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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Wenn es weihnachtet, dann zeigt sich, wer wir einmal waren.
Denn einst, so heißt es, waren die Menschen Sammler und Jäger.
Daran hat sich bis heute nicht allzu viel geändert.
Wir jagen immer noch: der Karriere hinterher, der Anerkennung, unserem Lebensglück.
Und natürlich sammeln wir: CDs und Bücher, Rosentassen, Elektroeisenbahnen,
Panini-Fußballbilder und diese vielen Dinge, die wir irgendwann einmal brauchen könnten, wie Schrauben, Schnüre und Plastiktüten.
Sammlerinnen und Sammler sollen ja besonders zufriedene Menschen sein.
Und wer auf der Jagd ist, der hat immerhin ein Ziel vor Augen.
Aber, wie überall im Leben, kann man dabei auch über das Ziel hinaus schießen und seine Wohnung so mit Dingen zustellen, dass nicht einmal mehr Platz ist für ein Gästebett.
So wie beim reichen Burgherrn, von dem erzählt wird, dass er so viel Besitz um sich herum angehäuft hatte, dass in seinem Leben kein Platz mehr war für andere Menschen. Ins Nachdenken kam er erst, als eines Abends ein Pilger an seine Tür klopfte und um ein Nachtlager bat.
Der Burgherr wies ihn unfreundlich ab:
"Ich habe keinen Platz. Hier ist doch kein Gasthaus!"
Der Pilger antwortete: "Dann erlaubt mir eine Frage, bevor ich weiter ziehe!"
Der Burgherr willigte ein und der Pilger fragte:
"Wie lange wirst du hier noch wohnen?"
"Bis ich sterbe, natürlich", antwortete der Burgherr.
"Und? Kannst du das dann alles mitnehmen?" fragte der Pilger weiter.
Der Burgherr schwieg.
"Nun“, sprach der Pilger, „wenn dir das alles sowieso nur vorübergehend gehört, was machst du dir dann so viel Mühe mit dem Anhäufen von Besitz? Bemüh dich nicht zu sehr damit. Dein Haus voller Dinge beherbergt dich ja doch nur für kurze Zeit.
Tu lieber den Armen Gutes, So baust du dir eine bleibende Wohnung im Himmel".
So sprach der Pilger und ging seiner Wege.

Sammeln und Jagen machen Spaß. Den will ich mir auch nicht verderben lassen.
Aber es kann passieren, dass ich mir selbst damit den Blick verstelle, für das, was andere Menschen so nötig brauchen wie das täglich Brot oder wie ein Nachtlager.
Ich habe mir vorgenommen, dieses Jahr werde ich den Spieß einmal umdrehen und nicht für mich sammeln, sondern anderen spenden. Brot für die Welt und Misereor und viele andere Initiativen geben mir ja in diesen Tagen reichlich Gelegenheit dazu.
Wovon ich genug habe, davon kann ich ja wirklich etwas abgeben.
Denn "mitnehmen" kann ich es ja sowieso nicht.

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Weihnachtsgeschenke - ja oder nein. Daran scheiden sich die Geister.
Die einen lieben es zu schenken und den anderen geht die ganze Schenkerei schlichtweg auf die Nerven.
Christa zum Beispiel liebt es, Geschenke zu machen. Darum ist Weihnachten für sie auch die schönste Zeit im Jahr. Christa gehört zu den Leuten, die das ganze Jahr über an die Weihnachtsgeschenke denken. Kaum hat jemand so nebenbei einen Wunsch erwähnt, schon wird er notiert. Die Weihnachtsgaben für ihre Lieben kauft sie das ganze Jahr über. Und wenn dann Anfang Dezember im Büro die allgemeine Hektik ausbricht, dann verkündet sie: "Also ich bin mit meinen Geschenken schon längst fertig!"

Und dann ist da Frank. Frank hasst es, vor Weihnachten in überfüllten Geschäften nach Geschenken zu suchen und schließlich irgend etwas zu kaufen. Frank sagt: "Dieses Jahr verschenke ich nichts an Weihnachten. Und ich will auch nichts.
Erstens habe ich alles, was ich brauche. Zweitens bin ich sowieso gegen den ganzen Konsumzwang. Und drittens ist es mir dieses Jahr auch einfach zu teuer.
Mit Weihnachten hat das alles doch sowieso nichts zu tun!“

Frank täuscht sich. Das Schenken gehört zu Weihnachten dazu, wie der Tannenbaum und die Kerzen. Doch wie jede Tradition kann es auch zu einer leeren Form werden ohne einen tieferen Inhalt. Und das spürt man dann sehr schnell.

Wieso aber schenkt man überhaupt etwas an Weihnachten?
Ursprünglich wohl, um etwas von der eigenen Freude weiter zu geben. Der Freude über das Kind Jesus Christus, das an Weihnachten geboren wird.
Das eigentliche Weihnachtsgeschenk ist also Gott, der als Mensch in die Welt kommt. Gott schenkt uns - sich selbst.
Aus Freude über die Geburt des Jesuskindes haben Christen irgendwann begonnen, einander Geschenke zu machen. Sie fühlten sich von Gott so reich beschenkt, daß sie davon auch an andere etwas weiter schenken wollten. Damit auch die die Freude spüren können an Leib und Seele.
So entstand der Brauch des Schenkens an Weihnachten.
Eigentlich ein schöner Brauch. Mein Geschenk soll einem anderen Menschen zeigen: Du bist mir wichtig. Ich will dir etwas Gutes tun. So wie Gott uns allen Gutes tut.
Solche Geschenke will ich an Weihnachten auch gerne bekommen und mich freuen, dass es Menschen gibt, die es gut mit mir meinen – genau wie Gott.
Hätten sie mir sonst etwas geschenkt?

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Das meinte jedenfalls der Hundebesitzer, dem ich vor ein paar Tagen auf dem Weg zur Arbeit begegnet bin. Und zwar aus folgendem Grund:
An dem Morgen war überraschend Schnee gefallen. Ein kleines Wunder, wie alles über Nacht einen weißen Überzug bekommen hatte. „Das musst du genießen!“ dachte er, „diese frische, kalte Luft, den Dampf beim Ausatmen, das helle Licht. Und er stapfte durch den Schnee und fühlte sich sehr lebendig. So wie sein Hund, der begeistert um ihn herumtollte.
Aber dann begegnete er seinen Nachbarn.
Der erste, den er traf, der schimpfte. Über diesen Mist-Schnee; und dass er jetzt auch noch den Gehsteig räumen muss. Und als er dem zweiten zurief: Tolles Wetter heute!
erwiderte der etwas darüber, wie schlimm es doch in anderen Gegenden geschneit hat. Und eine Dritte meinte tatsächlich, alle globalen Wetterkatastrophen der letzten Wochen aufzählen zu müssen. Nach dem vierten Spezialisten für Negatives hat er dann beschlossen, keine weiteren Gesprächspartner mehr zu suchen und sich statt dessen lieber alleine zu freuen. Und dankbar zu sein für die Lebensfreude, die am Morgen mit dem unverhofften Schneegeschenk in ihm erwacht war.
Die Entdeckung an diesem Morgen war für ihn:
„Wer dankbar ist, hat keine Zeit zu meckern“. Und umgekehrt. Wer seinen Blick nur darin übt, das Ärgerliche zu sehen, der hat keine Zeit für das Gute. Dumm eigentlich, denn mit Dankbarkeit im Herzen lässt es sich so viel besser leben als mit Verbitterung und Ärger.
Das ist übrigens keine neue Entdeckung, sondern eine Jahrtauschende alte geistliche Lebensweisheit aus der Bibel. Im Ps 103 steht:„Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (V.2) Das ist eine ganz praktische Aufforderung: Auf, Seele, los! Such dir jeden Tag ganz bewusst etwas Gutes; etwas, wofür du dankbar sein kannst!
Denn die Dankbarkeit ein Schlüssel zum Glück, den Gott den Menschen in die Hand gegeben hat. Dankbarkeit ist eine Brille für Kurzsichtige, die viel leichter etwas finden, was Sie eigentlich ärgert, als etwas, worüber sie sich freuen können. Mit der Brille der Dankbarkeit auf der Nase aber ist so vieles im Leben gar nicht mehr selbstverständlich. Es ist ein Geschenk Gottes. Und ein guter Grund, dankbar zu sein.
„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“
Die Dankbarkeit bewahrt davor, bitter zu werden und unzufrieden. Sie sucht das Gute und findet es. Und dankt Gott, dass es da ist.

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Es gibt Fragen, die können einem das Leben richtig schwer machen. In die kann man sich verbeißen und die lassen einen dann nicht mehr los.
Und es gibt Zeiten, da drängen sie sich noch mehr in den Vordergrund als sonst.
„Jetzt an Weihnachten mache ich mich ganz verrückt mit meinen Fragen“ sagt mir eine Freundin. „Warum muss das gerade mir passieren? Und warum gerade jetzt?“
Ihr Mann hat sie vor ein paar Monaten verlassen. Und sie ist immer noch ganz wütend und traurig und voller Fragen.
Ich kenne einen alten Herrn. Der ist auch allein. Doch ich merke, er kommt besser damit zurecht. Er geht auch ganz anders um mit seinen ungelösten Fragen.
Und ich frage mich, wie macht er das eigentlich?
Vielleicht, indem er nicht kämpft, sondern annimmt, was er nicht ändern kann.
Er sagt sich nämlich selbst: „Das musst du tragen.
Was du nicht ändern kannst, gegen das musst du auch nicht kämpfen. Das musst du tragen.“
Das ist sicher kein Ratschlag für alle schwierigen Situationen im Leben.
Aber manchmal stimmt er doch.
Manchmal gibt es auf die ungelösten Fragen im Leben einfach keine Antwort. Man kann sich nur darin üben, sie auszuhalten. Auch wenn es schwer ist. Auch, wenn es mal mehr und mal gar nicht gelingt.
Von dem alten Herrn lerne ich: Die ungelösten Fragen gehören dann einfach dazu, zu mir als Mensch. So wie eine Krankheit dazu gehört. Oder eine Behinderung. Oder der Verlust eines Menschen.
Die meisten unserer großen Probleme lösen sich nicht von heute auf morgen.
Aber wir haben die Chance, mit der Zeit in eine Lösung „hineinzuwachsen“.
Der Dichter Rainer Maria Rilke hat das einmal so aufgeschrieben:

„Und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen
und versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten….
Leben Sie jetzt die Fragen.
Und vielleicht leben Sie dann allmählich,
ohne es zu merken, eines fernen Tages
in die Antwort hinein.“


Vielleicht wird meine Freundin irgendwann einmal verstehen, was Gott ihr da in ihr Lebensbuch hinein geschrieben hat. Bis dahin aber braucht sie viel Glaube, Liebe und Hoffnung von uns anderen. Sonst kann sie Ihre vielen Fragen nur ganz schwer aushalten.
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Wer einmal angefangen hat zu walken oder zu joggen, der kann bald nicht mehr davon lassen. Eine ¾ Stunde oder ein halbe an der frischen Luft – und schon sieht das Leben ganz anders aus. Sogar bei schlechtem Wetter. Der Kreislauf kommt in Schwung. Neue Energie fließt in Körper und Seele, die man noch Stunden danach spüren kann. Die Gedanken klären sich. Und manchmal hilft das Laufen auch dabei, gerade nicht! an die eigenen Sorgen zu denken. Nur laufen, nur atmen, nur auf dem Weg bleiben. Schritt für Schritt.

Eine Frau, die mehrmals in der Woche zum Walken geht, sagte mir: „Wenn ich laufe, dann bilden sich in mir immer die Worte: Es geht. Schritt für Schritt. Es geht.
Was ich da beim Laufen erlebe, dieses Vorankommen und Weitergehen, das ist dann wie ein Sinnbild für vieles in meinem Alltag. Auch für das, was mir schwer fällt,-
es wird gehen.

Und ein Sportler erzählte mir: „Manchmal komme ich abends aus dem Geschäft und meine, ich könnte platzen. Und wenn ich dann laufe, dann spüre ich, wie meine Probleme im wahrsten Sinne des Wortes ver-gehen. Und irgendwann geht es mir dann gar nicht mehr um die sportliche Leistung. Dann genieße ich den Wald und bin dem Herrgott dankbar, dass ich diese Ruhe genießen darf. Und wenn ich dann heimkomme, bin ich wieder ein zufriedener Mensch.

Laufen tut ganz einfach gut. Und was für den Körper gilt, gilt anscheinend auch für die Seele. Beide brauchen Bewegung. Ich muss mich also bewegen, damit sich in mir etwas bewegen kann.

Da passt es gut, dass im Advent so viel von Bewegung die Rede ist.
Dass Gott sich auf uns zu bewegt. Und dass ich mich schon auch selbst bewegen muss, um etwas davon mitzubekommen.
Da wundert es mich eigentlich gar nicht, dass gerade in der Weihnachtsgeschichte so viele Menschen in Bewegung sind. Maria geht den weiten Weg zu ihrer Cousine Elisabeth. Erst dort versteht sie, was mit ihrer Schwangerschaft auf sie zukommt. Mit Josef muss sie dann auf den Weg nach Bethlehem. Die Hirten „kamen eilend“, um das neugeborene Jesuskind zu sehen. Und von weit her sind den drei Weisen der Frage nach-gegangen, wer denn dieser neugeborene König sei.
Hätten sie alle sich nicht bewegt, sie hätten nichts erfahren. Nichts von den Visionen für eine neue Welt wie Maria. Und nichts von der großen Wertschätzung Gottes für die kleinen Leute, wie die Hirten.
Manchmal muss man sich einfach in Bewegung setzen, und vielleicht kann man dann eine bewegende Erfahrung mit Gott machen.
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Diese Nachricht habe ich meiner Freundin heute Morgen per e-mail gesendet.
Sie wohnt weit weg von hier. Und wir sehen uns selten.
Das Jahr über sind e-mails ja ganz praktisch. Nachricht hin – Antwort zurück. Fertig. Aber an Weihnachten, da nehmen wir uns jedes Jahr Zeit füreinander und schreiben uns einen langen Brief. Von Hand, auf einem schönen Briefpaper und mit einer richtigen Briefmarke. Wir finden, das ist ein besonderes, ein kostbares und ein sehr persönliches Weihnachtsgeschenk, das man so nirgends kaufen kann.
Mit diesen Weihnachtsbriefen pflegen wir unsere Freundschaft. Wir zeigen uns unsere Sympathie. Wir sagen: Ich denke an dich. Du bist für mich ein wichtiger Mensch.
So wichtig, dass ich wissen möchte, wie es dir geht. So wichtig, dass ich dir Gutes wünsche und dass ich dir auch von mir erzähle.
Und deshalb sind unsere Briefe immer auch Vertrauensbeweise. Ich sehe ja meine Freundin nicht, wenn ich ihr schreibe. Ich weiß nicht, ob sie beim Lesen lächeln wird, oder ob sie kritisch die Augenbrauen hochzieht.
Briefe schreiben pflegt übrigens nicht nur die Freundschaft. Es tut auch der eigenen Seele gut. Chaotische Gefühle können beim Aufschreiben in eine gewisse Reihenfolge kommen. Eine erste Wut verraucht. Und ein schönes Erlebnis beginnt noch einmal neu zu strahlen. Auch ungeklärte Fragen und Probleme werden klarer. Denn wer sie aufschreibt, hat die Chance, beim Schreiben selbst die Antwort zu finden.
Und wie bei allen wirklichen Geschenken haben wir beide etwas davon. Die, die schreibt und die, die nachher den Brief bekommt. Meine Freundin und ich merken das jedes Jahr in den Weihnachtsbriefen, die wir uns schreiben.
Der Apostel Paulus, der sich mit dem Briefeschreiben gut ausgekannt hat, der hat das ebenfalls gewusst. Er ist sogar noch weiter gegangen. Er hat gesagt: Jeder Mensch kann ein Brief Gottes sein. Weil andere an ihm etwas von Gott ablesen können. Von seiner Sympathie und seinem Vertrauen, dem Interesse an einem Menschen und der Liebe und gelegentlich auch von seiner berechtigten Kritik. – Alles Dinge, die einen guten persönlichen Brief ausmachen.
Bald ist Weihnachten. Und vielleicht ist das ja eine gute Gelegenheit, jemandem, den Sie mögen, so einen Brief zu schreiben – als ein Zeichen von Zuneigung, Vertrauen und Interesse.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2692