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SWR1 3vor8

26JUN2022
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Wenn Menschen wegen ihres Glaubens radikal werden, gibt es immer Probleme. Zumal in einer offenen Gesellschaft, wie die deutsche eine sein will. Offen für Menschen aus unterschiedlichen Ländern, mit oft sehr verschiedenen Einstellungen und religiösen Überzeugungen. Da ist es unmöglich, die eigene Meinung für die einzig richtige zu halten. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich verständigen und Kompromisse finden. Das gilt selbstverständlich auch für religiöse Fragen.

Aber danach klingt ganz und gar nicht, was heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes[1]. Jesus sagt das zu einem jungen Mann, der sein Jünger werden will. Das bedeutet: Von nun an mit Jesus unterwegs zu sein und nach seinen Grundsätzen zu leben.  

Nun hat der Mann aber gerade einen Sterbefall in seiner Familie. Und den will er vorher noch regeln. Sein Vater ist tot und muss noch beerdigt werden. Doch Jesus konfrontiert ihn unmittelbar mit seinem strengsten Prinzip: Gott kommt vor allem anderen. Etwas für Gott zu tun, ist immer wichtiger als alles andere. Da gibt es keine Alternative. Entweder lässt du dich auf meinen Weg ein ohne Wenn und Aber, oder du lässt es besser. Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes![2] Jesus duldet keinen Zweifel: Wer mit ihm gehen will, muss sich sicher sein, was auf ihn zukommt und sich ganz und gar entscheiden. Was der Mann gemacht hat, nachdem Jesus ihn so vor den Kopf gestoßen hat, erfahren wir nicht. Womöglich war er so verschreckt, dass er weggegangen ist. Und sich gedacht hat: Mit so einem Radikalen will ich lieber nichts zu tun haben. Ich jedenfalls könnte das gut verstehen. Ich hätte meinen Vater natürlich zuerst beerdigt. Und alles andere als unmenschlich, unangemessen, unpassend empfunden. Ich glaube auch nicht, dass es Jesus tatsächlich darum ging, den potenziellen Jünger vom Begräbnis abzuhalten. Aber konfrontieren: das wollte er ihn bestimmt. Konfrontieren damit, dass die Entscheidung für Gott etwas ist, dass das Leben verändert. Radikal verändert. Mit jener Radikalisierung, wie wir sie von den Fanatikern des Glaubens kennen, hat das aber nichts zu tun. Jesus lässt den Mann ziehen. Er rührt nicht daran, dass dieser ganz und gar frei ist. Er verurteilt ihn nicht, er droht ihm nicht, er verflucht ihn nicht. Und das ist ein entscheidender Unterschied!

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[1] Lukas 9,62
[2] Lukas 9,60

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