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SWR1 3vor8

30JAN2022
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In Mainz, wo ich arbeite, steht er überlebensgroß auf seinem Sockel: Johannes Gutenberg. Noch viele andere Orte schmücken sich mit einem Menschen, der berühmt geworden ist. Einem großen Sohn, einer großen Tochter dieser Stadt, wie es so schön heißt. Manche von ihnen waren schon zu Lebzeiten Berühmtheiten. Bei anderen wurde erst viel später für alle deutlich, wie herausragend dieser Mensch tatsächlich war.

Zu den Personen, die man zu ihren Lebzeiten verkannt hat, gehört vermutlich auch Jesus aus Nazareth im heutigen Israel. Doch anders als die biblischen Erzählungen es nahelegen, dürfte seine Bewegung zu Lebzeiten kaum größeres Aufsehen erregt haben. Ein umherziehender Wanderprediger. Von denen gab es etliche damals. Meistens mit einer Handvoll Anhänger, die ihnen folgten. Dass man sich von Jesus aber auch Wundertaten erzählte, hat ihn für die Leute vielleicht besonders interessant gemacht. Und diese Geschichten hatten sich wohl auch bis in seinen Heimatort Nazareth herumgesprochen.

Vielsagend ist darum eine kleine Episode, von der die Bibel erzählt. Wie Jesus in Nazareth den Synagogengottesdienst besucht und den Besuchern dort auch predigt. Wie die Leute zuerst erstaunt und angetan sind vom Sohn des Zimmermanns. Schließlich kennen sie ihn ja schon seit seinen Kindertagen. Wie dann die Stimmung aber ganz schnell kippt. Weil dieser Jesus ihnen nämlich an den Kopf wirft, dass sie sich insgeheim ja nur ein kleines, unterhaltsames Wunder von ihm erhoffen. Und dass es genau darum keines geben kann. Die Leute jedenfalls sind stinksauer, so sehr, dass sie ihm sogar an die Gurgel wollen.

Hinter der Geschichte steckt aber eine ernste Frage, die bis heute gilt. Kann man an Gott glauben ohne einen handfesten Beweis, dass es ihn gibt? Ohne irgendwelche übersinnlichen Ereignisse, ohne vermeintliche Wunder? Gestützt nur auf die Worte und Erfahrungen der Menschen, die mir von ihrem Glauben erzählen? Die Haltung, die Jesus damals in Nazareth einnimmt, scheint eindeutig: Ja, nur dann ist es wirklicher Glaube. Und vermeintliche Wunder, die werden sich bestenfalls aus diesem Glauben heraus ereignen. Aber niemals umgekehrt. Und erst ein solcher Glaube, der kann dann auch Berge versetzen, wie es an anderer Stelle in der Bibel heißt. Nicht wörtlich natürlich, aber durchaus im Leben von Menschen, die das Glück haben, glauben zu können.

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