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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Werden Sie samstags auch nie fertig mit dem, was Sie machen wollen?
Mir geht das oft so. Alles, was ich die Woche über nicht schaffe, schiebe ich auf den Samstag. Und am Samstagmorgen fallen mir dann noch fünf andere Sachen ein, die heute unbedingt sein müssen: auf den Markt gehen und einkaufen, aufräumen und sauber machen und am besten noch im Garten arbeiten oder einen Kuchen backen.
Das klappt natürlich nie.

Manchmal bin ich dann richtig unzufrieden mit so vielen angefangenen Dingen. Alles ist nur halb fertig. Nichts kann ich abhaken. Das nervt.

„Vergeblich ist es, dass ihr in aller Frühe aufsteht, euch erst spät zur Ruhe setzt und euer Brot mit Sorgen esst“ (Ps 127,2), heißt es in einem Psalm der Bibel.
Das trifft genau mein Samstags-Gefühl: ich stehe früh auf, arbeite den ganzen Tag und bin dann trotzdem nicht zufrieden. Weil nie alles fertig wird und weil alles Halbfertige mich doppelt drückt.
Da scheint es wirklich fast vergeblich zu sein, sich so abzumühen.

Aber was soll man dagegen tun?
Sich weniger vornehmen, klar. Aber das ist leichter gesagt als getan. Es gibt eben doch immer Dinge, die erledigt werden müssen. Zumindest denke ich, dass sie erledigt werden müssen.

Die Menschen, die den Psalm gebetet hat, wussten eine Lösung:
„Den Seinen gibt`s der Herr im Schlaf“ heißt es dort weiter.

Schön, denken Sie vielleicht. Aber wie soll das gehen: Soll etwa Gott im Garten arbeiten oder meinen Kuchen backen? Und ich ruh mich derweil aus?

So ist das natürlich nicht gemeint. Aber zum Ausruhen lädt dieses Gebet doch ein. Es vertraut darauf, dass auch dann etwas passiert, wenn ich gerade nicht wie wild schaffe.
Zum Beispiel, wenn ich samstags einfach vor dem Kaffee trinken aufhöre zu arbeiten. Oder nachmittags einen Ausflug mache. Dann ist zwar nicht alles erledigt. Aber es verändert sich trotzdem etwas: Ich genieße das Leben und freue mich. Und wenn ich dann vom Kaffeetisch aufstehe oder vom Ausflug nach Hause komme, dann stört es mich nicht mehr, dass nicht alles perfekt ist.
Dann ist auch das Halbfertige okay – weil das Leben so schön ist.

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„Dann hast du jetzt ja Halbzeit“ hat kürzlich ein Gast bei einer Geburtstagsparty gesagt. Sechsunddreißig ist die Frau geworden.
Alle haben dann ganz schnell gerechnet. Und nach einer ersten Sekunde, in der alle erschrocken und ganz still waren, gab es eine aufgeregte Diskussion, wann wir wohl die Halbzeit unseres Lebens erreicht haben.
Viele wollten die Zahl nach hinten verschieben: „Wir werden bestimmt älter viel als 72. Da haben wir noch 10 Jahre Zeit bis zur Halbzeit.“

Wahrscheinlich war es für alle komisch, sich vorzustellen, dass man die längste Zeit schon gelebt hat. Wo man mit Ende dreißig doch mitten im Leben steht mit Familie und Kindern oder im Beruf endlich da angekommen ist, wo man schon immer hin wollte. Wer will da schon ans Lebensende denken? Warum auch?

Die Bibel denkt darüber ein bisschen anders:
„Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12). So heißt es in einem Psalm.
Auch damals wollten die Menschen wohl nicht so gerne sehen, dass ihr Leben begrenzt ist. Und darum haben sie Gott gebeten, ihnen dabei zu helfen.

„Herr lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“

Es ist vielleicht merkwürdig. Aber mir macht diese Bitte Mut:
Weil hier klar wird: es ist wirklich nicht so leicht, über das Sterben nachzudenken. Das muss man erst lernen. Dazu braucht man andere, mit denen man darüber reden kann. Vielleicht auch ältere Menschen, die sich schon mehr damit befasst haben.
Oder eben Gott, der einem helfen kann, wenn man Angst hat.

Und, und das finde ich genau so wichtig: es bringt einem etwas, über die eigene Lebenszeit nachzudenken. Da wird man klug, sagt die Bibel.
Es ist gut, sich bewusst zu machen, dass irgendwann alles ein Ende hat. Das, was einen freut und das, was einen ärgert. Das relativiert vielleicht manches. Man nimmt manches nicht mehr so wichtig. Vielleicht fängt man dann auch an, den einzelnen Tag mehr zu genießen, wenn man weiß, dass das Leben nicht endlos ist.

Mit anderen darüber zu reden und selber nachzudenken, das lohnt sich. So verstehe ich die Bibel. Vielleicht ist da so ein Geburtstag eben doch ein guter Anlass. Egal ob es Halbzeit ist oder nicht.
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Heute ist Halbfinale bei der EM. Wer gewinnt, steht im Endspiel. Und damit da, wo alle hinwollen. Wer verliert, fliegt raus.
Kein Wunder, dass da heute Abend viele vor dem Fernseher sitzen werden. Um mit zu erleben, wie es ausgeht.

Gewinnen wollen schließlich alle. Nicht nur im Fußball. Auch sonst geht es oft darum der erste oder die beste zu sein: in der Schule, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, wenn es um Karriere und Aufstieg geht - und noch auf der Warteliste zum Pflegeheim haben die, die zuerst da waren, bessere Chancen.

Manchmal scheint es mir so, als ob das ganze Leben ein Wettkampf ist, bei dem es immer darum geht, wer gewinnt. Die, die gut trainiert haben, erfolgreich sind und auch ein bisschen Glück haben, die kommen weiter. Die anderen sind die Verlierer, die man ganz schnell vergisst.

Das war schon so als Jesus gelebt. Auch da wurde schon gekämpft um ein erfolgreiches Leben. Die einen haben es geschafft und die anderen nicht.
Jesus wollte dem etwas entgegen setzen. „Die ersten werden die Letzten sein und die Letzten werden die ersten sein,“ sagt er einmal, als er von Gottes neuer Welt spricht. (Mt 20, 16)
Und genauso hat Jesus auch gehandelt: Er hat sich immer zuerst um die Letzten gekümmert: um die, die hinterher gehumpelt kamen, weil ihre Füße kaputt waren, und die, die den Weg gar nicht selber gefunden haben, weil sie blind waren. Auch die, von denen andere gesagt haben: „Das sind doch die Letzten!“ Weil sie betrogen haben oder einfach anders waren.
Sie kamen bei Jesus immer zuerst dran.

Die anderen waren deswegen trotzdem nicht die Looser. Sie mussten nur ein bisschen länger warten. Dann waren sie genauso willkommen und genauso eingeladen, dabei zu sein.
Jesus hat die Reihenfolge umgedreht. Weil er wollte, dass alle gut leben können. Die Verlierer wurden zu Gewinnern und die Gewinnern haben deswegen trotzdem nicht verloren. Und rausgeflogen ist niemand.

Ich finde es tröstlich, dass es nicht überall so zugeht wie auf dem Spielfeld. Dass es nicht immer so sein muss, dass die einen weiterkommen und die anderen rausfliegen.
Gott jedenfalls will es anders.

Deswegen kann man ja trotzdem Fußball schauen und mit den Gewinnern dort jubeln. Das ist schließlich nicht das Leben, sondern nur ein Spiel.


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Heute ist Sommer-Weihnacht!
Ja, Sie haben richtig gehört: Sommer-Weihnacht.
Im Mittelalter wurde der 24. Juni so genannt und gefeiert, weil es an diesem Tag noch genau 6 Monate bis Weihnachten sind. Ab da wurde der Winter in den Blick genommen und die Reserven dafür wurden vorbereitet.

Das wollen Sie lieber gar nicht wissen?
Ich eigentlich auch nicht. Ich finde es schrecklich mir vorzustellen, dass die längsten Tage im Jahr jetzt schon wieder vorbei sind. Der Sommer kommt doch erst noch, denke ich. Der Juli und der August. Die langen Ferien und der Urlaub.
Das kann doch nicht sein, dass es ab heute schon wieder dunkler wird?!

Und wieso sollen wir überhaupt mitten in der hellsten Zeit schon wieder an das Dunkle denken? Oder gerade jetzt, wo alles grünt und blüht, daran, dass es wieder abstirbt und von Schnee bedeckt wird? Was soll das bringen?

Sommer-Weihnacht ist in der Kirche bis heute der Gedenktag für Johannes den Täufer. Sozusagen sein Geburtstag. Die Bibel sagt ja, er sei ein halbes Jahr vor Jesus geboren. Und dessen Geburtstag ist der 24.12.

Mir hilft dieser Johannes damit umzugehen, dass die Tage kürzer werden und die Welt dunkler.
Er hat nämlich ganz bewusst damit gelebt, dass alles abnimmt und weniger wird. Der Sommer und auch das Leben. „Er wird zunehmen, ich aber werde abnehmen“ hat er gesagt und auf Jesus gezeigt. In ihm hat er einen ganz besonderen Menschen erkannt. Johannes war überzeugt davon: je dunkler es wird, desto mehr sieht man das Licht, das von Jesus ausgeht.
Darum konnte er es auch gut aushalten, wenn etwas weniger wurde oder dunkler und schwieriger - im Leben und im Jahreslauf.

Wenn ich also heute schon mal an Weihnachten denke, dann geht es nicht darum, jetzt schon Geschenke auszusuchen oder Vorräte zu kaufen. Aber mich mache mir klar, dass ab heute alles Licht und alle Helligkeit wieder abnimmt. Trotzdem muss es für mich nicht dunkel.
Wenn ich heute schon mal in die Weihnachtskrippe schaue, dann sehe ich, dass es gerade in der dunkelsten Nacht ganz hell wird.
Das hilft auszuhalten, dass die Sonne nicht immer scheint und die Tage kürzer und dunkler werden. Auch wenn wir noch mitten im Sommer sind.

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Halb voll oder halb leer – sicher kennen Sie das: da schätzen zwei Menschen eine Situation ganz verschieden ein. Der eine sagt: das Glas ist halb voll. Und der andere sagt. Es ist halb leer. Ohne, dass sich am Inhalt etwas geändert hat.

Manchmal geht es einem ja mit sich selber so: da findet man etwas schön und ist zufrieden und am nächsten Tag ist genau dieselbe Sache schrecklich. Zum Beispiel die Frisur oder die alte Jeans.
Schlimmer wird es, wenn für einen Menschen das ganze Leben mal so und dann wieder ganz anders aussieht. Wenn an einem Tag alles gut erscheint und am nächsten macht alles keinen Sinn mehr. Dann weiß man manchmal gar nicht mehr, wo man mit sich selber dran ist. Und die anderen wissen es erst recht nicht.
In der Bibel gibt es Gebete von Menschen, denen es so ging. Sie wussten nicht mehr, wie es weiter gehen soll. Nicht mal Gott kann mir noch helfen, dachten sie.
„Hast du mich für immer vergessen, Gott?“ fragt da ein Mensch ganz verzweifelt. „Wie lange willst du dich noch verbergen?“ (Psalm 13)
Und dann erzählt er, was los ist. Sorgen machen ihn verrückt. Er erstickt in Depression und dann gibt es auch noch andere Menschen, die ihm Böses wollen und seine Feinde sind.

Da scheint das Glas nicht nur halb, sondern ganz leer zu sein. Gar nichts ist so, wie es sein sollte.

Aber plötzlich schlägt die Stimmung um und im nächsten Satz sagt der Beter:
„Ich juble über deine Hilfe. Mit meinem Lied will ich dir danken, weil du so gut zu mir gewesen bist.“

Das klingt fast so, als ob jemand anderes redet.
Dabei kann sich doch so schnell gar nichts geändert haben.

Äußerlich wahrscheinlich wirklich nicht. Aber innerlich vielleicht schon. Ich kann mir vorstellen, dass es dem Menschen geholfen hat, einfach mal Gott zu sagen, wie es ihm eigentlich wirklich geht. So ohne Verstellung und ganz ehrlich. Da ist er wohl ganz viel los geworden, von dem, was ihn belastet. Von seiner Enttäuschung, dass Gott sich nicht kümmert. Und von seiner Wut, dass die anderen so gemein sind. Das alles hat er Gott geklagt.
Danach war er wie befreit und konnte wieder anders auf sein Leben schauen. Und
plötzlich konnte er wieder erkennen, was eigentlich doch ganz gut ist.

Der Beter zeigt mir: Ob halb voll oder halb leer, das ist nicht nur Ansichtssache. Das kann sich verändern, wenn ich das, was mich beschäftigt, einfach Gott erzähle – so wie einer guter Freundin.
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„Hm, das riecht wie Gott!“ sagt ein Drittklässler, als er mit seinen Fingern über frisch gebackenes Brot streicht und daran riecht.
Wir haben im Unterricht über Brot gesprochen. Und meine katholische Kollegin hat gerade erzählt, dass sie über jedem Brot ein Kreuzzeichen macht, bevor sie es anschneidet. Als Dank an Gott. Das haben die Schüler dann auch gleich ausprobiert und einer hat dann eben gesagt:
„Hm, das riecht wie Gott!“

Riechen wie Gott – das finde ich einen tollen Gedanken.
Wir Menschen haben ja alle unseren unverkennbaren Geruch. Jede und jeder riecht anders. Manchmal gibt es auch so einen Familiengeruch. Das liegt vielleicht am Waschmittel. Unser eigener Geruch ist jedenfalls so stark und so unterschiedlich, dass Blinde einen daran erkennen können.

Geruch hat auch immer mit Erinnerung zu tun. Wenn es irgendwo so riecht wie bei meiner Großmutter auf dem Dachboden, dann fallen mir sofort die vielen Ferientage ein, die ich bei ihr verbracht habe. Oder wenn es so riecht wie früher in der Schule, dann kommen plötzlich ganz viele Erinnerungen an die Schulzeit.

Aber wie ist das dann, wenn etwas wie Gott riecht?
Und was kann überhaupt wie Gott riechen?
Frisch gebackenes Brot, sagt der Junge. - Vielleicht würde er auch sagen: gerade gemähtes Gras oder regennasse Erde. Ich würde sagen, es riecht nach Gott, wenn ein besonderer Duft von Leben zu riechen ist. Ein Duft, der einen auf mehr hoffen lässt. Auf leckeres Essen oder einen schönen Sommer oder blühende Blumen.
Ein Duft, der einen daran erinnert, dass das Leben gut ist und Gott es so will.

Der Junge hat mich angeregt, mehr auf solche Gerüche zu achten. Nicht nur auf das, was mir stinkt – im wahrsten Sinn des Wortes. Das ist ja leicht zu merken. Üble Gerüche oder schlechte Laune, das riecht man oft ja schon von weitem.
„Das habe ich gleich gerochen, dass da was faul ist“ sage ich manchmal, wenn etwas schief läuft.
Ich habe mir vorgenommen, mehr auf das zu achten, was gut riecht und was mich an Schönes erinnert.

Dabei möchte ich mich an Gott erinnern lassen, der es gut mit mir meint. Und vielleicht ein Kreuzzeichen machen. Als Dank für das Gute im Leben.
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