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SWR1 3vor8

22AUG2021
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Ich habe zwei Jahre in der Slowakei gelebt. Slowakisch habe ich dabei nicht flüssig sprechen gelernt, aber um durch den Alltag zu kommen, hat es gereicht. Heute bedaure ich das, gleichzeitig ist es mir damals aber gut gegangen in meinem Nichtverstehen. Ich fuhr Bus und Bahn eingehüllt in Gespräche, die ich nicht verstand. Dabei habe ich mich durchaus verbunden gefühlt mit den Menschen um mich herum.

Ich muss nicht alles verstehen und tue es zuhause ja auch nicht. Auch hier sprechen wir in verschiedenen Sprachen, verwenden verschiedene Gesten und lachen aus verschiedenen Gründen.

Aber das gute Gefühl in mir schwindet, anderen Menschen nahe und füreinander erreichbar zu sein. Es verstört mich, wie ungehemmt Leute verunglimpft werden. Menschen verstummen, weil es keinen Zweck zu haben scheint, miteinander zu reden. Erreichen wir einander noch?

Heute wird in den evangelischen Kirchen eine Wundergeschichte aus der Bibel erzählt (Mk 7, 31-37), die mich da hoffnungsvoll stimmt.

Menschen bringen einen Mann zu Jesus, der taub ist. Er hört nicht, rufen sie. Er spricht so undeutlich, dass wir ihn nicht verstehen! Hilf ihm. Jesus nimmt den Mann beiseite. Schon diese vertrauliche Geste berührt mich. Jesus wendet sich seinem Patienten zu. Er behandelt ihn in kleinen Schritten ohne Worte. Er legt ihm erst die Finger in die Ohren und berührt dann die Zunge. Dann atmet Jesus mit einem tiefen Seufzer den ganzen Kummer des gehörlosen Mannes aus, der mit niemandem sprechen kann. Und dann sagt Jesus in seiner Muttersprache Effata!, „Tu dich auf!“

Und das Wunder geschieht: Der Mann kann hören, was andere sagen und sich selbst verständlich mitteilen. Zum ersten Mal hören seine Leute ihn deutlich sprechen, und auch ihnen gehen die Ohren darüber auf.

Der Mann hat Vertrauen gefasst und Nähe und Berührung zugelassen. Das möchte ich mir auch vornehmen, spürbare Nähe zuzulassen, nicht immer, aber manchmal, damit Berührung möglich ist. Und tief durchatmen, seufzen. Ich möchte weniger Worte machen, bis sich das eine zauberhafte einstellt, das Verstehen eröffnet.

Ich war zwei Jahre in der Slowakei, habe viel gesehen und manches gedeutet. Verstanden habe ich erst spät. Dafür musste ich näherkommen, berührt und ins Vertrauen gezogen werden. Und das Wunder hat sich eingestellt: Obwohl wir so verschieden leben, verstehen wir uns dennoch wunderbar.

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