn sie sind das einzige Geschenk, das auch seine Vergänglichkeit gleich mitbringt und nach wenigen Tagen schon ein Bild des Jammers ist. Da sollte man doch meinen, dass alle Welt sich auf künstliche Blumen stürzt. Die gibt es heute ja täuschend echt, dazu unempfindlich, wartungsfrei und garantiert unverrottbar. Sie duften zwar nicht, dafür kann aber auch kein Wasser in der Vase muffeln. Trotzdem ist es undenkbar, zum Geburtstag einen Strauß Kunststoffrosen zu verschenken.
Es ist wohl gerade das Vergängliche, das die Schönheit und den Wert von Blumen ausmacht. Und nicht nur von Blumen. Was begrenzt ist, wird umso kostbarer. Ein Urlaub etwa, der nie zu Ende geht, das wäre letztlich ebenso reizlos wie eine Rose, die nicht welkt.
Über die Vergänglichkeit kann man melancholisch werden oder sich an ihren Grenzen aufreiben. Aber wir brauchen sie auch, um nicht ins Bodenlose zu fallen. „Was keine Grenze hat, hat auch keine Gestalt.“ Leonardo da Vinci war es, der das sagte. Ausgerechnet er, das Universalgenie, erkannte, wie wichtig die Grenze ist.
Und vielleicht ist es ja das, was wir an echten Blumen so mögen: dass sie wie wir den Bauplan der Schöpfung in sich tragen, dass sie eben nicht robust und unver-gänglich sind, sondern kurzlebig und verletzlich, und gerade so schön und lebendig.
Den welken Strauß werde ich abräumen, seine Grenze respektieren, die auch die meine ist. Noch einmal werde ich mich daran freuen, und dann weitergehen, im Frieden mit meinem Bauplan und mit meiner Grenze.


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Im Naturkundemuseum in Stuttgart gab es letztes Jahr eine Ausstellung über Saurier und andere urzeitliche Tiere. Echte Knochen waren da zu sehen, versteinerte Abdrü-cke und auch lebensgroße Modelle von Giganten, denen man im richtigen Leben nicht so gern begegnet wäre.
Was mich bis heute fasziniert, ist dagegen eher unscheinbar. Ich entdeckte es zufäl-lig in einer kleinen Vitrine: ein winziges fossiles Tier mit einem Namen, den sich kein Mensch merken kann. Darunter aber stand zu lesen, dass es sich um eine soge-nannte Dauerlarve handelte. Ein Lebewesen, das nicht über das Larvenstadium hi-nauskommt, also sein ganzes Leben lang unfertig bleibt. Auch heute gibt es Tierar-ten, die sich darin eingerichtet haben, als Larve zu leben, Molche zum Beispiel oder bestimmte Käfer oder Motten. Nicht gerade unsere Lieblingstiere, aber seit ich das weiß, finde ich sie fast schon sympathisch.
Denn irgendwie kommt mir das doch bekannt vor. Ich fühle mich auch manchmal, wie wenn ich gleichsam noch gar nicht ganz ‚geschlüpft‘ wäre, wie wenn ich die Ges-talt, für die ich geschaffen bin, noch längst nicht erreicht hätte. Da gibt man sich alle Mühe, aus Fehlern zu lernen, und es beim nächsten Mal besser zu machen. Und dann tappt man doch immer wieder in dieselbe Falle.
Die Entdeckung der Dauerlarve in der Glasvitrine war für mich so was wie eine kleine Offenbarung. Das Unvollständige ist nicht unbedingt mangelhaft, es hat seine eigene Art und seine eigene Qualität. Und vor allem: es darf sein. Die Schöpfung ist da nicht so eng und festgelegt wie wir Perfektionisten es sind, sondern viel reicher und flexib-ler, eben: kreativer.
Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden. (1. Johannesbrief 3,2) Das steht in einem Brief des Neuen Testaments. Auch wir sind sozusagen noch ‚im Larvensta-dium‘, solange wir in der irdischen Welt leben. Ich finde diesen Gedanken tröstlich, denn er entlastet mich von dem Druck, mich in harter Arbeit so lange weiterentwi-ckeln zu müssen, bis ich irgendwann mein Ziel erreicht habe. Nein, ich muss noch nicht einmal wissen, wie meine endgültige Gestalt aussieht – ich darf in der Gestalt leben, die ich jetzt habe. Für die Vollendung reicht meine Phantasie sowieso nicht, deshalb überlasse ich sie Gott. Und fühle mich mit leichtem Herzen wohl als Dauer-larve.


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In jedem Jahr gibt es eine Hitliste der Vornamen, die besonders häufig vergeben wurden. In meinem Jahrgang hießen Mädchen oft Brigitte oder Gabi, und Jungen Wolfgang oder Michael. Kinder, die heute geboren werden, haben gute Chancen, Leonie oder Marie, Leon oder Tim zu heißen. Der Zeitgeschmack ändert sich, und das zeigt sich nicht nur an Frisuren oder Tapetenmustern, sondern auch daran, wel-che Namen man schön findet.
Wissenschaftler haben untersucht, wie man heißen muss, um glücklich zu werden. Offenbar tut es gut, einen Namen zu haben, der anderen auch geläufig ist – ist ja auf Dauer auch mühsam, den eigenen Namen immer buchstabieren zu müssen und gleich noch zu erklären, woher er kommt. Und umgekehrt möchte wohl auch nie-mand einen Namen haben, der so unauffällig ist, dass er auf jedem Musterformular steht. Die Erklärung ist einfach: Man will dazugehören, aber man will nicht in der Masse untergehen, kein Außenseiter sein, aber doch ein eigenes Profil haben.
Namen, heißt es in Goethes Faust, Namen seien Schall und Rauch, also ohne jede Bedeutung. Der teuflische Mephisto ist es, der das sagt. Die Bibel sieht das anders, klar, sonst müsste sich ja der Teufel nicht die Mühe machen, dagegen zu sein. Na-men sind in der Bibel eben nicht zufällig, sie zeigen immer etwas von der Geschichte des Menschen, der den Namen trägt. Und trotz aller technischen Erkennungssyste-me gilt bis heute: Der Name steht für den Menschen, am Namen erkennt man eine Person, und erst danach kommen alle anderen Merkmale.
Ich finde biblische Namen schön, nicht nur, weil mir meistens der Klang gefällt, son-dern auch, weil sie eine Bedeutung haben, die einen Menschen dann wie ein Le-bensmotto begleiten kann.
Aber letztlich kommt es nicht darauf an, ob ein Name eine große Geschichte hat oder der heutigen Mode entspricht oder einfach nur schön klingt, das ist sowieso Ge-schmackssache. Letztlich zählt nur eines: jedes Kind, dem wir einen Namen geben, ist eingezeichnet in die Hand seines Schöpfers.
In dieser Hand haben wir alle Platz, und nicht nur wir. Willkommen also, ihr Rosema-ries und Manfreds, ihr Gabis und Wolfgangs, Sabrinas und Olivers, willkommen ihr Leonies und Fynns – herzlich willkommen in Gottes Hand!


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Längst ist es zum Erfolgsprogramm geworden, das positive Denken. Zu Recht, denn Leute, die das können, leben tatsächlich leichter als andere. Es geht darum, dass ich meine Aufmerksamkeit auf das richte, was gut ist und gelingt, das Positive eben. Und das andere, worüber ich mich ärgere oder was mich empört oder traurig macht, das nehme ich einfach nicht mehr so wichtig.
Wie man das macht, ist in unzähligen Ratgebern nachzulesen. Ich habe auch mal versucht, das zu üben. Man kann es wirklich lernen, es funktioniert. Aber irgendwann hatte ich das Gefühl, mich in eine Wirklichkeit zu beamen, die nur die halbe ist oder noch weniger. Und ich merkte, dass mir etwas fehlt. Nicht die unangenehmen Gefüh-le von Traurigkeit oder Ohnmacht oder Zorn über das, was nicht in Ordnung ist, dar-auf kann wohl jeder gern verzichten. Aber ich habe mich gefühlt, wie wenn ich nur noch auf einem Auge sehen könnte.
Wenn ich nur noch das Positive sehen will, dann lebe ich zwar leichter, aber ich verliere dabei auch viel. Ich verliere die Fähigkeit, mich aufzuregen über Ungerechtigkeiten, an die ich mich einfach nicht gewöhnen will. Wenn wir so gierig sind in unserem Energieverbrauch, dass die Produktion von Bio-Sprit die Welt in eine Ernährungskri-se stürzt, dann will ich mich aufregen und muss es auch. Denn nur so fange ich an, etwas zu ändern.
Mittlerweile habe ich eine Möglichkeit gefunden, mich aufs Positive zu konzentrieren und trotzdem wach zu bleiben und das Dunkle nicht einfach auszublenden. Meine Alternative heißt: segnen. Es ist sozusagen die biblische Variante zum positiven Denken. Wenn ich einen Menschen segne, sage ich: Ich kann ihn nicht wirklich schützen, aber du, Gott, du kannst es. Segnen heißt: einen Menschen, eine Bezie-hung, eine Situation Gott anvertrauen. Das, was mir am Herzen liegt, ihm gleichsam vor die Füße legen und ihn bitten, dass er darauf schaut. Was ich gesegnet habe, verfolgt mich nicht mehr. Ich kann es loslassen, aber ich muss mich nicht zwingen wegzuschauen.

Ich segne oft und gern, einfach so, in Gedanken, ohne dass jemand es bemerkt. Ein Kind auf seinem Fahrrad, ein verschlafenes Gesicht auf dem Weg zur Arbeit, einen Autofahrer, der’s eilig hat. Ich glaube, das tut den Menschen gut, denen ich so be-gegne. Auf jeden Fall tut es mir gut.


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In meiner Schulzeit war der 29. Juni äußerst beliebt, denn es war ein Feiertag, und das Wichtigste: man hatte frei. Das ist heute anders, aber in meinem Kalender steht immer noch: Peter und Paul.
Das Fest Peter und Paul wird in der Christenheit seit dem 4. Jahrhundert gefeiert. Genial ist daran, dass diese beiden Männer, die sich da einen Gedenktag teilen, so unglaublich verschieden sind: Petrus war ein einfacher bodenständiger Mann; als Fischer fuhr er jeden Tag hinaus auf den See Gennesaret, um sich und seine Familie zu ernähren. Damals hätte er im Traum nicht daran gedacht, dass sich auch zwei-tausend Jahre später noch Päpste auf ihn und seine Geschichte berufen würden. Ganz anders Paulus, ein hoch gebildeter jüdischer Theologe, zugleich ein Weltbür-ger, der die ganze Kultur seiner Zeit in sich trug.
Petrus und Paulus, jeder von ihnen hatte seinen ganz eigenen Weg, zu Jesus und mit Jesus. Und auch ihr Weg zueinander war weit und mühsam. Ohne diesen Jesus wären sie sich wohl nie begegnet und hätten einander auch nicht viel zu sagen ge-habt. Was sie verbunden hat, lag jenseits von Sympathie und Freundschaft. Und dann waren sie auch noch auf verschiedenen Seiten, Petrus, der vom auferstande-nen Jesus sprach, Paulus, der diese neue Sekte im Namen der Rechtgläubigkeit be-kämpfte. Dann wurde Paulus selbst zum Jesus-Anhänger, und die anderen blieben erst mal misstrauisch – vielleicht war er ja nur ein Spitzel?
Sie kamen zusammen, die beiden ungleichen Männer, sie lernten sich kennen und respektieren, sie suchten Wege zwischen den unterschiedlichen Erfahrungen und Sichtweisen. Nur durch ihre nüchterne Kompromissbereitschaft konnte die Kirche zu einer weltweiten Gemeinschaft werden, ohne ihre jüdischen Wurzeln zu verlieren.
Ich wünsche mir eine Kirche, in der auch heute so unterschiedliche Menschen und Erfahrungen Platz haben wie damals. In der Konflikte ausgetragen werden, ohne dass am Ende der eine Recht hat und der andere Unrecht. In der man um die Wahr-heit ringen kann, ohne einander zu verletzen oder den Glauben abzusprechen. Eine Kirche, die leidenschaftlich ist und zugleich nüchtern, engagiert und gelassen.
Danke, Petrus und Paulus – ihr beide habt vorgemacht, wie das gehen kann!

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