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SWR1 3vor8

05SEP2021
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In vielen evangelischen Gottesdiensten ging es vor kurzem um zwei Brüder: Kain und Abel. In der Bibel wird erzählt, dass die beiden zu den ersten Menschen der Welt gehören. Und Kain begeht den ersten Mord der Welt: Er erschlägt seinen eigenen Bruder, Abel, weil er neidisch auf ihn ist. Abel war erfolgreicher im Leben und im Beruf. Und das konnte Kain nicht ertragen. Aber gleich ein Mord? Ein derartiger Gewaltausbruch - nur weil er neidisch gewesen ist?

Ich höre diese uralte Erzählung aus der Bibel und habe Kain vor Augen: Ob er geahnt hat, dass so viel Gewalt in ihm steckt? Vielleicht ist sich Kain in diesem Moment selbst völlig fremd geworden. Ein Schauer läuft mir über den Rücken denn mir wird klar: Es geht hier gar nicht um die Ursache für den Mord. Es geht nicht um zwei bestimmte Brüder und ihr persönliches Schicksal. Es geht um uns Menschen. Darum, zu was Menschen fähig sind. Wir können einander Schaden zufügen. Bis hin zu Mord - wir können uns selbst völlig fremd werden.

Kain und Abel begegnen mir nicht nur in der Bibel. Sie begegnen mir, wenn ich höre, dass Eltern ihr Kind geschlagen haben. Das ist nicht zu entschuldigen! Aber ob diese Eltern jemals geahnt hätten, dass sie dazu fähig sind? Kain und Abel begegnen mir auch in den Bildern aus Afghanistan, wenn ich den Fernseher einschalte: Ich sehe fanatische Kämpfer. Ihre Verbrechen sind nicht zu entschuldigen. Aber ob sie selbst geahnt haben, dass es so weit kommen würde? Oder sind auch sie sich fremd geworden? Eine eindeutige Antwort darauf scheint es nicht zu geben.

Wie gesagt: Mir läuft ein Schauer über den Rücken denn ich fürchte: Kain und Abel begegnen mir auch, wenn ich in den Spiegel blicke. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass ich jemals einem anderen Menschen etwas antun würde. Aber konnte Kain sich das vorstellen? Konnten sich die Eltern das vorstellen, bevor sie ihr Kind geschlagen haben? Oder die Kämpfer in den Kriegsgebieten dieser Welt, bevor sie das erste Mal auf Menschen geschossen haben?

Die Verbrechen von Gewalttätern sind nicht zu entschuldigen. Und trotzdem bin ich mit meinem Urteil vorsichtiger geworden. Ich kenne mich selbst als friedliebenden Menschen - und dafür bin ich dankbar. Aber wer weiß, was alles in mir lauert, und was mir selbst völlig fremd ist. Ich bin sehr dankbar dafür, denn Kain und Abel erzählen davon, dass wir uns nie sicher sein können.

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