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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Was kann ich als einzelner schon ausrichten? Was vermag ich schon zu verändern, damit die Welt besser wird? Es sind doch ganz andere, die das Sagen haben, die die Fäden in ihren Händen halten. Bei solchen Äußerungen ertappe ich mich meist dann, wenn ich mich vor einer Verantwortung drücke – dort, wo mich jemand braucht oder dort, wo ich versagt habe. Nein, so einfach sollte ich es mir nicht machen. Man bedenke: Ein Tropfen Öl verpestet eine ganz Fläche Wasser. Ein Haar in der Suppe kann mir das Essen verderben. Eine Made im Speck macht ihn ungenießbar. Das sind negative Beispiele, was weniges anrichten kann. Es gibt auch positive Beispiele: Ein Stückchen Hefe durchsäuert den ganzen Teig. Eine Brise Salz gibt der Suppe Geschmack. Eine Kerze macht das dunkle Zimmer heller. Ob ich Gutes tue oder unterlasse oder ob ich bösartig bin – alles hat seine Auswirkungen auf meine Umgebung, negative oder positive Auswirkungen. Ich kann das Klima um mich herum vergiften, es für andere unerträglich machen. Ich kann aber auch für eine Atmosphäre sorgen, in der sich andere wohlfühlen und womöglich auf gute Gedanken kommen. Ich sollte mich nicht bequemen und leichtfertig sagen: Was kann ich als einzelner schon ausrichten? Ich kenne eine Frau. Sie arbeitet als Bedienung. Komme ich in die Gaststätte, dann freue ich mich, wenn sie Dienst hat. Ihr freundliches Lächeln, nicht aufgesetzt sondern echt; ein positives, aufmunterndes Wort; die nette Art, wie sie bedient – diese Frau hat eine Ausstrahlung, die selbst missmutige Gäste auftauen lässt. Es tut einfach gut, ihr zu begegnen. Neben ihrer Familie sorgt sie wie eine Mutter für die Kinder ihres verstorbenen Bruders. Sie schaut nach ihrer alten Mutter. Und sie macht Sterbebegleitung bei einem etwas schwierigen Gast, um den sich niemand sonst kümmert. Diese Frau tut das alles wie selbstverständlich und ist immer gut drauf. Für mich ist sie eine Heilige im Alltag. Sie beschämt mich, und sie begeistert mich. Und sie erinnert mich immer wieder daran, was ein einzelner Mensch tun kann, damit die Welt ein wenig leidfreier und menschlicher wird. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1974
Ein Freund fragte mich: „Glaubst du wirklich, dass das mit Gott alles stimmt?“ – Das kam direkt und überraschend. Es folgte ein langer Abend mit einem interessanten Gespräch. Ein paar Gedanken daraus möchte ich weitergeben.
Ich stelle mir vor: Ich habe alles Erdenkliche im Leben erreicht. Alle Visionen haben sich erfüllt, alle Ideen konnte ich verwirklichen, alle Ziele erreichen. Dann wird es nicht lange dauern und ich würde weiter suchen, was mir noch fehlt. Und das glaube ich, kann nur Gott sein. Nichts außerhalb von Gott kann mir wirklich genügen. Aber auch nichts über Gott hinaus kann ich mir vorstellen und würde mir dann noch fehlen. (Frei nach einer Idee von Bernhard von Clairvaux, 1091-1153) Mein Gesprächspartner erhebt Einspruch: Der Glaube, dass es Gott gibt, ein Jenseits, ein ewiges Glück – all das könnten auch Wunschvorstellungen sein. Könnte sein, aber warum halten sich diese Wunschvorstellungen so hartnäckig und seit es Menschen gibt? Warum suchen unzählige Menschen Antwort in den Religionen dieser Welt? Und warum sollte ich mich mit großer Sehnsucht und mit so viel Engagement mit etwas beschäftigen, was es gar nicht gibt? Nein, ich kann Gott nicht beweisen. Gott sei Dank kann man das nicht. Das wäre ein kleines Gebilde, was bei solchen Überlegungen herauskäme – alles, nur nicht Gott. Ich glaube, Gott will nicht bewiesen, aber in Freiheit geglaubt und geliebt werden. Er mutet mir zu, einen Sprung des Glaubens zu tun. Und ich glaube, es gehört zu unserem Menschsein, dass wir die Sehnsucht nach Gott wach halten und der Frage nach ihm nicht ausweichen. Ich denke, das ist unter anderem auch der Sinn religiöser Beiträge im Radio.
Und Ich vermute: Gott ist denen näher, die ihn suchen, die nach ihm fragen, als denen, die meinen, ihn zu besitzen oder über ihn Bescheid zu wissen. Mit Gott ringen, um ihn ringen – das lässt mich hoffen. Nicht, dass alles gut ausgeht. Das tut es wahrlich nicht immer, nicht in meiner kleinen Welt und noch weniger in der großen Welt. Trotzdem: Ich möchte hoffen und vertrauen, dass es in Gott einen letzten Sinn und Halt gibt, egal wie es ausgeht.
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Evolution und Schöpfung schienen sich lange nicht zu vertragen. Hier die wissenschaftlich gesicherte Entwicklung des Menschen aus dem Tierreich. Da die Schöpfungsberichte der Bibel ( 900 und 500 v. Chr.), wonach Gott alles, was ist, selbst erschaffen hat – das wollte lange nicht zusammengehen. Doch der Streit zwischen Naturwissenschaft und Glaube schien seit geraumer Zeit beendet zu sein. Man hatte endlich erkannt, dass beide unterschiedlichen Fragen nachgehen. Der Naturwissenschaft geht es mit der Evolutionslehre um den Bauplan dieser Welt, wie alles geworden ist, wie sich alles entwickelt hat. Dem biblischen Schöpfungsglauben geht es um den Plan Gottes mit dieser Welt, dass alles in ihm seinen Ursprung, seinen Sinn und – was meist übersehen wird – sein Ziel hat. Man darf in der Bibel keine Antworten suchen auf Fragen, die die biblischen Schriftsteller gar nicht kannten. Und die Naturwissenschaft wird keine Antwort darauf geben, warum die Welt ist und ob das ganze einen Sinn hat oder nicht. Vor 150 Jahren hat Charles Darwin (1809-1882) die Evolutionstheorie begründet und damit den Streit zwischen Naturwissenschaft und Glaube mit verursacht. Für sich selbst hatte er ihn beigelegt: „Ich glaube, dass die Entwicklungstheorie absolut versöhnlich ist mit dem Glauben an Gott. Ich habe niemals die Existenz Gottes verneint“ – hat er einmal gesagt. Der Streit zwischen Naturwissenschaft und Glaube schien beigelegt. Jetzt wird er wieder neu aufgelegt. Die, die ihn schüren, nennt man „Kreationisten“. Diese neuen Gegner der Evolutionslehre kommen aus den USA und haben Anhänger in polnischen Regierungskreisen. Und einzelne Bischöfe bei uns springen bereits auf diesen Zug gegen jede Vernunft. Was besonders unredlich von denen ist, die das Rad der Geschichte und der menschlichen Erkenntnis zurückdrehen wollen: Wer Evolution und Schöpfung miteinander vereinbaren kann, der wird sofort verdächtigt, gottlos zu sein. Als Christ staune ich über das, was die Naturwissenschaft dazu beiträgt, unsere Welt zu erschließen. Und da dürfen wir noch auf viele Erkenntnisse gespannt sein. Und ich glaube, dass die riesige Veranstaltung des Weltalls und darin Mutter Erde, wir Menschen und unsere Mitgeschöpfe in Gott ihren Ursprung haben und in ihm ihr Ziel finden werden. Ich jedenfalls habe Darwin und die Bibel zum Freund.

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Maler aller Epochen haben sich des Themas angenommen: Mariens Tod und wie sie in neuer, verwandelter Gestalt zum Himmel emporsteigt. So entstand auch der volkstümliche Begriff: „Maria Himmelfahrt“. Heute ist dieses Fest. Katholiken feiern es mit Gottesdiensten und Prozessionen. Viele können mit diesem Fest nichts anfangen. Ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken. Die offiziell-kirchliche Sprachregelung heißt: „Mariä Aufnahme in den Himmel“. Und das bedeutet: Maria ist mit Leib und Seele von Gott in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. (1. November 1950 durch Papst Pius XII.) Ein sperriger Begriff. Der gar nicht mehr so sperrig ist, wenn man der Bibel folgt. Dort gibt es nämlich keine Trennung von Leib und Seele. Nach dem Verständnis der Bibel hat der Mensch zu keiner Zeit eine leiblose Seele und zu keiner Zeit einen seelenlosen Leib. Der Mensch ist somit eine „Leib-Seele-Geist-Einheit“. Untrennbar. Das gilt nach christlichem Glauben auch dann, wenn jemand stirbt. Und so bedeutet dieses Fest: Gott hat Maria nicht im Tod gelassen. Er hat sie in neuer, verwandelter Gestalt zu sich geholt, in seine Nähe, in ihr endgültiges Zuhause. Von Maria lehrt die Katholische Kirche, übrigens auch die Orthodoxe Kirche, was jeder Mensch in seinem Tod erhoffen darf. Wie das geschieht, ist Sache Gottes und entzieht sich jeder Spekulation. Für mich ist auch das Wort „Aufnahme“ wichtig. Freunde nehmen mich herzlich auf. Im Urlaub wurde ich herzlich aufgenommen und habe so richtig Gastfreundschaft erfahren. Ich denke an einen Aufenthalt im Krankenhaus. Ich fühlte mich gut aufgenommen. Das Gegenteil wäre: abgewiesen werden, außen vor bleiben. Die Aufnahme Mariens in die himmlische Herrlichkeit ist für mich ein Fest von tiefer Bedeutung. Ich hoffe für mich und für alle Menschen, dass wir einmal – wie Maria – für immer von Gott aufgenommen werden: Nicht als Geistwesen, nicht als Seelen oder als Engel, sondern als Menschen. Neu und gewandelt – mit meiner ganzen Lebensgeschichte: mit Freud und Leid, mit Erfolgen und Verwundungen, mit allem, was ich erlebt, erhofft, aber auch nicht verstanden habe. Ich feiere heute auch die Aufnahmebereitschaft Gottes. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1970
„Brot ist nicht hart – kein Brot ist hart“ – Diesen Spruch habe ich an der Tür einer Bäckerei gelesen. Er macht mich nachdenklich. Für die meisten Menschen im nördlichen Teil der Erde ist die Vaterunserbitte um das tägliche Brot so gut wie überflüssig geworden. Es gibt bei uns Brot in Hülle und Fülle – allerdings auch in den Abfalltonnen. Und auf derselben Welt sterben jede Minute sieben Menschen an Hunger. Ihnen fehlt das tägliche Brot. Da wird es mir ganz anders. Jesus hat immer wieder Brot ausgeteilt, damit die Leute, vor allem die Armen, ihren Hunger stillen konnten. Und er fordert die Seinen bis heute auf: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ (Lukas 9,13) So berichten es die Evangelien. Wie sehr er sich mit den Hungernden identifiziert, das macht Jesus deutlich, wenn er sagt: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben.“ (Matthäus 25,35) Für Jesus ist Brot aber noch mehr als eine Möglichkeit, um sich zu sättigen. Er versteht Brot als Zeichen für einen tieferen Hunger des Menschen nach Leben. Und ich glaube, es gibt keinen Menschen, der ohne Hunger nach einem anderen, besseren Leben existieren könnte. Und viele haben Sehnsucht nach Gott. Jesus hat Brot in die Mitte seiner Botschaft gestellt und sich selbst als das „Brot des Lebens“ bezeichnet. (Johannes 6,35.51) Vor seinem Tod am Kreuz hat Jesus mit seinen Freundinnen und Freunden ein Mahl gefeiert: Bei diesem Mahl dankt Jesus seinem Vater, bricht das Brot auseinander und verteilt es: „Esst, das ist mein Leib.“ (Markus 14,22-24) Das heißt: „Das bin ich – für euch.“ Jesus schenkt sich selbst im Zeichen des Brotes. Er verschenkt sich an die Menschen. Das Brot brechen – das heißt: Ich behalte es nicht für mich, ich teile es mit andern. Für mich persönlich heißt das weiter: Dass ich ein Gespür entwickle für Menschen, die in Not sind und meine Hilfe brauchen. Dass ich darauf achte, dass Menschen in meiner Umgebung nicht innerlich verhungern. „Dass ich Brot werde für andere.“ „Dass wir Brot werden füreinander.“ - Wenn die Menschen wirklich Liebe spüren, dann blühen sie auf, dann wird ihr Herz weit und das Leben wird hell. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1969
Ich möchte heute über Freundschaft sprechen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Freundschaft mein Ich erweitert. Wenn zwei Menschen sich befreunden, dann bedeutet das auch aufeinander Rücksicht nehmen, Kompromisse schließen, die eigenen Bedürfnisse zurückstecken. Muss ich dann nicht konsequenterweise auch in meinem Ich zurückstecken? Ich glaube nicht - im Gegenteil! Lasse ich mich ohne Vorbehalte auf einen Menschen ein, dann nehme ich ihn wahr, aber auch mich und mein Verhalten. Beschäftige ich mich ernsthaft mit den Vorstellungen des anderen, dann hinterfrage ich auch meine. Ich denke an Freundinnen und Freunde, die mich durch ihre Art, durch ihre Ausstrahlung und Liebe geprägt haben, durch die ich anders geworden bin: Ich hoffe menschlich reifer, vielleicht feinfühliger und verständiger. Und ich habe erkannt: Freundschaft hat mein Ich nicht zurückgestutzt, sondern erweitert. Viele Seiten im Buch meines Lebens wären nicht aufgeschlagen worden. Manche Fähigkeiten wären unentdeckt geblieben. Die Art und Weise das Leben zu sehen, wäre womöglich um einiges einseitiger. Freundschaft hat mein Ich erweitert. Und noch eine Beziehung hat mein Ich nicht eingeschränkt, sondern erweitert: Mein Glaube an Gott. Gottesvorstellungen und Gottesbeziehungen stehen allerdings auch in Gefahr, Menschen nicht frei und weit zu machen, sondern sie einzuengen, sie unfrei zu halten oder gar zu ängstigen. Ich durfte – Gott sei Dank – andere Erfahrungen machen. Es gibt in meinem Leben Menschen, die mir schon recht früh ein positives Gottesbild vermittelt haben. Das Bild von einem Gott, den Jesus verkündet und bezeugt hat. Ich höre immer wieder gerne, was Jesus im Johannes Evangelium betont: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.“ Jesus hat uns seine Freundinnen und Freunde genannt. (Johannes 15,13-16)


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