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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

17AUG2022
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Vor einiger Zeit bin ich zufällig auf eine ganz besondere Ebay-Auktion gestoßen. Ein „Space Patrol Car“, ein altes 17 Zentimeter langes Fantasieauto für Patrouillen im Weltraum, wurde versteigert und fand schließlich für sage und schreibe 7.350 Dollar einen neuen Besitzer. Ich fand das Fahrzeug ehrlich gesagt keineswegs besonders schön. Außerdem hatte es deutlich erkennbare Gebrauchsspuren.

Wahnsinn, dachte ich. So viel Geld für ein altes Spielzeugauto. Sicher ein Liebhaberpreis. So etwas wird sich nur ein echter Liebhaber kaufen, jemand, der in diesem Auto viel mehr sieht als ich.

Liebhaberpreis. Bei diesem Stichwort blieben meine Gedanken hängen. Ist das nicht auch der Schlüssel, um Gottes Liebe zu uns Menschen zu verstehen? Es liegt nicht an mir und meinem Wert. Es liegt an Gott. Er sieht in mir etwas Wertvolles und Schönes, das ich womöglich gar nicht wahrnehme. Ihn interessieren nicht die Gebrauchsspuren und Schrammen, die mich beschäftigen, weil sie die schöne Fassade meines Lebens beeinträchtigen. Gott sieht in mir vor allem seine eigenen Spuren. Schließlich sind wir seine Geschöpfe. Und deshalb bezahlt er für uns einen Liebhaberpreis. Das sagt die Bibel jedenfalls: So sehr liebt Gott diese Welt, dass er für ihre Erlösung einen Liebhaberpreis zahlt und seinen einzigen Sohn in die Welt schickt und für die Schuld der Menschen sterben lässt (nach Johannes 3,16).

Haben sie schon mal bei einer Margerite die einzelnen Blütenblätter abgerupft: Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Ich bin unsicher. Werde ich wirklich geliebt? Ist es wirklich Liebe, was mein Gegenüber mir entgegenbringt? Kann der andere mich überhaupt lieben? Bin ich es wert, geliebt zu werden. Solche Fragen sind keineswegs nur auf die Liebe zwischen Menschen beschränkt. Viele können sich nicht vorstellen, dass Gott sie lieben könnte, wo er doch allwissend ist. Sie gehen ihm deshalb lieber aus dem Weg, oder versuchen, es ihm irgendwie recht zu machen, ein guter Mensch zu sein, Geld zu spenden, sich zu engagieren.

Solange wir auf uns selbst schauen, kommen wir aus der Spirale des Zweifels nie heraus. Aber wenn wir uns den Liebhaberpreis anschauen, den Gott für uns hingelegt hat, dann wird klar: Er liebt mich tatsächlich. Ich bin liebenswert!

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16AUG2022
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Ich kenne einen schmalen verwunschen Weg entlang an einem kleinen Bach. Auf der anderen Seite des Bachs steigt die Landschaft sofort steil an, und nur mit großer Mühe kann man dort hinaufklettern. Geht man diesen Weg, kommt man nach einiger Zeit – tief im Innern des Waldes – an eine kleine, verwitterte Brücke, die den Bach überquert. Das Erstaunliche ist: die Brücke endet im Nichts. Oder richtiger: Sie stößt im rechten Winkel auf den Berg – und dort geht es nicht weiter.

Die Brücke hat meine Neugier geweckt, und so bin ich den Hang hinaufgeklettert. Oben angekommen habe ich nicht schlecht gestaunt: der vermeintliche Berg war nichts anderes als ein gewaltiger Damm, den man vor vielen Jahrzehnten für eine inzwischen stillgelegte Eisenbahnstrecke aufgeschüttet hatte. Heute ist er von Bäumen bewachsen und von Sträuchern überwuchert. Mit Abstand betrachtet könnte man meinen, er sei schon immer ein natürlicher Bestandteil der Landschaft gewesen. Aber das stimmt nicht.

Ich stelle mir die Zeit vor dem Bau der Eisenbahnstrecke vor. Es muss hier früher ganz anders ausgesehen haben als heute. Jenseits des Walls gibt es Felder und Weiden. Die Landschaft muss weit und hell gewesen sein. Vermutlich sind die Bauern mit ihren Pferdefuhrwerken über diese Brücke auf ihre Felder gefahren. Ja, so muss es gewesen sein. Sonst macht eine Brücke an dieser Stelle überhaupt keinen Sinn.

Dieser Ort ist für mich zu einem Symbol geworden. Er macht mir deutlich: auch mein Leben hört nicht einfach an den Wällen auf, die mir den Blick versperren. Ich glaube nicht, dass Essen, Schlafen, Arbeiten, Erfolg haben, Feiern, Leiden und Sterben alles sind.

Für mich ist Jesus Christus so eine Brücke über den Bach, die zum Fragen und Nachforschen animiert. -“Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6)“, hat Jesus gesagt. Der Weg zu Gott, der Weg ins Weite. Die Worte von Jesus klingen mystisch und rätselhaft, aber inzwischen kann ich damit durchaus etwas anfangen:  Es tut mir gut, in Gottes Nähe zu sein, ihn als meinen „Vater“ anreden zu können. Ich freue mich, dass ihn mein ach so durchschnittliches Leben interessiert. Ich weiß: er kann mich gebrauchen in dieser Welt. Wenn ich mich von ihm prägen lasse, kann ich etwas von seinem Wesen widerspiegeln. Gott hat etwas mit mir vor. – Ein echt gutes Gefühl! Für mich vergleichbar mit dem Blick vom Bahndamm in die weite Landschaft.

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15AUG2022
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Vor einiger Zeit waren wir mit unseren Enkeln im Karlsruher Zoo. Besonders das Dickhäuterhaus mit den Flusspferden, Elefanten und Flamingos beeindruckte die Kinder sehr. „Und das alles hat Gott gemacht!“, rief der Dreijährige mit lauter Stimme durch die Halle. „Die Nilpferde hat Gott gemacht. Die Elefanten hat Gott gemacht. Die Vögel hat Gott gemacht, und die Brücke hat Gott gemacht.“ „Nein“, unterbrach seine ältere Schwester die Begeisterung. „Die Brücke haben Menschen gemacht. Aber Gott hat gemacht, dass die Menschen Brücken bauen können!“ – Ganz schön viel Theologie mitten im Zoo. Alle konnten hören, wie selbstverständlich die beiden Gott hinter der Schöpfung sehen und wie beeindruckt sie von seinen Geschöpfen sind. Zugegeben, dass sie so denken, liegt auch daran, dass ihre Eltern und wir ihnen davon erzählt hatten.

Auf den ersten Seiten der Bibel wird berichtet, dass Gott sprach, und sich die Schöpfung daraufhin entfaltete. „Am Anfang war das Wort“, heißt es im Johannes-Evangelium (Joh 1,1). Natürlich war das Wort des Schöpfers mehr als Sprache und Klang. Es war ein unendlich kraftvoller Impuls, der von Gott ausging. Das ganze Potenzial Gottes, aber auch sein Wesen, seine Liebe, seine Pläne und seine Kreativität steckten in diesem Wort. Bis heute wird darüber gestritten, wie man sich den Beginn der Welt vorstellen soll. Ich kann mit den Aussagen der Bibel viel anfangen. Ich bin überzeugt, unsere gesamte Existenz verdanken wir tatsächlich einem Impuls, der von Gott ausging. Mir ist klar, das wird nicht jeder so sehen. Und beweisen kann ich auch nicht, dass diese Welt durch Gott entstanden ist.

Ist das denn überhaupt von Bedeutung? Ich denke, dass es wichtig ist, zu wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Die Bibel macht immer wieder deutlich: Gott ist kein abstraktes Prinzip, sondern er hat Absichten und Wünsche. Es gibt die Welt, weil Gott eine Welt haben wollte. Und es gibt uns Menschen, weil Gott Menschen wollte – als sein Gegenüber. Ich bin gewollt und kein Produkt des Zufalls. Es gibt mich, weil ich einen Vater im Himmel habe, der mich kennt, der mich sieht und der möchte, dass ich lebe.

Für mich ist das eine Grundaussage des christlichen Glaubens, eine Art biblischer Standard von der ersten bis zur letzten Seite. Das wissen jetzt schon unsere Enkelkinder. Und ich wünsche ihnen, dass sie es ihr Leben lang nicht vergessen.

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