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Morgen ist wieder Sonntag, Ruhetag: Fast alle Geschäfte dicht. Für die meisten von uns arbeitsfrei. Was würde eigentlich passieren, wenn es den gesetzlichen Sonntagsschutz eines Tages nicht mehr geben würde?
Darüber wird immer wieder diskutiert. Jetzt gerade auch wieder: Ob Geschäfte nicht auch sonntags regelmäßig offen sein sollten. Veranstaltungen – z.B. von Vereinen - könnten schon am frühen Sonntagmorgen beginnen. Im Moment dürfen sie das eigentlich erst ab 11 Uhr – damit sie dem Sonntagsgottesdienst keine Konkurrenz machen.
Man könnte argumentieren: Das wäre nur konsequent. Denn heute geht nur noch eine Minderheit regelmäßig in den Gottesdienst. Außerdem gibt es inzwischen auch ein großes Gottesdienstangebot zu anderen Zeiten als sonntags um zehn.
Das stimmt. Und trotzdem wäre ich vorsichtig, den gesetzlichen Sonntagsschutz in Frage zu stellen. Es geht um ein paar Stunden „geschützter Zeit“ – geschützt vor dem üblichen Trubel der anderen Tage. Geschützt vor Verpflichtungen, Terminen. Geschützte Zeit, in der sich deshalb noch ganz andere Dinge entfalten können, und eben nicht einfach „nur“ der Sonntagsgottesdienst.
Familienzeit zum Beispiel. Oft ist es der Sonntagvormittag, an dem einmal alle gemeinsam frühstücken können. Die Kinder müssen nicht zur Schule. Oder es ist die Gelegenheit, sich mit Freunden zu treffen. Der Terminkalender ist für ein paar Stunden leer.
Ich frage mich: Bliebe das eigentlich so, wenn der Sonntag seinen besonderen Schutz verlieren würde? Vielleicht schon. Vielleicht aber auch nicht.
Solange der Sonntag anders ist als die übrigen Tage, planen wir auch anders. Wenn er zu einem ganz normalen Werktag wird, verändert sich vielleicht nach und nach auch unser Leben. Nicht von heute auf morgen. Sondern ganz langsam.
Die Bibel erzählt, dass Gott den siebten Tag einer Woche segnet und heiligt. Das bedeutet meiner Meinung nach auch: Dieser Tag soll anders sein. Einge Grenze für den Alltag. Und ich denke: Vielleicht brauchen wir gerade heute so einen geschützten Raum. Ein paar geschützte Stunden – für alle gleichzeitig. Zeiten, die uns miteinander verbinden und die ich nicht erst individuell aushandeln muss.
Wie die Diskussion ausgehen wird – wer weiß. Und mir ist schon klar, dass es auch gute Argumente gegen den aktuellen Sonntagsschutz gibt: Bessere Bedingungen für den Einzelhandel zum Beispiel – im Konkurrenzkampf gegen den Online-Handel. Aber ob das wirklich funktionieren wird?
Ich hoffe einfach, dass mit dem geschützten Sonntag nicht langsam, still und heimlich etwas verschwindet, das uns eigentlich gut tut. Bis wir irgendwann merken, dass uns etwas fehlt. Vielleicht gehört der gemeinsam geschützte Sonntag zu den Dingen, deren Wert wir erst erkennen würden, wenn es sie nicht mehr gäbe.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45026Morgens – wenn es draußen hell wird - da dauert es manchmal einen Moment, bis ich wirklich wach bin. Erst langsam, noch im Halbschlaf erinnere ich mich dann, was mich am Abend vorher noch beschäftigt oder sogar geplagt hat. Ich schaue aus dem Fenster. Manchmal scheint die Sonne. Manchmal ist der Himmel grau. Und eines ist jeden Morgen gleich: Ein neuer Tag liegt vor mir. Und ich weiß nicht, was er bringen wird.
Morgens aufzuwachen ist für mich ein wenig, wie an einer Grenze zu stehen: Ich habe Gepäck dabei, das ich nicht einfach so ablegen kann. Und wenn ich dann losgehe, dann hinein ins Ungewisse.
In einem alten Kirchenlied des Dichters Paul Gerhard, in dem geht es auch um den Start in einen neuen Morgen. Allerdings: Paul Gerhard startet anscheinend ganz unbeschwert – ohne ein Sorgenpäckchen vom Vortag auf den Schultern, wenn er dichtet:
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht.“
Klingt nach einem unbeschwerten Sommermorgen. Aber das täuscht, denn Paul Gerhard hat vor gut 400 Jahren gelebt – zur Zeit des 30jährigen Krieges. Er hat mehrere seiner Kinder verloren, und die Sorgen und Nöte, die ihn abends geplagt haben müssen, die kann ich mir nicht mal ansatzweise vorstellen. Und trotzdem startet er ganz anders in den Tag, als mir das gelingt – nämlich zuversichtlich und – dankbar!
Dankbar, dass er einen neuen Tag geschenkt bekommt. Dankbar, dass es wieder hell wird. Und zuversichtlich, dass Gott an seiner Seite ist – egal, was der Tag auch bringen wird.
Für diese Haltung bewundere ich Paul Gerhard. Genau wie ich und wie jeder andere stößt er an seine menschlichen Grenzen. Und dann singt er gegen sie an. Weil Gott es ist, der es Morgen werden lässt – und nicht er selbst. Weil es in Gottes Hand liegt, was alles geschehen wird – und nicht einfach nur in seiner eigenen. Und weil Gott in jedem Falle da ist, an seiner Seite und auch an meiner.
„Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder die lagen darnieder. Aber nun steh‘ ich, bin munter und fröhlich. Schaue den Himmel mit meinem Gesicht.“
Also auf, morgens, wenn es hell wird: Aufstehen, mich aufrichten – und dann hinein in den neuen Tag, mit freiem Blick in Richtung Himmel.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45025In den letzten Jahrzehnten hat sich bei uns unglaublich viel verändert, finde ich. Was für Möglichkeiten wir heute haben! Wie viel neue Freiheiten! Beim Reisen, bei der Berufswahl oder wie wir überhaupt leben wollen. Das Leben ist dadurch viel bunter geworden – in Sachen Sexualität zum Beispiel – und auch die Vielfalt an verschiedenen Meinungen: einfach bunt!
Und bunt ist gut! Auf jeden Fall besser als grau. Und viel besser, als wenn Menschen sich weiter verstecken müssten, weil sie eben anders leben, als die große Mehrheit.
Bunt IST gut. Allerdings - mir scheint, die neuen Freiheiten haben auch ihre Schattenseiten. Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass viele Leute die Konventionen und gesellschaftlichen Regeln von früher auch vermissen. Ohne sie zu leben ist eben auch nicht so einfach. Und ich vermute, das ist auch der Grund, warum wieder mehr Menschen so ablehnend reagieren auf „bunt“.
Freiheit allein trägt eine Gesellschaft eben nicht. Dafür braucht es eben doch auch gemeinsame Regeln und Konventionen: eine Art Geländer, das die eigene Freiheit eben doch auch ein Stück weit einengt. Ganz ohne würden irgendwann alle nur kunterbunt durcheinanderlaufen. Oder es entstehen immer mehr kleine Gruppen, die statt eines Geländers gleich eine ganze Mauer hochziehen – um sich abzugrenzen.
In der Bibel beschreibt der Apostel Paulus die Gemeinschaft der Christen mit einem eindrücklichen Bild. Und dieses Bild finde ich genial: Er vergleicht die Gemeinde mit einem Körper, einem menschlichen Leib: Kein Körperteil gleicht dem anderen. Gerade die Verschiedenheit macht den Leib lebendig. Aber jedes Glied weiß auch, dass es zu einem Ganzen gehört. Das Auge ist nicht die Hand, und die Hand ist nicht der Fuß. Jeder hat seinen Platz, gerade weil alle aufeinander bezogen sind. Weil alle in Jesus Christus zusammengehören.
Ich finde das Bild genial. Weil es zeigt: Eine bunte und vielfältige Gemeinschaft braucht etwas, das sie zusammenhält. Sonst wird aus Freiheit Beliebigkeit.
Ich denke, dass gilt auch für unsere Gesellschaft ganz im Allgemeinen. Und deshalb hilft es wohl nichts: Wir brauchen Strukturen, die einfach selbstverständlich sind. Und jede Generation wird wohl immer wieder neu fragen müssen: Wo verläuft die Grenze? Welche Konventionen schützen das Zusammenleben? Und welche engen Menschen unnötig ein? Denn eine Antwort, die immer und für alle Zeiten gilt, die wird es wohl niemals geben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45024„Die Wurzel allen Übels ist die Liebe zum Geld“(1.Timotheus 6, 10) – steht in der Bibel im ersten Timotheus-Brief. Warum fällt mir da sofort – Gianni Infantino, der Präsident des Weltfußballverbandes ein?
Nun ja, weil das vor zwei Wochen ein ziemlich großes Thema in den Sport-Nachrichten gewesen ist. Infantino und der Weltfußballverband hatten Pläne, zukünftige Fußball-Weltmeisterschaften teilweise an private Investoren zu verkaufen. Heißt: Der Rubel sollte rollen – in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß. Denn wer sich privat ein Stück Weltmeisterschaft kauft, will damit natürlich Geld verdienen.
Gegens Geldverdienen ist erst einmal nichts einzuwenden. Auch die Bibel hat übrigens überhaupt nichts dagegen. Aber! Die Frage muss erlaubt sein: Verdiene ich Geld, um zu leben und mir auch etwa leisten zu können – oder lebe ich, um Geld zu verdienen? Nimmt der Weltfußballverband Geld ein, damit eine Weltmeisterschaft stattfinden kann – oder findet die Weltmeisterschaft nur noch zum Geldverdienen statt?
Gianni Infantinos Pläne sind gescheitert. Es wird keine privaten Investoren geben – jedenfalls erst mal nicht. Ich halte das für richtig, obwohl ich gar kein großer Fußball-Fan bin. Weil das Beispiel zeigt: Geldgier ist wirklich gefährlich und kann großen Schaden anrichten. Fußball soll Spaß machen – und Geld macht das möglich. Wehe, das verkehrt sich ins Gegenteil: Wehe, Geld verdienen macht Spaß – und dafür muss der Fußball herhalten… Was bleibt dann noch übrig? Was wird aus den Fans? Die fiebern doch mit einer Mannschaft mit – und nicht mit dem Konto-Stand des Fußballverbandes. Oder die kleinen Fans? Kinder, die davon träumen, auch mal ein berühmter Spieler oder eine Spielerin zu werden? Wird ihr Idol dann immer noch der beste Spieler auf dem Platz sein? Oder doch der mit der höchsten Ablösesumme?
„Die Wurzel allen Übels ist die Liebe zum Geld“ – heißt es im Timotheusbrief der Bibel. Und er begründet das so: „die, die reich werden wollen, geraten in Versuchung und in die Schlingen vieler törichter und schädlicher Begierden, die die Menschen ins Verderben und in den Untergang stürzen.“ (1.Timotheus 6, 9)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45023Seit ein paar Monaten habe ich wieder einen Hund an meiner Seite. Genauer gesagt eine Hündin: Rosinchen heißt sie. Und natürlich lese ich alle Tipps zu Hundeerziehung und -gesundheit, die Facebook mir so zuspielt. Man will ja schließlich alles richtig machen. Und – ich staune:
„Würden Sie wollen, dass Ihr Hund mit Ihnen Kommandos trainiert? Wohl nicht – warum machen Sie das dann mit Ihrem Hund?“ so was steht da nicht nur einmal. „Ihr Hund muss nicht 100prozentig gehorchen. Er ist ihr Freund – und ihre Freunde würden Sie doch auch nicht dressieren…“
Das ist ein Trend, ein Haustier ein Stück weit zu vermenschlichen, ist ja nicht neu. Aber mir scheint er gerade noch stärker zu werden: Mein Hund – der Freund, das Familienmitglied, sogar besser als ein Partner oder menschlicher Freund.
Und in der Tat: Menschliche Beziehungen sind kompliziert. „Da ist mir jemand durchaus sympathisch, aber ist er vielleicht Veganer? Ich esse Fleisch… werden wir überhaupt miteinander auskommen?“ – „Die neue Nachbarin nimmt für die Kurzstecke nach Berlin das Flugzeug? Wie kann sie nur? Dafür hat sie mich schief angeschaut, weil ich was beim chinesischen Online-Händler Temu bestellt habe – unmöglich findet sie so was.“
Nein, es ist nicht einfach, heutzutage – mit echten, menschlichen Freundschaften oder Beziehungen. Hunde dagegen – oder auch Katzen, vielleicht auch das eigene Pferd oder die Zwergziegen im Vorgarten – sind „Engel ohne Flügel. Voller bedingungsloser Liebe…“
Aber das sind sie nicht. Es sind Tiere, und sollten es auch bleiben dürfen. Ich finde die biblische Erzählung deshalb auch sehr klug, die erzählt, wie Gott alle Lebewesen erschaffen hat. Zuerst macht er Adam, den ersten Mann. Und dann alle Tiere, damit der Mensch nicht allein ist. Aber keines der Tiere passt so recht zu Adam. Da nimmt Gott eine Rippe von Adam und macht daraus Eva, die erste Frau. Und die beiden passen. Sie entsprechen einander, wie die Bibel sagt. Denn sie haben das gleiche Wesen.
Zugegeben: zum menschlichen Wesen gehören auch Eifersucht, Missverständnisse und Eitelkeiten. Die Bibel erzählt, dass Adam und Eva das Paradies verlassen müssen. Und bis heute ist unser Zusammenleben alles andere als konfliktfrei oder einfach. Aber deshalb aufgeben? Lieber ein Haustier vermenschlichen oder gleich nur noch mit einem virtuellen Gegenüber „sprechen“? Das ist keine Lösung, finde ich. Das macht nur – einsam.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45022In der Bibel in seiner Bergpredigt sagt Jesus einmal: „Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ Und er meint damit: Wenn ihr etwas sagt – eure Meinung zu etwas oder was ihr vorhabt - dann bitte gerade heraus. Sagt einfach unmissverständlich, was ihr meint - ohne Drumherum, viele Extra-Beteuerungen oder verschleiert durch irgendwelche Nebelkerzen.
Ob Jesus das auch gesagt hätte, wenn er so etwas wie Facebook und Instagram gekannt hätte? Ich denke, nein! – obwohl viele Leute auf Social Media-Platformen genau das machen: ungefiltert raushauen, was Sache ist – die eigene Meinung allen anderen klar und unmissverständlich um die Ohren gehauen... Ja, um die Ohren gehauen… Aber eben nicht: dem anderen ins Gesicht gesagt. Live! Ohne Puffer oder eine Art von virtuellem Abstandshalter.
Eine frühere Nachbarin von mir zum Beispiel: Wir hatten immer ein gutes Verhältnis; sie ist nett; war immer für einen Plausch zu haben, hat im Urlaub meine Blumen gegossen. Jetzt, auf Insta, begegne ich einer scheinbar völlig anderen Person: Ohne Puffer und mit voller Wucht haut sie die unmöglichsten Posts raus: politischen Mist und blanken Populismus . Ich bin mittlerweile soweit, dass ich ihr aus dem Weg gehe, wenn ich sie zufällig auf der Straße sehe – einfach weil ich unsicher bin, was ich sagen soll. Hätte ich vorher nichts von ihr gelesen, wir könnten uns wahrscheinlich ganz normal und auf Augenhöhe begegnen und wahrscheinlich sogar diskutieren. Aber so? So stehen wir von Vornherein auf unterschiedlichen Seiten. Dabei hätte sie das, was sie auf Insta schreibt, mir so nie ins Gesicht gesagt.
„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein.“ sagt Jesus – steht bitte direkt zu dem, was ihr sagt, und sorgt nicht für irgendwelchen Sicherheitsabstand. Damals hat er gemeint: sich nicht hinter Schwüren verstecken oder hinter schwammigen Formulierungen. Virtuelle Räume aber verführen geradezu dazu, Abstand zu halten: die eigene Meinung anderen um die Ohren zu hauen – ohne diese Menschen wirklich zu sehen.
Ich frage mich tatsächlich immer öfter, ob ich nicht aussteigen sollte, aus Facebook und Instagram. Entschieden habe ich mich noch nicht. Die Posts meiner früheren Nachbarin schaue ich aber nicht mehr an. Denn sie ist nett. Und ich möchte ihr weiter im echten Leben begegnen – ohne virtuellen Abstand.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=45021Viele Hirnforscher sagen, dass man besser nachdenken kann, während man sich bewegt. Ich finde, da ist was dran. Wenn ich gut nachdenken muss, dann gehe ich gerne auf und ab.
Der Heilige Dominikus hat das auch so gemacht. Und weil´s mit dem Beten ähnlich wie mit dem Nachdenken ist, hat er beim Beten gerne seinen Körper eingesetzt, dass es nicht so verkopft zugeht. In einem Büchlein aus dem Jahr 1280 ist das alles aufgeschrieben und gezeichnet worden. Es heißt „Wie Dominikus mit dem Körper gebetet hat“.
Ich habe mir die Bilder mal genau angeschaut und es gleich ausprobiert. Das erste Bildchen zeigt Dominikus, wie er sich tief verneigt. Also stelle ich mich gerade hin und beuge den Oberkörper weit nach unten. Wenn ich so gekrümmt da stehe, und es zwickt im Kreuz und im Bauch, da spüre ich auf einmal die Sehnsucht mich einfach fallen zu lassen. Vielleicht ist das sogar die Sehnsucht meines Lebens: mich fallen lassen können, allen Druck von mir nehmen. Und sicher sein, dass mich jemand auffängt, dass es ein starker Arm schon irgendwie regeln wird.
Auf dem nächsten Bildchen liegt Dominikus flach ausgestreckt mit dem Kopf zum Boden. Von der vorigen Übung bin ich sowieso schon fast unten. Immer wenn ich das mache, könnte ich fast ein bisschen wegdösen, wenn es da unten nicht so hart wäre. Hart ist es für viele. Mir gehen die durch den Kopf, die immer so schlafen müssen. Die, die ganz unten sind, auf denen herumgetrampelt wird. Ich weiß, dass ich kaum was daran ändern kann, aber beten kann ich für sie.
Auf einem weiteren Bild steht Dominikus wieder aufrecht und bildet mit seinen Handflächen eine Schale. Auch ich stehe jetzt da mit dieser Geste und bin offen und neugierig dafür, was mir von oben zufällt. Manchmal empfange ich kleine Glücksmomente. Aber es gibt auch Schweres, was mich trifft. Die Schale ist ein Zeichen dafür, dass ich offen dafür bin. Dankbar für das Leichte und verantwortungsvoll mit dem Schweren.
Die letzte Gebetshaltung für heute Morgen ist die unauffälligste. Sie heißt „vor Gott sitzen und schweigen“. Körperlich kein Problem, aber für den Geist äußerst knifflig: ruhig werden und an rein gar nichts denken. Was man da alles hört!
Das war die kleine Gebetsgymnastik mit Dominikus. Ich fühle mich danach auf jeden Fall gut verbunden mit mir, mit der Welt und mit Gott.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44928Beim Aufräumen sind mir meine alten Märchen-Schallplatten in die Finger geraten, unter anderem die Abenteuer mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. In Gedanken bin ich plötzlich wieder im Wohnzimmer meiner Eltern vor dem Plattenspieler gesessen. Ich hatte sogar wieder das typische Plattenknistern im Ohr und den Geruch des antistatischen Tüchleins in der Nase.
Als Kind hatte ich immer Angst vor dem „Scheinriesen Herr Tur Tur“. Der hatte so eine gruselige hohe Fistelstimme. Der kleine Jim Knopf hat auch erstmal Angst vor ihm als er ihn von weitem sieht. Herr Tur Tur ist riesengroß und füllt fast den ganzen Horizont aus. Sein Kopf überragt sogar die Berge. Doch dann geschieht etwas Seltsames: Je näher Herr Tur Tur kommt, desto kleiner wird er. Mit jedem Schritt verliert er an Größe. Und als er bei Jim Knopf angekommen ist, ist er alles andere als ein Riese: er ist ziemlich schmächtig, hat ein ganz freundliches Wesen und wirkt fast ein bisschen hilflos. Deshalb heißt er wohl auch „Scheinriese“.
Scheinriesen, die kenne ich auch von woanders her: Probleme, die sich vor mir auftürmen und unüberwindbar scheinen. Zum Beispiel wenn sich Familienmitglieder plötzlich nur noch streiten oder wenn ich jemandem etwas Unangenehmes sagen muss. Ich quäle mich manchmal nächtelang damit, wie ich das anpacken soll.
Ich habe aber auch schon erlebt, dass es sich mit solchen Problemen ähnlich wie mit Herrn Tur Tur verhalten kann: Von weitem betrachtet scheinen sie riesengroß zu sein. Laufe ich weg vor ihnen, werden sie sogar noch größer. Aber stelle ich mich der Situation, betrachte ich das Problem genauer, beschäftige ich mich damit, dann kann es sein, dass es seinen Schrecken verliert. Meistens ist es gut, einen Schritt nach dem anderen zu gehen, und kleine Schritte zu machen. Der erste Schritt ist immer der, der am meisten Energie kostet. Das Problem verschwindet nicht unbedingt, aber manchmal schrumpft es auf ein Maß, wo ich mich traue, es endlich anzupacken.
Wenn es besonders gut läuft, kann es sogar so gehen wie bei Jim Knopf. Herr Tur Tur, der Scheinriese, zeigt dem kleinen Jim den Weg aus der Wüste. Das Problem verliert beim genauen Hinsehen seinen Schrecken und öffnet sogar noch eine Tür für die Zukunft.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44927Vor gut 200 Jahren hat die Katholische Kirche zähneknirschend anerkannt, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht andersrum. Die Kirche hatte bis dahin angenommen, es könne gar nicht anders sein, als dass sich alles um den Menschen und die Erde drehe, also um die „Krone der Schöpfung“. Dabei hatte der Gelehrte Kopernikus schon im 16. Jahrhundert erkannt und beschrieben, dass die Sonne der Mittelpunkt unseres Systems ist.
Aber nicht nur die Katholiken, sondern auch die Protestanten fanden die neue Idee von Kopernikus anfangs seltsam. Martin Luther hat sich gewundert: „Ein neuer Astrologe möchte beweisen, dass die Erde sich anstelle des Himmels bewegt. Als ob jemand in einem fahrenden Wagen denken könnte, dass er stehen bleibt.“
Auch für viele weltliche Gelehrte war die Theorie von Kopernikus einfach nicht denkbar. In Experimenten ließen sie von hohen Türmen Steinbrocken fallen. Wenn die Erde in Bewegung sei, dann müssten die Steine ja schräg nach unten fallen und nicht genau senkrecht unter dem Turm aufschlagen.
Inzwischen zweifelt zwar niemand mehr daran, dass sich in unserem Sonnensystem alles um die Sonne dreht. Aber trotzdem verhalten sich viele noch so, als drehe sich alles um sie selbst. Wie viele Menschen oder auch Staaten sehen sich selbst als Mittelpunkt der Welt. Sie treffen egoistische Entscheidungen ohne die Nachbarn mit einzubeziehen. Gerade beim Klimaschutz oder in der Wirtschaftspolitik wird das deutlich. Ich denke aber auch an Vereine, die vor lauter Gerangel im Vorstand vergessen, wozu sie eigentlich angetreten sind. Oder Menschen, die nur um sich und ihre kleine Welt kreisen, oder die immer im Mittelpunkt stehen möchten.
Insofern ist das doch ein schönes Bild: Es dreht sich eben nicht alles um uns, sondern wir sind Teil eines größeren Systems. Und das könnte zu weiteren Einsichten und Fragen führen: Ich bin nicht allein mit meinen Problemen. Wie packen die anderen das an? Oder kann ich mit meiner Lösung vielleicht sogar ein Beispiel geben für andere? Auf jeden Fall wirken sich mein Tun und meine Haltung auch auf viele andere aus.
Dass die Erde um die Sonne kreist, kann mich aber vor allem daran erinnern, dass ich mich selbst nicht so wichtig nehme. Und dass ich mich in etwas Größerem geborgen weiß.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44926Ein Werbegrafiker hat mal zu mir gesagt: „Die Christen haben ein beneidenswert gutes Logo.“ Ich hab ihn fragend angeguckt, und er hat geantwortet: „Ja klar, das Kreuz. Kann man super wiedererkennen, ist schnell und einfach mit zwei Strichen gezeichnet, und es steckt dazu noch voller Inhalt. Außerdem ein Symbol, mit dem man Zustimmung signalisiert. Jeder, der sich mit etwas einverstanden erklärt, muss ein Kreuzchen machen.“
Stimmt, so habe ich das noch nie gesehen. Das Kreuz als ein „ja“, einfach gemalt, hoher Wiedererkennungswert und voller Geschichten, die dahinter stecken.
Es ist schon erstaunlich, dass es das Kreuzzeichen zum Hauptsymbol des Christentums gebracht hat, denn eigentlich hat es ja einen grausamen Ursprung. Die Römer haben mit dem Kreuz viele ihrer Gefangenen gefoltert und hingerichtet. Einer davon war Jesus. Aber ganz eng mit seinem Tod ist eben auch die Auferstehung verbunden - ohne Sterben kein Auferstehen. Deshalb hat das Kreuzzeichen für mich weniger einen grausamen, sondern eher einen hoffnungsvollen Charakter.
Der Werbegrafiker hatte schon recht: zwei Striche, und ein Kreuz ist gemalt. Und genau diese beiden Striche, der eine von oben nach unten, der andere von rechts nach links, die zeigen so schön die beiden Dimensionen, die dahinter stecken. Der Längsstrich könnte bedeuten, dass es eine Verbindung zwischen Gott und den Menschen und auch andersrum gibt: Ich bete zu ihm, er begleitet mich. Ich verehre ihn, er hat sich klein gemacht und ist in Jesus Mensch geworden. Das ist die spirituelle Dimension des Christentums – der Längsstrich.
Und dann die Querrichtung. Sie weist darauf hin, dass wir Menschen untereinander gut in Kontakt bleiben und einander unterstützen sollen. Dass wir zusammen feiern, uns gemeinsam freuen können, uns helfen, miteinander reden, etwas auf die Beine stellen können. Für mich die fürsorgliche und gemeinschaftliche Dimension meiner Religion.
Die beiden super berühmten Striche - Längsbalken und Querbalken - sie weisen also auf die beiden Grundpfeiler des Christentums hin: Mit Gott und mit den Menschen in Kontakt bleiben. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal ein Kreuz oder ein Kreuzchen machen.
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