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SWR1 3vor8

27FEB2022
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„Der hat ein Brett vor dem Kopf.“ Das sagen wir zu einem, der nicht versteht, was offensichtlich für andere ganz klar ist. Übernommen wurde die Redewendung aus der Landwirtschaft. Früher hat man Ochsen so ein Brett vor die Augen gehängt, um sie zu beruhigen, wenn sie gescheut haben. Für uns ist es ein Sprichwort, das jeder kennt.

So weit hat es eine Redewendung von Jesus nicht gebracht. Obwohl ich finde, dass sie es verdient hätte. Ich meine das Bild vom Splitter und vom Balken. Heute wird die Bibelstelle im katholischen Gottesdienst gelesen. Wörtlich steht dort: Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?[1] Das ist drastisch, damit jeder versteht, was gemeint ist. Zeig nicht mit dem Finger auf andere! Fang bei dir selber an! Da gibt es genug zu ändern. Ja, bevor du nicht deine Verhältnisse geklärt hast, brauchst du anderen keine klugen Ratschläge zu geben.

In „meiner“ Kirche merke ich augenblicklich sehr, wohin es führt, wenn man das über Jahrhunderte mit größter Selbstverständlichkeit getan hat. Als arrogant hat mein Vater die Kirche deshalb oft charakterisiert und mich davor gewarnt, selbst so zu werden. Anderen vorzuschreiben, was sie zu tun haben, und sich selbst nicht dran zu halten. Aber natürlich ist das keine Eigenschaft der Kirche an und für sich, sondern es sind immer konkrete Menschen, die so sind: selbstgerecht und verblendet. Auch der Krieg in der Ukraine ist so entstanden. Weil einer nur sich selbst/die eigenen Interessen sieht, und dabei sogar bereit ist, über Leichen zu gehen. Es ist stets der gleiche Mechanismus: Da gibt es eine Schwachstelle. Eine Kleinigkeit kann das sein, eben ein Splitter. Die wird ausgenutzt. So komme ich schon nicht selbst ins Visier derer, die nach meinen Splittern suchen. Nach den Schwächen und Sünden, die ich, so gut es geht, zu verbergen suche.

Jesus sagt: So nicht mit mir! So bitte überhaupt nicht! Jeder macht Fehler, jeder hat seine Geheimnisse, die er nicht an die große Glocke gehängt haben will. Jeder hat Splitter, die ihm wehtun, wenn er sie bei sich - im eigenen Auge - spürt. Jede und jeder. Es ist gut, wenn wir die spüren und sie herausziehen. Dazu brauchen wir aber keinen, der mit dem Finger auf uns zeigt und uns deswegen geringschätzt. Wer das tut, lebt auf Kosten anderer. Und weil das leider oft genug geschieht, wäre der Vergleich Jesu es wert, ein Sprichwort zu werden.

 

[1] Lukas 6,41

https://www.kirche-im-swr.de/?m=34943