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SWR1 3vor8

11SEP2022
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„Welche Menschen stehen Ihnen am nächsten?“ Mit verschiedenen Leuten habe ich schon über diese Frage nachgedacht. Die Antworten lassen sich im Prinzip in einem Begriffspaar zusammenfassen: Es sind Familie und Freunde. Menschen, die das eigene Leben begleitet haben, die einen geprägt haben und da gewesen sind. Eigentlich sind es immer die Personen, die mit uns sowieso eng verbunden sind, selbst dann, wenn die familiären Beziehungen komplizierte sind.  

Nur Jesus hat auf die Frage eine ganz andere Antwort gegeben. Auch von ihm wollte nämlich einmal einer wissen: „Wer ist eigentlich mein Nächster?“ Jesus hat darauf nicht mit einem Begriffspaar, sondern mit einer Geschichte geantwortet, dem berühmten Gleichnis vom barmherzigen Samariter. In der Geschichte wird ein Mann überfallen und bleibt ausgeraubt und schwer verletzt auf der Straße liegen. Erst geht ein Priester achtlos an ihm vorbei, und kurz darauf ein anderer religiöser Funktionär. Zwei, von denen man schon von Berufs wegen erwartet, dass sie hier stante pede erste Hilfe leisten. Aber erst ein Samariter, der nicht dem religiösen Mainstream seiner Zeit angehört, nimmt sich des Verletzten an, verbindet seine Wunden und bringt ihn in eine Herberge, wo er weiter versorgt werden kann. Sonnenklar, dass er der Held dieser Geschichte ist. Trotzdem hakt Jesus noch einmal bei dem Fragesteller nach: „Was meinst du, wer von den dreien ist denn nun dem Überfallenen zum Nächsten geworden?“ Und die Antwort kommt prompt: „Na der, der die Barmherzigkeit an ihm getan hat.“

Das Gleichnis zeigt: Nächste habe ich nicht, wie ich Onkel und Tanten und Nachbarn und Kolleginnen habe. Aber ich kann für andere zu einer Nächsten werden, indem ich das Naheliegende tue. So wie im Gleichnis könnte das ein Mensch sein, den der liebe Gott mir buchstäblich vor die Füße legt, einer, über den ich stolpere. Wenn ich Nächstenliebe übe und mich auf ihn und seine Bedürfnisse einlasse, werde ich wahrscheinlich zu spät zu meinem nächsten Termin kommen und viel Zeit investieren müssen. Denn nicht mit einer hastig hin geworfenen Münze ist dem Mann geholfen. Er braucht meine Zuwendung, meine Berührung, eine Nähe, wie ich sie sonst vielleicht nur meinen Kindern und Freundinnen zuteilwerden lasse. Aber in dem Moment, in dem ich mich darauf einlasse, passiert eine wunderbare Verwandlung. Und ich bin gespannt, wer mir als nächstes zum Nächsten wird.

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