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SWR1 3vor8

10JUL2022
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Heute ist in katholischen Gottesdiensten ein Text zu hören, den hab ich bestimmt schon hunderte Male gehört. Darin heißt es: Du sollst „deinen Nächsten wie dich selbst“ lieben. (Lk 10, 27) Wenn ich das höre, baut sich immer ein bisschen Druck bei mir auf. Da ist ganz schön was von mir gefordert. Doch Liebe lässt sich nicht verordnen oder auf Knopfdruck herstellen. Aber um Liebe kann man werben und sie vorleben. Und deshalb erzählt Jesus den Menschen eine Geschichte:

Ein Mann ist auf dem Weg nach Jericho. Unterwegs wird er überfallen und bleibt verletzt am Boden liegen. Erst einmal hilft ihm keiner. Einige Leute gehen einfach vorbei. Doch dann packt einer an, von dem es niemand erwartet hätte. Ein Mann aus Samarien. Ein Fremder. Einer, der zu einer Volksgruppe gehört, die von anderen misstrauisch beäugt wird. Ausgerechnet der verbindet die Wunden und bringt den Verletzten an einen sicheren Ort. Dort sorgen andere für ihn solange es nötig ist.

Zwei Aspekte finde ich genial:
Zum einen hilft Jesus wie ein guter Pädagoge, dass ich das mit der Nächstenliebe auch schaffe. Dass mir die Aufgabe nicht zu groß ist. Deshalb macht in seiner Geschichte der Samariter auch nicht alles allein. Er versorgt den Verletzten, aber er verliert sich in der Aufgabe nicht. Nachdem er das, was er tun konnte, getan hat, gibt er die Verantwortung ab. Er bringt den Verwundeten in ein Gasthaus und gibt dem Wirt Geld für die Pflege. Dann zieht er weiter.

Und zum anderen listet Jesus als Menschenkenner nicht einfach nur auf, wer meine Nächsten sind, denen ich helfen soll. Sondern Jesus stellt einen Menschen ins Zentrum, mit dem ich mitfühlen und in den ich mich hineinversetzen kann. Und während Jesus erzählt, spüre ich mit dem Überfallenen: ja, es ist gut, wenn es jemanden gibt, der für mich da ist, wenn ich in Not bin.

Lieben – das hat Jesus also niemals als Pflichtübung verstanden. Im Gegenteil. Jesus ermutigt mich, die Welt mit Gottes Augen zu sehen. Und Gottes Blick ist ein liebevoller Blick: auf mich und auf die Menschen um mich herum. Und deshalb bestimme nicht ich, wer der Nächste ist. Sondern wenn ich mich auf andere richtig einlasse, werde ich erkennen, wer mich gerade wirklich braucht, oder wer auch nicht. Wenn ich mit offenen Augen, Ohren und Herzen anderen begegne, wird sich zeigen, wo mein Zupacken gefragt ist und wo ich mich nicht aus Bequemlichkeit zurückziehen sollte. Aber auch, wo ich abgeben darf, weil ich alles getan habe, was nötig war.

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