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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es ist gut, wenn man in schwierigen Lebensphasen nicht allein sein muss. Es ist gut, wenn Menschen einen nicht allein lassen und es ist gut, zu spüren: Gott bleibt bei mir, auch wenn es mir manchmal so vorkommt, als wäre ich von Gott und aller Welt verlassen. Das gilt besonders, glaube ich, wenn Menschen die Trennung vom Lebenspartner oder eine Ehescheidung erleben. Ich verliere den Mann oder die Frau, mit der ich gemeinsam das Leben bestehen und auch Schweres durchstehen wollte. Darauf hatte ich mich verlassen. Und jetzt ist alles anders. Jetzt bin ich allein. Wer hält jetzt zu mir? Wer tröstet mich, wer nimmt mir die Last der Vorwürfe ab, die ich gegen mich selbst und gegen den anderen richte? Wer hilft mir, neue Wege zu suchen? Wer sagt mir: fürchte dich nicht, ich bin bei dir?
Ich finde es deshalb gut, dass die evangelische und die katholische Kirche gemeinsam in manchen größeren Städten Gottesdienste anbieten für Leute, die getrennt leben oder geschieden sind. Dieses Angebot gibt es in der Regel einmal im Jahr, in Freiburg zum Beispiel, in Karlsruhe und Ravensburg, in Mannheim und Oberesslingen. In Stuttgart schon zum 10. Mal in diesem Jahr am 14. Oktober . In diesen Gottesdiensten können die Menschen hören und erleben: Gott lässt mich nicht allein. Ihm kann ich meine Enttäuschung klagen und meine Wut. Ihm kann ich sagen, wie viel Angst ich habe vor der Zukunft. Ihm kann ich sagen, dass ich mich schuldig fühle und nicht fertig werde mit dem Gefühl: ich habe nicht halten können, was ich versprochen habe. Für das alles ist Platz in diesen Gottesdiensten für Geschiedene. Dort kann ich spüren: Es geht nicht nur mir so. Die anderen klagen und beten genauso wie ich. Ich kann in ihre Worte einstimmen, wenn mir selbst noch die Worte fehlen. Und Gott lässt mich nicht allein. Er wird mich mit seinem Segen begleiten und mir helfen, meinen Weg zu finden. Er wird mir helfen, loszulassen, was war, damit ich wieder zur Ruhe kommen und Frieden finden kann.
Vielleicht sagen Sie jetzt: Aber die Kirche soll doch helfen, dass Ehen Bestand haben. Das ist wahr. Aber wenn Menschen sich entscheiden, es anders zu machen – aus welchem Grund auch immer und meistens ist es ja schlimm genug für die Betroffenen – dann lässt Gott sie bestimmt nicht allein. Gott lässt die nicht allein, die gescheitert sind, auch die nicht, die einen Fehler gemacht haben. Er hilft denen, neu anzufangen, die nicht mehr wissen, wie es weiter gehen soll. „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“, lese ich in der Bibel. (Rö 8, 39). Das zu hören tut gut wie jedes „ich liebe Dich“. In den Gottesdiensten für Geschiedene kann man es hören. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2024
Wenn die Kinder Liebeskummer haben – das tut auch den Müttern weh. Man sieht und spürt ihren Kummer, man kann sich anhören, wie es ihnen geht. Man kann die Tränen mit ihnen aushalten. Helfen kann man nicht. Sollte eine Mutter wohl auch nicht. Man kann sie nicht mal mehr in den Arm und auf den Schoß nehmen und trösten – durch den Liebeskummer müssen sie alleine durch, die Kinder, jedes auf seine Art. Sie sind ja erwachsen.
Aber es tut schrecklich weh – auch den Müttern. Erst recht, wenn die Kinder sich scheiden lassen wollen. Dann gibt es womöglich auch noch Enkelkinder, um die sich die Großeltern Sorgen machen müssen, vielleicht auch finanzielle Probleme. Es ist schwer, das auszuhalten.
In Stuttgart bietet die Evangelische Frauenarbeit in Württemberg gelegentlich Seminartage für Mütter an, deren Kinder sich scheiden lassen. Mit anderen reden, die dasselbe erleben, das hilft oft schon weiter, hat mir Ilse Ostertag erzählt. Sie organisiert diese Seminartage . Wir versuchen, sagt sie, den Frauen zu helfen, ihre Ratlosigkeit auszuhalten. Nur erzählen, was ist. Nicht gleich irgendwem die Schuld geben. Das kann man besser hinkriegen, wenn man mit anderen redet, denen es genauso geht. Sonst versucht man leicht, einen Schuldigen zu finden, damit man eine Erklärung hat. Aber das hilft meistens gar nicht weiter. Dann wird die Wut nur umso größer und die Enttäuschung. Dann schaut man immer nur zurück, statt nach vorn.
Stattdessen, hat eine der Teilnehmerinnen erzählt, habe sie begriffen: Jeder Mensch, der lebt, wird an irgendjemandem schuldig. Auch wenn man es gut meint, kann es genau das falsche sein, was man tut. Erst, wenn man das kapiert, kann man damit umgehen: mit den eigenen Schuldgefühlen und mit der Wut auf die anderen. Ich finde, damit sagt sie genau das, was Jesus den Menschen gezeigt hat. Der hat ja immer wieder gesagt: „Dir sind deine Sünden vergeben. Steh auf. Fang neu an. Versuch, es anders und besser zu machen.“
Was man als Mutter und Großmutter tun kann, wenn die Kinder sich scheiden lassen, auch davon ist an diesen Seminartagen die Rede. Vor allem, den Enkeln gegenüber. „Ich habe immer gedacht, ich kann nicht genügend für sie tun“, hat eine Großmutter gesagt,. „das hat mich furchtbar bedrückt. Jetzt weiß ich. Ich kann wirklich nicht genügend tun. Aber ich tue, was ich kann. So kann ich viel entspannter mit den Enkeln umgehen. Und die wissen: zu Oma kann ich kommen, wenn was ist.“
Jetzt kann ich besser damit leben, sagt die Großmutter, dass die Kinder sich scheiden lassen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2023
Über manche Erfahrungen kommt man nicht so einfach hinweg. Jemand hat mich enttäuscht, belogen, betrogen, verlassen, meine Pläne und Hoffnungen zerstört. Und ich komme nicht darüber weg. Wenn ein Paar sich getrennt hat, wenn eine Ehe geschieden wurde – dann geht das oft so. Immer wieder muss man zurückdenken – und immer neu tut es weh. Wie eine Wunde, die nicht zugehen und heilen will.
Manchmal allerdings ist es wohl tatsächlich so wie bei einer Wunde: sie kann nicht heilen, weil man immer wieder daran herum macht. Wenn man ständig kratzt und reibt, wenn man zu oft den Verband wechselt und nachschaut, wie es steht, dann kann eine Wunde nicht heilen. Manchmal wird es davon nur noch schlimmer. Genauso, meine ich, ist es mit den Verletzungen der Seele. Wenn man immer wieder auf das schaut, was man einander angetan hat, immer wieder fragt: wer hat den nun Schuld, wenn man nicht aufhören kann, Vorwürfe zu erheben, gegen sich selbst oder den anderen: dann kann die Wunde nicht heilen. Dann wird das Leben schwer, denn mit einer offenen Wunde zu leben, das tut weh.
Als Beispiel erzählt die Bibel von einer Frau, die zurück schaut (1. Mose 19) Sie hat mit ihrer Familie den Untergang ihrer Stadt erlebt. Auf einmal war alles weg, was ihr Leben gewesen war. Das ist schlimm, keine Frage. Aber sie haben eine Aussicht – einen Ort, gar nicht so weit entfernt, an dem sie neu anfangen könnten. Gott selbst, heißt es, zeigt ihnen den Weg dorthin. Bloß: Die Frau kommt nicht weiter. Sie schaut zurück. Sie kommt nicht los von dem, was war. Und erstarrt. Sie wird zur Salzsäule, erzählt die Bibel. Die anderen dagegen: ihre Kinder, ihr Mann – die schauen nach vorn, die finden einen neuen Anfang...
Natürlich: Es ist gut, wenn man genau anschaut, was war – damit man dieselben Fehler nicht irgendwann wieder machen muss. Aber was kann helfen, dass man nicht in seinem Schmerz erstarrt?
Davon reden hilft sicher – und dann auch zuhören, was die anderen mir zu sagen haben. Zum Beispiel die Frage: Willst Du überhaupt, das es heilt? Oder willst Du ganz gern die Wunde offen lassen, damit alle sehen, wie übel man dir mitgespielt hat? Das ist eine kritische Frage, ich weiß. Aber vielleicht hilft sie ja, nach vorne zu sehen. Denn es gibt Orte, wo man neu anfangen kann. Es gibt Leute, die da sind und mitgehen. Oft ganz in der Nähe. Und Gott hilft, dass wir sie finden. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2022
Kinder haben ein Recht darauf, dass ihre Eltern für sie sorgen. Schlimm genug, wenn das einer von beiden oder gar beide Eltern nicht können. Solche Fälle gibt es und sie sind schrecklich. Aber Gott sei Dank: In der Regel sorgen Eltern für ihre Kinder. Und das brauchen Kinder auch: Vater und Mutter. Beide sind wichtig für ihr Kind. Eigentlich müsste das „Sorgerecht“ genau dies regeln – dass Kinder ein Recht darauf haben, dass beide Eltern für sie sorgen.
Aber wenn Eltern sich scheiden lassen, dann streiten sie oft um das Sorgerecht. Dabei geht es dann um das Recht der Eltern. Es scheint, als wollten Vater und Mutter das Kind lieber in der Mitte durchteilen, als dem jeweils anderen die Sorge für Sohn oder Tochter zu überlassen oder gemeinsam zu für die Kinder sorgen.
So etwas erzählt die Bibel von zwei Frauen (1. Kön 3, 16-28). Die beiden brachten ein Baby zu Salomo, dem König und obersten Richter des Landes. Beide behaupteten, die Mutter des Kindes zu sein und Salomo sollte nun gewissermaßen über das Sorgerecht entscheiden. Dem König ging es um das Wohl des Kindes. Da hatte er eine makabere Idee. Er befahl, wenn die Frauen sich nicht einigen könnten, das Kind in der Mitte durchzuteilen, dann könnte jede Frau eine Hälfte bekommen Die eine Frau war einverstanden mit diesem Vorschlag – der anderen wollte sie das Kind auf keinen Fall lassen. Die andere Frau war bereit, auf das Kind zu verzichten, damit es leben konnte. Der gab Salomo schließlich das Kind. Er war sicher, sie würde für das Kind gut sorgen. Salomos Urteil gilt bis heute als Beispiel für seine Weisheit.
Vielleicht sagen sie jetzt: Das sei ein überzogener Vergleich, schließlich gehe es beim Sorgerecht ja nicht um Leben und Tod. Das ist natürlich wahr. Aber wie oft sind Kinder die Opfer, wenn Eltern bei einer Scheidung um das Sorgerecht streiten! Sie spüren, wie der eine Elternteil dem anderen das Kind nicht gönnt. Sie spüren, wie die Eltern von ihnen eine Entscheidung erwarten, wie der eine Elternteil verletzt ist, wenn sie Spaß daran haben, mit dem anderen Zeit zu verbringen. Zerrissen fühlen sich die Kinder, wenn sie zwischen Vater und Mutter entscheiden sollen.
Mir scheint: Wenn ein Mann und eine Frau als Partner miteinander nicht mehr zurecht kommen – dann können sie trotzdem gute Eltern sein. Gute Eltern verlangen nicht von ihrem Kind, dass es sein Herz, seine Liebe zu Vater und Mutter aufspaltet . Gute Eltern ermöglichen es dem Kind, auch zum anderen Elternteil zu gehören. Dann kann es den Kindern gut gehen – auch mit geschiedenen Eltern. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2021
„Das kommt vom Wachsen!“ hat meine Mutter früher gesagt, wenn mir als Kind scheinbar ohne Grund nächtelang die Beine wehgetan haben. Das hat mich getröstet, weil es ja anscheinend für etwas gut war, dass es wehtat. Damals war ich nicht ganz sicher, ob das auch wirklich stimmt und sie mich nicht vielleicht nur vertrösten will. Aber gut getan hat es trotzdem. Inzwischen weiß ich: Es gibt sie wirklich die Wachstumsschmerzen bei Kindern. Und ich weiß noch mehr: es gibt Wachstumsschmerzen auch innerlich, an der Seele gewissermaßen, und die gibt es auch bei Erwachsenen.
Wenn Altes vergeht und etwas Neues wächst. Das tut weh. Wenn die Kinder erwachsen werden und ihre eigenen Wege gehen. Das tut weh. Auf einmal ist es so leer und still im Haus. Wenn ich mich nach einem anderen Arbeitsplatz umsehen muss, weil das, was ich bisher gemacht habe, zu Ende geht – aus welchem Grund auch immer: das tut weh. Wer weiß, ob ich und wie ich noch einmal etwas finde, dass zu mir passt. Wenn ich umziehen muss, wenn eine langjährige Beziehung, wenn eine Ehe zerbricht. Das tut weh. Das was war, hat mir Sicherheit gegeben und Halt. Ich hatte eine Aufgabe. Ich habe mich wohl gefühlt. Warum soll das nun zu Ende gehen?
So ist das mit den Wachstumsschmerzen der Kinder wohl auch: eine Phase der Kindheit geht zu Ende. Sie werden größer, manches hört auf, was ihnen lieb geworden war. Es fängt etwas Neues an. Aber erst mal tut es weh. Bloß: es hat keinen Sinn, sich zu verweigern. Man kann das Wachsen nicht verhindern.
Helfen tut, wenn man nicht allein sein muss. Meine Mutter hat früher manchmal warme Umschläge gemacht. Die haben nicht wirklich geholfen – aber sie haben getröstet. Und vor allem: man braucht eine Aussicht! Wachstumsschmerzen kommen vom Wachsen! Da wächst was Neues. Das kann und wird anders sein. Aber auch das wird gut werden, da gibt es neue Aufgaben, neue Chancen, neue Möglichkeiten. Wenn ich darauf warte und dafür bereit bin, tut das Wachsen nicht so weh.
Mir hilft es auch, mich Gott anzuvertrauen. Zu dem bete ich, wenn das Wachsen weh tut: „Gott, großzügig wie kein anderer, zeig mir, wie groß und weit deine Welt ist, wie reich und bunt das Leben. Hilf mir heraus aus meinen Grenzen, damit ich aufbrechen kann aus Gewohnheit und Angst, mich selber entdecken und neue Aussichten finden. Lass mich erfahren, was bleibt: Deine Treue, die mich begleitet, wo immer ich bin, was immer geschieht, damit ich in deiner Nähe bleibe, Gott: ganz bei mir selbst, bei den Menschen und bei dir.“ (Koeppen, Spennhoff, Wolf (Hrg), Spuren des Lebens, Aussaat Verlag, 19942, S 125) https://www.kirche-im-swr.de/?m=2020
Scheiden tut weh, lernen schon die Kinder im Kindergarten. Wer schon mal Abschied nehmen musste, der weiß, wie das ist. Scheiden tut weh. Ehescheidung erst recht. Die zwei, die sich jetzt trennen müssen, die hatten doch irgendwann mal Pläne miteinander. Die haben gemeint, dass das Leben miteinander schöner und reicher würde als für jeden allein. Und dann war es ganz anders geworden. Manchmal ist Gewalt im Spiel oder eine Sucht, die alles verändert. Das kann einen ganz hilflos machen. Und wie oft kann man gar nicht so genau sagen, wer nun Schuld hat oder was. Meistens haben beide irgendwas versäumt, zu spät gemerkt, dass es so nicht bleiben kann. Und manchmal gibt es dann keinen Weg mehr zurück. Man findet nicht mehr zueinander. Das tut weh.
Man soll sich ja auch nicht scheiden lassen, sagen Sie jetzt vielleicht. Christen erst recht nicht. Jesus selbst hat doch gesagt: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!“ (Mk 10.9) Das ist ja nicht einfach altmodische Schikane, sondern soll verhindern, dass Menschen sich gegenseitig wehtun. Natürlich wäre es gut, wenn die zwei, die sich versprochen haben, einander in Freud und Leid treu zu bleiben, das auch halten könnten. Aber: die Wirklichkeit ist leider manchmal anders. Was dann? Manche sagen: dann wird aus „bis der Tod euch scheidet“ – lebenslänglich. Das hat Jesus bestimmt nicht gewollt.
Zu seiner Zeit war es ganz einfach, sich scheiden zu lassen, jedenfalls für Männer. Die konnten ihre Frauen einfach fortschicken. Und die Frauen waren dann schutz- und hilflos und auf Almosen angewiesen. Damals hatten Frauen ja keinerlei eigenes Einkommen. Bestenfalls konnten sie hoffen, sich wieder zu verheiraten um versorgt zu sein. Um die Frauen vor solcher Notlage zu schützen, hat Jesus die Scheidung ausdrücklich verboten. Die Frauen sollten nicht in Not geraten.
Gott sei Dank sind die Zeiten heute anders. Und wenn es nicht mehr anders geht, dann ist es gut, wenn man es so zu Ende bringt, wie man es angefangen hat. In Verantwortung füreinander. Möglichst, ohne einander noch zusätzlich zu verletzen. So, dass beide leben können und neu beginnen. Wenn wir es nicht mehr miteinander können, aus welchem Grund auch immer: dann kann ich doch helfen, dass es jeder für sich allein schaffen kann. Steine aus dem Weg räumen, statt einander noch mehr Steine in den Weg zu legen.
Scheiden tut weh. Gut wäre, wenn man am Ende dem anderen Gutes Wünschen könnte und Ade sagen. Ade heißt Adieu - Gott befohlen. Vielleicht tut es dann mehr ganz so weh. https://www.kirche-im-swr.de/?m=2019