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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07OKT2022
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Es gibt Tage, die sind so anstrengend. Da weiß ich manchmal gar nicht, wie ich alles schaffen soll. 

Ich erinnere mich da an meinen ersten Tag an der Uni. Das ist ewig her, aber ich weiß es noch wie heute. Ich war ganz neu in der Stadt, überall um mich Leute, aber ich habe niemanden gekannt. Die Uni ist mir riesig vorgekommen. Die Eingangshalle war voller Stimmengewirr. Ich habe mich schüchtern umgesehen, und plötzlich hat mich eine junge Frau aus einer Gruppe von Leuten angelächelt. Mir ist in dem Moment das Herz aufgegangen, und ich habe zurückgelächelt. Ich bin zu der Gruppe hingegangen und hab Anna kennengelernt. 

Oder die Geschichte von meiner achtzehnjährigen Freundin Mareike. Sie hatte auch so einen fiesen Tag vor sich. Sie war so nervös vor ihrer Fahrprüfung. Aber der Prüfer hat sie zur Begrüßung freundlich angelächelt, und dieser kurze Moment hat ihr das Gefühl gegeben, dass sie das schaffen kann. Ihre Nervosität war weg, und sie hat die Prüfung ohne Angst gemeistert. Ein einziges kurzes Lächeln, und eine ganze Prüfung kann entspannter laufen. 

Was Lächeln alles bewirkt: es kann entspannen – wie bei Mareike. Und es kann mutig machen – wie bei mir am ersten Unitag. Es kann einen stärker machen oder trösten, und es kann willkommen heißen.

Natürlich kann ein Lächeln auch missverstanden werden, und es löst auch nicht alle Probleme. Und manche Leute setzen ja auch ein falsches Lächeln auf. Das fühlt sich gar nicht gut an, das kann einen richtig treffen.

Aber gerade an Tagen, an denen es mir nicht gut geht, kann es so helfen, wenn mich jemand freundlich ansieht. Denn Lächeln hat was Verbindendes. Wer lächelt, lässt den anderen spüren, dass er ihn sieht und er ihm nicht egal ist.

Ein Lächeln ist so wie eine Brücke. Der andere kann drauf laufen, muss es aber nicht: Oder er oder sie kann nur ein Stück rüberkommen und zurücklächeln, oder es entsteht noch mehr, und wir beginnen zu reden. Wenn mich jemand anlächelt, baut er eine Brücke in meine Richtung. 

Ich finde das toll: Nur mit Gesichtsmuskeln und ein bisschen Zuwendung kann man so was Starkes bauen.

Heute ist ein guter Tag zum Brückenbauen. Denn heute ist Welttag des Lächelns. 

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06OKT2022
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Es ist ein goldener Herbsttag, und ich stapfe mit 140 Kindern durch den Wald. Neben mir laufen Lucie und Moritz, die beiden sind elf Jahre alt. Sie quasseln die ganze Zeit. Es ist Schulwandertag, und die vielen Fünftklässler, ein paar Lehrerinnen und ich wandern auf den Spuren eines Heiligen. Genau genommen auf den Spuren unseres Schul-Heiligen.

Der heilige Landolin soll im 7. Jahrhundert als Mönch aus Irland ins Badische gekommen sein. Das finden Lucie und Moritz spannend, denn Landolin soll genau in dem Wald, in dem sie gerade wandern, als Einsiedler gelebt haben. Eines Tages hat ihn ein Jäger brutal erschlagen. Er hatte ihn wohl für einen Zauberer gehalten, weil die Tiere bei ihm so zahm waren.

Nach ein paar Kilometern kommen wir an eine ganz besondere Stelle. An die Stelle, wo Landolin gestorben sein soll. Die Legende erzählt: fünf Quellen seien damals entsprungen. Die Quellen sprudeln immer noch. Lucie und Moritz hören gebannt zu, als sie erfahren, was noch alles passiert sein soll, nachdem der heilige Landolin gestorben ist. Er habe etwa eine blinde Frau geheilt, weil sie seinen blutigen Leichnam angefasst hat. Deshalb gilt Landolin auch als Patron für Augenkrankheiten.

Ich finde diese Geschichte schaurig und weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Da platzt Lucie heraus: „Der Landolin war kein Zauberer. Der konnte einfach gut mit Tieren umgehen.“ Und weiter erklärt sie: „Die Rehe und Wildschweine und so, die haben ihm einfach vertraut.“

Ich stehe da und kriege meinen Mund nicht mehr zu. Und Moritz legt noch einen obendrauf und sagt: „Und bestimmt sind auch ganz unterschiedliche Leute zu ihm gekommen und haben ihn um Rat gefragt. Die haben ihm auch vertraut.“

Vielleicht haben die beiden Kinder mit ihrer Fantasie Recht. Vielleicht hatte Landolin wirklich diese besondere Fähigkeit und war ganz achtsam mit Tieren und Menschen. Womöglich hat er eine besondere Ruhe ausgestrahlt, und alle haben sich in seiner Nähe wohlgefühlt.

Da stehe ich neben Lucie und Moritz und den anderen Kindern an der Quelle. Und jetzt sehe ich, was für mich an diesem Landolin „heilig“ ist. Es ist die Sache mit dem Vertrauen können. Wer vertrauen kann, der kann in einem tieferen Sinn „gut“ leben. Wer vertraut, heißt andere willkommen. Das ist nicht immer einfach. Manchmal braucht es neue Anläufe, und Vertrauen kann auch erschüttert sein.

Landolin konnte so gut vertrauen. Das haben mich die Kinder gelehrt, denn das hab ich vorher gar nicht gesehen.

A propos Sehen. War dafür nicht der Heilige Landolin zuständig? 

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05OKT2022
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Es ist eine merkwürdige biblische Geschichte mit einem Wahrsager und einer störrischen Eselin. Der Wahrsager heißt Bileam. Er hat die Fähigkeit, mit dem, was er sagt, Glück oder Unglück zu verbreiten. Und genau deswegen braucht ihn Balak.

Balak ist König der Moabiter und sein Land liegt auf der Route des Volkes Israel, das von Ägypten ins gelobte Land unterwegs ist. Vor diesem fremden Volk hat Balak Angst. Sie könnten ihn vom Thron stoßen und sein Land plündern. Deswegen setzt er auf Bileam, der das Volk Israel verfluchen soll, so dass sie schwach werden und leicht zu besiegen sind. Zunächst sträubt sich Bileam. Zwar kennt er das Volk Israel nicht und ihm könnte eigentlich egal sein, was mit ihm passiert. Aber ihm ist nicht ganz wohl bei der Sache. Er zögert, schiebt dann aber seine Bedenken bei Seite, setzt sich auf seine Eselin und reitet dem Volk Israel entgegen.

Doch das Tier hat seinen eigenen Kopf. Es biegt einfach ab und nimmt einen anderen Weg. Der Grund: Ein Engel verwehrt ihm den Weg. Bileam, der den Engel nicht sieht, wird sauer. Mehrmals schlägt er seine Eselin und treibt sie an, weiterzugehen. Doch schon kurze Zeit später wiederholt sich die Szene. Beim dritten Mal läuft die Eselin überhaupt nicht mehr weiter. Erst jetzt gehen Bileam die Augen auf. Er sieht den Engel und ihm wird klar: Ich bin auf den falschen Weg geraten. Aber es ist noch nicht zu spät.

Manchmal ist es auch bei mir dran, meine Pläne über den Haufen zu werfen. Denn wenn ich die ohne Rücksicht auf Verluste durchziehen würde, würden andere darunter leiden – und manchmal auch ich selbst.

Zum Beispiel als ich neulich echt viel zu tun hatte. In meinem Kopf waren nur noch to-do-Listen. Trotzdem war es gut, dass ich mich mit einer Bekannten getroffen habe – auch wenn mir gar nicht danach war. Wir hatten uns lange nicht gesehen und auch sonst nur wenig Kontakt. Aber irgendwie habe ich gespürt, dass ein Treffen dran ist. Wie gut, dass ich diesem Impuls gefolgt bin, denn bei ihr war Land unter und sie brauchte mal jemanden, um darüber zu reden.

Bileam hatte eine Eselin und einen Engel an seiner Seite, aber mit denen habe ich eher selten zu tun. Vielleicht geht es darum, auf andere Signale zu achten: Wenn mein Körper mir signalisiert, dass er jetzt mal Ruhe braucht. Oder wenn mein Gewissen zu mir spricht – diese Instanz in mir, die mir das Gespür dafür gibt, was gut ist, und was gerade dran ist. Auch wenn ich das nicht immer auf Anhieb wahrnehme. Aber das war bei Bileam und seinem Engel auch nicht anders.

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04OKT2022
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Eimer, Spaten, Gießkanne und ein Setzling. Das gehörte gestern zur Grund-Ausstattung bei denen, die bei der Aktion „Einheitsbuddeln“ mitgemacht haben. Seit ein paar Jahren findet am Tag der Deutschen Einheit in ganz Deutschland eine Aktion statt, bei der jede Menge Bäume gepflanzt werden. 2019 hat Schleswig-Holstein die Aktion „Einheitsbuddeln" ins Leben gerufen. Die Vision haben die Initiatoren damals so beschrieben: „Stell dir vor, am 3. Oktober würde jeder Mensch in Deutschland einen Baum pflanzen. 83 Millionen. Jedes Jahr. Ein neuer Wald. Von Nord nach Süd, von Ost nach West. Für das Klima. Und für dich und deine Familie. Für unsere Zukunft.“[1]

Die Idee kam gut an. Viele haben mitgemacht. Deshalb gibt es die Aktion jetzt jedes Jahr und alle können dabei sein. Egal, ob im heimischen Garten oder bei einer Pflanzparty, bei der Menschen zusammenkommen, die gemeinsam anpacken und auf einer öffentlichen Fläche Bäume pflanzen. Oder man kann etwas spenden. Mit dem Geld werden dieses Jahr z.B. in Thüringen Nadelholzwälder, die vom Klimawandel und vom Borkenkäfer zerstört wurden, in Mischwälder umgewandelt.

Ich finde das eine tolle Aktion. Umweltschutz ist ein Thema, das alle angeht. Gerade auch Christen. Schon ganz am Anfang der Bibel steht, dass wir Menschen Verantwortung für unsere Erde haben. Dass wir sie nutzen, aber auch hegen und pflegen sollen.

Auch der heilige Franziskus, der heute seinen Gedenktag hat, war eng mit der Natur verbunden. Er ist sogar zum Patron des Natur- und Umweltschutzes ernannt worden. Einer seiner bekanntesten Texte ist der sogenannte Sonnengesang. Ein Gebet, das schon gut 800 Jahre alt ist, und in dem Franziskus die Schönheit der Erde beschreibt mit der Sonne und den Sternen, mit Wasser und Feuer, Wind und Erde und sogar mit dem Tod. All diese Dinge spricht er mit Schwester oder Bruder an. Das klingt dann z.B. so:

„Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter.“

Auch wenn der Sonnengesang schon so alt ist, regt er mich immer wieder dazu an, all das Schöne in der Natur um mich herum wahrzunehmen und Gott dafür ein Dankeschön zu schicken.

 

[1] vgl. https://einheitsbuddeln.org/

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03OKT2022
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„Zusammen wachsen.“ Das ist das Motto, unter dem in diesem Jahr die Feierlichkeiten zum „Tag der deutschen Einheit“ in Erfurt stattfinden. Zum 32. Mal wird dieser Tag gefeiert. Was ein Glück, dass damals nach über 40 Jahren Trennung unser Land wieder zusammenwachsen konnte. Zugleich habe ich den Eindruck, dass es mit der echten Einheit noch etwas klemmt und noch einiges für die Einheit zu tun ist. Nicht nur zwischen den Menschen in Ost und West, sondern zwischen allen Menschen in unserem Land.

Doch – wie geht das? Wie können wir zueinander finden, wenn wir mit so vielfältigen politischen, kulturellen und religiösen Ansichten auf unser Land schauen? Wie können wir die Herausforderungen gemeinsam angehen, ohne dass Einzelne oder ganze Gruppen das Gefühl haben außen vor zu sein und vergessen zu werden?

Eine Geschichte, die der deutsch-iranische Schriftsteller Navid Kermani in einem seiner Bücher erzählt, hilft mir da weiter. Die Geschichte geht so:

Als Scheich Abu Said einmal nach Tus kam, einer Stadt im Nordosten des heutigen Irans, strömten so viele Gläubige in die Moschee, dass kein Platz mehr blieb. Da rief der Platzanweiser in die Menge: „Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.“ Da schloss der Scheich die Versammlung, bevor sie begonnen hatte. Und bevor er sich umwandte und die Stadt verließ, erklärte er: „Alles, was ich sagen wollte und sämtliche Propheten gesagt haben, hat der Platzanweiser bereits gesagt: `Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen.´“ [1]

Mir sagt die Geschichte: Es wird miteinander nur gelingen, wenn alle sich bewegen. Da braucht es nicht gleich die ganz großen Schritte, doch kleine Schritte sind für den Weg zueinander unentbehrlich. Und die überfordern niemanden.

Ein zweites: es braucht Vertrauen. Vertrauen, dass die anderen auch einen Schritt tun werden. Denn das Miteinander hängt nicht nur an mir. Geht aber auch nicht ohne mich.

Konkret kann das heißen, dass ich mir in einer Diskussion oder bei einem Streit bewusst mehr Zeit nehme, um zuzuhören und um zu verstehen, was dem anderen wichtig ist. Und wenn mein Chef oder Politiker Entscheidungen treffen, die Nachteile für mich bedeuten, muss ich ihnen nicht sofort unterstellen, dass sie es böse mit mir meinen. Vielleicht ist die Entscheidung mit Blick auf das Ganze notwendig.

Ich bin überzeugt: wenn wir einander nicht aus dem Blick verlieren und alle bereit sind, einen Schritt aufeinander zuzugehen, dann ist Einheit bei aller Vielfalt möglich.

 

[1] Navid Kermani: Jeder soll von da, wo er ist, einen Schritt näher kommen. Fragen nach Gott

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36278