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SWR1 3vor8

21NOV2021
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Zurzeit träume ich viel. Manchmal setzen sich die Katastrophenbilder aus den Nachrichten oder Szenen aus einem Fernseh-Krimi in meinen Träumen fort. Mit mir in der Hauptrolle! Dann bin ich froh, wenn ich aufwache, und die Schrecken wieder abschütteln kann. Ganz anders bei schönen Träumen. Im Schwebezustand zwischen Traum und Tag denke ich: Noch nicht aufwachen! Weiterträumen! Es ist gerade so schön! 

Der Prophet Jesaja hatte auch Träume. Seine schönsten sind in der Bibel aufgeschrieben, und einer davon wird heute, am Ewigkeitssonntag in vielen evangelischen Gottesdiensten vorgelesen. Jesaja träumt von einem neuen Himmel und einer neuen Erde. Wie durch einen vorsichtig geöffneten Türspalt lässt er uns einen Blick in Gottes Ewigkeit werfen. Ich lausche seinen Worten und sehe die Welt vor mir wie in einem wunderschönen Traum: Auf den ersten Blick hat sich kaum etwas verändert: Heimatliche Landschaft. Dieselben Hügel und Häuser, dieselben Straßen und Wege. Aber etwas ist anders. Es dauert einen Augenblick, bis ich begreife: Ein unbeschreiblicher Friede liegt über allem. Und er breitet sich bis tief in mein Innerstes aus. Ich sehe: Die Menschen wohnen in ihren Häusern und gehen ihrer Arbeit nach wie jeden Tag, aber jegliche Hetze ist aus ihren Gesichtern und ihren Bewegungen verschwunden. Es ist, als stehe die Zeit still. Kinder spielen und toben auf den Plätzen, von keiner Gefahr bedroht, meine Katze küsst ganz zärtlich einen Buntspecht. Kein Gekreisch, kein Gezeter, kein Gemecker. Dann entdecke ich: Alle Zäune sind weg, von den Gärten und an den Grenzen. Jeder Mensch kann gehen, wohin er will, niemand hält einen auf. Aber es will auch gar niemand mehr weg aus dem Land, in dem er geboren wurde, denn überall herrscht Frieden. Kein Krieg, kein Elend, keine Not weit und breit. Das Land wird bebaut und bringt Früchte. Alle haben genug.

Leider nur ein Traum - ein uralter Menschheitstraum. Ich weiß, dass ich aufwachen und der Realität ins Auge sehen muss. Aber Jesajas Traum öffnet wirklich einen kleinen Spalt breit die Tür zu einer neuen Welt. Hier ist Gottes Plan für einen neuen Himmel und eine neue Erde, und dahin sind wir unterwegs. Einen Spalt weit steht die Tür schon offen, und eines Tages, am Ende meines Lebens, werde ich ganz hindurchgehen und dieses Land der Ewigkeit betreten. Bis es so weit ist, geben die Bilder mir Kraft, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren.

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