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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Teaser: Welches ist das schönste deutsche Wort? Und warum ist dieses Wort das schönste?
Deutsche Sprache - schöne Sprache. Um das mal wieder bewusst zu machen haben der Deutsche Sprachrat und das Goetheinstitut vor geraumer Zeit eine Umfrage gemacht welches denn das schönste Wort in der deutschen Sprache sei. Und dabei war nicht die Stimmenzahl maßgebend, sondern die Begründungen die für das jeweilige Wort gegeben wurde. Was waren also für Worte dabei:
Lieben natürlich, Geborgenheit, Heimat, aber auch Rhabarbermarmelade oder Vergissmeinnicht. Auf Platz eins der schönsten deutschen Worte stand eines das auch eines meiner Lieblings Worte ist: Habseligkeiten.
Ein liebevolles, zärtliches Wort in dem Mitgefühl zu spüren ist. Haben steckt drin und selig. Es schmeckt nach Bescheidenheit, und nach Wertschätzung. Nach kleinem kostbaren Besitz, der liebenswert, sympathisch oder bemitleidenswert ist. Ein kleiner Bub, der den Inhalt seiner Hosentasche ausbreitet und sich daran freut: an glitzernden Steinen, Streichhölzern, Murmeln und Bonbons. Oder eine Flüchtlingsfamilie, die Haus und Heimat verloren hat und ihr ganzes Hab und Gut bei sich hat, alles was sie zum Leben braucht und kostbar ist: die Kinder, ein paar Koffer mit Kleidern, Geld und Erinnerungen: ihre Habseligkeiten. Der spärliche Besitz dessen der sein Zuhause verliert und sein knappes Hab und Gut für alle sichtbar transportieren und bei sich tragen muss. Habseligkeiten. Nicht nur ein schönes Wort ein wichtiges Wort. Weil es den Blick liebevoll auf den Menschen lenkt. Auf seine Bescheidenheit, auf seine Hilfsbedürftigkeit. Aber gerade auch darauf was er jenseits von Hab und Gut ist: ein Mensch, der sich nach Seligkeit sehnt. Danach sehnt glücklich und heil zu sein. In dieser Sehnsucht sind wir alle miteinander verbunden. Und werden deshalb auch angerührt von Menschen die mit ihren Habseligkeiten glücklich sind. Noch mehr aber von denen die nur noch das haben was sie tragen können. Und auf unsere Hilfe angewiesen sind, um je wieder selig zu werden. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2506
Teaser: Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, dann tut das auch ganz schön weh. Herbert Grönemeyer hat einen Text gemacht, der ermutigt sie ziehen zu lassen.
Heute mit Peter Kottlorz, einen schönen guten Morgen.
Was gibt es Schöneres und Schwereres als loslassen? Zum Beispiel die eigenen Kinder loslassen. Wenn sie ihren Weg gehen, gehen müssen, nachdem man sie 15 oder 20 Jahre begleitet hat. So eng wie man niemanden sonst begleitet hat. Mir tut das schon auch richtig weh, jetzt wo meine beiden großen Kinder in diesen Tagen unser Haus verlassen und ihren Weg gehen. Was will man ihnen nicht alles mitgeben! Wie viel Gutes, Schönes und Wichtiges ihnen ins Gepäck tun. In dieser Stimmung habe ich ein Lied von Herbert Grönemeyer gehört und es hat mich sehr berührt. Und ermutigt loszulassen. Deshalb und weil Herbert Grönemeyer beim Singen immer so nuschelt will ich den Text dieses Liedes all denen sagen, die demnächst oder gerade ihre Kinder loslassen müssen. „Zieh deinen Weg“ heißt es:

Zieh deinen Weg folg deinen eigenen Regeln
zieh deinen Weg, hab keine Angst vor Richtig und Falsch
wer die Wahrheit kennt ist niemals überlegen
Vertritt deinen Punkt aber zeug immer von Respekt
Verrat dich nicht, Beharrlichkeit ist eine Tugend
...
Sei aus Unsicherheit nicht arrogant
Hab immer Mitgefühl als Unterpfand
Stell dich jedem Konflikt mit leichter Distanz
Sei bereit zum Kompromiss
Führe, wo es zu kämpfen gilt
Niemals Verschlagenheit im Schild
Tu nicht ungefragt, was alle tun
Alle hat kein Gesicht.

Zieh deinen Weg
Sei unvorsichtig, verrückt
Zier dich nicht
Irrtum ist keine Falle.

Verschenk dein Herz
und nimm es auch wieder zurück
Lass dir niemals dein Lachen stehln
Auch wenn dir manchmal die Gründe fehln
Hab keine Angst vorm Lächerlich sein
Schüchtern ist das neue forsch

Zier dich nicht
Versuch zu sein und nicht zu scheinen
Genieße dich
Verschreib dich nicht nur einer Idee
Zier dich nicht
Bleib mit dir im Reinen,
Zeig Verständnis
Aber verstehe nicht zu gut
Lüge nicht
Geh dem Kummer nicht entgegen
Prüfe dich
Ob du weißt, wovon du sprichst
Zweifel nicht
Jeder Berg lässt sich bewegen
Gib nie auf. Sei bereit fürs große Glück.



https://www.kirche-im-swr.de/?m=2383
Manchmal steht man vor dem Alltag wie vor einem Berg, und weiß nicht wie man ihn wieder bezwingen soll. Im Beruf, wo eine Arbeit schon wieder die nächste drängt oder im Haushalt, wo Wäschekorb und Spülmaschine einfach nicht leer werden. Oder wenn - wie bei vielen Frauen - Beruf, Haushalt und Kinder nicht nur Freude sind, sondern auch zur täglichen Last werden.
Und man kann ja auch nicht raus aus den Zwängen! Die Arbeit will gemacht sein, das Haus, die Wohnung oder die Miete muss bezahlt werden, die Kinder wollen versorgt werden.
Um all das nicht nur zu überleben, sondern gut zu leben, braucht es Pausen. Ruhezeiten und Rastplätze. Die größeren Pausen durch Urlaube, durch Sonn- und Feiertage, aber auch gerade die kleinen, mitten im Alltag.
Ich mach’ das auch viel zu wenig. Ich arbeite und arbeite und merke erst wenn ich Rückenschmerzen habe oder im Kopf wie betrunken bin, dass ich mal wieder ohne Pause durchgearbeitet habe.
Eine Wanderung hat mich wieder gelehrt, mehr noch, mich körperlich spüren lassen, dass es ohne Pausen nicht geht im Leben, nicht gehen darf.
Nicht gut durchtrainiert und sogar etwas angeschlagen von einer Erkältung, wollte ich einen Berg besteigen. Einen Berg, der 2000 Meter aus dem Meer heraus steigt. 2000 Höhenmeter also. Ich wollte auf diesen Berg und meinte es auch zu müssen, weil ich drei Freunde dazu eingeladen hatte. Und hatte Fracksausen: Schaff ich das? Was wenn nicht? Was machen die anderen dann?
Ich habe es geschafft! Habe auch nichts übertrieben oder meine Gesundheit gefährdet. Ich habe es durch Pausen geschafft. Ich bin Schritt für Schritt gegangen und wenn es schwer war, mich innerlich an die nächste Pause geklammert. An diese wunderbaren Pausen mit Essen und Trinken in der Gemeinschaft mit Freunden. Sie haben mir die Kraft für die nächste Etappe gegeben – bis zum Gipfel.
Diese Erfahrung hab ich in meinen Alltag mitgenommen und versuche jetzt regelmäßiger als bisher Pausen zu machen, kurze Rastzeiten einzuhalten. Nicht erst wenn ich erschöpft bin. Und übrigens:
Das Wort Rast ist von seiner ursprünglichen Bedeutung ein Wegmaß. Und meint genau die Strecke, die man bei einer Wanderung zwischen zwei Pausen gehen kann.
Peter
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2382
„Älterwerden ist nicht schwer, älter sein dagegen sehr.“ Von einem evangelischen Theologen ist dieser schlaue Spruch. Jeder, der schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel hat, weiß es: die Zeit rast und in ihr purzeln die Jahreszahlen wie aus der Lottolostrommel in unser Leben. Zack – schon wieder eine Zahl, die mir fremd ist. Das geht leicht und wie von selbst, wenn ich es denn erleben darf.
Was nicht ganz so leicht und scheinbar unbemerkt passiert, sind die Veränderungen, die die Zeit so mit sich bringt: Nachlassende Spannkraft, kleine Malaisen oder größere Krankheiten. Enttäuschungen wegen nie Erreichtem oder nie Gelebtem. Aber natürlich hat das Älterwerden auch viele Vorzüge: Eine größere Gelassenheit, vielleicht weniger Stress, Freude am Erreichten oder an Kindern und Enkelkindern.
Trotzdem begleitet das Älterwerden auch so eine herbstliche Melancholie, ein Gefühl des Verlusts. Weil wie mit den Blättern am Lebensbaum auch die frischen, jugendlichen und vorwärts gerichteten Perspektiven zu fallen scheinen. Scheinen, denn es gibt zeitlose, wunderschöne Eigenschaften des Menschen, die unzerstörbar sind und die nicht altern. Der evangelische Theologe und große Menschenfreund Albert Schweitzer hat sie in einen Text gefasst, den ich all jenen weitergebe, die vielleicht ein bisschen mit dem Altern hadern, aber auch denen, die diese Eigenschaften in sich spüren und auch weitergeben. „Ob 15 oder 50 „, heißt es in diesem Text, „im Herzen eines jeden Menschen wohnt die Sehnsucht nach dem Wunderbaren. Das Staunen beim Anblick der Sterne, das furchtlose Wagnis, die kindliche Spannung, was der nächste Tag bringen werde, die ausgelassene Freude und Lebenslust.
Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel, so jung wie dein Selbstvertrauen, so alt wie deine Furcht. So jung wie deine Hoffnung und so alt wie deine Verzagtheit. Denn solange die Botschaft der Freude, Kühnheit, Schönheit, Größe von der Erde, vom Menschen, vom Unendlichen dein Herz erreichen, solange bist du jung.“
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Es gibt Tage, da klappt einfach gar nichts. Bei mir sind das immer mal wieder die Montage. Vielleicht, weil ich mir schwer tue mit der Umstellung vom Wochenende auf den Werktagsrhythmus. Wäre ja auch nicht so ungewöhnlich. Es soll ja auch so genannte Montagsautos geben. Die sind dann reparaturanfälliger. Und laut Statistik ist der Montag der Tag mit den meisten Arbeitsunfällen und zwar zwischen 10 und 12, also aufpassen nachher!
Wenn dann wieder mal so ein Tag war, an dem ich nicht so produktiv gewesen bin, dann gehe ich unzufrieden nach Hause, weil alles nur Stückwerk war, ich nichts Gescheites zu Wege gebracht hab’. Aber ist das denn wirklich so? Oder fühlt es sich nur so an? Schau ich mir solche Tage mit ein wenig Distanz an, dann erkenne ich, dass doch immer wieder auch gute Anteile drin waren. Es ist oft nur mein Gefühl, mein Frust, der dann das Ganze verallgemeinert.
Und selbst die Dinge, die tatsächlich nicht so sind, wie sie sein sollten oder wie ich sie wollte, die nicht geklappt haben, der Ausschuss sozusagen, ist der denn auch nur alles Mist? Oder ist er nicht auch der Humus für die Dinge, die dann scheinbar wie selbstverständlich irgendwann doch noch klappen? Der Ausschuss als der Humus, der fruchtbare Boden für Gelungenes? !
Jeder Künstler kennt die zig Entwürfe, die er weggeworfen hat, bis ihm der ganz große Wurf gelungen ist. Oder die Erfinder – das wissen wir bei uns in Baden-Württemberg mit unseren vielen Tüftlern ganz genau – was haben die Erfinder an Entwürfen und Fehlversuchen bis ihre Idee zur Wirklichkeit wird! Und die Wissenschaftler – bis ihre Versuche klappen.
Also, ich plädiere für ein Lob des Ausschusses, für mehr Geduld und mehr Gutmütigkeit mit uns selbst. Bei den Werken, die wir schaffen und gerade auch bei denen, die wir nicht schaffen. Denn wir sind Gott sei Dank keine Maschinen, sondern Menschen. Und die funktionieren erstens nicht und zweitens nicht immer gleich. Oder wie hat es noch der Künstler Friedrich Hundertwasser gesagt „Die gerade Linie ist gottlos“.
Also: Gott mag es scheinbar nicht quadratisch, praktisch, gut, sondern die krummen Linien. Natürlich nicht nur, aber sicher mag er auch das Unperfekte, das Unfertige, weil es noch wachsen, sich entwickeln, gedeihen kann.

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