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SWR1 3vor8

04JUL2021
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14. Sonntag im Jahreskreis B (2 Korinther 12,7-10)

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark [1]. Nein, dieser Satz ist nicht von mir. Er stammt vom Apostel Paulus und steht in seinem zweiten Brief, den er nach Korinth geschrieben hat. Heute ist er in den Gottesdiensten der katholischen Kirche zu hören.

Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Das kann doch nur einer sagen, der keine Ahnung davon hat, wie es auf der Welt zugeht. Stark zu sein, wird überall verlangt. Schwächliche Jungs werden in der Schule gehänselt. Da sind die Rollenmuster eindeutiger denn je festgelegt. Wer als Frau nicht stark auftritt, hat kaum Chancen auf eine Führungsposition. Auch in der Kirche ist es so: Wer Macht hat, bestimmt. Die anderen dürfen ein bisschen mitreden.

In der Kirche fällt der Kontrast zum Satz des Apostels besonders krass aus. Denn Paulus hat diesen Gedanken aus guten Gründen seiner jungen Kirchen-Gemeinde in Korinth ins Stammbuch geschrieben: Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark. Das passt zu ihm als Person, als Mensch. Paulus ist keine bewundernswerte Erscheinung. Er weiß das selbst. Man braucht zumindest einen zweiten Blick, bis man ihn überhaupt ernst nimmt. Aber in dieser äußerlichen Schwäche zeigt sich ein reger Geist. Und dazu einer, der selbstbewusst ist und willensstark. Was Paulus zu sagen hat, übt auf andere eine bezwingende Faszination aus. Das spürt er. Und dass Gott ihn genau so braucht. So widersprüchlich. Deshalb notiert Paulus in seinem Brief, was Gott ihn wissen lässt: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet [2]. Sein Handicap macht ihn für das, was er zu verkünden hat, für das Evangelium, umso geeigneter.

Dass der Schwache in Wahrheit der Starke ist, das hat Jesus richtiggehend durchexerziert. Das war sein Credo: Die Letzten werden die Ersten sein [3]. Wer der Erste sein will, soll der Diener von allen sein [4]. Wer ständig meint, stark sein zu müssen, wird für andere ungenießbar. Diese Einstellung durchzieht das, was uns von Jesus überliefert ist wie ein roter Faden. Es sind stets die Armen, die Geschwächten, eben die, die nach üblichem Menschenmaß an den Rand gedrängt werden, die bei Jesus ganz vorne stehen.

Für mich steckt im Gedanken des Paulus der entscheidende Maßstab, wenn es um die Zukunft des Christentums geht. Schwach zu sein, ist menschlich. Der Schwache ist dem Himmel näher, weil er nicht zuerst auf sich selbst baut. Wer sich als Christ versteht, wird das beherzigen. Auch die Kirche wird dort glaubwürdig sein, wo sie sich daran hält; und eben nicht zerfressen ist von Machtansprüchen, wie sie sonst überall vorkommen. Jesus macht mir Mut, zu meinen Schwächen zu stehen. Sie sind Gottes Tür in unsere Welt.

 

[1] 2. Korintherbrief 12,10

[2] 2. Korintherbrief 12,9

[3] Matthäus 20,16

[4] Markus 9,35

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33442