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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Schon lange nicht mehr in die Kirche gegangen? Jetzt gibt es eine ausgezeichnete Gelegenheit. Morgen. Nicht, weil Sonntag ist. Sondern weil morgen der bundesweite Tag des offenen Denkmals steigt. Das Motto in diesem Jahr: „Orte der Einkehr und des Gebets – Historische Sakralbauten“. Bestimmt auch in ihrer Nähe finden Sie ein offenes Denkmal: Dieses Jahr sind über 9.500 historische Gebäude in mehr als 3.000 Städten und Gemeinden geöffnet.
Wenn Sie wissen wollen, was das Cellarium eines Laienrefektoriums ist, was ein Laubenganghaus ausmacht, wie eine Synagoge von innen aussieht, welche Ge-schichte die alten Wegkreuze erzählen, dann kommen Sie diesen Sonntag auf Ihre Kosten.
Nebenbei wird deutlich: Glaube und Religion nehmen auch heute noch einen wichti-gen Platz in unserem Land ein. Nicht nur, weil ein Sprichwort sagt, dass man die Kirche im Dorf lassen soll. Auch, weil religiöse Bauten unsere Dörfer und Städte prägen. Kirchtürme und Glocken sind vielerorts unübersehbar und unüberhörbar. Sie bieten Orientierungspunkte, sind häufig der Mittelpunkt einer Stadt.
Deutlich wird auch anhand der religiösen Bauten die Vielfalt, wie sich Menschen mit ihrem Glauben im Laufe der Jahrhunderte auseinandergesetzt haben. Und schließ-lich zeigen sie, dass sich der Glaube in einem beständigen Wandel befindet. Was die einen als angemessene Form der Gottesverehrung verstanden, ist für andere Kitsch, was in einem Jahrhundert wichtig war, wurde in einem anderen Jahrhundert vergessen.
Spannend: Bei dem Wort »Sakralbau« denkt man sicher zuerst an Kirchen. Aber das religiöse Leben Deutschlands besteht nicht nur aus Gottesdiensten. Viele Krankenhäuser sind aus kirchlichen Spitälern entstanden, Hochschulen sind alte Kloster-gründungen, Bischöfe haben Museen gestiftet und die abendländische Kunst ist ohne das Christentum nicht denkbar.
Kurz: Die Geschichte des Abendlandes, das wird dieser Tag des Denkmals deutlich machen, ist ohne den christlichen und jüdischen Glauben gar nicht zu verstehen. Das alles können Sie morgen bei einer Entdeckungsreise in die Welt der Sakralbau-ten selbst herausfinden. Und vielleicht denken Sie morgen Abend ja auch: Gut, mal wieder in eine Kirche gegangen zu sein.
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Manchmal ist mir nach Ausreißen zumute. Manchmal sogar schon vor dem Frühstück. Einfach frei sein, frei vom Alltagstrott, frei von Zwängen, vom Beruf, von Kindern, von den alltäglichen Pflichten. Aber ist das Freiheit?
Eine Bekannte von mir erzählte: „Mit 20 wollte ich nur weg. Ich wollte frei sein. Frei von den Nörgeleien der Eltern, frei von den Leuten im Dorf, die mich noch für ein Kind hielten, frei von den Regeln der Clique. Und so setzte ich mich in mein Auto und fuhr los. Quer durch Europa. Es war eine tolle Zeit.“ Aber warum kam sie zu-rück, wollte ich wissen? Meine Bekannte erzählte: „Nach Monaten des ziellosen, freien Herumgondelns setzte ich mich eines Morgen am Rande einer großen Stadt in ein Cafe. Ich trank etwas und sah den Leuten zu. Sah Menschen, die kamen und gingen, sah Menschen, die Einkauftüten trugen und Kinderwagen schoben, sah Menschen, die sich mit anderen Menschen trafen und gemeinsam weggingen. Mir fiel auf: Alle diese Menschen hatten ein Ziel. Sie kamen irgendwo her und wollten irgendwo hin. Und da wurde mir klar, dass ich auch ein Ziel brauchte. Dass ich et-was tun musste.“
Mich hat unser Gespräch beschäftigt. Was mir deutlich wurde: Es reicht nicht aus, frei von etwas zu sein. Freiheit braucht eine Richtung. Ein Wohin. Eine alte Erfah-rung.
Eine Erfahrung, von der schon die Bibel berichtet. Da sind Mose und Aaron, die An-führer der Israeliten. Sie gehen zum ägyptischen König, denn sie wollen auch be-freit sein, befreit von Sklaverei und Unterdrückung.
Die Bibel erzählt, dass Menschen in Demütigung und Abhängigkeit nicht wachsen und reifen können. Gott aber will freie Menschen, keine Ja-Sager oder Duckmäuser. Doch diese Menschen sollen nicht nur frei von etwas sein, sollen nicht nur befreit leben können. Gott will, dass Menschen frei zu etwas sind: frei zu dem Wesentli-chen des Lebens, frei für Gott.
Der Auszug aus Ägypten erzählt, dass die Suche nach der Freiheit schwierig ist. Die Israeliten irren vierzig Jahre in der Wüste umher. Sie müssen sich die Richtung der Freiheit immer wieder neu erkämpfen. Freiheit-Haben ist also kein Freifahrtschein fürs Leben. Die Freiheit muss auch gefüllt werden mit Sinn und Zielen. Ich finde, »Gott« ist immer noch ein guter Name für diesen Sinn – ein Ziel, das die Freiheit haben kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2072
Ich hasse es, in der Schlange zu stehen. Im Supermarkt, wenn nur eine Kasse auf ist, oder – noch schlimmer – am Telefon: Wenn nur die Melodie aus der Warteschleife zu hören ist. Aber eine Schlange würde ich doch in Kauf nehmen. Es ist die Schlange vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Hier zeigt das Metropolitain Mu-seum of Art in New York fast 150 Spitzenwerke der bedeutendsten Künstler des 19. Jahrhunderts. Unter dem pfiffigen Slogan: „Die schönsten Franzosen kommen aus New York.“
Ich weiß auch schon, was ich mir ansehen werde: Das Bild »Die ersten Schritte«. Es ist von Vincent van Gogh, der jahrelang in Frankreich lebte und malte. Ein unspektakuläres und trotzdem fesselndes Bild.
Zu sehen ist ein Nutzgarten. Dahinter ein Zaun, ein Haus. Beherrscht wird das Bild aber von drei Menschen, die sich in diesem Garten aufhalten. Rechts steht eine Frau. Sie beugt sich zu einem kleinen Kind herunter, hält es noch fest. Das Kind hebt die Arme, will offensichtlich losgehen. Sein Ziel: Ein Mann. Er hockt seitlich im Vordergrund, hat gerade den Spaten hingelegt und breitet die Arme aus. Einladend. Fast höre ich den Vater rufen: „ Komm zu mir.“ Die Mutter gibt dem Kind einen letzten Halt – aber ihre Körperhaltung scheint zu sagen: „Lauf los.“
Ein Bild, das viel über Freiheit und Abhängigkeit erzählt. Ich brauche Freiheit, um ins Leben gehen zu können. Aber für jeden Schritt brauche ich auch Halt, Menschen die mich halten, Menschen, die mir ihre offenen Arme entgegenstrecken. Dann be-komme ich den Mut zu laufen. Wenn Kinder also laufen lernen, dann ist das mehr als nur ein Entwicklungsschritt. Es sind die ersten Schritte in die Freiheit.
Für mich steckt in Van Goghs „Erste Schritte“ auch ein Bild Gottes. Gott, so glaube ich, gibt dem Menschen Freiheit, will dass jede und jeder eigene Schritte geht. Und gleichzeitig hält Gott seine Hand über mir, begleitet mich, streckt mir seine offenen Arme entgegen. Van Goghs Bild erzählt so von der Freiheit, von den eigenen Wegen. Und wie gut es ist, erwartet und aufgefangen zu werden.

[vangogh]

Vincent van Gogh (1853 - 1890):
Erste Schritte (nach Millet) (1890), 92 x 72 cm, Öl auf Leinwand
New York, Metropolitan Museum of Art https://www.kirche-im-swr.de/?m=2071
Die Frau hat die Welt bewegt. Nicht, weil sie reich war. Nicht, weil sie im Jet-Set zu Hause war. Nicht, weil sie die Phantasien unzähliger Männer anheizte. Die Frau hat die Welt bewegt, weil sie sich ganz einfach um ihre Mitmenschen kümmerte. Mutter Teresa. Heute ist ihr zehnter Todestag.
Ihr Einsatz für die Armen fasziniert mich. Und ihre Geschichte. Teresa wird als Ag-nes Gonxha Bojaxhiu in Mazedonien geboren. Sie will Missionarin werden. Deshalb schließt sie sich einem katholischen Frauenorden an und geht nach Indien. In Cal-cutta arbeitet sie zunächst als Lehrerin einer Schule für bengalische Mädchen. Die Schule grenzt direkt an ein großes Armenviertel. Und die Armen lassen sie nicht los. Angerührt von dem Elend, in dem viele Menschen dort leben, gibt sie ihren Lehrerinnenberuf auf. Sie will für die Armen da sein. Der Orden zieht nicht mit und lässt sie lange zwölf Jahre warten. Dann erst erhält Teresa die Erlaubnis, den Orden zu verlassen und sich für die Armen einzusetzen.
Teresa arbeitet zunächst allein, nach einem Jahr schließt sich ihr ein bengalisches Mädchen an. 1950 gründet sie die »Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächsten-liebe«. Damit dokumentiert Teresa etwas ganz Ungewöhnliches. Ihrer Ordensge-meinschaft geht es nur um eins: Die Nächstenliebe unter den Menschen zu leben. Mission heißt nicht, den Glauben – zur Not auch mit Feuer und Schwert – unters Volk zu bringen. Mission heißt für Teresa: Den Nächsten zu lieben, für ihn da zu sein. Das ist die einzig glaubwürdige Verkündigung des christlichen Glaubens.
Ein ganz schön mutiges Programm. Denn »Nächstenliebe«, das hört sich ganz gut an, ist aber praktisch gar nicht so einfach zu leben. Mutter Teresas Handeln ist des-halb ein Stachel im Fleisch: Vor allem für viele Menschen hier in Europa. Für Men-schen, die sich Christen nennen, denen es aber relativ gut geht. Mutter Teresa hat radikal ernst gemacht mit dem Glauben. Sie hat sich entschieden, für die Armen da zu sein, sie zu lieben. Und sie stellt damit jeden vor die Frage: Wie ernst nimmst du die Nächstenliebe?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2070
Heute beginnt sie: Die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in Sibiu. Die rumänische Stadt, vielen auch unter ihrem alten Namen »Hermannstadt« bekannt, liegt am Rande Europas. Ein symbolischer Ort. Denn Ökumene kommt vom griechi-schen »oikomene« und das meint: „die ganze bewohnte Erde“. Im Begriff der Öku-mene steckt damit zweierlei. Zum einen das Wissen um Grenzen und Ränder. Ö-kumene geht bis zu den Rändern der bewohnten Erde. Zum anderen ist Ökumene universell. Ökumene umfasst alles und alle und will nichts und niemanden aus-schließen.
Im engen Sinn heißt Ökumene allerdings: Christen suchen nach einer Einheit der vielen Kirchen – seien sie katholischer, evangelischer oder orthodoxer Herkunft. Doch diese Einheit muss nicht in einer Einheitskirche enden. Das macht das Treffen in Sibiu deutlich. Es steht unter dem Leitwort: „Das Licht Christi scheint auf alle. Hoffnung für Erneuerung und Einheit in Europa“. Die Kirchenvertreter, Männer und Frauen aus ganz Europa, beraten hier, was die Kirchen für das Zusammenwachsen Europas leisten können, welche Rolle der Glaube bei diesem Prozess spielt und wel-che Werte die Christen in dieses Europa mitbringen können.
Schon jetzt ist klar: Trotz vieler ökumenischer Anstrengungen wird es auch nach Sibiu bei der Kirchentrennung bleiben. Doch: Dass die christlichen Kirchen in Tau-sende von Kirchen und Glaubensgemeinschaften gespalten bleibt, ist ein Skandal. Denn diese Trennung forderte schon zu viele Opfer. Geopfert wurde die Glaubwür-digkeit der christlichen Botschaft, geopfert wurden aber auch Menschen – Gewalt im Namen der Konfession ist bis heute gegenwärtig. Und die Frage brennt unter den Nägeln: Wie sollen die getrennten Kirchen etwas für das Zusammenwachsen Europas tun können, wenn sie sich nicht selbst näher kommen? Deshalb hoffe ich, dass nach Sibiu die Kirchen und Christen vormachen, was es heißt: In Verschie-denheit miteinander gemeinsam leben. Dann hätte sich die dritte Europäische Ö-kumenische Versammlung in Sibiu gelohnt.

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Haben Sie schon einmal in ein Wespennest gestochen? Ich habe vor wenigen Tagen erfahren, was das heißt. Bei einer Wanderung entdeckte ich ein richtig großes Wes-pennest. Es lag im Gras am Wegrand. Schien vom Baum gefallen zu sein. Toll, habe ich gedacht, ein Wespennest, das können wir uns gut zu Hause mal genauer angu-cken. Ich wollte es aufheben, kam mit dem Fuß gegen das Nest – und schon wur-den wir von einem Schwarm Wespen angegriffen. Richtig aggressive Biester. Wir sind buchstäblich Hals über Kopf geflohen, haben aber trotzdem ein paar Stiche abbekommen.
Die alte Redewendung – in ein Wespennest stechen – hat plötzlich bei mir eine ganz konkrete Gestalt gewonnen. In ein Wespennest stechen, das heißt: Auf etwas Brisantes oder Besonderes zu stoßen und es beim Namen zu nennen. Kein Wunder, dass die Betroffenen dann häufig wie Wespen reagieren und versuchen zuzuste-chen.
Im Wald war das Stochern im Wespennest eher fahrlässig. Ich hätte ja vorher ge-nauer hinschauen können. Manchmal ist es aber nötig, ins Wespennest zu stechen. Auch auf die Gefahr hin, gestochen zu werden.
Die großen Heiligen etwa konnten das. Franz von Assisi, der sich von seiner reichen Familie lossagt, tut das nicht heimlich. In aller Öffentlichkeit zieht er sich aus, will nackt in die Welt ziehen und mit dem blutigen Geld seiner Eltern nichts mehr zu tun haben. Ein Stich ins Wespennest. Oder Thomas Morus. Der sich mit dem englischen König anlegt, weil der mehrere Frauen heiraten will. Das bleibt nicht ohne Folgen. Thomas Morus wird vom König hingerichtet.
Wer ins Wespennest stechen will, der muss sich gut überlegen, welche Konsequen-zen das haben kann. Der muss sich gut überlegen, ob er sich auch stechen lassen will. Manchmal aber lohnt sich der Einsatz. Wenn sich danach etwas klärt. Wenn Fronten geklärt und Meinungen ausgesprochen werden. Denn erst dann kann man auch nach Lösungen in Konfliktfällen suchen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2068