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SWR1 3vor8

16JAN2022
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Der Jesuitenpater Alfred Delp hat einmal gesagt: „Die Welt ist Gottes so voll.“ Er wollte damit sagen, dass ich überall, wo ich hinschaue, Gott finden kann. Das klingt enorm zuversichtlich. Doch in meinem Kopf sind sofort jede Menge Einwände, weil ich es einfach anders erlebe.

Nun könnte man natürlich denken: ein Jesuitenpater ist vielleicht extrem in sich gekehrt oder sogar weltfremd. Aber so war es gar nicht. Im Gegenteil. Alfred Delp hat während des zweiten Weltkrieges gelebt und wurde als Widerstandskämpfer ermordet. Und doch schreibt er im Gefängnis, kurz vor seinem Tod – und das finde ich sehr bemerkenswert: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren quillt er gleichsam uns entgegen. Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen.“

Ich verstehe Alfred Delp so, dass es ihm darum geht, nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern den Dingen auf den Grund zu gehen. Erlebnisse nicht einfach nur aneinanderzureihen, sondern sie mit allen Sinnen zu erleben – nachspüren und bedenken, fühlen und schmecken. Dann kann etwas von Gott durchscheinen. In den schönen Momenten und auch in den schweren.

In den biblischen Texten, die seit Weihnachten in katholischen Gottesdiensten gelesen werden, geht es auch immer wieder darum, dass Gott in unserer Welt durchscheint. Zum Beispiel am 6. Januar. Da standen die Weisen aus dem Morgenland im Mittelpunkt. Sie haben in einer besonderen Konstellation der Sterne erkannt: Gott ist da. In unserer Welt. Es lohnt sich, nach ihm zu suchen. Oder am vergangenen Sonntag, als davon zu hören war, wie Jesus im Jordan getauft wird und sich der Himmel öffnet. Da scheint Gott durch, als Jesus tief im Herzen klar wird: ich bin von Gott geliebt. Und auch im heutigen Evangelium. Jesus ist bei einer Hochzeit in Kana eingeladen und verwandelt Wasser zu Wein.

Bei all diesen Texten bricht Gott in die Welt herein. Das ist meist nur ein kurzer Moment. Nichts, was wissenschaftlich erklärbar wäre. So wie bei der Hochzeit zu Kana. Da geht es nicht um irgendwelche Superkräfte, die Jesus hat, um aus Wasser Wein zu machen. Sondern darum, dass das Alltägliche, das Wasser, zum Wein, also zum Fest wird. Dass die Menschen, die mit Jesus zusammen feiern, merken: mit Gott kann es ein erfülltes Leben werden.

„Die Welt ist Gottes so voll“. Das glaube ich auch. Selbst wenn Vieles noch im Argen liegt – Gott scheint durch. In den biblischen Erzählungen der letzten Wochen und in meinem Leben: im Lichtglanz eines Sternes oder wenn mir auf einmal etwas ganz klar wird. Oder bei einem Fest, wenn ich einfach nur genießen kann.

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