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SWR1 3vor8

24MAI2021
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Auch wenn heute Feiertag ist, möchte ich Sie gerne nach Ihrer Arbeit fragen. Sind Sie vielleicht in einem größeren Betrieb oder einer sozialen Einrichtung? Und gibt es da so etwas wie ein Leitbild oder eine Firmenphilosophie?

Vor kurzem habe ich in so ein Firmenleitbild hinein gesehen: Da ist vom Motto des Unternehmens die Rede, von einer gemeinsamen Vision aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die Zukunft. Und nicht zuletzt ist die Rede von den gemeinsamen Werten und Verhaltensweisen, die alle miteinander teilen.

Motto, Zukunftsvision, gemeinsame Werte - das klingt für mich nicht mehr nach einer bloßen Anstellung als Schreinerin oder Pflegekraft. Es klingt nach Gemeinschaft. Hier sind nicht einfach Arbeitskraft und Können gefragt - egal was am Ende dabei herauskommt. Hier ist der Mensch gefragt - und was er für ein gemeinsames Ziel tun kann.

Motto, Zukunftsvision, gemeinsame Werte - das sind die Zutaten für jede funktionierende Gemeinschaft - nicht nur in einer Firma. Was wäre z.B. unser Staat ohne einen gemeinsamen Blick auf die Zukunft? Und was wäre eine Glaubensgemeinschaft wie die Kirche ohne ein Motto, ohne den gemeinsamen Geist, in dem wir miteinander das Leben anpacken?

Davon spricht der Apostel Paulus, wenn er in seinem Brief an die Bewohner der Stadt Korinth schreibt: „Es sind verschiedene Gaben, aber es ist ein Geist.“ - Man könnte auch sagen: Die Gemeindeglieder haben die verschiedensten Fähigkeiten und Begabungen, aber es ist der Geist Gottes, der die Richtung vorgibt. Für Paulus ist der Geist Gottes fast so etwas wie der Leitfaden, eine Art „Firmenmotto“ der Christengemeinschaft. In diesem Geist halten die Menschen zusammen und bringen das ein, was sie gut können. Und sie verlieren nicht das gemeinsame Ziel aus den Augen.

Ich vermute, in diesem Sinne hätte Paulus auch folgende kleine Legende aus dem Mittelalter gefallen:

Beim Bau des Münsters in Freiburg wurden drei Steinmetze nachihrer Arbeit gefragt. Der erste antwortete: „Ich behaue Steine.“ Der zweite antwortete: „Ich verdiene Geld.“ Der dritte überlegte und sprach: „Ich baue am Dom.“

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23MAI2021
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Es gibt Momente im Leben, in denen etwas ganz Besonderes passiert. Seltene Momente, in denen sich Grenzen zwischen den Menschen aufheben. In denen sich Gruppen, ja ganze Menschenmengen miteinander verbunden fühlen, als wären sie eins. Und spüren, dass diese Verbundenheit weit über sie hinausreicht. Durch eine gemeinsame Aufgabe, ein Ideal oder die Vision einer besseren Welt.
Heute, an Pfingsten, ist von solch einer Erfahrung in den katholischen Kirchen zu hören. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie ganz unterschiedliche Menschen gemeinsam vom Geist Gottes ergriffen werden. Wie sie, die eigentlich verschiedene Sprachen sprechen, sich plötzlich verstehen, wie ihre Begeisterung wie Feuerzungen über ihnen zu stehen scheint. Das klingt für unsere heutige Ohren schon ziemlich verwunderlich. Aber diese Erfahrungen gab es schon immer und sie wird es auch immer wieder geben.
Vor kurzem habe ich die Memoiren von Barack Obama gelesen. An einer Stelle in seinem Buch beschreibt er so etwas wie eine moderne Form von Geisterfahrung. Die mich ahnen lässt, wie das vielleicht in noch viel größerer Intensität vor rund 2000 Jahren unter den ersten Christen gewesen sein mag. Obama beschreibt was sich bei einer seiner ersten großen Reden zwischen ihm und seinem Publikum abgespielt hat: „Irgendwann“ so schreibt er, „gelange ich an einen Punkt, an dem ich meinen Rhythmus finde. Das Publikum jubelt nicht, es wird eher still. Es ist …wie … wenn eine physische Verbindung entsteht, ein Strom der Emotion, der zwischen dir und dem Publikum hin- und hergeht, so als würden dein Leben und das der Anwesenden plötzlich zusammengefügt… und … einen Augenblick lang fühlst du die Menschen in deinem Inneren und kannst sie vollkommen sehen. Du hast einen gemeinschaftlichen Geist angezapft, etwas, das wir alle kennen und nach dem wir uns sehnen – ein Gefühl der Verbundenheit, das unsere Verschiedenheit überwindet und durch eine riesige Woge von Möglichkeiten ersetzt.“
Soweit Barack Obama. Eine „riesige Woge von Möglichkeiten“, die Menschen miteinander verbindet – welch begeisterndes Gefühl… In diesem Sinne ein schönes Pfingstfest Ihnen.

 

Quelle: Barack Obama „Ein verheißenes Land“, Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München, 2020. S. 85

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