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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

„Wer Warten kann hat viel getan“ - so ein Sprichwort. Wie bitte? Warten ist doch der Inbegriff von passiv sein, von einem irgendwie erzwungenen Nichtstun. Und daraus soll sich dann etwas entwickeln? Sogar viel tun? Ja schon, der Volksmund hat schon recht, wenn er mit warten nicht verdrängen, aussitzen oder auf die lange Bank schieben meint.
Dinge mal ruhen lassen, sie reifen lassen kann viel produktiver sein als immer nur aktiv und dynamisch sein. Wenn man mal nach der Herkunft des Wortes „warten“ schaut, dann findet man, dass es ursprünglich „auf der Warte wohnen“ heißt. Also den Überblick bekommen, Ausschau halten und bewachen. Das Wort „warten“ hat noch eine zweite Bedeutung: Auf etwas acht haben, etwas pflegen. Das kennt man. Vom Auto, wenn man das Auto warten lässt. Geschieht aber das, was beim Auto selbstverständlich ist, bei mir als Mensch denn auch regelmäßig? So wie ich beim Auto regelmäßig danach schauen lasse, ob es noch richtig fährt und dass es auch nicht gefährlich wird, wenn ich mit ihm fahre. Lasse ich mein Leben auch regelmäßig „warten“? Und was könnte das heißen, wie könnte das gehen? Die Adventszeit ist genau so gemeint: Eine Art Kundendienst für die Seele. Den Motor mal ausstellen und checken, mal wahrnehmen, was sich so tut an Leib und Seele. Wo es nicht rund läuft, holpert oder gar Aussetzer gibt. Wenn ich das, was mich antreibt einmal zur Ruhe kommen lasse, wenn ich mein Leben mal warten lasse, im doppelten Sinn warten lasse, dann kann sich mein Herz öffnen und mein Blick sich weiten. Dann kann ich achtsam werden für den Augenblick, achtsam für die Menschen um mich herum. Und vielleicht auch für den, den wir Gott nennen. Achtsam – das könnte heißen verlangsamen. Dinge und Menschen wahrnehmen, anders wahrnehmen, neu wahrnehmen. Nicht im Vorbeirauschen, sondern mit Zeit. Achtsam, das könnte heißen hinschauen auf das, was wesentlich ist. Auf die Körperhaltung eines Menschen, auf seine Ausstrahlung und seine Augen. Achtsam sein könnte hinhören heißen. Nicht nur auf das, was jemand sagt, sondern wie er es sagt. Auf die Zwischentöne achten. Und achtsam könnte auch heißen: Stiller werden. Still sein. Die innere und äußere Ruhe einmal aushalten, sie mal wieder erfahren oder genießen. Je nach dem. https://www.kirche-im-swr.de/?m=271
Es gibt Tage, da weiß man nicht mehr wo einem der Kopf steht. Tausend Stränge ziehen an dir, jeder will was von dir, der Haushalt will gemacht sein, die Kinder wollen versorgt sein oder im Job geht’s mal wieder drunter und drüber. Und wenn das alles zusammenkommt oder auch nur eine dieser Belastungen zu lange geht, dann kann es sein, dass man den Draht zu sich selbst verliert. Dass man schlechtgelaunt wird, innerlich leer, traurig oder gefühllos. Da ist es gut einen Partner oder einen Freund in der Nähe zu haben, der das merkt und versucht einem aus diesem Zustand raus zu helfen.Genau das habe ich in einem Brief gefunden, der über 900 Jahre alt ist, aber genauso gut heute geschrieben sein könnte. Es ist schon faszinierend, aber auch erschreckend, wie sich manche Dinge einfach nicht ändern. Aber auch schön zu sehen, wie zeitlos freundschaftlicher Rat ist. Ein guter Rat vom Theologen Bernhard von Clairvaux an Papst Eugen III. Beide haben im zwölften Jahrhundert gelebt. Bernhard von Clairvaux war der Lehrer des Papstes. Und dieser Papst Eugen III. war durch sein Amt dermaßen im Stress, dass im sein alter Lehrer und Freund folgenden Brief geschrieben hat: „Wo soll ich anfangen? Am besten bei deinen zahlreichen Beschäftigungen. Denn ihretwegen habe ich am meisten Mitleid mit dir. Ich fürchte, dass du, eingekeilt in deine zahlreichen Beschäftigungen keinen Ausweg mehr siehst und deshalb deine Stirn verhärtest. Dass du dich nach und nach des Gespürs für einen durchaus richtigen und heilsamen Schmerz entledigst. Es ist viel klüger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Beschäftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt führen, an dem du nicht landen willst. Du fragst an welchen Punkt. An den Punkt, wo das Herz hart wird.
Wenn also alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben? Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit nur nicht dir selbst. Wer aber mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann er gut sein? Denke also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht, tu das immer, ich sage nicht, tu das oft, aber ich sage, tu das immer wieder einmal: Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da, oder jedenfalls sei es nach allen anderen.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=272
Do not disturb - bitte nicht stören! Dieser Satz hängt manchmal als rotes Pappschild an den Türen von Hotelzimmern. Do not disturb – bitte nicht stören. Ich finde dieses rote Pappschild passt farblich bestens zum Grün eines Adventskranzes. Aber nicht nur oberflächlich farblich.
Das „Bitte nicht stören“ passt wunderbar in die Adventszeit. Eine Zeit, die den Menschen nach innen ausrichten möchte. Eine Zeit, in der er wieder zu sich oder wenigstens wieder näher zu sich selbst kommen soll. Weil ihm das einfach gut tut. Sich gut beieinander zu fühlen, wohlig bei sich zu sein, innerlich rund und ganz. Und darum wird man auch nicht gern gestört bei Beschäftigungen oder Zuständen, bei denen man gut bei sich ist, in sich ist. Wenn man zum Beispiel konzentriert an etwas arbeitet, an einem Stück Holz, an einer Maschine, an einem Text oder an einem Kunstwerk. Darum soll man auch Kinder nicht stören, wenn sie sich selbst und die Welt vergessend spielen. Aber auch aus dem Schlaf, diesem Erholungsbad für Leib und Seele soll man nicht gerissen werden, weil sich da die oft so zerrupften Einzelteile des Lebens ineinander fügen oder verarbeitet werden. Liebende wollen und sollen auch nicht gestört werden bei dem „Akt“, der sie ganz bei sich und ganz ineinander sein lässt. Und Betende sollen nicht gestört werden, weil es Zeit, Sammlung und Ruhe braucht um die beiden Antennen auszurichten, die Antenne nach innen, zu mir selbst und die Antenne weit über mich hinaus... Do not disturb – bitte nicht stören, also lasst mir meine Ruhe, nicht immer, aber immer wieder. Lassen wir den Menschen und uns selbst immer wieder die geschlossenen Türen. Für die Freiräume nach innen, damit wir dann wieder besser arbeiten, schlafen, beten und lieben können. https://www.kirche-im-swr.de/?m=270
20.000 Nikoläuse, Sankt Nikoläuse - bringt einer meiner Kollegen in diesen Tagen unter die Leute. 20.000 – eine fast symbolische kleine Zahl angesichts des Millionenheers an Nikoläusen und Santa Clauses, die seit September in den Läden stehen. Die 20.000 Sankt Nikoläuse unterscheiden sich von den anderen Schokoladenmännern dadurch, dass sie erst heute in Kindergärten und Bäckereien zu haben sind. Und dadurch dass sie durch ihre Verpackung erkennbar mit einem Bischof in Verbindung gebracht werden. Das soll auf den Ursprung all der kommerzialisierten Nachkommen von Sankt Nikolaus hinweisen: Auf den Bischof von Myra, der vor rund 1600 Jahren in Cemre, der heutigen Türkei gelebt hat. Nikolaus ist eine der christlichen Heiligenfiguren, ein Paradebeispiel für den christlichen Glauben. Nicht nur wegen seiner warm-rot schimmernden Aura aus Geborgenheit, Strenge und Güte. Sondern weil Sankt Nikolaus für das Schenken steht, einen der Grundzüge des christlichen Glaubens. Und Nikolaus ganz besonders für das Geben ohne erkannt zu werden. Nur um des guten Zweckes Willen, für die gute Sache an sich. Das ist übrigens auch der Ursprung des so genannten „Einlegebrauchs“ am Vorabend des 6. Dezember. Nikolaus war bevor er Bischof wurde ein sehr wohlhabender Mann, der seinen Reichtum aber nicht für sich behalten wollte. Er hörte von einem Mann, der so arm war, dass er seine drei Töchter ins Bordell schicken wollte, damit die Familie überleben und er seine Töchter später verheiraten konnte. Diesem Mann wollte Nikolaus helfen, aber ohne ihn in Verlegenheit zu bringen. Und das hat er – der Legende nach so gemacht: Er hat in drei aufeinander folgenden Nächten jeweils einen Goldklumpen in die Schlafzimmer der drei Töchter geworfen und sich danach immer ganz schnell aus dem Staub gemacht, damit ihn niemand dabei sieht. Daraus ist dann der Brauch entstanden - heimlich - glitzernd verpackte Schokolade, Nüsse und Obst in Schuhe oder Socken vor das Bett oder die Schlafzimmertür zu legen. Der Bischof meiner Diözese, Gebhard Fürst, ist heute in der Kinderklinik in Tübingen und verteilt Nikoläuse, Sankt Nikoläuse, also die richtigen. Natürlich auch aus Schokolade und verpackt mit diesem wunderbaren Glitzerpapier. Der Bischof bringt aber mehr als nur als nur Glitzer und Schokolade. Er bringt seine Zeit und seine Aufmerksamkeit für die, die denen es nicht so gut geht. Und da gibt es dann keinen Unterschied mehr zwischen dem legendären Bischof vor 1600 Jahren und unserem Bischof heute. https://www.kirche-im-swr.de/?m=269
“Hast du wieder getrödelt?“, mit dieser vorwurfsvollen Frage wurde ich als Kind manchmal zu Hause empfangen, wenn ich mal wieder länger als nötig für den Schulweg gebraucht hatte.
Getrödelt – dieses Wort ist mir jetzt in einem anderen Zusammenhang begegnet. Es wurden die schönsten deutschen Worte gesucht. Und Trödeln gehört laut der Jury aus deutschem Sprachrat und Goetheinstitut dazu. Weil es schon so schön gemächlich klingt: TRÖDELN. Und auch ein wenig verschwenderisch. Und das ist auch laut Duden die Bedeutung von Trödeln, Zeit verschwenden, langsam sein, sich langsam ohne festes Ziel irgendwohin bewegen.
Ich möchte sie nicht missen, die Trödeleien meiner Kindheit. Ohne sie wäre ich sommers vielleicht nie barfuss in einem Bach gelaufen. (Ohne sie wäre ich im Herbst nie mit aufgespanntem Schirm über Wiesen gerannt und zeitweilig geschwebt.) Und ohne trödeln hätte ich vielleicht nie die Schönheit einer Schneeflocke erkannt. Trödeln. Ein Wort – wie geschaffen für den Advent. Gerade für diese geschäftig hektische Zeit, die doch so nach Ruhe schreit. Eine Zeit, die verlangsamt werden will, die unter die Lupe genommen werden will um sie zu entschleunigen, um sie heilsam ziellos zu machen. Um die Zeit, meine Zeit, mein Leben unter die Lupe zu nehmen und genauer zu betrachten als sonst: Wohin renne ich eigentlich, für wen rackere ich mich ab, für was kämpfe ich denn? Der Advent ist eine Vorbereitungszeit, eine Vorbereitungszeit, natürlich auf Weihnachten, aber mehr noch auf eine große andere Zeit, eine Zeit, in der sich mein Leben verändert, schrittweise, nach und nach. Weg vom Stress, weg von der Hektik, weg von Zwängen. Und immer wieder hinein in eine Zeit, die mir Räume eröffnet. Räume zu mir selbst, zu anderen und vielleicht auch zu Gott. Advent heißt Ankunft. Lange hab ich gemeint ich, ich muss etwas tun, damit sich auch religiös etwas bei mir tut, damit ich irgendwo ankomme. Bis ich gemerkt habe, das ist genau falsch. Religion hat nichts mit Leistung zu tun. Es hat lang gebraucht bis ich mir erlaubt habe, gerade im religiösen Bereich nichts zu tun, sondern zu lassen, zuzulassen und loszulassen. Zu lernen, dass nicht ich etwas tun muss um an zu kommen, sondern dass ich lasse, damit etwas bei mir ankommen kann. https://www.kirche-im-swr.de/?m=268
Nacht. Rabenschwarze Nacht. Nichts zu sehen gar nichts. Das habe ich dieses Jahr in Griechenland erlebt. Bei einem Stromausfall, der nicht nur das Dorf, in dem ich war, betroffen hat, sondern die ganze Region. Und weil es bewölkt war hat man nicht mal den Mond oder die Sterne gesehen. Alles, was mir bei Nacht dort sonst die Orientierung gibt: Die Straßenlampen, die Lichter der Bergdörfer – ausgelöscht. Ein ganzer Landstrich komplett in Dunkelheit getaucht. So was hatte ich seit Jahren nicht erlebt. Wie gewohnt bin ich doch, das Licht anzuschalten. Am Haus, im Auto, im Wohnzimmer und morgens in Bad und Küche.
Licht ist Sicherheit, gibt Orientierung und ist selbstverständlich. Dunkelheit scheint geradezu verbannt durch unsere Zivilisation. Unsere Großstädte leuchten bei Nacht so hell, dass dort die Sterne kaum noch zu sehen sind. Astronomen und Naturschützer sprechen von Lichtverschmutzung, weil ihrer Ansicht nach viel zu viel Licht gemacht und auch noch falsch ausgerichtet werde. Und jetzt im dunkelsten Monat des Jahres kommt mit der adventsbeleuchtung in den Straßen und Fenstern und Häusern noch viel mehr Licht in die Welt. Und auch so manches Kitschige und Skurile. Aber wir Menschen brauchen Licht. Nicht nur für die unsere Sicherheit und Orientierung. Wir brauchen das Licht als Ausdruck von Lebensfreude, von Wärme und Geborgenheit und als ein Zeichen von Hoffnung.
Die letzten Worte Goethes auf seinem Sterbebett sollen „mehr Licht“ gewesen sein. Also ganz banal der Wunsch, den zweiten Fensterladen öffnen zu lassen. Wohl aber auch Ausdruck seiner Sehnsucht einen letzten Blick auf das Leben zu werfen. Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten, erzählen von einem wunderbaren Licht, das sie gesehen haben. Und Babies sehen, wenn sie auf die Welt kommen, erst mal das gleißende Licht im Kreißsaal.
Licht und Dunkelheit sind Urerfahrungen. Und darum ist es auch schön und richtig, Licht zu machen in dieser dunklen Zeit. Licht, das über die Augen der Menschen in ihre Seelen geht. Das kann durch eine Lichterkette sein, durch einen Adventskranz, oder auch durch eine einzelne Kerze, die die Dunkelheit in warmes, sanftes Licht taucht. Es kann aber auch durch Menschen geschehen. Es gibt Frauen und Männer, die kommen in einen Raum und es wird irgendwie heller. Und Licht kann durch Begegnungen entstehen. Durch einen Besuch, einen Anruf oder durch die reine Anwesenheit eines Menschen, den man liebt, gern hat oder braucht! https://www.kirche-im-swr.de/?m=267