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SWR1 3vor8

04SEP2022
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Schaffe ich das? Werde ich den Anforderungen gerecht? Immer wieder hab ich mir diese Fragen gestellt, wenn ich mich auf eine neue Stelle beworben habe. Die Sorge, mir zu viel zuzutrauen, an der neuen Aufgabe zu scheitern. Am Anfang zumindest war die immer da. Was mein Christsein betrifft, habe ich mir solche Fragen dagegen selten gestellt. Schaffe ich das? Werde ich den Ansprüchen eigentlich gerecht, die das Evangelium an mich stellt? Und so bin ich, wie wohl viele Christinnen und Christen, auch immer schnell über den Satz hinweggegangen, der heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird. Der hat es allerdings in sich: Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, ja, wer nicht sein eigenes Leben gering achtet, der kann nicht mein Jünger sein, sagt Jesus da. Ihm nachzufolgen, das soll das Leben bestimmen. Nichts soll wichtiger sein. Und Jesus legt nach. Wer sich etwas Großes vornimmt, der müsse halt prüfen, ob er das auch wirklich schafft. Und wer das nicht hinbekommt, der soll es besser lassen. (vgl. Lk 14,25-33) Ganz oder gar nicht also. Das ist schon heftig! Ein bisschen Christsein gibt‘s nicht.

Wenn ich das als alleinigen Maßstab nehme, dann müsste ich meinen Anspruch, Christ zu sein, wohl begraben. Ich versuche ja, mein Leben am Evangelium auszurichten so gut es geht. Aber so radikal, wie Jesus sich das vorstellt, das klappt einfach nicht. Nun war Jesus sich allerdings auch sicher, dass das Reich Gottes, wie er es nannte, unmittelbar bevorsteht. Dass die oft so brutal-ungerechte Menschenherrschaft bald enden und nur noch Gottes guter Wille gelten wird. Und dass dann auch alles, was uns Menschen so wichtig erscheint, schlicht keine Rolle mehr spielt. Unser Besitz, unsere Jobs, unsere Beziehungen. So, wie von ihm erhofft, ist es nicht gekommen.

Heute, 2000 Jahre später, kommt es mir eher so vor, als ob wir von so einem Reich Gottes weiter entfernt wären denn je. Die Hoffnung aber lebt weiter. Sie klingt in jedem Vater Unser an, wenn Christinnen und Christen beten: „Dein Reich komme.“ Und immer wieder gibt es Menschen, die wirklich alles hinter sich lassen, um den Spuren Jesu zu folgen. Sie sind so etwas wie ein Stachel im Fleisch. Für mich und viele Christinnen und Christen, die das so radikal nicht können und dennoch versuchen, so gut es geht den Geist des Evangeliums zu leben. Und Gottes Reich auf Erden zumindest so ein winziges Stück näher zu kommen.

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