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SWR1 3vor8

08NOV2020
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Trauern Christen anders? Das hab ich mich gefragt als ich in der Bibel das Folgende gelesen habe: Wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Diese Stelle aus dem ersten Brief des Paulus nach Thessaloniki wird heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen. Paulus verlangt also geradezu, dass es bei Christen anders zugeht, wenn sie mit dem Tod zu tun haben, als bei anderen Menschen. Wegen Jesus und seiner Auferstehung. Wer glaubt, dass Jesus auferstanden ist, bei dem wird das auch so sein. Fertig, aus, Amen.

Allerdings ist es eine Sache, das mit schlichter Logik so zu behaupten; und es ist eine andere, es wirklich zu glauben. Christen sind keine anderen Menschen. Sie haben auch Angst vor dem Tod. Sie leiden, wenn ein Freund stirbt. Sie verzweifeln schier, wenn es ein Kind ist, wenn der Tod sie ohne Vorwarnung trifft. Sie brauchen unter Umständen sehr lange, um aus ihrer Trauer wieder herauszufinden. Eben genauso wie es allen ergeht, die mit dem Tod konfrontiert sind. Auch Christen können den Tod nicht verhindern. Da sind wir alle gleich: Eines Tages wird es uns treffen. Nichts ist so sicher wie das.

Wenn da nicht das eine Wort wäre, das Paulus auch ausspricht: Hoffnung. Für mich hängt daran alles, was mich als Christ stärkt. Ich habe eine Hoffnung. Ja, das kann ich sagen. Das ist etwas anders, als vollmundig zu behaupten, ich hätte keine Angst vor dem Tod. Die habe ich nämlich manchmal durchaus. Wenn ich an meinen Vater denke, der inzwischen schon elf Jahre nicht mehr lebt, dann kann ich nicht behaupten, seinen Tod wirklich akzeptiert zu haben. Ich nehme es hin, ja. Aber ich begreife nicht, was da geschehen ist. Wenn ich als Pfarrer bei einem Begräbnis rede, merke ich, dass meine Worte manchmal brüchig sind, dass ich mir den Trost und die Zuversicht immer wieder abringen muss. Das einzige, was bleibt und mich positiv nach vorne blicken lässt, ist die Hoffnung. Die Hoffnung, dass unsere Welt und wir Menschen nicht ohne Grund da sind. Ich sehe das an der Klasse, die ich nun schon im vierten Jahr unterrichte. Wie toll sich die jungen Leute entwickelt haben und was für ein großes Potential in ihnen steckt. Diese jungen Frauen und Männer machen mir Hoffnung. Sie zeigen mir, dass mein Leben nicht belanglos und beliebig ist. Und: Dass es einen gibt, der an mir Interesse hat, auch wenn meine Jahre gezählt sind, auch nach dem Tod. Diese Hoffnung bleibt. Selbst wenn alles Übrige stirbt.

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