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SWR1 3vor8

21AUG2022
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In katholischen Gottesdiensten ist heute ein Text vorgesehen, den ich am liebsten aus der Bibel streichen würde. Da heißt es: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er schlägt mit der Rute jeden, den er gern hat.“ (Hebr 12, 6)

Ich halte diese Sätze kaum aus. So oft wurden sie in der Geschichte missbraucht, um Gewalt zu rechtfertigen und Macht auszunutzen. Bei der Erziehung von Kindern in Familien und Internaten und leider auch in der Kirche. Einfach nur abscheulich. Gott sei Dank wird es heute in unserer Gesellschaft nicht mehr toleriert, dass Mütter oder Väter ihre Kinder schlagen. Und wie richtig und notwendig, dass sich auch in der Kirche etwas tut. Aber es ist noch zu wenig. Ich bin abwechselnd wütend, fühle mich ohnmächtig und schäme mich für meine Kirche, in der der Missbrauch so schleppend aufgearbeitet wird. Wieso braucht es so lange, schädliche Machtstrukturen aufzubrechen und zu verändern?
Und nun diese Bibelverse. Sie passen einfach nicht zu meinem Gottesbild. Jesus hat Menschen aufgerichtet – nicht klein gemacht. Er stand immer auf der Seite der Kleinen und Schwachen – war keiner von denen, die angstvoll an ihrer Macht kleben.

Was fängt man nun mit dieser Bibelstelle an? Streichen, weil der Inhalt veraltet ist?

Ich weiß es ehrlich gesagt auch nicht und hadere damit. Und es hilft mir auch kaum, wenn ich versuche, den Text aus der Sicht seines Verfassers anzuschauen. Der ist unbekannt, aber die Theologie vermutet, dass es jemand war, der sich mit seinem Brief an eine christliche Gemeinde wendet, die frustriert und hoffnungslos gewesen sein muss. An Menschen, die sich fragen, wo Gott denn ist und warum er nicht hilft. Er möchte sie ermutigen und versucht zu erklären: Wer Leid erfährt, darf sich zwar sicher sein, dass Gott da ist. Doch das, was als hart und schwer erfahren wird, ist eine Phase der Prüfung, die dazu dient, die Menschen in die richtigen Bahnen zu lenken.

Für mich trägt dieser Antwortversuch nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott Leid verursacht und in solch menschlichen Kategorien, wie „bestrafen“ und „belohnen“ zu Hause ist. Auch mir fällt es schwer, die Spannung zwischen einem liebenden Gott einerseits und dem Leid in der Welt andererseits auszuhalten. Doch ich merke, dass sich diese Spannung nicht auflösen lässt. Was mir hilft, ist, dass ich an einen Gott glaube, der mich mit all dem Schweren nicht alleine lässt. Der sogar kräftig mitleidet. Und der mich vielleicht tröstet oder Kraft geben kann.

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