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SWR1 3vor8

20MRZ2022
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Letzte Woche hatte ich einen kleinen Moment, an dem ich aufatmen konnte, als würde ein Druck von meinem Brustkorb weichen. Einmal tief Luft holen - trotz der Flut schrecklicher Nachrichten von Krieg und Zerstörung. Vor mir, auf dem Schreibtisch, lagen Worte aus einem alten biblischen Gebet, aus Psalm 34. Er gehört nach alter kirchlicher Tradition zum heutigen Sonntag. Und da heißt es:

„Die Augen Gottes schauen freundlich, wenn sein Blick auf die Gerechten fällt. Seine Ohren sind offen für ihre Hilfeschreie.“ (Ps 34,16 Basisbibel)

Gottes Augen sehen hin, und er hört, wenn jemand um Hilfe schreit. Das zu lesen war für mich ein Moment der Hoffnung. Zu lesen, dass die Opfer dieses sinnlosen Krieges nicht anonym bleiben, und ihr Schicksal nicht unbemerkt.

Natürlich haben mich die Zweifel dann sofort wieder eingeholt: Warum hilft Gott nicht? Warum hört die Gewalt nicht endlich auf? Trotzdem hat mich dieser Moment des Aufatmens - dieser Hoffnungsschimmer - nicht ganz verlassen. Es bleibt die Hoffnung, dass Gott das Schicksal jedes einzelnen Menschen nicht egal ist. Dass da eine übergeordnete Macht ist, die hinsieht und hinhört und nicht zulässt, dass die Opfer anonym bleiben, und ungesehen im Nichts verschwinden.

Ich bin froh, dass mich dieser kleine Hoffnungsschimmer erreicht hat - wie ich dasaß an meinem Schreibtisch, mit eingeschnürtem Atem und den Kopf in Papiere gesteckt. Der Moment des Aufatmens hat mich nämlich selbst wieder aufsehen lassen. Es ist ja nicht so einfach immer hinzusehen, wenn von der Not und den Katastrophen dieser Welt berichtet wird. Es braucht Hoffnung um die eigenen Hilfsversuche nicht aufzugeben - selbst, wenn die Lage aussichtslos scheint: In der Ukraine, aber auch in der Pandemie. Gegen den Menschenhandel in Mexiko, Mittel- und Südamerika oder die Not in Afghanistan, die gerade völlig in Vergessenheit zu geraten droht.

Wer kann da schon immer hinsehen? Die eigene Hilflosigkeit aushalten? Mir gelingt es gerade nur, weil mich dieser kleine Hoffnungsschimmer erreicht hat, dass Gott hinsieht. Dass da eine Macht ist, die die Welt trägt und die das Gute will. Kein Schicksal bleibt ungesehen und kein Leiden anonym. Selbst dann nicht, wenn wir Menschen nicht mehr hinsehen.

Eine Hoffnung, die zum heutigen Sonntag gehört, dem Sonntag „Okuli“ - Gottes Augen sehen hin. und im Psalm heißt es weiter:

Der HERR ist ganz nahe bei den Menschen, die im Herzen verzweifelt sind. Er hilft denen, die ihren Lebensmut verloren. (Ps 34,19 Basisbibel)

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