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SWR1 3vor8

24APR2022
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Darf man Waffen in die Ukraine liefern? Muss man es vielleicht sogar, wenn man gerecht handeln will - um die Ukrainer gegen den kriegerischen Überfall Russlands zu unterstützen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die Politiker bei uns. Ich zerbreche mir auch den Kopf darüber, diskutiere mit Freunden, welche Position ich dazu einnehmen soll. Und finde keine Lösung, mit der ich ganz und gar übereinstimmen könnte. Auch in der Bibel nicht.

Heute wird in der katholischen Kirche ein Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes gelesen. Das Buch wurde geschrieben, als die junge Kirche im römischen Reich verfolgt war und viele Christen wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Gewaltsam, mit Waffen. Der Autor der Offenbarung rät ihnen aber nicht zur Vergeltung. Er will anders Mut machen. Dazu schreibt er: Ich, Johannes, bin euer Bruder und Gefährte in der Bedrängnis, (…) und im standhaften Ausharren in Jesus. (…) Als ich ihn sah, sagte er: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe, ich lebe in alle Ewigkeit[1]. Das ist keine Lösung für die Frage, ob man sich als Christ mit Waffen zur Wehr setzen soll. Aber es kann ein Trost sein für den, der ohnmächtig ist. Der am Kreuz hängt, verzichtet auf jede Gewalt. Gott siegt durch Liebe über den Tod. Und das bedeutet eben auch etwas für die, die in dem sinnlosen Krieg in der Ukraine das Leben verlieren. Der Gott, an den ich glaube, kann nicht zulassen, dass ihr Tod umsonst ist. Auch die Menschen in der Ukraine leben von dieser Hoffnung. Aber kann ihnen das genügen? Wenn Bomben ihre Häuser zerstören und Wehrlose erschossen werden? Ich fürchte, das genügt nicht.

Ich bin ein Kind der Friedensbewegung aus den 80er Jahren. Waffen sind für mich ein Tabubruch. Ich weiß, dass Gewalt immer Gegengewalt provoziert und so ein Teufelskreis entsteht, bei dem es am Ende nur Verlierer gibt. Jesus hat deshalb diese Möglichkeit immer ausgeschlossen. Was aber ist mit den vielen Unschuldigen? Sie nicht mit allen Möglichkeiten zu unterstützen, ist ungerecht und herzlos, es macht sie ein weiteres Mal zu Opfern. Das weiß ich als Christ auch, und tue mich trotzdem schwer mit Waffenlieferungen. Waffen passen nicht zur Botschaft des Evangeliums. Aber zuzuschauen, wie ein ganzes Land unterdrückt und kaputt gemacht wird. Auch nicht. So bleibt mir für den Moment nur, dieses Dilemma auszuhalten. Und: Der Blick aufs Kreuz.

[1] Offenbarung 1,9.17f.

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