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SWR1 3vor8

23JAN2022
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Ferndiagnosen hatten in der Medizin bis vor kurzem keinen besonders guten Ruf. Dass ein Arzt sich am Telefon oder via Bildschirm ein Urteil über ein Krankheitsbild macht, Medikamente verordnet und Prognosen wagt, das wurde von den meisten Patienten eher misstrauisch beäugt. Da konnte die Telemedizin noch so sehr für ihre „Sprechstunden ohne Wartezimmer“ werben. In der Pandemie hat sich das auf einmal total geändert. Plötzlich erweist sich so eine Visite ohne Infektionsgefahr in vielen Fällen als ein wahrer Segen.

Von einer solchen Visite erzählt auch eine Geschichte aus dem Matthäusevangelium, die heute in vielen evangelischen Gottesdiensten Grundlage der Predigt ist. Ein römischer Hauptmann sucht Jesus auf. Sein Sohn ist schwer krank. Und als Vater hat er schon alles Menschenmögliche versucht, um ihm zu helfen. Ärzte und Heiler hat er ans Krankenbett gerufen. Als königlicher Beamter am Hof des Herodes hat er dazu mehr Möglichkeiten als andere. Und mehr Geld. Er hat seine Beziehungen spielen lassen. Er hat Bittbriefe geschrieben. Aber alles war umsonst; nichts hat geholfen.  

In seinem Gefolge sehe ich in Gedanken ganz viele Mütter und Väter in vergleichbaren Situationen. Sie haben nächtelang im Internet recherchiert auf der Suche nach neuen Therapiemöglichkeiten im In- und Ausland. Die Schulmediziner sind da gewesen und alle möglichen anderen mit alternativen Methoden. Aber bisher war alles umsonst; nichts hat geholfen.

Der römische Hauptmann wendet sich nun an Jesus. Er sagt: Mein Sohn liegt krank zuhause. Er hat furchtbare Schmerzen. Und Jesus antwortet: Und jetzt möchtest du, dass ich komme und ihn gesund mache? Die Reaktion dieses Hauptmanns verblüfft mich. Er sagt nämlich:  Ein Wort, Dein Wort würde mir schon genügen! Eine Ferndiagnose reicht ihm. Und Jesus staunt zurecht: Was für ein grenzenloses Vertrauen bringt dieser Mensch ihm entgegen! Und am Ende schenkt er dem Hauptmann nicht nur die gewünschte Ferndiagnose, sondern eine Heilung aus der Ferne: Geh, sagt er, dein Sohn wird gesund!

Dass wir in allen Einschränkungen, die uns die Pandemie abfordert, so ein Grundvertrauen nicht verlieren und nicht nachlassen, in allem den Segen suchen, das wünsche ich uns an diesem Sonntag!

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