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SWR1 3vor8

07AUG2022
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Eine Frau sagt mir: „Es fehlt nicht mehr viel, und ich trete auch aus.“ Sie meint: aus der Kirche; und sie meint, wie so viele im Moment. Sie hat gute Gründe. Und ich kann ihr nicht viel entgegenhalten. Aber ich will nicht, dass sie das tut. Sie ist eine tolle junge Frau, und sie macht gute Arbeit – in der Kirche.

Szenenwechsel: Beim Einkaufen erzählt mir ein Mann von seiner Mutter. Sie ist über 90, war ihr ganzes Leben lang katholisch, und jetzt, mit einem Mal, beginnt das alles sich aufzulösen. Sie ist tief enttäuscht, weil da nicht mehr viel ist von dem Schönen, das sie mit ihrem Glauben immer verbunden hat.

Das sind zwei Szenen wie sie mir häufig begegnen in letzter Zeit. Und weh daran tut mir eigentlich nur das eine: Ich habe die große Sorge, dass Menschen mit der Kirche auch ihren Glauben über Bord werfen. Um den Glauben ist es mir arg. Den will ich retten. Aus unterschiedlichen Gründen. Weil er mir selbst schon Halt gegeben hat in schweren Zeiten. Weil er mir hilft, großzügiger und weitherziger auf mich und die Welt zu schauen. Weil er andere Prioritäten setzt als Erfolg und Vermögen. Weil mein Glaube meinem Leben ein Fundament gibt. Der Hebräerbrief – heute im katholischen Gottesdienst zu hören – formuliert das so: Glaube aber ist: Grundlage dessen, was man erhofft, ein Zutagetreten von Tatsachen, die man nicht sieht[1]. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne Hoffnung durchs Leben zu gehen. Solange ich hoffe, nehme ich die Welt nicht hin, wie sie ist, sondern strenge mich an, Dinge besser zu machen. Ich finde mich nicht damit ab, dass ich als Teil der Menschheit unsere Erde zerstöre. Ich hoffe, dass dieser schöne blaue Planet noch lange eine Heimat ist für alles, was auf ihm lebt. Und weil ich das hoffe, tue ich etwas dafür: mit Pellets aus nachwachsendem Holz heizen, regionale Produkte kaufen. Ich hoffe, dass der Krieg in der Ukraine bald ein Ende findet. Und mache denen Mut, die von dort vertrieben bei uns eine Heimat gefunden haben. Das alles hat für mich auch mit meinem Glauben zu tun. Indem ich so hoffe, traue ich Gott zu, dass er nicht untergehen lässt, was er erschaffen hat. Meine letzte Hoffnung setze ich auf ihn. Auch dort, wo es über das Irdische hinausgeht. In Richtung auf die bessere Heimat, die himmlische[2], wie es im Hebräerbrief an diesem Sonntag schließlich auch heißt. Das bedeutet es für mich zu glauben. Das wünsche ich mir auch für die junge Frau und die alte Dame. Dass sie das nicht aufgeben müssen.

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[1] Hebräerbrief 11,1
[2] Hebräerbrief 11,16

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