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SWR1 3vor8

11OKT2020
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Ein großes Fest. Das beschreibt der Prophet Jesaja in einem Text, der heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Direkt zu Beginn heißt es: „An jenem Tag wird der Herr der Heere … für alle Völker ein Festmahl geben“ (Jes 25,6).

In meinem Kopf sind gleich jede Menge Bilder. Ich stelle mir viele Menschen aus allen Ländern und Kulturen vor, wie sie da zusammensitzen und feiern. Da wird gelacht, erzählt und sich erinnert. Es wird Musik gemacht und getanzt. Und natürlich gibt es ein großes Festessen, bei dem jeder Lust hat, zuzugreifen und es sich richtig gut gehen zu lassen.

Als Kind hat mich dieses Bild vom Fest im Himmel total fasziniert. Ich konnte gar nicht mehr aufhören die Erwachsenen zu löchern: „Gibt es da wirklich immer mein Lieblingsessen? Und kann ich den ganzen Tag das tun, was mir Spaß macht?“
Aber schnell war mir auch klar: „Wie geht das, wenn meine Eltern gerne Rosenkohl essen – ich aber nicht? Oder meine Geschwister etwas anderes lieber tun als ich. Wie bekommt Gott das alles zusammen, so dass es für jeden passt und dass es gerecht ist?“

Mittlerweile haben sich meine kindlichen Vorstellungen verändert. Mein Glaube an das, was nach dem Tod sein wird, ist weniger konkret. Doch nach wie vor hoffe ich, dann bei Gott zu sein. Und dass ich dann rundum zufrieden bin. Ein bisschen so, wie wenn ich bei einem tollen Konzert ganz in der Musik aufgehe oder wenn ich mit lieben Menschen beisammensitze und wir die Zeit vergessen. Da ist das himmlische Gefühl schon heute da.

Geblieben ist auch meine Klarheit, dass das Miteinander entscheidend sein wird. Denn himmlisch wird es eben erst, wenn es gerecht zugeht. Wenn jede und jeder seinen Platz hat – und zwar nicht auf Kosten eines anderen!

Ich traue Gott zu, dass er das schafft. Auch wenn es auf der Erde oft nicht danach aussieht. So ungerecht sind die Ressourcen verteilt. So ungleich die Lebensbedingungen. Und auch so groß die Verletzungen, die Menschen einander zufügen – durch das, was sie sagen oder tun. Ich traue es Gott zu, weil ich glaube, dass im Himmel alle erfahren werden, dass sie genau das bekommen, was sie brauchen. Dass Gott wirklich jeden dabeihaben will. Jeder kann mitfeiern, aber dazu muss ich die Einladung natürlich annehmen und nicht nur mit halbem Herzen oder als Zuschauerin dabei sein.

Und wenn alle mit ganzem Herzen dabei sind, dann verändert das die Situation extrem. Nicht nur irgendwann im Himmel, sondern auch schon hier und jetzt. Wenn ich mich von Gott getragen weiß und mich nicht mehr um mich selbst kümmern muss, dann kann ich mich anderen zuwenden. Dann ist das Himmelreich heute schon ganz nahe. Und es ist kein Dinner nur für mich allein, sondern ein rauschendes Fest mit vielen Leuten.

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