Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

20JUN2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Der schlafende Jesus. Davon handelt eine meiner Lieblingsgeschichten im Neuen Testament der Bibel. Nachzulesen im Markus-Evangelium und heute in den Katholischen Kirchen zu hören. Es ist Nacht. Jesus fährt mit seinen Jüngern über den See Genezareth. Er legt sich ins Heck des Bootes um zu schlafen. Und selbst ein heftiger Wirbelsturm, mit Wellen, die ins Boot schlagen, weckt ihn nicht auf. Erst als die Jünger sich panisch an ihn wenden, steht er auf und befiehlt dem Wind und dem See zu schweigen. Und es tritt völlige Stille ein. Dabei belässt es Jesus aber nicht. Er tadelt die Jünger, nennt sie sogar feige, weil sie nicht auf Gott vertrauen.
Ich mag diese Wundergeschichte. Zum einen, weil mir das Bild gefällt: Der schlafende Jesus inmitten eines Sturms. Welch göttliches In-Sich-Ruhen.
Zum anderen finde ich diese Geschichte gut, weil sie auch als Bild für den Zustand der katholischen Kirche in Deutschland gesehen werden kann. Sie ist schon länger in einem heftigen Sturm. Durch den Missbrauchsskandal, durch die hierarchische Dominanz ihrer Kleriker und nicht zuletzt durch ihre unselige Haltung gegenüber Frauen. Jesus ist zwar auch im Boot, aber auch hier greift er nicht direkt ein, er „schläft“! Und was macht die deutsche katholische Kirche? Sehe ich mal ab von den unzähligen tadellosen Priestern, die im wahrsten Sinn des Wortes Seel-Sorge betreiben. Und sehe ich auch ab von all den Frauen und Männern, die die katholische Kirche an der Basis am Leben halten, kann ich die Reaktion auf die institutionelle Krise der katholischen Kirche in Deutschland an zwei Männern festmachen: Kardinal Woelki und Kardinal Marx.
Beide haben sie sich in dieser Krise an den Papst gewandt. Wie die Jünger im Sturm an Jesus. Woelki, der sich an die Kirchenhierarchie klammert wie an die Planken eines Bootes und darauf hofft, dass der Papst den Sturm beenden möge. Marx hat sich offenbar in einer Mischung aus Verantwortungsbewusstsein und Resignation an den Papst gewandt. Und auch ihm überlassen, zu entscheiden, ob er aus dem hierarchischen Teil der Kirche aussteigen darf. Beide haben sich also verhalten wie die Jünger im Sturm. Statt im Vertrauen auf Gott das zu tun, worauf es ankommt, haben sie das dem Papst überlassen. Und worauf käme es bei den beiden an? Bei Woelki: Fehler einzugestehen, umzukehren und Macht loszulassen. Ganz im Sinne Jesu. Und bei Marx: Seine Position in der Kirche zu nutzen um sie im Sinne Jesu umzubauen. Das kann er ja jetzt tun, wo der Papst doch seinen Rücktritt abgelehnt hat.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33362