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SWR1 3vor8

21FEB2021
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Der Satanund die Wüste. Ja, am Beginn der Fastenzeit geht es in den Gottesdiensten etwas deutlicher zur Sache gehen. Deshalb wird heute in der Katholischen Kirche die folgende Stelle aus dem Markusevangelium vorgelesen: Der Geist trieb Jesus in die Wüste. Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt[1]. Der Satansteht für das Böse. Für die Seiten des Menschen, die man besser unter Kontrolle hält. Weil sie anderen Schaden zufügen. Wer sich vom Bösen verführen lässt, respektiert die Grenzen nicht mehr, die sonst ein friedliches Zusammenleben garantieren. Die Wüstekann ein Ort sein, um sich zurückzuziehen, um in der Einsamkeit wieder zu sich zu finden. Wer aber vierzig Tage dort aushalten muss, wie Jesus, dem wird bald klar, was man dort nicht hat, sondern entbehren muss. In der Wüste ist Jesus mit allem konfrontiert, vor dem sich der Mensch sonst zu schützen versucht; auch mit den dunklen Seiten des eigenen Selbst.

Ich habe diese Stelle am Beginn des Markusevangeliums lange als erhobenen Zeigefinger verstanden: „Pass auf, dass Du ja nie in so eine Lage gerätst! Halt dich vom Bösen fern. Und geh bloß nie in die Wüste!“ Erst mit zunehmender Lebenserfahrung habe ich verstanden, dass da etwas Normales beschrieben wird. Der Mensch hat immer wieder mit dem Bösen zu tun. Vor den Wüstenzeiten im Leben bleibt er nicht verschont. Deshalb weicht Jesus dieser Konfrontation auch nicht aus. Seine Grenzen zu erfahren und besser zu kennen, ist menschlich. Und Jesus ist auch ein Mensch. Es geht also nicht darum, dem aus dem Weg zu gehen, sondern damit umzugehen. Und dafür eröffnet Markus am Beginn seines Evangeliums eine klare Perspektive: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium![2]. Das stellt die Versuchung Jesu in einen unmissverständlichen Zusammenhang: Die Konfrontation mit dem Bösen, den dunklen Seiten des Lebens, soll nicht dazu führen, dass ich mich von der Angst zerfressen lasse. Es geht nicht um Unterdrückung, sondern Befreiung! Um die Möglichkeiten, am Reich Gottes mitzuarbeiten, der neuen Welt, die mit Jesus angefangen hat.

Ich nehme mir am Beginn dieser Fastenzeit Folgendes vor: Darauf zu achten, wo Böses entsteht, sei’s durch mich oder andere. Gut zu prüfen, was ich denke, wie ich urteile. Die Wüstenzeit der momentanen Corona-Pandemie auszuhalten und mich nicht von ihr überwältigen zu lassen. Ich bin mehr. Ich habe die Möglichkeit, mich zu entscheiden. Das Reich der Liebe und Barmherzigkeit steht mir offen. Mir und jedem, der Teil davon sein will. 

 

[1]Markus 1,12f.

[2]Markus 1,15

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