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SWR1 3vor8

06JUN2021
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Ein Mann und eine Frau unter einem Baum. Daneben eine Schlange und ein Apfel. Dieses Bild von Adam und Eva kennt fast jeder. Ganz am Anfang der Bibel wird davon erzählt, dass Menschen sich schämen, weil sie einen Fehler gemacht haben. Heute ist die Erzählung in den katholischen Gottesdiensten zu hören.

Das Gefühl sich zu schämen kennen Menschen schon seit es sie gibt, und Gründe sich zu schämen gibt es viele. Manchmal reichen Kleinigkeiten, die mich rot werden lassen. Zum Beispiel wenn ich bei einem Besuch tollpatschig mein Glas Wein umstoße.
Aber es gibt auch noch die anderen Momente von Scham. Die großen, die ich am liebsten verdränge, und die andere erst recht nicht von mir wissen sollen. Fehler, die ich auch noch nach langer Zeit bereue. Eigenschaften an mir, die mir unangenehm sind, und die ich selbst nicht leiden kann. Wenn die mal wieder auftauchen, dann möchte ich anschließend am liebsten im Boden versinken oder mich verstecken. So wie Adam und Eva.
Und auch wenn es widersprüchlich klingt: Momente, in denen ich mich schäme und mich zurückziehe, sind gleichzeitig die Momente, in denen es mir gut tut, wenn mich jemand in den Arm nimmt. Oder wenn mir jemand sagt: „Es gibt Schlimmeres.“ oder „Das kenne ich. Geht mir manchmal genauso.“

In der biblischen Erzählung ist es Gott, der Adam und Eva mit ihrer Scham nicht im Versteck sitzen lässt. Gott sucht die beiden. Er fragt, wie es in der Bibel heißt: „Mensch, wo bist du?“ (Gen 3, 9). Dieser Satz könnte bedeuten: Warum versteckst du dich und schämst dich vor mir? Ich vermisse dich doch. Zieh dich nicht zurück. Und auch wenn du Fehler machst oder dir selbst zu viel zumutest und scheiterst, vergiss nicht: Du gehörst zu mir.

Ein Gott, der so nach mir fragt, gibt mir die Chance, aus meinem Versteck herauszukommen und mich zu zeigen, so wie ich bin. Und er hilft mir dabei zu akzeptieren, dass es menschlich ist, Fehler zu machen, nicht perfekt zu sein. Das heißt nicht, dass ich nicht an meinen Fehlern arbeiten kann, oder dass ich manches Mal wieder etwas ausbügeln muss. Aber wenn ich glaube, dass Gott mich und auch alle anderen Menschen wertvoll findet und auf das Gute in uns schaut, dann ist das ein Fundament, von dem aus ich auf meine Scham schauen kann.

Adam und Eva müssen in der biblischen Erzählung das Paradies verlassen. Aber nicht schutzlos. Gott macht ihnen Kleider und hilft ihnen so mit ihrer Scham zu leben. Denn die Kleider, die Gott uns anzieht, sind aus Liebe und aus Achtung zu uns Menschen gemacht. Damit wir uns, unabhängig von dem, was wir an Gutem oder Bösem tun, daran erinnern, dass wir wertvoll sind, weil Gott uns gemacht hat.

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