Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Geht das? - Schuld wieder gutzumachen? Diese Frage beschäftigt mich in den letzten Wochen immer wieder. Auslöser waren zwei Bücher, die ich gelesen und deren Verfilmung ich kurz darauf im Kino gesehen habe: Das eine heißt „Abbitte“, das andere „Drachenläufer“.
Beides mal geht es darum, wie durch einen Fehler das Leben von anderen Menschen zerstört wurde. Im „Drachenläufer“ verrät Amir, ein 12 jähriger seinen ihm treu ergebenen Freund Hassan. Er schaut weg, als dieser missbraucht wird und schiebt ihm auch noch einen Diebstahl unter.....
In „Abbitte“ ist es die Falschaussage einer kapriziösen Dreizehnjährigen, die den Freund der großen Schwester unschuldig ins Gefängnis bringt und damit nicht nur dessen Zukunft, sondern auch das Leben der Schwester zerstört.
Ist so etwas wieder gutzumachen?
Kann man einen so kapitalen Fehler bereinigen, menschliches Fehlverhalten wieder zurecht rücken oder gar aufheben?
In beiden Geschichten wird zumindest der Versuch gemacht:
Die kleine Schwester gesteht ihre Lüge, leistet Abbitte, indem sie die Geschichte niederschreibt und die Wahrheit ans Licht bringt. Doch der unschuldig Ange-klagte sowie seine Braut sind im Krieg umgekommen und haben persönlich nichts mehr von ihrer späten Rehabilitation.
Also Fehlanzeige in Sachen Wiedergutmachung?
Im „Drachenläufer“ bekommt Amir die Chance, den Verrat an seinem Freund Hassan wieder gut zumachen. Hassan selbst ist tot, doch er hat einen Sohn, der in Afghanistan in Lebensgefahr schwebt. Amir reist dort hin und setzt sein Leben aufs Spiel, um dieses Kind zu retten und ihm eine Zukunft bei sich zu geben.
Auch hier profitiert nicht das eigentliche Opfer von der Wiedergutmachung und doch wird spürbar, dass sich etwas zum Guten wendet. Ansatzweise Versöhnung auch mit dem eigenen Versagen möglich wird.
Ich denke eine völlige Wiedergutmachung ist, wo ein Menschenleben zerstört wurde, kaum möglich. Wiedergutmachen kann ich materiellen Schaden. Für das, dass etwas wieder ganz zwischen Menschen heil wird, braucht es eine andere Kraft. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass es immer einen Versuch wert ist, meinen Teil dazu beizutragen, dass etwas heil werden kann.






https://www.kirche-im-swr.de/?m=3565
Im Schöpfungsbericht der Bibel steht, dass Gott den Menschen als sein Abbild – ihm ähnlich geschaffen hat.
Eine Stelle, die mich immer wieder beschäftigt und bestimmte Fragen aufwirft:
Bin ich als Mensch so eine Art Gleichnis Gottes? Ihm nicht gleich aber ähnlich oder zumindest mit dem Potential ausgestattet, ihm ähnlich zu werden und etwas von ihm in der Welt sichtbar zu machen?
Vermutlich schon.
Doch welches Bild, habe ich von mir? Wer kommt mir entgegen, wenn ich in den Spiegel schaue. Nicht nur flüchtig sondern wenn ich mir Zeit nehme und genau hinsehe. Was erzählen meine Augen, von dem was ich gesehen, worüber ich mich gefreut oder was ich beweint habe? Was die Falten von Sorgen und Lachen, die Mundpartie über Zufriedenheit und Enttäuschung?
Und was ist hinter dem, was nicht sichtbar ist, wenn ich mich äußerlich betrachte? Was für innere Bilder trage ich in mir? Wer bin ich, was für eine Ahnung habe ich von dem, was mein Wesen ausmacht. Gibt es da Spuren von Gott? Etwas, was mich ahnen lässt, dass das was dran sein könnte, an dieser Gottähnlichkeit.
Vielleicht, das unerschütterliche Vertrauen, dass alles, auch ich immer wieder neu werden darf. Grad auch jetzt nach der Erstarrung im Winter, wenn draußen endlich Frühling wird. Oder dieser Funke Barmherzigkeit mit mir selbst, der durch den Grauschleier auf meiner Alltagsseele hindurch das Bunte erkennen lässt. Mein Hoffnungspotential, dass sich alles zum Guten wenden kann. Und eine große Liebe zum Leben, das grausam ist und schön.
Vielleicht ist es dem Theologen Bernhard Lang (noch) besser gelungen diese Spuren des Göttlichen im Alltagsmenschen zu suchen
Er schreibt:

Ich male in den Staub des Werktags
ein neues Bild von mir.
Es trägt die Spuren von gestern.
Es trägt auch die Spuren des Frühlings
und die Spuren von besserer Zeit.
Werde ich das Bild behalten?
Werde ich die Spuren des Frühlings fühlen?
Die Spuren der Liebe?
Ich male in den Staub des Werktags
ein neues Bild von mir.
Hauche es an, Gott, damit es lebt!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3564
„Du sollst dir kein Bildnis machen“, lautet das zweite der zehn Gebote. Für dieses Gebot gibt es gute Gründe: Ehrfurcht oder ihn nicht festlegen zu können. Trotzdem glaube ich brauchen wir Menschen Bilder von Gott. (Bilder, im Sinne von: Gott ist für mich wie ...)
Aber keine fixen Bilder, an denen es nicht zu rütteln gilt. Eher Vorstellungen von Gott, die sich im Laufe unseres Lebens immer wieder wandeln. So wird vielleicht aus dem alten Mann mit weißem Bart aus Kindertagen im Lauf der Zeit vielleicht eine Art Sonne, oder ein großes Fragezeichen, eine Hand die mich auffängt oder der Schmerzensmann am Kreuz.
Keines dieser Bilder ist letztgültig und doch sind Bilder für mich auch Wege zu Gott und Ausdruck meiner Spiritualität. Versuche, den Unfassbaren in einem Symbol oder in Worten zu fassen.
Ich habe einen (beeindruckenden) Text gelesen in dem ein psychisch kranker Mensch seine Vorstellung von Gott beschreiben soll:

Zeichnen Sie mir Gott
verlangte der Psychotherapeut

Sie rief:
Wie kann ich zeichnen
was ich nicht gesehen
nicht gefasst, nicht begriffen habe

Er schwieg
Sein Gesicht blieb hart

Unwirsch zog sie einen Kreis
über Blatt und Tisch:
Sonne Erde Gestirn
oder welche Kugel

Nun geben Sie ihm einen Namen
bezeichnen Sie Gott

ER ist zu groß
zu herrlich, murmelte sie
zu vollkommen-schön
Ich finde keine Worte

Denken Sie nach:
Wie lassen sich Vater und Mutter
Bruder und Schwester
Freund und Geliebter
mit einem Namen benennen

Sie verbarg ihr Gesicht
mit den Händen
und flüsterte:
DU


Dieser Text hat mich (sehr) aufgewühlt und irritert. Auch weil der Therapeut darin so barsch beschrieben/dargestellt ist. Und doch hat es mich fasziniert in welcher Kürze ganz Wesentliches ausgedrückt wird.
Das sachte DU – als Anrede für Gott am Ende der Geschichte berührt mich sehr. Es ist fast zum Greifen spürbar, wie bei der Frau etwas in Fluss, in Bewegung kommt.
Und auch für mich wird dadurch wieder mal deutlich, dass es alles andere als selbstverständlich ist, an einen Gott zu glauben zu dem ich Du –sagen kann. Der mir ein vertrautes (ganz persönliches) Gegenüber sein will. Nicht zu fassen…und doch unmittelbar an meinem Herzen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3563
Von Rainer Maria Rilke stammt ein Gebet, das mich zum Nachdenken über mein Gottesbild angeregt hat und mich seit Wochen nicht loslässt :

Ich sprach von Dir als von dem sehr Verwandten,
zu dem mein Leben hundert Wege weiß,
ich nannte dich: den alle Kinder kannten,
den alle Saiten überspannten,
für den ich dunkel bin und leis.

Ich nannte dich den Nächsten meiner Nächte
und meiner Abende Verschwiegenheit, -
und Du bist der,
den keiner sich erdächte,
wärst du nicht ausgedacht seit Ewigkeit.
Und du bist der, in dem ich nicht geirrt,
den ich betrat wie ein gewohntes Haus.
Jetzt geht dein Wachsen über mich hinaus:
Du bist der Werdenste, der wird.


Der Werdenste der wird….ein schöner Gedanke, aber widerspricht er nicht allen Theologen, die sich diesen Gott als denselben immerdar vorstellen? In ihren Ohren mag es fast tollkühn klingen, Gott ein Entwicklungspotential zuzuschreiben…als ob er nicht bereits vollkommen wäre.
Ich bin hin und her gerissen, aber mir gefällt diese Formulierung: Du bist der Werdenste der wird. Entwicklung an sich – Leben per se
Ein Wohlvertrauter und doch Fremder. Einer, der sich in kein Schema pressen lässt, den ich letztlich nicht fassen kann. Der aber ist.
Im Werden…also in Bewegung ist.
Schon im letzten Jahrhundert forderte der große Theologe Teilhard de Chardin die Christen auf, ihr Gottesverständnis zu überdenken. Er schreibt, er selbst bemühe sich um „eine Frömmigkeit, in der der persönliche Gott aufhört der jungsteinzeitliche Großgrundbesitzer von ehedem zu sein, um zur Seele der Welt zu werden…“.
Gott als Seele der Welt. Diese Vorstellung gefällt mir gut. Wenn etwas eine Seele hat, beseelt ist, dann ist das spürbar. Vorausgesetzt man hat eine Antenne dafür oder ist fähig, diese wieder auszufahren.
Wenn ich mich von dieser Seele der Welt anrühren lasse, wird sie mir vielleicht auch erst. Dann bekomme ich eine Ahnung von Gott und kann mit Rilke sagen: „Du bist der Werdenste der wird.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3562
Wenn ich an Menschen in der Bibel denke, bleibe ich immer wieder an der tragischen Gestalt des Judas Iskariot hängen. Dem Jünger, der Jesus ausgeliefert und damit ans Kreuz gebracht hat. Wer war dieser Mann eigentlich? Im Grunde wissen wir herzlich wenig von ihm und das, wo er doch eine Schlüsselrolle im Leben Jesu gespielt hat oder gar spielen musste?
Er war einer der zwölf Apostel und gehörte somit zum innersten Kreis. Judas war damals ein gängiger Vorname. Damit man ihn von anderen Männern, die auch Judas hießen unterscheiden konnte bekam er den Beinamen Iskariot. Was bedeutet, dass er vermutlich aus dem Ort Kerijot in Judäa kam.
Was hat diesen Mann nur dazu gebracht , seinen gerliebten Meister den Henkern auszuliefern? Geldgier, die ihm vorgeworfen wurde wohl kaum: Denn mit dreißig Silberlingen wurde man nicht wirklich reich. Diese Summe entsprach ungefähr dem Monatslohn eines einfachen Handwerkers.
War es Enttäuschung über Jesus, dass er nicht entschieden genug gegen die römische Besatzungsmacht vorging? Wollte er Jesus zum Handeln zwingen?– vielleicht.
Tatsache ist: wir wissen nicht, was ihn bewogen hat, wohl aber dass er seine Tat schwer bereut hat.
Der Evangelist Matthäus schreibt, dass Judas unter der Last seiner Schuld zerbrochen ist und seinem Leben ein Ende gesetzt hat.
Dieser tragische Tod wurde in vielen Bildern festgehalten: Judas, der sich erhängt. Ein Mann, der einsam am Strick baumelt. Gnadenlos verurteilt von sich selbst und von anderen.
Aber neben diesem allseits bekannten und schrecklichen Bild gibt es ein eher unbekanntes, das ein ganz anderes Bild vom Ende des Judas zeigt:
In der Kirche Sainte Madeleine, in Vezeley im Burgund, hat ein Steinmetz neben dem Erhängten ein weiteres Bild in Stein gehauen: Jesus, der den toten Judas auf seinen Schultern trägt. Der Gute Hirte, der sein verirrtes Schaf nach Hause bringt. Diese Darstellung berührt mich sehr. Weis sie so ungemein tröstlich für mich ist. Der Gescheiterte wird buchstäblich nicht hängen gelassen. Auch er, der keinen anderen Ausweg weiß, wird getragen von der unermesslichen Güte und Barmherzigkeit Gottes. Nach Hause gebracht, in einen unzerstörbaren Frieden mit sich selbst und seinem Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=3561
Eines meiner Lieblingsgedichte stammt von Hilde Domin. Es heisst:
Auf Wolkenbürgschaft und geht so:

Ich habe Heimweh nach einem Land
in dem ich niemals war,
wo alle Bäume und Blumen
mich kennen,
in das ich niemals geh,
doch wo sich die Wolken
meiner
genau erinnern,
ein Fremder, der sich
in keinem Zuhause
ausweinen kann.

Ich fahre
nach Inseln ohne Hafen,
ich werfe die Schlüssel ins Meer
gleich bei der Ausfahrt.
Ich komme nirgends an.
Mein Segel ist wie ein Spinnweb im Wind,
aber es reißt nicht.
Und jenseits des Horizonts,
wo die großen Vögel
am Ende ihres Flugs
die Schwingen in der Sonne trocknen,
liegt ein Erdteil
wo sie mich aufnehmen müssen,
ohne Pass,
auf Wolkenbürgschaft.


… warum spreche ich dieses Gedicht ausgerechnet heute? Es ist mir in den Sinn, gekommen als ich nachgeschaut habe, welcher Text heute in den katholischen Gottesdiensten im Zentrum steht. Es ist die Stelle im Johannesevangelium in der Jesus sich von seinen Jüngern verabschiedet und ihnen mit einem wunderbaren Bild Mut macht. Er sagt: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen.“ Das soll ihnen den Abschied erleichtern und Hoffnung geben für ihr Leben in dieser Welt und in der anderen. Dieses Bild sagt mir, bei Gott sind unzählig viele Menschen gut aufgehoben und es gibt auch einen Platz speziell für mich.
Eine Art Garantie für einen Platz im Himmel. Mehr als eine Art Wolkenbürgschaft.
Er rechnet mit mir in seiner Nähe. Dieses Bild kommt für mich auch dem Wunsch von uns Menschen entgegen, einen Ort, eine Heimat zu haben. Etwas wo ich dazugehöre, wo ich geschützt bin, meinen Platz habe und geborgen bin.
Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen – oft wird diese Bibelstelle bei Begräbnissen zitiert. Als Ausdruck der Hoffnung, dass unsere Verstorbenen gut aufgehoben sind, dort wo sie dann sein mögen. Das hat was Tröstliches. Ich denke aber, diese Zusage Jesu gilt nicht nur für das Leben nach dem Tod. Für mich gilt diese Zusage „im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen“ auch für hier und jetzt. Ich bin überzeugt, dass mir auch heute schon ein Platz, eine Heimat bei Gott oder besser in Gott geschenkt ist. Ein Ort an dem ich sein darf. Ein Ort, der nicht sichtbar ist, aber da –
https://www.kirche-im-swr.de/?m=3560