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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Können Sie auch so schlecht vergessen? Ich ja. Vor allem Dinge, die mir jemand gesagt hat – die kann ich schlecht vergessen. Sonst hapert es schon mal mit meinem Gedächtnis. Aber eben nicht bei dem, was mir einer gesagt hat. Dabei wäre das manchmal ja nur gut, wenn man sie vergessen könnte, die Worte. Die bösen, die einen verletzt haben sowieso. Und manchmal wäre es auch gut, wenn man die schönen Worte vergessen könnte. Die große Begabung, die so gelobt wurde, hat sich nicht weiter entwickelt. Die ganz große Liebe ist Alltag geworden. Und zu den Vorhaben von vor einem halben Jahr fehlt dem anderen nun doch der Mut. Im Laufe eines Jahres kommt da so einiges an Enttäuschungen zusammen, wenn man die schönen Worte und die Versprechungen nicht vergessen kann. Und das tut weh.
Jedes Jahr an Weihnachten werde ich dann daran erinnert, dass es einer Frau genauso ging. Maria, der Mutter Jesu. Die hatte große Versprechungen und Ankündigungen gehört über dieses Kind, das sie bekommen sollte. Engel, Hirten und Könige hatten ihr von der großen Freude für alle Welt erzählt. Und dann saß sie mit ihrem Neugeborenen in einem Stall und wahrscheinlich wusste sie nicht recht weiter. Wie passte das nun zu den großartigen Ankündigungen? Ich finde, Maria hätte allen Grund gehabt, zu sagen: vergiss es! Da bin ich wohl auf ein paar Schwätzer hereingefallen, die geträumt und mir das Blaue vom Himmel versprochen haben.
Aber von Maria heißt es: „Sie behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ Wahrscheinlich nicht nur an jenem ersten Weihnachtsabend, sondern auch später noch, als sie immer wieder sehr zwiespältige Erfahrungen mit diesem ungewöhnlichen Sohn Jesus machen musste.
Warum mir diese Erinnerung hilft, wenn ich enttäuscht bin, weil ich nicht vergessen kann? Erstens, weil ich merke: Es geht nicht nur mir so. Es ist durchaus verständlich, das man Worte nicht einfach abtun kann, wenn die Zeit vergeht. Zweitens, weil Maria mich erinnert: Es hat keinen Sinn, sich krampfhaft an die Vorstellungen zu klammern, die man sich einmal gemacht hat. Maria erlebt Dinge, die anders sind, als ihre Erwartungen es waren. Aber am Ende war es gut so, auch für sie. Wer Versprechungen nachtrauert, die sich nicht erfüllt haben, an dem geht das Leben vorbei.
Und drittens: Maria ist gewachsen: an den schönen Worten und an ihren Enttäuschungen. Und am Ende war sie eine ganz andere, eine starke Frau. Von ihr lerne ich. Wo man nicht vergessen kann, kann man wachsen.

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„Die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.“ So endet die Weihnachtsgeschichte. Vielleicht haben Sie die Worte noch im Ohr vom Gottesdienst am Heiligen Abend. Und wie endet ihre ganz persönliche Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr? Haben Sie etwas erlebt, gesehen, gehört, was Ihnen Freude gemacht hat und neue Lebenslust? Oder gehen Sie jetzt genauso wieder in den Alltag wie vorher, müde, ohne Motivation, es ist doch immer das gleiche?
Die Hirten damals haben anscheinend etwas erlebt, was sie neu belebt hat. Damit hatten sie wahrscheinlich nicht gerechnet, ihr Alltag war wohl eher dürftig, sie mussten sich durchschlagen. Da musste jeder für sich selber sorgen, zur Not auch jeder gegen jeden. Wer nicht gewinnt, hat schon verloren. Das macht einen mürbe. Da ist man froh, wenn man irgendwie durchkommt. Grund zur Freude ist so ein Leben nicht. Und dann haben sie einen Säugling gefunden, bei ihnen im Stall geboren. Das Kind von Leuten, die sich auch durchschlagen mussten. Und irgendwer hatte ihnen gesagt, mit diesem Kind fängt das Leben neu an. Hier fängt Gott neu an mit seiner Welt, wie bei jedem Kind, das geboren wird. Da ist den Hirten das Herz aufgegangen. Anscheinend haben sie da begriffen. Es geht auch anders. Man muss sich nicht durchschlagen, jeder gegen jeden. So ein Kind kann nur leben, wenn Menschen da sind, die es wärmen und nähren und für es sorgen. Die ihr Leben mit ihm teilen und ihm von dem geben, was sie haben. Vielleicht haben sie schon da begriffen, was Jesus später immer wieder gesagt und gezeigt hat: Wenn Menschen von sich selbst weg die anderen sehen, wenn sie spüren, wie sehr sie Nähe brauchen und Wärme und Freundlichkeit und Fürsorge – dann sieht die Welt auf einmal anders aus. Dann sieht man, was zu tun ist. Dann spürt man, wie Leben gedeiht, wenn Menschen füreinander da sind. So haben die Hirten in der Weihnachtsgeschichte Gott entdeckt. Sie haben entdeckt: Er ist mitten in der Welt, auch bei uns. Und man kann seine Liebe spüren, wenn man sein Herz anrühren lässt von denen, die einen brauchen.
Deshalb gingen die Hirten damals verändert in ihren Alltag zurück.
Vielleicht haben Sie ja heute noch ein paar Minuten Zeit, um zurückzuschauen auf das, was Sie in den vergangenen Tagen erlebt haben. Dann tun sie es bitte. Überlegen sie, was Ihr Herz angerührt hat. Und wie sich ihr Alltag verändern könnte.
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Weihnachten bringt Menschen zusammen. Die Familien vor allem. Die erwachsenen Kinder kommen von weither, die Großeltern, oft auch noch Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten. Manchmal wird einem ein bisschen bange vorher, ob das auch gut gehen wird, soviel ungewohnte Nähe. Aber meistens ist es doch auch schön und jetzt, am Weihnachtsmorgen fängt schon langsam die Aufregung an, damit dann später auch alles klappt und stimmt.
Die Weihnachtsgeschichte bringt Menschen zusammen. Von Anfang an war das so. Das erzählt ja auch die Bibel. Menschen kommen in Bewegung – auch ein bisschen beklommen, weil sie nicht recht wissen, was das werden und ob das gut gehen wird. Maria und Josef, die müden und abgearbeiteten Hirten, die sternkundigen Weisen aus dem Morgenland. Alle versammeln sich um das Kind, in dem sie Gott erkannt haben. Gott selbst, glauben wir Christen, ist zur Welt gekommen. Und das führt Menschen zusammen. Die Unterschiede zwischen ihnen sind gar nicht mehr so wichtig, denn die Freude ist groß, dass Gott bei ihnen ist. Ihr Leben kriegt ein ganz anderes Vorzeichen, eine andere Perspektive. Und im Licht Gottes nehmen sie auch die anderen wahr: sie sehen das Kind und sie sehen einander. Menschen, die aufeinander angewiesen sind, die sich gegenseitig brauchen. Weihnachten führt Menschen zusammen und sie gehen anders wieder auseinander, als sie gekommen sind.
Weihnachten führt Menschen zusammen. Auch in den Gottesdiensten heute Abend, die wieder überfüllt sein werden. Auch wer sonst nicht zur Kirche geht, lässt sich heute Abend anrühren. In vielen Gemeinden ist es üblich, dass am Schluss des Gottesdienstes die Leute aufstehen und zusammen singen: „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit. Welt ging verloren, Christ ward geboren. Freue dich oh Christenheit.“ Das rührt, glaube ich, fast jeden. Da spüren Menschen, dass sie nicht allein sind, sondern auch zu dieser Christenheit gehören, die nicht evangelisch ist und nicht katholisch und auch nicht freikirchlich. Beim Singen spüren alle, dass Gottes Liebe in der Welt ist und Menschen verbindet – wenn man sich nur anrühren lässt von dieser Geschichte von dem Kind in der Krippe. Und meistens geht man anders aus dem Gottesdienst fort als man gekommen ist. Fröhlicher. Mit neuem Blick für die anderen.
Und wenn sie heute Abend allein sind oder nirgends hingehen wollen oder können: In der ARD wird um 17:00 Uhr die Christvesper aus Markgröningen übertragen. Ich bin sicher, das sie da am Ende auch „oh du fröhliche“ singen. Wenn Sie mögen: schalten sie ein und singen sie mit!
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