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SWR1 3vor8

29MAI2022
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Wo geglaubt wird, da wird auch geschlagen. Und manchmal sogar totgeschlagen. Es ist furchtbar zu erkennen, dass Menschen wegen Gott Gewalt anwenden. Aber die Tatsachen sprechen eine unmissverständliche Sprache. Die Geschichte der Religionen durchzieht eine Spur des Blutes. Und das auch noch unter dem Vorwand, es ginge um die Wahrheit. Der eigene Glaube sei der einzig richtige, und das Falsche müsse schließlich bekämpft werden. 

Leider gilt das auch für das Christentum. Nur dass es hier besonders fatal ist. Denn Jesus von Nazareth war fest davon überzeugt: Sein Vater im Himmel steht für das Leben. Er will nicht, dass Menschen Gewalt anwenden. Stecke dein Schwert in die Scheide[1], sagt er zu Petrus, als der ihn verteidigt. Als eine Horde wildgewordener Männer in ihrem Glaubenseifer die Ehebrecherin steinigen will, entwaffnet er sie mit einem klugen Satz: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie[2]. Und weg war’n sie. 

So berichtet es das Neue Testament der Bibel. Aber es berichtet auch anderes. Heute wird in den katholischen Gottesdiensten vorgetragen, wie Stefanus gesteinigt wird. Er ist ein Christ der ersten Generation und bezahlt seinen standhaften Glauben mit dem Leben. Neidisch schauen die etablierten Vertreter des Judentums darauf, wie selbstbewusst der junge Stefanus den neuen Glauben vertritt. Je deutlicher er darüber spricht, wie er Gott versteht, desto wütender werden die anderen. Bis sich ihre Aggression entlädt und sie ihn töten. Interessant ist allerdings, wie Stefanus darauf reagiert. In der Apostelgeschichte heißt es dann wörtlich: Stefanus betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er[3]. Vorbildlich, wie der junge Mann an den Prinzipien festhält, die er von Jesus als wesentlich verstanden hat. Leider ist das nicht immer und überall so leicht umzusetzen. Hätte Stefanus Frau und Kinder beschützen müssen, wäre ihm seine Entscheidung zur Gewaltlosigkeit kaum so leicht gefallen. Was wenn der Gegner bis an die Zähne bewaffnet ist, und ein ganzes Land in die Knie zwingen will? Wer Jesus und seinen Weg für richtig hält, greift nicht so schnell zur Waffe. Er versucht erst alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen, die es gibt. Er kehrt wieder und wieder an den Verhandlungstisch zurück und versucht es mit zivilem Ungehorsam. Dass die Führer der russisch-orthodoxen Kirche in dieser Hinsicht total versagen, und einen Angriffskrieg absegnen, ist eine Schande. Denn es wäre ihre Pflicht, wie es die aller Christen ist: alles dafür zu tun, dass auf Gewalt verzichtet werden kann.

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[1] Matthäus 26,52

[2] Johannes 8,7

[3] Apostelgeschichte 7,59f.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35476